Reiseberichte

Hier gibt es Berichte von Ausflügen und Reisen, dazu einige subjektive Gedanken zum Thema Reisen.

Das Notierte dient als Erinnerungsstütze. Vielleicht finden auch Einzelreisende nützliche Informationen und Anregungen.

Wenn wir eine Reise oder einen Ausflug vorbereiten, treibt uns die Kombination von Nichtwissen und Neugier an. Wir bemühen uns um ein Verständnis der Orte, die wir besuchen, und der Menschen, die dort leben und gelebt haben.

Genf, 8. Mai 2021 – auf den Spuren von Calvin, Rousseau, und Dunant

Nach einer Woche mit intensiven Regenfällen verspricht der 8. Mai, ein sonniger und warmer Tag zu werden. Der heilige Petrus, angeblich für das Wetter verantwortlich, meint es wohl gut mit uns. Schliesslich fahren wir nach Genf. Und auf dem Wappen der Stadt ist nicht nur der Reichsadler zu sehen, sondern auch der Schlüssel des Apostels.

Das frische Grün der Bäume, das leuchtende Gelb der Rapsfelder und die Linienführung der Bahn aus den beginnenden 1860-er Jahren sorgen für eine beschauliche Fahrt in die Stadt im äussersten Südwesten der Schweiz, am Ausfluss der Rhone aus dem Genfersee.

Wir treffen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Bahnhofhalle. Dort empfiehlt sich ein Blick auf die Wandmalereien aus der Erbauungszeit, auf denen die Bahnnetze Europas und der Schweiz dargestellt sind. Auf der Karte Europas markiert eine Friedenstaube das Gebiet der Schweiz. Ein Hort des Friedens, dieses Land mit seiner Tradition des Söldnertums, mit seinen Zivilschutzbunkern, mit einer Militärjustiz, die noch vor wenigen Jahrzehnten die Militärdienstverweigerer zu unbedingten Gefängnisstrafen verurteilte?

Wie so oft hilft der historische Kontext zum Verständnis.

Der erste ernsthafte Versuch, den Krieg in völkerrechtlich verbindlicher Form abzuschaffen, ist der 1919 gegründete Völkerbund, la Société des Nations, the League of Nations. Vorgeschlagen hat die Gründung der Institution noch vor dem Ende des Ersten Weltkriegs der amerikanische Präsident Woodrow Wilson.

Der Beitritt der Vereinigten Staaten zum Völkerbund scheiterte dann allerdings am Widerstand des Kongresses. Der Friede scheiterte auch. Die Siegermächte gaben den Besiegten im Versailler Vertrag einseitig die Schuld am Weltkrieg und leisteten mit den Bedingungen, die sie den Besiegten auferlegten, ihren Beitrag zum Aufkommen des Nationalsozialismus und zum Weltkrieg Nummer zwei.

Sitz des Völkerbundes wurde Genf. Für den Völkerbund baute man das Palais des Nations, in dem sich heute der europäische Sitz der UNO befindet, und einen neuen Bahnhof, der 1929 eingeweiht und vor wenigen Jahren renoviert wurde.

Vom Bahnhof gehen wir wie die meisten Ankommenden auf der Rue du Mont-Blanc nach unten. Anders als die meisten Vorübergehenden beachten wir auf der linken Seite das Haus, in dem Fjodor Michailowitsch Dostojewski, begleitet von seiner jungen Frau, der Stenographin Anna Grigorjewna geborene Snitkina, auf der Flucht vor seinen Gläubigern ein Eckzimmer mietete und den Beginn des Romans Der Idiot schrieb.

Auf der im Übergangsbereich zwischen See und Fluss gelegenen Île Rousseau sprechen wir über den wohl bekanntesten Sohn der Stadt. Er liegt im Pariser Pantheon in einem Sarg mit der Aufschrift Ici repose l’homme de la nature et de la vérité. Auf der kleinen Insel ist er in schreibender Pose gegenwärtig, als imposantes Denkmal.

Das Denkmal von James Pradier aus dem Jahr 1835 betont in seiner Grösse die Autorität des Schriftstellers. Die Probleme, die Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) sich mit seinen Schriften eingebrockt hat, sieht man nicht.

