Reiseberichte

Die illustrierten Berichte über unsere Ausflüge und Reisen dienen als Erinnerungsstütze für Mitreisende und für uns selbst.

Wir stellen uns jeweils die Frage, was an einem besuchten Ort charakteristisch ist, und beleuchten gerne die weniger bekannten Zusammenhänge. Einen Anspruch auf Vollständigkeit haben wir nicht. Die Berichte ersetzen also nicht die handelsüblichen Reiseführer.

Wenn Sie sich für ein Reiseziel besonders interessieren, dann sehen Sie sich auch die Ankündigung der betreffenden Reise an in der Rubrik Verpasste Gelegenheiten. Wir freuen uns über Kommentare und über jede Weiterverbreitung der Inhalte mit Angabe der Quelle.

Thun, 29.Juni 2024

Wir haben uns vorgenommen, im Sommer 2024 zwei Städte zu besuchen, die beide im Kanton Bern liegen und an einem See, der nach ihnen benannt ist, und zwar Thun am 29. Juni und Biel am 24. August. 

Wir treffen unsere Gruppe in der Bahnhofhalle, in der auf einem Wandgemälde die Arbeit in der Eisengiesserei Selve verewigt ist. Die 1895 gegründeten Metallwerke wurden 1993 geschlossen. Das umgenutzte Areal entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zum Ausgehviertel.

Thuner- und Bielersee sind natürliche Seen. Ihre Zuflüsse und Abflüsse wurden aber durch die Menschen verändert. Darüber sprechen wir beim Einlauf des 2009 fertiggestellten Entlastungsstollens, der nach den Überschwemmungen von 1999 und 2005 gebaut wurde. Wir erzählen dort, wie in den Jahren 1711 bis 1714 an der Einleitung der Kander in den Thunersee gearbeitet wurde.

Bei der Bahnhofbrücke stehen wir dann an der Äusseren Aare. Hier befand sich früher ein Graben als Teil der Stadtbefestigung. Weil nach 1714 mehr Wasser durch die Stadt Thun abfliessen musste, wurde aus dem Graben bald ein Fluss. Das mächtige Gebäude links neben der Brücke wurde in den frühen 1930-er Jahre der Sitz der über hundertjährigen Spar- und Leihkasse Thun, die 1991 unterging. Keine Gedenktafel erinnert an den Konkurs, der für die Thuner Gewerbler und Kleinsparer und für das schweizerische Bankenwesen ein einschneidendes Ereignis war.

Nach dem Überqueren der Brücke befinden wir uns im Bälliz, wo am Samstagvormittag Marktfahrer ihre Erzeugnisse verkaufen. Vor dem ehemaligen burgerlichen Waisenhaus, heute Restaurant, spielt eine Band. Wir gehen weiter zum Mühlenplatz, sehen uns die Skulptur von Schang Hutter an, gehen auf dem Fussgängersteg über die Schleuse zur ehemaligen Oele und weiter zum Freienhof, zum ältesten Gasthof der Stadt.

Bei der Sinnebrücke über die Innere Aare sehen wir uns um. Auf einem Dach der Häuserzeile neben der Inneren Aare hatte der Maler Marquard Wocher (1760-1830) seinen Standort, von dem aus er im Jahr 1808 die Skizzen anfertigte, mit denen er anschliessend das 287 Quadratmeter grosse Rundbild malte, das wir am Nachmittag ansehen.

Von der Brücke aus erblicken wir auch von weitem die beiden Hotelpaläste aus der Frühzeit des Tourismus: den 1875 eröffneten Thunerhof, heute städtisches Verwaltungsgebäude und Kunstmuseum, und das 1902 bis 1904 erbaute Beau Rivage.

Nach der Brücke biegen wir links in die obere Hauptgasse ein. An der Hausnummer 56 ist eine Tafel mit dem folgenden Text angebracht, auf die wir hinweisen. Wie kommt ein Kaiser dazu, Hauptmann der bernischen Artillerie zu sein? Warum lebt er mit seiner Mutter, einer Königin, nicht in einem Schloss, sondern, vermutlich als Mieter, in einem gewöhnlichen Haus an der Hauptgasse der Thuner Altstadt?

Wir entwirren die Familienverhältnisse von Napoléon Bonaparte, seiner ersten Frau Joséphine de Beauharnais und deren Tochter Hortense aus erster Ehe während einer Kaffeepause auf dem Mühlenplatz. Hortense de Beauharnais wurde Königin, weil sie 1802 einen jüngeren Bruder Napoleons heiratete und weil dieser 1806 die Batavische Republik in ein Königreich umwandelte und es dem Bruder zum Regieren überliess. Louis-Napoléon, der dritte Sohn von Hortense und ihres Ehemannes, hatte nach dem Wiener Kongress eigentlich keine Chance, je eine politische Rolle zu spielen. Trotzdem schaffte er es 1848 an die Spitze des französischen Staates, anfänglich als Staatspräsident, 1852 als Kaiser.

Einen Teil seiner bewegten Jugend verbrachte Louis-Napoléon auf Schloss Arenenberg im Thurgau, in Italien, wo er sich begeistert für kurze Zeit den Carbonari anschloss, in England, und eben auch in Thun, wo ihn Oberst Dunant, der spätere General, in die Geheimnisse der Artillerie einweihte. Für die Schilderung der Jugend des zukünftigen Kaisers verwenden wir als Quelle die Biografie des Historikers Pierre Milza aus dem Jahr 2004.

Napoléon III regierte Frankreich mehr als zwei Jahrzehnte lang. Aber wer will sich an ihn erinnern? Am 19. Juli 1870 erklärte Napoleon III Preussen den Krieg. Eineinhalb Monate später war er ein Kriegsgefangener.

Während unseres Ausflugs erzählen wir auch die Geschichte des Waffenplatzes, des eidgenössischen Militärwesens und der Rüstungsindustrie, die zur Zeit des Kalten Krieges in Thun den wenig glorreichen Panzer 68 hergestellt hat.

Nach unserer Kaffeepause fahren wir mit dem Lift auf den Schlossberg und besuchen das ab 1190 erbaute Schloss – die Balken an der Decke des Rittersaals können auf das Jahr 1199 datiert werden. Die Herren der Stadt und Erbauer des Schlosses, die Herzöge von Zähringen, sterben 1218 aus, Erben sind die Kyburger. 1384 wird die Stadt endgültig bernisch. Bern bestimmt zwar den Schulheiss, die Thuner haben aber mit einem Kleinen und einem Grossen Rat ihre weitgehende Selbstverwaltung. Während der Helvetik wird Thun für wenige Jahre Hauptort eines Kantons Oberland, aber Kantone haben in der République helvétique une et indivisible nur beschränkte Kompetenzen, und ab 1802 gehört Thun wieder zu Bern.

Das Schloss mit seinen eleganten Ecktürmen gehört zur Kulisse von Thun. Seine Ausmasse, die für die Entstehungszeit alles andere als bescheiden sind, erkennt man erst bei einem Besuch im Innern. Unter den Ausstellungsstücken sind zwei mittelalterliche Teppiche mit religiösen Themen zu erwähnen. Zu beachten sind auch die Flaggen der Thuner und der Burgunder von 1476 sowie die Originalmaske des Fulehung aus dem 19. Jahrhundert, die beim jährlichen Ausschiesset der Thuner Kadetten eine besondere Rolle spielt. Die Maske befindet sich hinter einer verschlossenen Holztüre, aber durch ein Fensterchen kann man sie betrachten. Die Ecktürme bieten einen überwältigenden auf die Stadt und die Umgebung.

Wir treffen unsere Gruppe nach der Mittagspause wieder und gehen zum Rathausplatz und zum ehemaligen Berntor, wo früher gegenüber dem Hotel Emmental der Gasthof Sädel stand. Zu seinem 90. Geburtstag für die Radiosendung «Tagesgespräch» interviewt, erzählte der 1934 in Thun geborene Hans Ziegler, später Jean Ziegler, wie er mit seinem neuen Fahrrad auf dem Schulweg am Gasthof Sädel vorbeifuhr. Er sah die zerlumpten Verdingkinder, die vor dem Gasthof an der Kälte warteten, während die Grossbauern drinnen assen und tranken. Weil der junge Hans Ungerechtigkeit nicht als gottgegeben akzeptierte, kam es zum Bruch mit seiner Familie. Wir hören uns den entsprechenden Ausschnitt an und fahren dann in Erwartung eines Gewitters mit dem Bus quer durch die Stadt zum Seepark, um das Rundbild von Marquard Wocher zu besichtigen.

Da es noch nicht regnet, setzen wir uns auf eine Bank und beschäftigen uns mit dem Werdegang von Jean Ziegler, dem weltweit gewiss bekanntesten Thuner. 

Der Genfer Soziologieprofessor Jean Ziegler war in den 1970-er Jahren sehr umstritten, weil er heftig am Mythos der über jeden Zweifel erhabenen Schweiz kratzte. So kritisierte er schon früh vehement das Bankengeheimnis und die damit ermöglichte Geldwäscherei. In den  letzten Jahren engagierte er sich vor allem im Kampf gegen den Hunger: Ein Kind, das vor Hunger stirbt, wird ermordet. 