Im typischen Lebenslauf eines Schriftstellers verflüchtigen sich die Schwierigkeiten, sobald er (oder sie, im Falle einer Autorin) genügend Bücher verkauft und bekannt wird. Anders bei Rousseau. Der 1761 veröffentlichte Briefroman Julie ou la Nouvelle Héloïse – inspiriert vom herzzerreissenden Briefwechsel von Abélard und Héloise aus dem 12. Jahrhundert – wird zwar zu einem der meistgelesenen Bücher des 18. Jahrhunderts. Der Erziehungsroman Émile (1762) hingegen und vor allem die politische Theorie Du contrat social ou Principes du droit politique (ebenfalls 1762) führen aber zu Verboten in Genf, in Bern (und damit im bernischen Waadtland), in Frankreich und sogar in den freiheitlichen Niederlanden, wo Rousseau einige seiner Bücher drucken lässt.

Rousseau vertritt in seinem Gesellschaftsvertrag die Meinung, dass die politische Souveränität beim Volk liegt und nicht bei den Fürsten, die sich auf das Gottesgnadentum berufen. Unakzeptabel ist für den Kleinen Rat der Genfer Republik Rousseaus undogmatische Behandlung religiöser Themen. Er wirft dem Autor Gotteslästerung vor und damit eine Verletzung des Genfer Bürgereids. Rousseau verzichtet deswegen 1763 öffentlich auf die Genfer Staatsbürgerschaft und lebt bis zu seinem Tod im Exil, fünfzehn Jahren lang, begleitet von der Angst, verhaftet und nach Genf ausgeliefert zu werden, ohne gesicherte Existenz, abhängig vom Wohlwollen von Gastgebern, geringgeschätzt von Voltaire und dessen Gefolgschaft, geplagt von Verfolgungsfantasien und Nierensteinen.

Kann der Mann, der vor 243 Jahren gestorben ist, heute noch etwas bedeuten? In Italien hat die Bürgerbewegung Movimento Cinque Stelle, die die bisherigen politischen Parteien ersetzen will, eine Internetplattform mit dem Namen Rousseau geschaffen, in der Bürger sich in den Gesetzgebungsprozess mit eigenen Redaktionsvorschlägen einbringen können. Sie beruft sich dabei auf Rousseau: Il popolo sottomesso alle leggi deve esserne l’autore – le peuple soumis aux lois doit en être l’auteur, sinngemäss übersetzt: das Volk, das nach Gesetzen lebt, soll diese auch selbst schaffen.

Das Geburtshaus von Rousseau Maison de Rousseau et de la littérature in der Nummer 40 der schmalen Grand-Rue, der Hauptachse der Altstadt auf dem Hügel, präsentiert seit Ende April im ersten Stockwerk eine neue Ausstellung, einen Parcours mit Informationen über den Autor. Mit Französischkenntnissen sehr lohnend. Der Eintritt ist bis Ende Juni gratis.

Einige Schritte weiter liegt das Altstadthaus Maison Tavel, heute Museum. Um sich die Stadt vorzustellen, in der Jean Calvin und Rousseau gelebt haben und in der Henry Dunant geboren wurde, hilft ein grosses Modell im Dachgeschoss, das die Altstadt vor dem Abriss der Stadtmauern darstellt.

Wenige Schritte weiter liegt das Rathaus im Stil der Renaissance.

Im Innenhof machen wir den Versuch einer Darstellung der Prädestinationslehre, die vom französischen Theologen Jean Calvin (1509-1564) gelehrt wird und im 16. Jahrhundert in Genf gilt, sich in anderen protestantischen Gebieten aber nicht durchsetzen kann. Calvin geht davon aus, dass Gott unbestechlich ist und das Verhalten der Menschen keinen Einfluss auf ihre Rettung oder Verdammnis hat. Heisst dies nun, dass wir Menschen ungehemmt sündigen können? Mitnichten. Aufgabe der Behörden ist es, über das gottgefällige Leben der Bürgerschaft zu wachen. In der Genfer Theokratie übernimmt diese Rolle das Konsistorium / le Consistoire, ein gemischtes Gremium aus Stadtbehörden und Pastoren.

Im calvinistischen Genf gelten strenge Regeln. Verboten ist das Fluchen, die Gotteslästerung, die Beleidigung der Obrigkeit und der Pastoren, das Singen unzüchtiger Lieder, sexuelle Aktivitäten ausserhalb der Ehe, Trunkenheit, Vagabundieren und Betteln, unnütze Zeitvergeudung, die Verführung anderer zum Nichtstun, Glücksspiel, Kartenspiel, Tanz, die Verehrung von Heiligenbildern und -figuren (Götzen) sowie übertriebene Zinsen. Nachzulesen beim Historiker Volker Reinhardt in seinem Buch Die Tyrannei der Tugend (2009).