Als Kämpfer im Gehirn des Monsters machte er sich bei vielen bürgerlichen Politikern verhasst. Weil er die Aussagen in seinen Büchern oft polemisch zuspitzte, um aufzurütteln, verlor Ziegler mehrere Prozesse – den Zürcher Anwalt Hans W. Kopp nannte er beispielsweise einen Geier. Der FDP-Nationalrat Felix Auer (1925-2016) wirft ihn in einem Buch mit dem Titel Das Schlachtfeld von Thun 1997 ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit vor. Er zitiert dort Erinnerungen von Ziegler an einen angeblichen Unfall eines Zuges voller deutscher Rüstungsgüter im Thuner Bahnhof im Dezember 1943, der aber laut Auer nie stattgefunden hat. Für Ziegler hingegen, so zitiert Auer, war es meine erste Begegnung mit der helvetischen Neutralitätslüge. Ein Trauma, das zu überwinden ich Jahre brauchte.

Was denke ich dazu, nachdem ich vor 47 Jahren Zieglers Vorlesungen in Entwicklungssoziologie gehört habe? Das Verdienst von Ziegler besteht darin, dass er die Erste Welt mit der Perspektive der Dritten Welt konfrontierte. Ziegler wandte sich auch zu Recht gegen die nachträgliche Glorifizierung der Rolle der Schweiz während dem Zweiten Weltkrieg.

Aber ist Zieglers kontinuierliche Kritik an der Neutralität nicht etwas kurzsichtig? Die Neutralität war in den europäischen Kriegen von 1870-71, 1914-1918 und 1939-1945 eine Notwendigkeit für die Stabilität der Schweiz, weil die Sympathien in den Sprachregionen zeitweise sehr unterschiedlich verteilt waren und die Behörden richtigerweise ein Auseinanderfallen des mehrsprachigen Landes verhindern wollten.

Beschränkt sich der Wert der Neutralität darauf? Nein. Seit 1815 ist die Schweiz völkerrechtlich zur Neutralität verpflichtet. Seit über 150 Jahren ist Neutralität ein Grundprinzip der humanitären Arbeit. Es ist eben kein Zufall, dass der Sitz des Roten Kreuzes sich in der Schweiz befindet. Nicht zufällig haben auch alle humanitären Organisationen der UNO ihr Hauptquartier in Genf. In Genf, nicht neben dem Pentagon, nicht im Kreml, nicht in Dubai.

Leider hat die offizielle Schweiz in den letzten Jahren die Fähigkeit verloren, in einem europäischen Krieg zu vermitteln. Sie hat sich wenig um die komplizierte Vorgeschichte des Konflikts gekümmert und scheint weder fähig noch willens, die Sichtweisen beider Kriegsparteien zu verstehen und zu beiden eine kritische Distanz zu wahren. Stattdessen hat sie das simple Narrativ einer Kriegspartei ohne Einschränkungen übernommen und wagt nicht einmal, öffentlich einen Waffenstillstand zu fordern. Und so ist es nicht verwunderlich, dass letzte Woche bei einem Gefangenenaustausch zwischen Russland und der Ukraine die Vereinigten Arabischen Emirate vermittelten. Die Ansicht, dass die kriegführenden Mächte die Welt retten, während die Neutralen sich schämen sollten, teile ich jedenfalls nicht.

Doch zurück zum Thema Thun. Das Panorama-Bild von Marquard Wocher ist das älteste erhaltene Rundbild der Welt. Marquard Wocher (1760-1830) arbeitete fünf Jahre lang an diesem Lebenswerk, das in einem eigens erstellten Bau in Basel ausgestellt wurde. Es entstand zu einer Zeit, in der es keine Fotografien gab, kein Kino, keine Eisenbahnen, keine Dampfschiffe.

Das Panorama ist 7,5 Meter hoch und 38.3 Meter lang. Es handelt sich um den Versuch, uns die Illusion einer Ortsveränderung zu vermitteln. Wir blicken vom Dach aus auf die Strassen und Plätze der Stadt, und wir sehen durch Fenster hinein in die Häuser.

Dort bemerken wir die Thunerinnen und Thuner, die frühstücken, sich rasieren oder sich ankleiden. Wir sehen die Gebäude der Stadt, die Ebenen und Hügel im Hintergrund, ein Stück des Sees, die Voralpenkette, die Jungfrau. Der Maler bemühte sich um fotografische Exaktheit. Am oberen Bildrand zeigen die Buchstaben N O S W uns die vier Himmelsrichtungen an.

Grösser, aber weniger friedlich ist das Panorama der Murtenschlacht, das 1893 zum ersten Mal und an der Expor02 zum letzten Mal ausgestellt wurde – es misst 10 x 100 Meter. Noch grösser, und jederzeit in Luzern zu besichtigen ist das Panorama L’Entrée de l’armée française aux Verrières von Edouard Castres aus dem Jahr 1881, bekannt als Bourbaki-Panorama, mit den Massen 10 x 112 m (ursprünglich 14 x 112 m). Dort wird die räumliche Wirkung dadurch verstärkt, dass sich vor dem Bild ein Landschaftsmodell befindet, das fast unmerklich in das Bild übergeht. Das Werk in Luzern steht in einem historischen Bezug zu Kaiser Napoleon III: es zeigt das traurige Ende der Armee, die im Januar 1871 einen Krieg gewinnen wollte, den der Kaiser im Juli 1870 erklärt hatte.

Rom, 13. – 22. Februar 2024

Wir sind in die ewige Stadt gereist, um die Ewigkeit genauer anzusehen. Welche Geschichte gibt es hier, welche Geschichten, wo gab es Brüche, wo Kontinuität, warum, und was ist davon bis heute geblieben und sichtbar?

In Rom sind wir nicht nur mit der Kontinuität der Stadt selbst konfrontiert, sondern auch mit der Kontinuität unserer gesamten europäischen Kultur, die in der Antike verwurzelt ist.

Das Römische Reich – genauer das Weströmische – ist zwar im 5. Jahrhundert untergegangen. Aber sein Einfluss in der Kultur und in der Religion dauert bis heute an. Das untergegangene Reich fasziniert bis heute, nicht nur Europäerinnen und Europäer. Warum sonst sind so viele Computerspiele im antiken Rom angesiedelt? Es erstaunt wenig, dass jedes Jahr Dutzende Millionen Menschen Rom besuchen.

Wir haben für unseren Besuch die zweite Februarhälfte gewählt, wenn die Stadt etwas ruhiger ist, und hatten dabei, danke Petrus, ausserordentlich mildes und sonniges Vorfrühlingswetter.

Die Stadt Rom ist faszinierend, aber erholsam ist sie nicht. Sie ist kein Kurort, auch nicht für diejenigen, die hier wohnen und arbeiten.

In dieser Stadt mit 2,7 Millionen Einwohnern gibt es gerade mal zwei Linien der Metropolitana, die ins Zentrum der Stadt führen und sich unter dem Hauptbahnhof kreuzen. Im Gedränge, das in den veralteten Stationen entsteht, testen flinke Taschendiebe ihre Fertigkeit an denen, die sich im chaotisch wirkenden Gewühl erst orientieren müssen.

Andere Städte vergleichbarer Grösse haben eine bessere Verkehrsinfrastruktur. Wer mit dem Auto kommt, ist in Rom ebenfalls aufgeschmissen, denn es gibt keine freien Parkplätze und kaum Parkhäuser.

Wir, die Organisatoren dieser Reise, haben hier vor fünfzehn Jahren gewohnt und gearbeitet, erinnern uns an den täglichen Arbeitsweg und wundern uns, wie wenig sich seither verändert hat. Eine dritte Linie der Untergrundbahn besteht zwar als Vorortsbahn, der Bau der Verlängerung ins historische Zentrum dauert aber.

Wir haben unser Besuchsprogramm grundsätzlich chronologisch aufgebaut, um die Entwicklung der Stadt von den Etruskern bis ins 21. Jahrhundert mitzuverfolgen.

Wir treffen uns am 13. Februar, einem Dienstag, wie abgemacht im Mailänder Hauptbahnhof und fahren von dort mit bis zu 300 km/h zum Vorortsbahnhof Roma Tiburtina. Dort nehmen wir die Metro B bis Castro Pretorio. Unser Hotel liegt in der Nähe, innerhalb der Aurelianischen Stadtmauer, nicht weit von der Porta Pia, im Quartier der Botschaften.

Die nachmittägliche Sonne scheint noch, als wir uns aufmachen, um die Stadt zu entdecken. An der Via XX Settembre, deren Name an die Einnahme Roms durch italienische Truppen und an die Niederlage der päpstlichen Armee 1870 erinnert, nehmen wir den Bus bis zur Piazza Barberini, wo die Fontana del Tritone steht, ein Werk des Bildhauers Gian Lorenzo Bernini aus den Jahren 1642 und 1643. Papst und Herrscher über Rom und den Kirchenstaat war damals Urban VIII, geboren als Maffeo Vincenzo Barberini. Seinem Familienwappen mit den drei Bienen, das wir auf dem Brunnen sehen, werden wir in Rom noch einige Male begegnen.

Nicht weit von der Piazza Barberini liegt eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt: die Fontana di Trevi. Die barocke Brunnenanlage, an der von 1732 bis 1762 gearbeitet wurde, liegt an einem der Endpunkte der Wasserleitung Aqua Virgo, die seit dem Jahr 19 vor Christus die Stadt Rom mit Wasser versorgt. Die Millionenstadt Rom wurde in der Antike von elf Wasserleitungen in einer Gesamtlänge von über 400 Kilometern versorgt, die im Zeitraum zwischen 312 vor und 226 nach Christus gebaut wurden, davon verliefen 64 Kilometer auf Bogenaquädukten. Im Brunnen spielt die bekannte Szene mit Anita Ekberg und Marcello Mastroianni im Filmklassiker von Federico Fellini La Dolce Vita aus dem Jahr 1960. Heute wird der Brunnen Tag und Nacht von Menschenmassen belagert, die vor dem Brunnen eifrig in ihre Mobiltelefone lächeln.

Vom Trevi-Brunnen gehen wir weiter zur ehemaligen Börse. Sie ist ein umgebauter Tempel des Kaisers Hadrian und seiner Frau Vibia Sabina und heisst heute wieder Hadrianeum. In der Nähe befindet sich die Piazza della Rotonda, das Pantheon und der Platz vor der Kirche Santa Maria sopra Minerva, wo Bernini auf den Rücken eines steinernen Elefanten einen ägyptischen Obelisken gestellt hat. Schliesslich kommen wir zur Trattoria Angelino a Tor Margana, wo wir Plätze reserviert haben für ein gemeinsames Abendessen unserer Reisegruppe.

Auf einer Gedenktafel wird behauptet, dass Johann Wolfgang Goethe dort zu speisen pflegte. Wir haben den Ort gewählt, weil es hier ausgezeichnete carciofi alla guidia gibt, frittierte Artischocken, und andere typisch römische Gerichte. Während sich das um halb acht noch ziemlich leere Restaurant langsam füllt, lernen wir die Mitreisenden besser kennen.

Am 14. Februar beginnt unser eigentliches Besichtigungsprogramm mit einem Besuch des etruskischen Museums in der Villa Giulia. Die Villa wurde zwischen 1551 und 1553 als Sommerresidenz für Papst Julius III erbaut, grosszügig und symmetrisch und mit einem bemerkenswerten ninfeo, einer kühlen Nymphengrotte für heisse Sommerabende. Das Museum bietet eine gute Einführung in die Kultur der Etrusker, die die frühe römische Kultur stark beeinflusst hat.

Das Bild auf dem Wassergefäss zeigt, wie ein tyrrhenischer Pirat von Dionysos zur Strafe in einen Delfin verwandelt wird.

Mit der Strassenbahn fahren wir zurück bis Piazzale Flaminio und treten durch das Stadttor ein in die historische Stadt. Dort erreichten früher Reisende aus dem Norden die Stadt. Vor uns liegt die Piazza del Popolo mit dem Obelisken, der aus dem Jahr 1300 vor Christus stammt, mit Hieroglyphen beschriftet ist und seinerzeit im Tempel des Sonnenkönigs Ra in Heliopolis stand. Die Römer identifizierten Ra mit dem ihnen bekannten Gott Apollo, der bekanntlich täglich auf seinem Sonnenwagen durch den Himmel zieht. Unter Kaiser Augustus wurde auf dem Obelisken die folgende lateinische Widmung angebracht: Imperator Augustus, Sohn des göttlichen Caesar, oberster Brückenbauer, Kaiser zum zwölften Mal, Konsul zum elften Mal, Tribun zum vierzehnten Mal, nachdem er Ägypten in den Besitz des römischen Volkes zurückgebracht hat, gibt [den Obelisken] als Gabe der Sonne.

Die Kirche Santa Maria del Popolo mir ihren Gemälden von Caravaggio ist wegen Restaurationen geschlossen (in Rom wird immer restauriert, bei jedem Besuch wird etwas geschlossen sein).

An der Ostseite des von Giuseppe Valadier anfangs des 19. Jahrhunderts gestalteten Platzes, unter der Aussichtsterrasse des Pincio-Hügels, bemerken wir die colonna rostrata. Eine ähnliche Säule, mit den Rammspornen / rostra feindlicher Schiffe geschmückt, wurde im 3. Jahrhundert vor Christus nach einer siegreichen Seeschlacht gegen die Karthager auf dem Forum Romanum errichtet. Analoge Säulen erheben sich in Sankt Petersburg seit 1810, in Bordeaux seit 1829, auf der Pariser Place de la Concorde seit 1840, in New York seit 1892 und in Wien seit 1896. Das Römische Reich wirkt nach. Oft ist das Neue nur eine Wiederholung oder Neuinterpretation des Alten.

Nach einem Mittagessen draussen an der grellen und warmen Februarsonne gehen wir durch die Via del Corso und steigen die breiten Treppen zum Kapitolsplatz hoch. Beim Aufstieg beachten wir auf der linken Seite die Statue des Volkstribuns Cola di Rienzo, Vorbild für Wagners Oper Rienzi.

Da wir uns an diesem Tag thematisch mit den Ursprüngen Roms befassen, müssen wir die bekannte Wölfin sehen, die aus dem 5. Jahrhundert vor Christus stammt und in den Kapitolinischen Museen steht. Beim Aufstieg im Treppenhaus des Konservatorenpalastes gehen wir an den Reliefs nicht achtlos vorbei, die aus der römischen Kaiserzeit stammen und sich seit dem 17. Jahrhundert im Gebäude befinden. Ein Relief zeigt Kaiser Mark Aurel bei einem Opfer vor dem Jupitertempel auf dem Kapitol.

Auf einem anderen Relief im Treppenhaus sehen wir die Apotheose von Vibia Sabina, Ehefrau von Kaiser Hadrian. Sie starb ohne Kinder. Die Leidenschaft des Kaisers galt nämlich nicht ihr, sondern dem jugendlichen Griechen Antinoos, der im Jahr 130 im Nil ertrank und von Hadrian anschliessend vergöttlicht wurde. Mich beeindruckt am Relief mit Sabina das geflügelte Wesen, das die Verstorbene mitnimmt. Wäre das Relief aus christlicher Zeit, so würden wir die Figur als Engel erkennen. Flügelwesen oder Engel? In der bildnerischen Darstellung gibt es keinen wesentlichen Unterschied. Was den jungen Liebhaber des Kaisers betrifft, so werden wir ihm als monumentale Statue in den Vatikanischen Museen begegnen.

Im ersten Saal des Rundgangs thront der von Bernini in Marmor aus Carrara gehauene Papst Urban VIII, dessen Familienwappen wir von der Fontana del Tritone kennen. Die Inschrift unter dem Monument präsentiert ihn als Pontifex Optimus Maximus, als besten und grössten Brückenbauer. Pontifex Maximus nannten sich die römischen Kaiser, weil sie nicht nur politische Führungspersonen waren, sondern auch eine privilegierte Beziehung zu den Göttern pflegten. Mit dem Anspruch des Papstes, auch der beste zu sein, nähert sich der Papst bewusst oder unbewusst dem obersten Gott Jupiter Optimus Maximus an, dem auf dem Kapitol der wichtigste Tempel gewidmet war.

Der Platz vor den Museen mit der Reiterstatute von Mark Aurel wurde im 16. Jahrhundert gestaltet nach einem Plan von Michelangelo Buonarroti – abgebildet ist er auf der italienischen 50 Cents-Münze. Die Statue, die heute auf dem Platz steht, ist eine Kopie. Das Original aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts befindet sich in einem modernen, mit Glas überdachten Raum. Lange glaubten die Römer, es handle sich um eine Darstellung von Kaiser Konstantin, der anfangs des 4. Jahrhunderts das Christentum legalisierte. Darum wurde die Statue im Verlauf der Zeit nicht eingeschmolzen, anders als die über 20 anderen überlebensgrossen Reiterstatuen, die in Rom zur Zeit Mark Aurels im öffentlichen Raum standen.

Im modernen Saal mit dem Glasdach sind auch die ausgegrabenen, massiven Stützmauern des Jupitertempels zu sehen, der uns vom Relief im Treppenhaus bekannt ist.

Eine vergoldete Monumentalstatue des Herkules, die Skulptur des Jungen, der sich einen Dorn aus dem Fuss zieht, die Venus vom Esquilin, ein Kopf, der Brutus darstellen soll, Wandmalereien des 16. und 17. Jahrhunderts mit Szenen aus der römischen Geschichte, Gemälde von Caravaggio, Cavalier d’Arpino, Rubens und Velázquez – wir wollen hier nicht alle Kunstwerke erwähnen, die wir betrachten. Gefallen hat uns eine Steinplatte aus dem 3. Jahrhundert, die für uns Reisende bedeutend ist. Die Dea Caelestis, für die auf dem Kapitol ein Tempel steht, soll für eine gute Reise sorgen, genauer für eine gute Hin- und Rückreise, dargestellt durch die Fusspaare in entgegengesetzten Richtungen.

Am nächsten Morgen haben wir den Besuch des Kolosseums geplant.

Soll man diesen Ort des Massentourismus wirklich besuchen? Wir hatten gehofft, die üblichen Menschenmassen an einem kühlen Februarmorgen nicht anzutreffen.