Lesenswert sind auch die Texte Calvins, vor allem der kritische Text über die Reliquienverehrung und die Pilgerfahrten, die eine verbreitete Form des frühen Tourismus sind. Zu Calvins Zeiten gibt es über hundert Publikationen zu den Kirchen in Rom und anderswo samt Angaben zu ihren wundertätigen Reliquien.

In der Genfer Kathedrale Saint-Pierre, der lokalen Peterskirche, verehrt man vor der Reformation in einem kostbaren Kästchen das Hirn des Heiligen Petrus. Bei der Reformation schaut man nach, was drin ist. Es ist ein poröser Lavastein. Dies behauptet zumindest der Reformator in seinem Traité des reliques, mit dem vollen Titel Avertissement très utile du grand profit qui reviendrait à la chrétienté s’il se faisait inventaire de tous les corps saints et reliques qui sont tant en Italie qu’en France, Allemagne, Espagne et autres royaumes et pays (in Jean Calvin : Œuvres choisies).

Calvin will nach seinem Tod bescheiden an einem nicht gekennzeichneten Ort begraben werden. Er will verhindern, dass Leute an sein Grab pilgern. Jahrhunderte später wollen Besucherinnen und Besucher aber sein Grab sehen. Deswegen gibt es heute in Genf ein Grab Calvins. Aber es ist leer.

Erhalten sind seine Schriften und sein Stuhl, der steht in der Kathedrale. Einen sehr guten Einblick in die Reformation in Genf bietet das Musée international de la Réforme gleich neben der Kathedrale.

Nach einer Mittagspause widmen wir uns dem dritten Genfer, Henry Dunant (1828-1910), geboren an der Rue Verdaine 12, getauft als Jean-Henri. Der Schüler hat schlechte Noten, macht deswegen eine Lehre bei Geldwechslern und gründet 1856 die Société financière et industrielle des Moulins des Mons-Djémila in Algerien, das vor wenigen Jahrzehnten im Rahmen der französischen Kolonialkriege erobert worden war, wo der Widerstand gegen die Fremdherrschaft aber nicht aufgehört hat. Dunants Projekt kommt aber wegen der fehlenden Mitwirkung der lokalen Kolonialbehörden nicht vom Fleck. Dunant versucht deswegen, Kaiser Napoléon III persönlich zu sprechen. Darum befindet er sich im Juni 1859 in Oberitalien.

Um den Kaiser günstig zu stimmen, druckt der Banker J. Henry Dunant einen Monat vorher eine Huldigungsschrift mit dem Titel L’Empire de Charlemagne rétabli ou Le Saint-Empire Romain reconstitué par Sa Majesté l’Empereur Napoléon III , in der er auf 46 Seiten darlegt, dass Napoléon III der legitime Nachfolger der römischen Cäsaren sowie der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs sei sowie der Führer Europas und seiner Zeit. Man findet den Text digitalisiert im Internet. Die Anbiederung an reiche und mächtige Ausländer gehört wohl traditionell zum Erfolgsmodell Genfs als Stadt ohne Umland, die angewiesen ist auf Handel und Kontakte.

Dunant ist kein kritischer Denker, als er zufällig zum Schlachtfeld von Solferino kommt, auf dem etwa 4500 Tote und 22,000 Verletzte liegen. Seine 1862 veröffentlichte Schrift Un souvenir de Solférino, die er an wichtige Persönlichkeiten verschickt und gratis verteilt, erschüttert aber die Öffentlichkeit. Dunant schlägt vor, Hilfsgesellschaften zu gründen, die sich um Kriegsverletzte kümmern. 1863 wird das Rote Kreuz gegründet. Neben Dunant bilden zwei Ärzte,  der General Henri Dufour und der Jurist Gustave Moynier das erste Komitee. Ein Jahr später wird im Genfer Rathaus die Erste Genfer Konvention unterschrieben. Es ist der Beginn des Humanitären Völkerrechts, das sich weiterentwickelt bis heute. Anders als später beim Völkerbund oder bei der UNO geht es dabei nicht um die Verhinderung des Krieges, sondern um Regeln der Kriegführung, um das Verhalten in bewaffneten Konflikten. Verstösse gegen das Humanitäre Völkerrecht, also Kriegsverbrechen, gelten als besonders schwer und können auch international verfolgt werden.

Allerdings gibt es auch Rückschritte. Die USA anerkennen die internationale Gerichtsbarkeit bis heute nicht und üben Druck aus auf abhängige Staaten, damit sie die Auslieferung amerikanischer Kriegsverbrecher ausschliessen. Problematisch sind auch die extrajudicial killings mit Drohnen in Gebieten, die eigentlich nicht Kriegsgebiete sind.