Der Name Colosseo leitet sich ab von einer Kolossalstatue des Kaisers Nero, die in der Nähe stand, aber er passt durchaus auch zum kolossalen Bauwerk des Amphiteatrum Flavium selbst.

Eine Sonderausstellung während unseres Besuchs ist der Trajanssäule gewidmet, die am Rande des Forums nicht weit von der Piazza Venezia steht. Ein 200 Meter langer Fries mit Reliefs windet sich um die knapp 30 Meter hohe Säule. Die 2500 dargestellten Figuren zeigen die römischen Siege in den Kriegen gegen die Daker in den Jahren 101 bis 106. Die Gegner Roms erscheinen auf dem Fries als würdige Menschen, nicht als teuflische Bösewichte – da könnten wir vielleicht noch etwas von der Antike lernen. Filmaufnahmen aus dem Jahr 1929 in der Ausstellung zeigen die traditionelle Art des Marmortransports am Beispiel des Monoliths, der zur Errichtung des Obelisken auf dem Foro Italico diente. Von 36 Ochsenpaaren wurde der Marmorblock elf Kilometer weit über eingeseifte Holzschwellen von den Marmorsteinbrüchen Carraras ans Meer gezogen.   

Den Besuch des Forums, den wir eigentlich für den Nachmittag vorgesehen haben, verschieben wir angesichts des Andrangs auf den nächsten Tag. Dafür besuchen wir noch vor der Mittagspause in der Nähe des Kolosseums einen Ort, der verdeutlicht, wie die Stadt sich durch den Zyklus von Zerstörung und Wiederaufbau verändert hat, nämlich die Basilika San Clemente. Der Eingang der im beginnenden 12. Jahrhundert erbauten Kirche befindet sich weit unter dem Niveau des heutigen Strassennetzes. In der Kirche beachten wir den Fussboden der Cosmati, einer Gruppe von Marmordekorateuren, deren Werke wir noch in vielen weiteren Kirchen begegnen werden, und die Mosaike aus der Erbauungszeit.

Von dieser Kirche aus führt eine Treppe nach unten in eine tiefer gelegene, frühere Kirche, in der sich ein Grabmal für Kyrill befindet, der im 9. Jahrhundert zusammen mit seinem Bruder Method das Alphabet für die altslawische Sprache entwickelte, aus dem sich die heutigen kyrillischen Schriften entwickelten. Von dieser älteren Kirche aus führt eine weitere Treppe tiefer nach unten in eine unterirdische Welt, in der man gurgelnde Gewässer und ein Mithras-Heiligtum findet.

Nach der Mittagspause fahren wir zusammen mit der Metro zur Kirche Sant’Agnese, die zwei Kilometer ausserhalb der Porta Pia über dem Grab der frühchristlichen Märtyrerin Agnes erbaut wurde, die sich aus religiöser Überzeugung nicht verloben oder verheiraten lassen wollte. Ihre historische Existenz kann nicht nachgewiesen werden, aber sie wurde schon früh verehrt, und die Tochter von Kaiser Konstantin wollte sich in ihrer Nähe bestatten lassen. Für sie, Constantia oder Constantina, wurde kurz nach ihrem Tod im Jahr 354 das Mausoleum der Santa Costanza gebaut.

Auf den gut erhaltenen Mosaiken des 4. Jahrhunderts fällt auf, dass die christliche Symbolik des Kreuzes noch fehlt. Stattdessen sehen wir Früchte, exotische Vögel, Blumen, Weinreben und beladene Fuhrwerke. Die holländischen und flämischen Maler in Rom, die sich zwischen 1620 und 1720 in der Malerclique Bentvueghels trafen, hielten das Mausoleum für einen Bacchustempel und veranstalteten hier Trinkgelage, bis sie vom Papst verboten wurden.

Mit einigen Mitreisenden fahren wir anschliessend mit dem Bus ins Zentrum und besichtigen die Kirche Santa Maria della Vittoria, wo uns die zwischen 1645 und 1652 geschaffene Statue von Bernini interessiert, die die religiöse Ekstase der Heiligen Teresa von Ávila darstellt.

Am nächsten Vormittag betreten wir das Forum Romanum von der Seite des Titusbogens aus. Die Reliefs auf diesem ältesten Triumphbogen Roms erinnern an den Sieg von Kaiser Titus über die aufständischen Zeloten in Jerusalem im Jahr 70. Er wurde von seinem Bruder und Nachfolger Domitian kurz nach dem Tod und der Vergöttlichung von Titus im Jahr 81 errichtet. Eine Szene zeigt, wie der siebenarmige Leuchter aus dem jüdischen Tempel von Jerusalem getragen wird.

Wir gehen auf der Via Sacra zum Zentrum des Forums. Dort befinden sich die Überreste des Tempels der jungfräulichen Vestalinnen, die das heilige Feuer behüteten, das alljährlich im Frühling neu entfacht wurde, ein Brauch, der sich im Osterfeuer der Christen fortsetzt. Dann betreten wir die Curia, Tagungsort des römischen Senats, später Kirche, deswegen erhalten. Curia? Den Begriff haben wir übernommen. Curia Confoederations Helveticae steht in grossen Lettern über der Fassade des Bundeshauses in Bern.

Wir gehen weiter durch die Ruinenlandschaft bis zur Trajanssäule, die man allerdings besser von oben, von der Via dei Fori Imperiali aus, betrachtet. Dort fällt uns auf, dass die Basilica Ulpia neuerdings wieder ihre annähernd originale und wirklich beeindruckende Höhe erreicht. Anastilosis nennt man in der Archäologie eine solche Wiedererrichtung mit originalen Bauteilen. Ermöglich wird sie hier dank einer Finanzierung des Oligarchen Alisher Usmanov (so bezeichnen ihn unsere westlichen Medien, die für die erfolgreichen Unternehmer des Westens den Begriff Oligarch kaum verwenden).

Dann besichtigen wir die Fresken in der Kirche Santa Maria Antiqua und steigen auf den Palatinhügel, von wo aus wir die Aussicht über das Forum und bis zum Kolosseum geniessen.

Wir verlassen dann das Forum und besichtigen die frühchristliche Kirche Damian und Cosmas, in deren Untergeschoss, zugänglich von der archäologischen Zone des Forums, ein ehemaliger Tempel des Romulus als Ausstellungsraum genutzt wird. Die Apsis der Kirche ist mit (restaurierten) Mosaiken aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts ausgeschmückt.

Nach einem Mittagessen in der Nähe des Forums besichtigen wir  – eigentlich nicht zur historischen Logik unseres Besuchsprogramms passend – die nahe Kirche San Pietro in Vincoli mit der bekannten Moses-Statue von Michelangelo, anschliessend, wieder chrono-logisch die Kirche Santa Prassede mit den byzantinischen Mosaiken aus dem 9. Jahrhundert in der Kapelle San Zenone.

Diese wurde zwischen den Jahren 817 und 824 vom damaligen Papst Pasquale I errichtet als Begräbnisort für seine Mutter Theodora. Ganz in der Nähe der Kirche Santa Prassede liegt schliesslich die mächtige Basilika Santa Maria Maggiore auf dem Esquilin-Hügel, eine exterritoriale Besitzung des Vatikans. Am Bogen vor der Apsis befinden sich Mosaike aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts, zu denen ein Reiseteilnehmer eigens eine Broschüre erstellt hat.

Wir verlassen die Basilika und beachten auch den Obelisken auf der Rückseite der Kirche. In keiner Stadt der Welt stehen so viele ägyptische Obelisken wie in Rom. Einige standen ursprünglich beim Eingang zum Tempel für Isis und Serapis auf dem Marsfeld. So wie die Römer die griechischen Götter mühelos mit ihren eigenen Göttern identifizierten und die Divinationstechniken der Etrusker übernahmen, so integrierten sie auch mit der Zeit die ägyptischen Kulte und den ursprünglich aus Persien stammenden Mithraskult.

Probleme im Bereich der Religion gab es hingegen zeitweise mit geheimen Bacchuskulten. Weil Religion eine öffentliche und transparente Sache war, wurden die privaten Kulte darauf verboten. Später gab es Schwierigkeiten mit den Juden und den Christen, die nicht nur ihre eigenen Götter haben wollten, sondern in ihren geschlossenen Gesellschaften auch alle bisherigen und anderen Götter ablehnten. Als besonders problematisch wurde die Weigerung der Christen wahrgenommen, am Kult der Kaiser teilzunehmen, denen nach dem Tod oft der Status göttlicher Wesen verliehen wurde und denen Tempel gewidmet wurden.

Dies sind unzulässig vereinfacht meine Zeilen zur römischen Religion nach der Lektüre des 2022 publizierten Sachbuches von Professor Federico Santangelo mit dem Titel La religione dei Romani, das ich zur Lektüre empfehle, weil es nicht nur die öffentliche und private Religion der verschiedenen Schichten der römischen Gesellschaft darstellt, sondern auch den Übergang zum Christentum als neue Staatsreligion des Imperiums.

Die Sieger schreiben die Geschichte. Das gilt auch für die Religion. Interessant sind deswegen die seltenen Texte derer, die das Christentum ablehnen und die alte Religion bewahren wollen. Zum Beispiel die von Voltaire in französischer Sprache herausgegebene, bruchstückhaft erhaltene Rede des christlich erzogenen Kaisers Iulianus Apostata (Julian der Abtrünnige) mit dem Titel Discours de l’empereur Julien contre les chrétiens.  

Am nächsten Tag fahren wir mit der Metro bis zur Haltestelle Ponte Mammolo. Dort in der Nähe stand früher an der Via Tiburtina  eine römische Brücke über den Fluss Aniene, der nördlich von Rom in den Tiber fliesst. Von dort aus fahren heute die Überlandbusse in die Umgebung der Hauptstadt. Es ist Samstag, die Sonne scheint, die Temperaturen sind frühlingshaft mild. Unser Ziel ist die Kleinstadt Subiaco über dem gebirgigen Teil des Aniene, von wo aus in römischer Zeit die Stadt mit frischem Trinkwasser versorgt wurde.

Diesen Ausflug haben wir aus zwei Gründen ins Programm aufgenommen. Der erste ist, dass wir auch die Landschaft ausserhalb der Metropole sehen wollen, die früher bei den Reisenden so beliebt war. Der zweite Grund ist spirituell.

Rom ist seit Jahrhunderten das religiöse Zentrum der katholischen Christenheit. Sie ist auch heute die heilige Stadt für einen Sechstel der Weltbevölkerung. Der Gründer des westeuropäischen Mönchtums, der heilige Benedikt von Nursia / Norcia, verlässt diese Stadt aber, weil sie ihm nicht heilig erscheint, und zieht sich zuerst einmal zurück in eine Höhle. Der deutschsprachige Kunstführer des Klosters Sacro Speco formuliert es so: Mitten im gottentfremdeten Treiben der Weltstadt erreichte ihn den Ruf Gottes: so geht er in die Einsamkeit, bereit, seine Karriere aufzugeben, für Gott da zu sein und innere Klarheit zu gewinnen über das, was ihn bewegt.

Dabei wird er angefeindet. Seine Gegner, allesamt Geistliche, versuchen mehrmals, ihn zu ermorden. So berichtet es Gregor der Grosse, der letzte der vier grossen Kirchenväter, der von 590 bis 604 Papst war.

Erst nach seiner Zeit als Einsiedler gründet Benedikt im Jahr 529 das Kloster Monte Cassino, das 1944 durch alliierte Bombardierungen völlig zerstört wurde. Dort formuliert Benedikt auch 534 die Ordensregel der Benediktiner, die lange die wichtigste Ordensregel ist. Zeiten für gemeinsames Gebet, für persönliches Gebet und für die Arbeit strukturieren den Tagesablauf der Benediktiner. (Das Prinzip ora et labora formulierte zwar nicht Benedikt selbst, aber es fasst zusammen, was gemeint ist. Das Ziel ist wohl nicht, dass Mönche einfach von den Pfründen ihres klösterlichen Grundbesitzes leben.)

Die Busse der Gesellschaft Cotral fahren häufig nach Subiaco. Die etwas verschlafene Kleinstadt empfängt uns mit Sonnenschein und mit einem frischen Stück pizza al taglio an der Hauptstrasse gegenüber der Abzweigung zum Busbahnhof. Überragt wird Subiaco von einer Burg, in der Lucrezia Borgia (1480-1519) geboren worden sein soll, Tochter von Papst Alexander VI Rodrigo Borgia, später als femme fatale Hauptfigur vieler Bücher und von über zwanzig Filmen. Zu Fuss erreichen wir das Kloster, das im 12. Jahrhundert an der teils überhängenden Felswand auf mehreren Ebenen um Benedikts Höhle erbaut wurde, in knapp eineinhalb Stunden.

Aufmerksame Fussgänger beachten vor dem Ausgang aus der Stadt auf der linken Strassenseite das Geburtshaus der Schauspielerin Gina Lollobrigida. Filmdiva nannte man sie. Deus = Gott, dea = Göttin, divus, diva = göttlich, dieses Adjektiv divus finden wir in Inschriften für die vergöttlichten Kaiser. Frühe Christen hatten ein Problem damit, den göttlichen Kaisern ein Opfer zu bringen. Einige, die heute als Vorbilder gelten, weigerten sich und wurden zu Märtyrern. Welche Haltung war richtig?

Viele wollten nicht Märtyrer werden. Sie wurden deshalb von den konsequenten Christen – oder sollten wir sagen; von den  sturen, fanatischen? – als lapsi bezeichnet. Als die Christenverfolgungen aufhörten, waren die Gemeinden gespalten über die Frage, ob die lapsi wieder in die christlichen Gemeinden aufgenommen werden sollten oder nicht. Die staatlichen Behörden mussten sich einmischen, um die Konflikte in der christlichen Gemeinde zu lösen.   

Es ist Samstag. Wenige Ausländer verirren sich nach Subiaco, aber viele kulturinteressierte Italienerinnen und Italiener besuchen das Kloster Sacro Speco. Gerne nehmen wir teil an einer Führung durch die mit Fresken ausgemalten Räumlichkeiten. Vor einem Jahr haben wir den Ort an einem kalten Wochentag besucht und waren dabei fast allein.

Abgebildet ist hier die Heilung des unsteten Mönches, der sich von einem Teufel aus seinem Bethäuschen ziehen lässt und darauf von Benedikt mit Schlägen geheilt wird. Andere Bilder zeigen die vier Kirchenväter, die Passionsgeschichte, die Attentate auf Benedikt, Szenen aus dem Leben der Muttergottes, den Triumph des Todes, weitere Teufel, auch Benedikt, der sich, um Anfechtungen zu entgehen, in die Dornen wirft, und schliesslich den heiligen Franziskus, Vorbild für den gegenwärtigen Papa Francesco, Jorge Mario Bergoglio aus Buenos Aires. Er ist, für mich eigentlich erstaunlich, der erste Papst, der den Namen des heiligen Franziskus angenommen hat.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, befassen wir uns mit den Kunstsammlungen der Kardinalsneffen im Palazzo Barberini und in der Galleria Borghese.

Als Maffeo Barberini, den wir in diesem Bericht schon zweimal erwähnt haben, im Jahr 1623 Papst Urban VIII wurde, erhob er seinen 26 Jahre alten Neffen Francesco Barberini zum Kardinal und ernannte ihn zu seinem Staatssekretär. Der Neffe erwarb 1625 das Grundstück, um für die Familie den repräsentativen Palazzo Barberini zu bauen.

Der Bildhauer Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) aus Neapel und der Tessiner Architekt Francesco Borromini (1599-1667) arbeiteten zeitweise zusammen am Bau des Petersdoms, der unter Urban VIII 120 Jahre nach dem Baubeginn endlich vollendet wurde, unter anderem an seinem massiven Bronzebaldachin. Im Palazzo Barberini, einem der ersten Barockpaläste, haben die beiden ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Es gibt zwei Treppenaufgänge der beiden Kontrahenten, einen viereckigen von Bernini und einen spiralförmigen von Borromini.

Die beiden haben auch nach dem Tod von Urban VIII weiter für verschiedene Päpste Bauprojekte betreut. Bernini als genialer Bildhauer und geschickter Kommunikator wurde von den meisten Päpsten bevorzugt behandelt, während der bescheidener auftretende, aber als Baumeister wohl fähigere Borromini meist unter Berninis Leitung arbeiten musste, dabei depressiv wurde und schliesslich Selbstmord beging.

Im Palazzo Barberini ist die Galleria Nazionale d’Arte Antica untergebracht, die einen Besuch lohnt. Besonders gefällt mir persönlich das Gemälde La Fornarina des früh verstorbenen Raffaello Sanzio aus Urbino (1483-1520), vermutlich ein Bild seiner Geliebten, bekannt auch das Porträt des englischen Königs Henry VIII von Hans Holbein und zwei Gemälde des ebenfalls früh verstorbenen Caravaggio (1571-1610 – es handelt sich um das Bild Judith und Holofernes, in seiner Brutalität nicht für das Schlafzimmer geeignet, und um Narziss, bei unserem Besuch leider ausgeliehen).

Beachten sollte man auch die Büste von Urban VIII, ein Werk von Bernini, das mit dem nicht ganz geschlossenen Knopfloch und anderen Details sehr lebensnah wirkt, und das monumentale Deckengemälde Il Trionfo della Divina Provvidenza auf 600 Quadratmetern, an dem Pietro da Cortona von 1632 bis 1639 gearbeitet hat und das die segensreiche Herrschaft von Urban VIII zelebriert. Eine Neuinterpretation dieses Gemäldes befindet sich übrigens im Herzogspalast von Dijon – siehe die Ankündigung unserer Burgund-Reise und unseren Reisebericht vom Juli 2023.

Die nahe gelegene, auf einem kleinen Grundstück erbaute, aber architektonisch bedeutende Barockkirche San Carlo alle Quattro Fontane von Borrimini besuchen wir gleich anschliessend.

Nach einem Mittagessen draussen an der frischen Luft auf der früher mondänen Via Veneto begeben wir uns zur Galleria Borghese.