Die fehlende Aufarbeitung des Irakkriegs (ab 2003) ist in doppelter Hinsicht ein betrübliches Kapitel. Da er vom UNO-Sicherheitsrat nicht gebilligt worden war, war er völkerrechtswidrig und illegal. An den Nürnberger Prozessen 1945-49 prägte man für solche Angriffskriege den Begriff Verbrechen gegen den Frieden. Diejenigen, die für die Hunderttausenden von Toten des Irakkriegs direkt oder indirekt verantwortlich sind, müssen leider kaum mit einer Strafe rechnen.

Betrüblich ist auch der Umgang mit Verletzungen des Humanitären Völkerrechts im Verlauf dieses Krieges. Im Gefängnis sitzen nicht die Schützen, die im Irak Zivilisten erschossen haben samt den Helfern, die den Verletzen zu Hilfe eilten. In einem Hochsicherheitsgefängnis eingesperrt sitzt der Gründer von WikiLeaks, der Plattform, die  entsprechende Videos und andere Hinweise auf Kriegsverbrechen veröffentlicht hat. Wie der alte Rousseau befürchtet er eine Auslieferung. In diesem Zusammenhang empfohlen ist das Buch des UNO-Sonderberichterstatters für Folter Nils Melzer: Der Fall Julian Assange (2021).

Zurück zu Dunant. Als Banker und Geschäftsmann ist er für die Genfer eine Enttäuschung. Er muss Konkurs anmelden, verlässt Genf, wird aus dem Rotkreuz-Komitee ausgeschlossen und wegen betrügerischem Konkurs verurteilt. Napoleon III ist bereit, die Hälfte seiner Schulden zu übernehmen, wenn seine Genfer Freunde dasselbe tun. Aber die Schande des Konkurses wiegt schwer. Dunant hat in Genf keine Freunde mehr. Er bleibt ein engagierter Mensch, lebt in Paris, Stuttgart, Rom, Korfu, Basel und Karlsruhe, vegetiert in Armut und Vergessenheit, lebt von der Unterstützung einiger Sympathisanten. 1895 wird der Gründer des Rotes Kreuzes in einem Appenzeller Dorf von einem Journalisten wiederentdeckt, 1901 erhält er den ersten Friedensnobelpreis. Dunant hat die letzten 43 Jahre seines Lebens verbracht, ohne je nach Genf zurückzukehren.

Zusammen begeben wir uns an diesem 8. Mai an die Ecke zwischen der Rampe de la Treille und Rue de la Tertasse, die noch halbwegs zur Place Neuve gehört. Hier steht seit 1980 die Büste von Henri Dunant just an dem Ort, in der bis 1862 mit der Guillotine die Todesstrafe vollzogen wurde.

Unten an der Rampe de la Treille stand früher die Porte Neuve der Stadtbefestigung. Am 12. Dezember 1602, als eine savoyische Streitmacht im Schutz der Dunkelheit mit Leitern die Stadtmauern erkletterte, um dem calvinistischen Experiment ein blutiges Ende zu bereiten, durchschnitt ein mutiger Verteidiger Genfs das Seil, das den Gitterrost der Porte Neuve offenhielt, so dass der kleine Teil der Angreifer, der schon in der Stadt war, abgeschnitten wurde vom grossen Teil der savoyischen Streitmacht, die sich noch ausserhalb der Mauern befand. Bis heute feiert Genf jedes Jahr an der Fête de l’Escalade den Sieg über die Angreifer, und das damals entstandene Lied Cé qu’è lainô in franko-provenzalischer (arpitanischer) Sprache ist bis heute die Hymne der Republik. Die Genfer singen, dass Gott ihr patron ist. Vielleicht hat er sich also doch von ihrem gottgefälligen Leben beeinflussen lassen?

An diesem 8. Mai, Journée mondiale de la Croix-Rouge et du Croissant-Rouge, sind nicht nur der Pont du Mont-Blanc und die öffentlichen Verkehrsmittel mit Rotkreuz-Symbolik dekoriert, sondern auch die Reiterstatue des Mitbegründers des Roten Kreuzes, General Henri Dufour, auf der Place Neuve. Das korrekte Verhalten seiner Truppen im Sonderbundskrieg von 1847 ist mit ein Grund dafür, dass es in der Schweiz keine weiteren Bürgerkriege mehr gibt.