Scipione Borghese, der Erbauer des prachtvollen Landsitzes, heisst ursprünglich Scipione Caffarelli. Er hat aber eine Mutter mit dem Namen Borghese, und deren Bruder wird 1605 als Paul V Papst. Zwei Monate nach der Wahl des Papstes wird Scipione zum Kardinal ernannt, bald erhält er verschiedene Posten im Kirchenstaat und verdient jährlich 140’000 scudi. Er erwirbt das Gelände für den Landsitz, lässt den Palast bauen und kauft sich eine Gemäldesammlung zusammen. Manchmal findet der kunstsinnige Sammler auch andere Wege, um sich die Werke anzueignen. Weil der Maler Cavalier d’Arpino angeblich illegal eine Feuerwaffe besitzt, konfisziert Scipione seine Gemäldesammlung, darunter zwei Bilder von Caravaggio.

Die Galleria Borghese ist bedeutend, weil sich hier die besten Skulpturen von Bernini befinden: die Flucht von Aeneas, Anchises und Ascanius aus Troja (1618-1619), ein Stoff, der den Gründungsmythos der Stadt betrifft, der Raub der Proserpina / Persephone (1621-1622), David (1623-1624), Apollo und Daphne (1622-1625, eine versuchte Vergewaltigung, die damit endet, dass Daphne sich in einen Baum verwandelt, ein Stoff aus den Metamorphosen von Ovid, hier sehr überzeugend dargestellt) und schliesslich La Verità (1646-1652), eigentlich als Komposition mit zwei allegorischen Figuren geplant, als Verità svelata dal Tempo, also mit einer nicht ausgeführten Zeit, die die nackte Wahrheit enthüllt. Auffallend für mich ist, wie wenig die auftraggebenden Kardinäle der Gegenreformationszeit sich für religiöse Themen interessieren, wenn es darum geht, Statuen für ihre Privatvillen in Auftrag zu geben.

Zu den berühmtesten Skulpturen der Sammlung gehört schliesslich die Darstellung der verführerischen Paolina Borghese alias Pauline Bonaparte, Schwester von Napoleon Bonaparte, als Venus Victrix, als Venus, die eben den Apfel des Paris in der Hand hält, von Antonio Canova, geschaffen in den Jahren 1805 bis 1808.

Neben den berühmten Skulpturen gibt es in der Galleria Borghese bedeutende Meisterwerke der Malerei von Fra Bartolomeo, Sandro Botticelli, Perugino, Raffael, Andrea del Sarto, Lukas Cranach, Correggio, Caravaggio, Rubens und Titian sowie Selbstporträts von Bernini, und die Aufzählung ist nicht abschliessend. Verständlich, dass man den Eintritt in die Galerie im Vorverkauf erwerben muss.

Nach dem Besuch des Museums schlendern wir zusammen mit der sonntagsspazierenden Bevölkerung zum Aussichtspunkt auf dem Pincio-Hügel, durch die Via Margutta, wo Max Frisch und Ingeborg Bachmann zusammen gewohnt haben, und zur noblen Via Condotti, wo man in den Modegeschäften eine Bluse für 4500 Euro erwerben kann, auch sonntags, und ins sündhaft teure Café Greco, das 1760 an dieser Adresse eröffnet wurde, das bald ein beliebter Künstlertreffpunkt wurde, das seit 1953 ein geschütztes Kulturgut ist und das vor kurzem die Kündigung erhalten hat.

Am Montag, 19. Februar besuchen wir die Vatikanischen Museen. Wie stehen besonders früh auf, denn am 10. Januar, als wir die Karten kauften, waren für den Vormittag des 19. Februar nur noch Eintritte um 8 Uhr und um 8.30 Uhr im Verkauf. Es werden dort auch noch am Tag selbst Tickets verkauft, aber die wartende Menschenschlange ist lange.

Bei den Vatikanischen Museen handelt es sich um eine Vielzahl von Sammlungen. Es gibt ein ägyptisches Museum, eine sehr reichhaltige und wertvolle etruskische Sammlung, die allerdings weniger gut präsentiert und eingeführt wird als in der Villa Giulia, eine enorme Sammlung von römischen Fundgegenständen, eine Pinacoteca (Gemäldegalerie) mit Werken von Giotto, Leonardo da Vinci, Perugino, Veronese, Raffael, Titian und vielen anderen, die bemalten Wohnräume der Päpste, darunter die bekannten stanze di Raffaello, lange Gänge mit Wandteppichen, gemalten Landkarten und gesammelten Kostbarkeiten und gegen Ende des Rundgangs die Sixtinische Kapelle mit den weltberühmten Deckenfresken und dem Jüngsten Gericht von Michelangelo.

Erwähnen möchte ich nur drei Objekte aus den Vatikanischen Museen. Den Sarkophag aus Porphyr der Tochter Konstantins (in der Kirche Santa Costanza steht eine Kopie), eine während der Renaissance offenbar ungeschickt ergänzte, aber anscheinende gut erhaltene Statue des Mithras bei seinem Opferritual (in einem Raum mit Tierfiguren, ohne Erklärung) und schliesslich die im Rom 1506 entdeckte Statue von Laokoon und seiner zwei Söhne, die von Schlangen angegriffen werden, eine römische Skulptur, 1.84 Meter hoch, vermutlich aus dem 1. Jahrhundert nach Christus, möglicherweise die Kopie eines griechischen Originals. Dem Finder der Gruppe wurden vom Papst 1500 Dukaten bezahlt. Michelangelo und andere begutachteten den Fund. Nachdem das Mittelalter sich gegenüber der heidnischen Antike distanziert gezeigt hatte, entdeckte die Renaissance die Kunstwerke der Antike für sich und akzeptierte sie als Vorbild.

Laokoon ist ein trojanischer Priester, der sich gegen die Absicht der Trojaner ausspricht, ein monumentales Holzpferd in die Stadt zu ziehen, das die abziehende griechische Armee vor den Toren von Troja zurückgelassen hat und in dem sich, wie sich später zeigt, griechische Krieger verstecken. Je nach Version Apollo, der sich auf der Seite der Griechen engagiert, oder Athene / Minerva, die sich an einem Speerwurf des Priesters auf das Holzpferd stört, schickt darauf zwei Schlangen gegen Laokoon und seine Söhne los.

Goethe hat einen längeren Text über die Laokoon-Gruppe geschrieben. Er zählt die Kriterien auf, die für ein höchstes Kunstwerk gelten, und begründet anschliessend, warum die Gruppe in diese Kategorie gehört. Er schreibt auch, wie man die Skulptur zu betrachten hat:

Um die Intention des Laokoon recht zu fassen, stelle man sich in gehöriger Entfernung mit geschlossenen Augen davor; man öffne sie und schließe sie sogleich wieder, so wird man den ganzen Marmor in Bewegung sehen, man wird fürchten, indem man die Augen wieder öffnet, die ganze Gruppe verändert zu finden. Ich möchte sagen, wie sie jetzt dasteht, ist sie ein fixierter Blitz, eine Welle, versteinert im Augenblicke, da sie gegen das Ufer anströmt. Dieselbe Wirkung entsteht, wenn man die Gruppe nachts bei der Fackel sieht.

Natürlich möchten wir als Organisatoren von Kulturreisen das Museum gerne nachts mit Fackeln besuchen, um die Wirkung nachzuvollziehen, die Goethe beschreibt. Wir hoffen auf einflussreiche Leser im Vatikan, die uns bei der Erfüllung dieses Wunsches helfen.

Man könnte den ganzen Tag in den Vatikanischen Museen verbringen, wenn dort die Verpflegung besser wäre.

In der zweiten Hälfte des Nachmittags treffen wir unsere Gruppe nach einer späten Mittagspause wieder auf dem Campo de’ Fiori, unter dem Denkmal des dort verbrannten Ketzers Giordano Bruno.

Auf unserem Programm steht die Besichtigung des Palazzo Farnese, erbaut ab 1517 von Kardinal Alessandro Farnese (1468-1549), der 1534 als Papst gewählt wird und den Namen Paul III annimmt. Der Kardinal verdankt seine Karriere seiner jüngeren und besonders schönen Schwester Giulia, die vom spanischen Kardinal Rodrigo Borgia, dem späteren Papst Alexander VI, mit einem einäugigen Stadtadeligen aus der Orsini-Familie verheiratet wird und bald die Geliebte des Kardinals ist, der vor dieser Bekanntschaft schon Lucrezia Borgia und drei weitere Kinder gezeugt hat mit seiner früheren Mätresse Vannozza Cattanei.

Alessandro Farnese bewilligt als Papst Paul III im Jahre 1540 die Gründung des Jesuitenordens und lädt 1545 ein für das Konzil von Trient. Seinem eigenen Sohn Pier-Luigi Farnese, den er mit seiner Mätresse Silvia Ruffino gezeugt hat, vermacht er das Herzogtum Parma und Piacenza, das bis 1731 von der Familie Farnese regiert wird. Durch Erbschaft gelangt der Palazzo Farnese an die Bourbonen, die das Königreich Neapel regieren. Nach ihrer Vertreibung aus Neapel durch die Truppen Garibaldis bewohnen die Bourbonen den Palast. Heute wird der Palazzo dem französischen Staat vermietet und dient als Botschaft Frankreichs. Deshalb ist eine Besichtigung mit bürokratischen Hürden und strengsten Sicherheitsvorschriften verbunden.

Hauptsächliche Attraktion des Palastes ist das restaurierte, verblüffend plastisch wirkende Deckengemälde von Annibale Carracci (1550-1609) zum Thema Triumph von Bacchus und Ariadne, eine wunderbare malerische Verherrlichung der Liebe im Palast des Kirchenfürsten und seiner Nachkommenschaft, gemalt zwischen 1597 und 1607, also einige Jahrzehnte vor dem Deckengemälde im Palazzo Barberini. Neben der Hauptszene in der Mitte, auf der man Bacchus auf einem goldenen und Ariadne auf einem silbernen Wagen sieht, malte Carracci auch weitere, kleinere Bilder bekannter Paare der antiken Mythenwelt.

Mit dem Titel Il trionfo di Bacco e Arianna gibt es übrigens ein bekanntes Gedicht aus der Renaissancezeit, das dem Florentiner Herzog Lorenzo de’ Medici zugeschreiben wird und das gut in die heutige unsichere Zeit passt:

Quant’è bella giovinezza
che si fugge tuttavia!
Chi vuol esser lieto, sia:
di doman non c’è certezza.

Ab 1605 war die Schaffenskraft von Carracci durch eine Krankheit eingeschränkt, die sich als malincolia (Melancholie, Traurigkeit, Depression) manifestierte und möglicherweise dadurch hervorgerufen wurde, dass der Künstler nicht die Anerkennung und Bezahlung für sein Hauptwerk erhielt, die er erwartet hatte. Auftraggeber für die Fresken war Kardinal Odoardo Farnese, der zweite Sohn des dritten Herzogs von Parma und Piacenza.

Ein Tipp für Interessierte: Die ausgezeichnete Führung in italienischer Sprache wurde geleitet von einer Fachperson, das ist bei französischen und englischen Führungen nicht zu erwarten. Es lohnt sich auch, als Vorbereitung die detaillierte Beschreibung der affreschi della Galleria Farnese auf Wikipedia zu studieren, ebenfalls in italienischer Sprache.

Das 16. und beginnende 17. Jahrhundert sind in Rom Zeiten höchster künstlerischer Kreativität in einem schwierigen Kontext. 1527 wird Rom von kaiserlichen lanzichinecchi / Landsknechten geplündert, 1542 beginnt die zentral organisierte Inquisition ihre Arbeit, die Sacra Congregazione della romana e universale inquisizione, um Häresien zu bekämpfen und die Kirche zu verteidigen, 1545 beginnt das Konzil von Trient – kein Forum, um mit den Reformatoren zu diskutieren, 1555 verlieren die Juden der Stadt Rom fast alle ihre Rechte und werden in ein Ghetto eingesperrt, 1556 wird ein Student aus Padua, der der Reformation nahesteht, auf der Piazza Navona in kochendem Öl hingerichtet, 1600 wird Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

In welcher Beziehung zu diesem schwierigen Kontext stehen die grossen Meisterwerke der Kunst, die wir heute so uneingeschränkt und unvoreingenommen bewundern?

Selten ist der Bezug so bekannt wie beim Gemälde der Grablegung von Raffael aus dem Jahr 1507. Das Altarbild ist heute in der Galleria Borghese ausgestellt und zeigt eine Madonna mit den Gesichtszügen von Atalanta Baglioni, die das Gemälde bestellt hat. Diese musste im Juli 1500 in Perugia miterleben, wie ihr eigener Sohn vor ihren Augen getötet wurde, nachdem er selbst wegen einem Machtkampf in der Familie zum Mörder geworden war. Raffael lebte während der tragischen Ereignisse selbst in Perugia. Der dargestellte Schmerz ist also nicht frei erfunden.

Am Dienstag wollen wir den Petersdom besuchen, reihen uns am Vormittag ein in die Menschenschlange vor den Sicherheitskontrollen. Dann beginnt es leicht zu regnen. Die Wetterprognose hat keinen Regen vorhergesehen. Unsere Regenschirme liegen im Hotel. Ein Teil der Gruppe spaltet sich ab, mit den anderen stehen wir weiter an. Der Regen hört auf, und wir besuchen das Innere der Kirche, die über dem angeblichen Grab des Apostels Petrus errichtet wurde, dessen Aufenthalt in Rom allerdings historisch nicht gesichert ist.

Der Bau der heutigen Peterskirche stammt aus den Jahren 1506 bis 1626. Die Kuppel mit einem inneren Durchmesser von 41,5 Metern wurde nach Plänen von Michelangelo erbaut. Unter der Kuppel die Inschrift TV ES PETRVS ET SVPER HANC PETRAM AEDIFICABO ECCLESIAM MEAM ET TIBI DABO CLAVES REGNI CAELORVM, also Du bist Petrus [latinisiert von griechisch πετρος / pétros der Fels], und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und dir werde ich die Schlüssel zum Himmelreich geben. Die Inschrift ist ein Bibelzitat (Matthäus 16,18), wobei mit ecclesia / ἐκκλησία ursprünglich eine Versammlung gemeint ist, erst später das Versammlungslokal, also der Kirchenbau.

Im Petersdom selbst berichten wir über zwei prominente Frauen, an die mit grossen Grabmälern erinnert wird: über Königin Christine von Schweden (1626-1689) und über die mächtige Mathilde von Tuszien, auf deren Schloss in Canossa im Januar 1077 Kaiser Heinrich IV seinen Widersacher, Papst Gregor VII, um Verzeihung und Aufhebung der Exkommunikation bat. Das Grabmal von Matilda ist ein Werk Berninis. Weiter betrachten wir die Pietà von Michelangelo, die Statue von Petrus und mehrere Grabmäler von Päpsten. Bedeutend ist das des im Gebet knienden Papstes Alexander VII, auch von Bernini, mit allegorischen Statuen der Carità und, wieder einmal, der Verità, die ihren Fuss auf die Weltkugel legt, wo sie aber aus England ein schmerzlicher Dorn sticht, nämlich die anglikanische Kirche, die sich abgespalten hat.

Die Wahrheit, wo ist sie nun wirklich? Handelt es sich beim Petersgrab unter dem Petersdom um eine Täuschung und Fälschung wie bei der angeblichen Konstantinischen Schenkung, die den Anspruch des Papstes auf einen Kirchenstaat begründete? Verfolgten einflussreiche Kreise die Absicht, aus Rom das Zentrum für die neue Religion zu machen, die aus dem Orient kam und sich auch ganz gut dezentral und ohne ohne Päpste entwickelte? Oder war Petrus wirklich in Rom, auch wenn darüber nichts in der Bibel steht? Wenn ich richtig verstehe, liegen zwischen dem Tod von Apostel Petrus und der Legalisierung des Christentums zweieinhalb Jahrhunderte ohne schriftliche Quellen zu seinem angeblichen Aufenthalt und Begräbnis. In diesem Zeitraum können viele Legenden entstanden sein. Mir fällt eine Szene aus dem Film La dolce vita ein. Dort wird gezeigt, was geschieht, wenn zwei Kinder behaupten, die Jungfrau Maria sei ihnen erschienen. 

Fest steht, dass unter der Peterskirche eine frühchristliche Nekropole ausgegraben wurde, und dass Kaiser Konstantin über dem mutmasslichen Petersgrab eine Basilika errichten liess, die im Jahr 326 eingeweiht wurde. 

Als wir wieder auf den Platz vor dem Petersdom treten, scheint die Sonne. Unsere Kollegen schlagen vor, nach Trastevere zu fahren, und so kommt es, dass wir draussen essen an einem besonnten Tisch auf dem Platz gegenüber der Kirche Santa Maria in Trastevere.

Nach dem Mittagessen gehen wir zur Piazza Navona. Dort treffen wir wieder alle Mitreisenden und beachten den Brunnen mit den von Bernini geschaffenen männlichen Figuren, die die Ströme Ganges, Donau, Nil und Rio de la Plata symbolisieren, und über denen ein Obelisk aus dem römischen Isis-Tempel steht. Anschliessend besuchen wir die Kirche San Luigi dei Francesi mit den drei berühmten Gemälden von Caravaggio, die den Zöllner und späteren Apostel Matthäus zeigen. Die Kirche ist dem frommen und später heiliggesprochenen König Louis IX gewidmet, der sich auf der Pariser Île de la Cité die Sainte-Chapelle als Privatkapelle mit ihren gotischen Glasmalereien bauen liess, wo er die echte Dornenkrone Christi aufbewahrte, die er im Jahr 1238 für über 120,000 livres parisis-Silbermünzen einem venezianischen Kaufmann abgekauft hatte.

Zum Abschluss des Tages besuchen wir das Pantheon mit seiner mächtigen Kuppel, die aber in der Mitte offen ist, so dass es hereingeregnet hat, wie wir bei unserem Besuch noch feststellen können. Der römische Bau, ein allen Göttern geweihter Tempel, wurde 609 vom damaligen Landesherrn, dem Kaiser in Konstantinopel, dem Papst geschenkt. Dank der Umwandlung in eine Kirche blieb der Bau erhalten. Im Pantheon befinden sich heute die Grabmäler von Raffael und der italienischen Könige Vittorio Emanuele II (1820-1878), padre della patria, und seines Sohnes Umberto (1844 bis zu seiner Ermordung 1900) sowie dessen Cousine und Frau Margherita di Savoia (1851-1926). Sie war in Neapel bekannt für ihre Vorliebe für die einfachste Pizza mit den Zutaten Tomaten, Mozzarella und Basilikum, ganz patriotisch in den Farben der italienischen Trikolore, die dann nach ihr benannt wurde.