Ein grösseres Denkmal als für den General baut die Stadt, die gerne reiche Ausländer umwirbt, für den Herzog Karl II von Braunschweig (1804-1873). Der Mann, an der Macht von 1823 bis 1830, verspielt das Vertrauen der Bevölkerung schnell und wird von seinem eigenen Volk entmachtet und vertrieben. Vor seinem Tod vermacht er sein grosses Vermögen der Stadt Genf, die ihm dafür in prominentester Lage am Quai du Mont-Blanc das Monument Brunswick errichtet, einen Denkmalmalkomplex nach dem Modell der Grabmäler für die mittelalterliche Herrscherfamilie Della Scala in Verona. Diesen Ort besuchten wir auf unserem Rundgang nicht. Dafür das 1909 bis 1917 erbaute Reformationsdenkmal am Rand des Parc des Bastions, in dem die Genfer Bevölkerung bei diesem Wetter die Freizeit geniesst.

Über den streng blickenden Reformatoren steht in grossen Lettern das Motto der Stadt Genf eingemeisselt: POST TENEBRAS LUX, nach der Dunkelheit das Licht.

Darauf wollen wir weiterhin hoffen.

Sion, 6. März 2021

Zehn Wanderungen in Zeiten der Pandemie – November 2020 bis Februar 2021

Wenn das Reisen in Gruppen verboten ist, bleibt als Ausweg das Gehen allein oder zu zweit in der näheren Umgebung. Ein Bericht über zehn Wanderungen durch schweizerische Kultur- und Naturlandschaften, meist abseits der bekannten Wanderrouten. Sieben Wanderungen führen geradeaus nach Osten, drei nach Westen. Eine Wegbeschreibung finden Sie hier

Kulturreise Graubünden, 19.-25. Oktober 2020

«Wir sind doch keine Verbrecher», antwortet der Kellner, als eine Teilnehmerin die Kosten für die Karaffe Leitungswasser übernehmen will im Restaurant des Hotels Astras in Scuol. Die Karaffe kommt hier gratis auf den Tisch.

Die Aussage des Kellners ist keineswegs repräsentativ für die Gaststätten des Kantons, im Gegenteil. Die Hotels, die Restaurants, die Menschen sind unterschiedlich im kontrastreichen Bündnerland.

Unser Kontrastprogramm beginnt an einem Montag, wenn andere Menschen ihre Arbeitswoche beginnen.

Ein wolkenloser Himmel zeigt sich, als der Zug bei Maienfeld den Rhein überquert – wir sind in Graubünden. Etwas später, an der kleinen Bahnstation von Cazis, treffen wir die letzten Mitglieder unserer Reisegruppe. Zu Fuss erreichen wir in wenigen Minuten das Kloster der Dominikanerinnen. Nach dem Bezug der Zimmer treffen wir uns in der romanischen Wendelinkapelle oberhalb des Klosters, stellen die Mitglieder der Gruppe vor und geben einen kurzen Überblick über den grössten Kanton der Schweiz, der seit 1803 zu Helvetien gehört und als einziger Kanton drei Amtssprachen hat. Befinden wir uns im Musterland der kulturellen Diversität?

Für unsere Reise haben wir das Ende der touristischen Sommersaison gewählt. Die Kirche von Zillis, das Segantini-Museum in St. Moritz und das Nietzsche-Haus in Sils Maria werden noch in der gleichen Woche geschlossen. Ein Postauto fährt erst im Juni 2021 wieder über den Flüelapass.

Nach dem Bezug unserer Zimmer im Kloster eine kurze Fahrt nach Thusis, Ausgangspunkt der Alpenstrasse durch die Viamala und über den Splügen nach Chiavenna. Diese war vor dem Bau der Eisenbahnen und Autobahnen eine der kürzesten und wichtigsten Verbindungswege vom Norden nach Süden.

In Thusis verteilen wir uns auf der Suche nach Verpflegung, wagen auch einen Blick in den historischen Dorfkern und finden uns dann im Postauto nach Zillis wieder.

In der Kirche Sankt Martin betrachten wir die fast vollständig erhaltene Bilderdecke aus der Zeit kurz nach dem Jahr 1114 mit ihren Szenen aus dem Leben Jesu und des Heiligen Martin von Tours.

Diese irdischen Szenen sind umrahmt von phantasievollen Bildern eines Meeres, das von Seepferden, Seehunden, Seelöwen, Seewölfen, Seefüchsen, Seebären, Seekamelen, Seeteufeln, Nixen und vielen anderen fantastischen Wesen bevölkert ist. Nach der Besichtigung wärmt uns die Sonne des Nachmittags auf der Sitzbank neben der Kirche. Keine Selbstverständlichkeit, denn in den Wochen vor unserer Reise war das Wetter ungewöhnlich kühl.