Das römische Pantheon wurde kopiert, wie fast alles, was die Antike geschaffen hat. Der heutige Bau des Pantheons in Paris wurde im 18. Jahrhundert als Kirche für die Lokalheilige Sainte-Geneviève erbaut. Während der Revolution wurde die Kirche zur Begräbnisstätte für die berühmten Persönlichkeiten der Nation umfunktioniert und erhielt den Namen Panthéon. Diese Funktion des französischen Pantheons wurde dann wohl wiederum durch Italien übernommen – so erklärt sich zumindest, warum die Könige Italiens im Pantheon ruhen, mit Ausnahme der zwei letzten unrühmlichen, aber das ist eine andere Geschichte, auf die wir auf unserer Reise nach Turin im April 2023 eingegangen sind.

Mit zwei Interessierten fahren wir anschliessend zur riesigen und menschenleeren Basilika San Paolo fuori le Mura. Der spätantike Kirchenbau hatte dieselben enormen Ausmasse wie der heutige, brannte aber 1823 ab. Der Neubau wurde 1852 eingeweiht. Er gehört zu den exterritorialen Besitzungen des Vatikans. In der Basilika befindet sich ein Sarkophag, in welchem möglicherweise der Apostel Paulus von Tarsus, Verfasser der Paulusbriefe, begraben ist. Eine Datierung der Knochenreste in den Nullerjahren ergab, dass sie aus dem 1. oder 2. Jahrhundert stammen. Über den Aufenthalt von Paulus in Rom wird in der biblischen Apostelgeschichte berichtet.

Die Kirche, in der wahrscheinlich ein Apostel begraben ist, ist menschenleer. Vor der Kirche, in der wahrscheinlich kein Apostel begraben ist, warten die Menschen stundenlang für die Sicherheitskontrolle.  

Den letzten Tag unseres Aufenthalts beginnen wir auf Wunsch der Mitreisenden mit einem Besuch des 2010 eröffneten Museums für zeitgenössische Kunst und Architektur MAXXI in einem Bauwerk der irakischen Architektin Zaha Hadid (1950-2016).

In der Ausstellung zeigt sich, dass auch zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler sich immer wieder auf die Tradition zurück beziehen. Polifemo heisst die bemalte Keramikvase von Cleto Munari von 2008/2009. Polyphem kennen wir vom Deckengemälde von Carracci im Palazzo Farnese: der einäugige, von den Griechen geblendete Zyklop schmeisst dort einen Felsbrocken auf seinen Rivalen Acis.

Nach dem Besuch des Museums essen wir im Quartier Flaminio und machen einen Spaziergang über die Tiberbrücke zum monumentalen Obelisco Mussolini, der mit der Aufschrift MVSSOLINI DVX am Eingang zum Foro Italico, vormals Foro Mussolini, steht. Hier hätten die Olympischen Sommerspiele 1940 stattfinden sollten, das Olympische Komitee vergab sie aber nach Japan, dort fanden sie auch nicht statt. 1960 wurden die Spiele in Rom nachgeholt. Olympische Spiele? Bekanntlich auch eine Idee aus der Antike. 

Unter dem 1932 eingeweihten Obelisken wurde in einer Stahlkassette ein Pergament mit einem Text in lateinischer Sprache eingemauert, der sich Codex fori Mussolini nennt und anscheinend die Machtergreifung der Faschisten und die moralische und körperlichen Ertüchtigung der Jugend thematisiert. Lateinisch ist der Text wohl, weil Mussolini Latein als Sprache für die Ewigkeit betrachtete und sich selbst als würdigen Nachfolger des Alten Roms. Nicht zufällig verkündete der Duce am 9. Mai 1936, nach der Eroberung Äthiopiens, in einer Rede vom Balkon des Palazzo Venezia die Gründung des Imperiums und machte damit aus dem italienischen König Vittorio Emanuele III einen Imperatore.

Wir gehen dem Fluss entlang bis zum Ponte Milvio und erinnern uns an Kaiser Konstantin, der hier mit seiner Armee im Oktober 312 seinen Konkurrenten Maxentius schlug, der dabei im Tiber ertrank. Kaiser Konstantin hatte vor der Schlacht an der Milvischen Brücke eine Vision. Er vernahm die Botschaft “Unter diesem Zeichen wirst du siegen” und sah das Christusmonogramm in der Sonne über dem Schlachtfeld. So wird es berichtet. Und allmählich wurde der Sonnenkult in den folgenden Jahren vom Christentum verdrängt.

Unseren letzten Abend in Rom beginnen wir mit einem Spaziergang vom Zentrum durch die Ruinen des Portico di Ottavia, durch das Ghetto und über die Tiberinsel nach Trastevere – einige Kollegen legen den Weg per Taxi zurück. Wir treffen uns zu einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant Checco er Carretiere, das einer unserer Mitreisenden empfiehlt. An den Wänden des Restaurants schwarz-weisse Bilder mit den Grössen der glorreichen italienischen Filmindustrie, vor uns weisse Tischtücher, dazu gute Weine aus der Region Latium (der Rotwein Cesanese del Piglio hat mich überzeugt), frische Fische und weitere Gerichte, die wir gerne weiterempfehlen. Um uns herum eine freundliche Bedienung und viele lokale Gäste, die den Ort kennen und schätzen.

Wie sieht die Zukunft von Rom aus? Wird hier etwas produziert? Vielleicht die Bluse für 4500 Euro an der Via Condotti? Aber ist sie  auch so viel wert? Oder wird hier wieder getäuscht, gefälscht, gelogen?

Der Bürgermeister von Rom, Roberto Gualtieri, sieht eine goldene Zukunft für seine Stadt, verspricht un futuro di una metropoli mondo, träumt seinen sogno realistico, schwärmt von trasformazione, innovazione, qualificazione, efficienza, 5G und Milliardenprojekten. Es tönt wunderbar.

Rom ist nicht nur die Hauptstadt eines untergegangenen Weltreichs. Rom ist der Sitz des Parlaments und der Regierung, die Hauptstadt der italienischen Republik, aber auch die Hauptstadt eines theokratischen Staates mit moralischer Macht und mit diplomatischen Vertretungen um den ganzen Erdball. Die Hauptstadt der Welt eben, caput mundi. Mit oder ohne Chaos, Dutzende Millionen Menschen werden weiterhin jedes Jahr nach Rom reisen.

Aarau, 20. Januar 2024

Sizilien, 29. Oktober – 14. November 2023

Surselva, 21. Oktober 2023

Bad Säckingen, 9. September 2023

Franche-Comté und Burgund, 5. bis 12. Juli 2023

Schaffhausen, 20. Mai 2023

Chambéry und Turin, 22. bis 30. April 2023

Neuchâtel (Neuenburg) und Môtiers, 18. Februar 2023

Glis, Brig und Raron, 17. September 2022

Bourges, Tours, Le Mans, Angers, Chartres, 3. – 11. September 2022

Zweisimmen und Blankenburg, 20. August 2022

Über die Alpen von Augsburg nach Trient, 9. – 17. Juli 2022

Einsiedeln und die Ufenau, 28. Mai 2022

Neapel und die Küste von Amalfi, 9. – 17. März 2023

Lausanne, 19. Februar 2022

Wettingen und Baden, 30. Oktober 2021

Rosinen der Renaissance in Italien, 2. – 9. Oktober 2021

Bulle und Gruyères, 18. September 2021

Gotische Kathedralen in der Champagne und der Picardie, 21. – 29. August 2021

Sommer in der Romandie, 3. – 10. Juli 2021

Tolstoi, Wagner und Nietzsche in Luzern, 12. Juni 2021

Genf – auf den Spuren von Calvin, Rousseau, und Dunant, 8. Mai 2021

Sion, 6. März 2021

Kulturreise Graubünden, 19.-25. Oktober 2020

Fribourg/Freiburg und Hauterive, 17. Oktober 2020

Was hat Bern im Jura verloren? Delémont, 15. August 2020

Kulturreise Tessin (Sopraceneri), 18.-23. Juli 2020

Burgdorf und Lützelflüh, 4. Juli 2020

Erasmus von Rotterdam in Basel, 20. Juni 2020

Ausflüge und Reisen in Zeiten des Virus, März 2020

Mailand, Pavia, Genua , 1.-8. Februar 2020

La Chaux-de-Fonds, 18. Januar 2020

Montbéliard, 7. Dezember 2019

Von Baku nach Bern auf dem Landweg, 20.-29. November 2019

Baku, Aserbaidschan, 13.-20. November 2019

Biel, Ligerz, Neuenburg, Dürrenmatt – 2. November 2019

Solothurn – 5. Oktober 2019

Avenches und Saint-Maurice – 7. September 2019

Brugg, Habsburg, Königsfelden – 3. August 2019

Besançon – 6. Juli 2019

Moudon, Ropraz, Jacques Chessex – 1. Juni 2019

Sursee, Buttisholz, Ruswil – 4. Mai 2019

Trachselwald – 6. April 2019

Stadtrundgang Bern – 2. März 2019

Tulpen und andere Blüten – anfangs Februar 2019