Später geniessen wir ein frühes und einfaches Abendessen im Kloster Cazis. Die Teilnehmerin Madelon Laib hat Backformen geerbt aus der Zeit der Renovation der Zilliser Bilderdecke (1938-40). Ein anishaltiges Gebäck mit dem Abdruck eines schrecklichen Seeungeheuers ist die köstliche Überraschung für uns alle, bevor wir uns schlafen legen.

Der Dienstag beginnt bei weiterhin sonnigem Wetter mit einer Bahnfahrt von Thusis nach St. Moritz. Die rote Bahn auf der schmalspurigen Albulalinie passt in die Landschaft mit ihren tiefen  Schluchten, hohen Bergen und gelb leuchtenden Lärchenwäldern. Die Albulabahn gehört zusammen mit der Linie über den Berninapass zu den Bahnen, die von der UNESCO als Weltkulturgut betrachtet werden (die anderen Linien sind die Semmeringbahn in Österreich und die Strecke nach Darjeeling in Indien).

Die Albula- und die Berninalinie der Rhätischen Bahn unterscheiden sich durch ihre maximale Neigung. Auf der Albulalinie, die noch für den Betrieb mit Dampflokomotiven gebaut wurde, beträgt sie 35 Promille, auf der Berninalinie das doppelte, nämlich 70 Promille. Die geringe Steigung der Albulalinie erklärt auch die Verlängerung der Strecke durch allerlei spektakuläre Kunstbauten, besonders oberhalb des Dorfes Bergün, an dem wir leider vorbeirollen wie an vielen anderen Sehenswürdigkeiten. Obschon wir langsam unterwegs sind, halten wir nicht überall an und sehen auf dieser Reise nur einen kleinen Teil der Sehenswürdigkeiten des vielfältigen Kantons.

In St. Moritz gelangen wir auf der Rolltreppe ins Ortszentrum und beziehen Zimmer im Hotel Hauser. Nach einem Mittagessen stellen wir das Leben des Malers Giovanni Segantini (1858-1899) vor, der als Kind tagelang in einem Zimmer eingesperrt war, weil niemand Zeit hatte, sich um ihn zu kümmern, und der als Erwachsener leidenschaftlich gerne in der freien Natur malte. Wir spazieren zum 1908 eröffneten Museum, das dem Werk des Malers gewidmet ist.

Durch das Auftragen von reinen Farben versuchte Segantini, in seinen Bildern die Intensität des Lichts wiederzugeben. Der Stil wird als «Divisionismus» bezeichnet, im monumentalen Triptychon La vita – La natura – La morte (oder «Werden, Sein, Vergehen») ist er gut erkennbar.

Am Abend eine weitere Überraschung: Gaudenz Meili, ein Teilnehmer, war Dokumentarfilmer, bevor er sich in der Toskana dem Anbau von Wein und Oliven widmete. Wir sehen uns im Raum neben der Reception seinen Film über Giovanni Segantini aus dem Jahr 1990 an.

Am Mittwoch fahren wir nach einem guten Frühstück mit dem Bus nach Sils Maria. Der Himmel ist leicht dunstig, aber die Sonne scheint. Wir sprechen über den Philosophen Friedrich Nietzsche. Unser Plan ist, zu spazieren und unterwegs zu halten, dabei über Nietzsche zu sprechen und so die Halbinsel Chasté am Silsersee zu erreichen. Nietzsche selbst dachte und philosophierte ja gerne im Gehen an der frischen Luft – eine gute Gewohnheit, besonders in Zeiten der Corona-Pandemie.

Über der Ebene neben dem See bläst uns aber ein kräftiger, kalter und abweisender Malojawind ins Gesicht, der uns einen Strich durch die Rechnung macht. Die Hälfte der Gruppe gibt auf, kehrt um, lässt sich dafür in Wolldecken eingewickelt von einer Kutsche ins Fextal fahren. Die anderen schaffen es bis zur Spitze der Halbinsel und geniessen den Blick auf den aufgewühlten Silsersee.

Später treffen wir uns wieder in Sils Maria und setzen die Vorstellung des Philosophen fort, der gerne Fragen stellte und darauf verzichtete, ein philosophisches System aufzubauen. Bedauerlicherweise hatte Nietzsche eine Schwester, die seine Schriften nicht nur im Sinne des Nationalsozialismus interpretierte, sondern auch fälschte, und die Adolf Hitler Nietzsches Spazierstock vermachte. Der Spazierstock verschwand, dafür steht im Garten des Nietzsche-Hauses ein überdimensionaler Spazierstock als Kunstwerk. Die Ausstellung im Haus besuchen wir mit Interesse und bemerken auch, dass die seltsame Bettdecke in Nietzsches Studierzimmer ein Kunstwerk des Künstlers Not Vital ist.

Eine Teilnehmerin weiss, wo in St. Moritz man gut isst, und so spazieren wir am Abend ins Restaurant Veltlinerkeller und später gut genährt und gut gelaunt zurück.

Am Donnerstag nehmen wir uns Zeit, verlassen das Hotel Hauser erst nach 10 Uhr, gehen zum Bahnhof, nehmen den Zug nach Zernez und rollen unsere Rollkoffer zum nahen Hotel. Die Zimmer sind auch hier bald bereit, es bleibt Zeit für individuelle Spaziergänge im Dorf und für ein Mittagessen. Am Nachmittag fahren wir dann mit dem Zug nach Scuol – schon unterwegs ist das Schloss Tarasp zu erkennen – und mit dem Postauto nach Tarasp Fontana.

Von dort führt ein steiler Weg zum Schloss, das nur im Rahmen einer offiziellen Führung zu besichtigen ist. Die Sonne scheint an diesem Tag, und es ist fast sommerlich heiss, als wir uns der zweiten Führung des Nachmittags anschliessen. Faszinierend ist nicht nur die dominierende Lage des Schlosses über dem Tal und das Resultat der luxuriösen Umgestaltung (1900-1916) durch den früheren Besitzer Karl August Lingner, sondern auch die Bereicherung des Schlosses und seiner Umgebung durch Kunstwerke des gegenwärtigen Besitzers Not Vital und mit ihm befreundeter Künstler.

Nach der Besichtigung fährt ein Teil der Gruppe mit dem Postauto zurück nach Scuol und findet dort ein Restaurant, die anderen machen den Weg zu Fuss, entdecken im Vorbeigehen staunend den alten Dorfkern von Scuol und kommen rechtszeitig zum Abendessen.

Der Freitag beginnt in Zernez trüb und nass. Wir stehen auf, frühstücken und fahren mit dem Postauto von Susch über den Flüelapass nach Davos. Wir geniessen den Blick auf die auch bei Nässe farbigen Herbstwälder, auf baumlose Hochebenen und auf den nassen Neuschnee, der etwas betrübt auf den Hängen neben der Passhöhe liegt. In Davos fahren wir mit dem Ortsbus zum Hotel Edelweiss.

Wir lassen uns in der Bibliothek des Hotels in die angenehmen Sitze fallen und erinnern an die Pioniere aus der Gründerzeit des Kurtourismus Alexander Spengler (1827-1901) und Willem Jan Holsboer (1934-1898) und an die Spuren, die Davos in der Literatur hinterlassen hat. Wir fassen die ersten Kapitel von Thomas Mann «Zauberberg» zusammen, zeigen das Bild des formschönen Spucknapfs, den die Kranken auf ihren Spaziergängen mit sich führten und «Blauen Heinrich» nannten, lesen auch eine Stelle aus Max Frischs Roman «Stiller», die den Aufenthalt der tuberkulosekranken Julika in Davos schildert. Kurz vor Mittag beziehen wir die Zimmer. Auf dem Balkon stehen Liegestühle mit Wolldecken, die an die Zeit der Liegekuren erinnern.

Zur Mittagszeit fahren wir dann mit der Drahtseilbahn auf die Schatzalp, wo das bekannte Jugendstil-Sanatorium steht. Der Betrieb ist schon geschlossen, Handwerker sind im Gebäude beschäftigt. Die mürrische Dame am Empfang verbietet uns schroff einen Blick ins Innere. Zur Kompensation ein Bild, aufgenommen zu einem früheren Zeitpunkt.

Der deutsche Maler Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Mitbegründer der expressionistischen Künstlergruppe «Die Brücke» kommt 1917 zur Kur nach Davos. Er ist nikotinsüchtig, alkoholsüchtig, morphiumsüchtig, süchtig nach Schlaftabletten (Veronal), möglicherweise hat er auch Syphilis. Weiter leidet er psychisch nach seinen Erfahrungen im Krieg und befürchtet, wieder an die Front geschickt zu werden. Einer der ihn behandelnden Ärzte ist Lucius Spengler (1858-1923), Sohn des Alexander. Für die Geschichte von Davos ebenfalls bedeutend ist Carl Spengler (1860-1937), Chirurg, Bakteriologe, Sportler, Stifter des Spengler Cups.

Kirchner befand sich in Davos also nicht auf dem Höhepunkt seines Lebens, sondern in einem Tief, von dem er sich wohl nie ganz erholte, denn schliesslich endete sein Leben mit einem Selbstmord.

Ein Besuch des Kirchner-Museums lohnt sich. Es sind nicht viele Gemälde ausgestellt, weil das Augenmerk der Ausstellung, die wir sehen, auf den Skizzenbüchern liegt und auf dem Bemühen Kirchners, Bewegung zeichnerisch zu erfassen. Allerdings, wie freiwillig lebte Kirchner in Davos, wie sehr fühlte er sich gezwungen, anfangs wegen seinem Gesundheitszustand, später wegen der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die seine Werke als «entartete Kunst» ablehnten? Wie schwermütig sind die Malereien aus Davos verglichen mit den Bildern der Badenden an den Moritzburger Seen und auf Fehmarn? Oder ist dies mein Gefühl, weil es in Davos regnet?

Davos verabschiedet sich von uns am Samstag so regnerisch, wie es uns am Freitag empfangen hat, aber die Fahrt nach Filisur und weiter über Tiefencastel und Thusis nach Chur ist trotzdem nochmals ein ästhetischer Genuss. Wir fahren gleich zur Haltestelle Chur Altstadt weiter, gehen ein paar Schritte und lassen unser Gepäck im Hotel zur Rebleuten, also im Zunfthaus einer der fünf Zünfte, die früher die Stadt regierten. Nach kurzer Zeit zeigt sich die Sonne, und wir unterbrechen unseren Stadtrundgang im Café des Kunsthauses nur, um draussen an der frischen und doch angenehmen Luft eine empfehlenswerte Kürbissuppe zu löffeln oder Salate zu verzehren.

Wir sehen während unserem Rundgang den Arcas-Platz, das Obertor, das Fontana-Denkmal, das den heroischen Bündner Krieger im Kampf gegen die Habsburger zeigt, und das alte Gebäu, das an der Stelle steht, wo die Gaststätte «zum staubigen Hüetli» stand, in dem der wohl bekannteste Bündner Held, Jürg Jenatsch, während der Fasnacht 1639 von maskierten Tätern ermordet wurde. Weiter sehen wir den Postplatz, den Platz vor dem Regierungsgebäude mit dem Vazeroldenkmal, das städtische Rathaus, die Reichsgasse, die Martinskirche mit den Glasfenstern von Augusto Giacometti, das Bärenloch, den bischöflichen Hof und die Kathedrale.

Kunstmuseum und Kathedrale sind zwei Höhepunkte unserer Reise. Für den Besuch des Bündner Kunstmuseums Chur räumen wir der Gruppe genügend Zeit ein.

Ganz unbeschwert war unsere Reise nicht angesichts der steigenden Corona-Fallzahlen. Als Reiseleiter befürchteten wir Krankheitsfälle in der Gruppe, Absagen, die Schliessung von Sehenswürdigkeiten oder Hotels und behördliche Massnahmen, die uns hätten zwingen können, die Reise abzubrechen. An dem Tag, als wir in Chur das Kunsthaus besuchten, mussten die Museen in Bern geschlossen bleiben. Am Tag nach unserer Abreise von Chur verschüttete ausserdem ein Felssturz die Bahnlinie zwischen Tiefencastel und Thusis. Auch in der wohlgeordneten Schweiz können wir uns glücklich schätzen, dass wir unsere Reise wie geplant durchführen konnten.

Bevor wir diesen Bericht beenden, müssen wir die Bündner Kochkultur erwähnen. Den Abend vor unserer Abreise verbrachten wir in der Veltliner Weinstube im Hotel Stern bei einem ausgezeichneten Essen mit ausgezeichnetem Wein. Pizzoccheri, Capuns und Maluns sind für uns keine Fremdwörter mehr.

Ohne Einschränkung empfehlen können wir die Hotels Hauser in St. Moritz und Edelweiss in Davos sowie die Restaurants Veltlinerkeller in St. Moritz, Astras in Scuol sowie die Veltliner Weinstube in Chur. Sehr freundlich war auch der Empfang im Kloster Cazis – eine Empfehlung an zukünftige Gäste: die eigene Seife mitbringen.

Am Sonntagmorgen nach dem Frühstück ein kurzer Spaziergang in der Altstadt bei sonnigem Wetter, dann die Rückreise mit einem Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit und mit einer sehr angenehmen Erinnerung an die sechs sympathischen und aufgeschlossenen Menschen, die uns auf dieser Reise begleitet haben.