Reiseberichte

Hier gibt es Berichte von Ausflügen und Reisen, dazu einige subjektive Gedanken zum Thema Reisen.

Das Notierte dient als Erinnerungsstütze. Vielleicht finden auch Einzelreisende nützliche Informationen und Anregungen.

Wenn wir eine Reise oder einen Ausflug vorbereiten, treibt uns die Kombination von Nichtwissen und Neugier an. Wir bemühen uns um ein Verständnis der Orte, die wir besuchen, und der Menschen, die dort leben und gelebt haben.

Kulturreise Graubünden, 19.-25. Oktober 2020

«Wir sind doch keine Verbrecher», antwortet der Kellner, als eine Teilnehmerin die Kosten für die Karaffe Leitungswasser übernehmen will im Restaurant des Hotels Astras in Scuol. Die Karaffe kommt hier gratis auf den Tisch.

Die Aussage des Kellners ist keineswegs repräsentativ für die Gaststätten des Kantons, im Gegenteil. Die Hotels, die Restaurants, die Menschen sind unterschiedlich im kontrastreichen Bündnerland.

Unser Kontrastprogramm beginnt an einem Montag, wenn andere Menschen ihre Arbeitswoche beginnen.

Ein wolkenloser Himmel zeigt sich, als der Zug bei Maienfeld den Rhein überquert – wir sind in Graubünden. Etwas später, an der kleinen Bahnstation von Cazis, treffen wir die letzten Mitglieder unserer Reisegruppe. Zu Fuss erreichen wir in wenigen Minuten das Kloster der Dominikanerinnen. Nach dem Bezug der Zimmer treffen wir uns in der romanischen Wendelinkapelle oberhalb des Klosters, stellen die Mitglieder der Gruppe vor und geben einen kurzen Überblick über den grössten Kanton der Schweiz, der seit 1803 zu Helvetien gehört und als einziger Kanton drei Amtssprachen hat. Befinden wir uns im Musterland der kulturellen Diversität?

Für unsere Reise haben wir das Ende der touristischen Sommersaison gewählt. Die Kirche von Zillis, das Segantini-Museum in St. Moritz und das Nietzsche-Haus in Sils Maria werden noch in der gleichen Woche geschlossen. Ein Postauto fährt erst im Juni 2021 wieder über den Flüelapass.

Nach dem Bezug unserer Zimmer im Kloster eine kurze Fahrt nach Thusis, Ausgangspunkt der Alpenstrasse durch die Viamala und über den Splügen nach Chiavenna. Diese war vor dem Bau der Eisenbahnen und Autobahnen eine der kürzesten und wichtigsten Verbindungswege vom Norden nach Süden.

In Thusis verteilen wir uns auf der Suche nach Verpflegung, wagen auch einen Blick in den historischen Dorfkern und finden uns dann im Postauto nach Zillis wieder.

In der Kirche Sankt Martin betrachten wir die fast vollständig erhaltene Bilderdecke aus der Zeit kurz nach dem Jahr 1114 mit ihren Szenen aus dem Leben Jesu und des Heiligen Martin von Tours.

Diese irdischen Szenen sind umrahmt von phantasievollen Bildern eines Meeres, das von Seepferden, Seehunden, Seelöwen, Seewölfen, Seefüchsen, Seebären, Seekamelen, Seeteufeln, Nixen und vielen anderen fantastischen Wesen bevölkert ist. Nach der Besichtigung wärmt uns die Sonne des Nachmittags auf der Sitzbank neben der Kirche. Keine Selbstverständlichkeit, denn in den Wochen vor unserer Reise war das Wetter ungewöhnlich kühl.

Später geniessen wir ein frühes und einfaches Abendessen im Kloster Cazis. Die Teilnehmerin Madelon Laib hat Backformen geerbt aus der Zeit der Renovation der Zilliser Bilderdecke (1938-40). Ein anishaltiges Gebäck mit dem Abdruck eines schrecklichen Seeungeheuers ist die köstliche Überraschung für uns alle, bevor wir uns schlafen legen.

Der Dienstag beginnt bei weiterhin sonnigem Wetter mit einer Bahnfahrt von Thusis nach St. Moritz. Die rote Bahn auf der schmalspurigen Albulalinie passt in die Landschaft mit ihren tiefen  Schluchten, hohen Bergen und gelb leuchtenden Lärchenwäldern. Die Albulabahn gehört zusammen mit der Linie über den Berninapass zu den Bahnen, die von der UNESCO als Weltkulturgut betrachtet werden (die anderen Linien sind die Semmeringbahn in Österreich und die Strecke nach Darjeeling in Indien).

Die Albula- und die Berninalinie der Rhätischen Bahn unterscheiden sich durch ihre maximale Neigung. Auf der Albulalinie, die noch für den Betrieb mit Dampflokomotiven gebaut wurde, beträgt sie 35 Promille, auf der Berninalinie das doppelte, nämlich 70 Promille. Die geringe Steigung der Albulalinie erklärt auch die Verlängerung der Strecke durch allerlei spektakuläre Kunstbauten, besonders oberhalb des Dorfes Bergün, an dem wir leider vorbeirollen wie an vielen anderen Sehenswürdigkeiten. Obschon wir langsam unterwegs sind, halten wir nicht überall an und sehen auf dieser Reise nur einen kleinen Teil der Sehenswürdigkeiten des vielfältigen Kantons.

In St. Moritz gelangen wir auf der Rolltreppe ins Ortszentrum und beziehen Zimmer im Hotel Hauser. Nach einem Mittagessen stellen wir das Leben des Malers Giovanni Segantini (1858-1899) vor, der als Kind tagelang in einem Zimmer eingesperrt war, weil niemand Zeit hatte, sich um ihn zu kümmern, und der als Erwachsener leidenschaftlich gerne in der freien Natur malte. Wir spazieren zum 1908 eröffneten Museum, das dem Werk des Malers gewidmet ist.

Durch das Auftragen von reinen Farben versuchte Segantini, in seinen Bildern die Intensität des Lichts wiederzugeben. Der Stil wird als «Divisionismus» bezeichnet, im monumentalen Triptychon La vita – La natura – La morte (oder «Werden, Sein, Vergehen») ist er gut erkennbar.

Am Abend eine weitere Überraschung: Gaudenz Meili, ein Teilnehmer, war Dokumentarfilmer, bevor er sich in der Toskana dem Anbau von Wein und Oliven widmete. Wir sehen uns im Raum neben der Reception seinen Film über Giovanni Segantini aus dem Jahr 1990 an.

Am Mittwoch fahren wir nach einem guten Frühstück mit dem Bus nach Sils Maria. Der Himmel ist leicht dunstig, aber die Sonne scheint. Wir sprechen über den Philosophen Friedrich Nietzsche. Unser Plan ist, zu spazieren und unterwegs zu halten, dabei über Nietzsche zu sprechen und so die Halbinsel Chasté am Silsersee zu erreichen. Nietzsche selbst dachte und philosophierte ja gerne im Gehen an der frischen Luft – eine gute Gewohnheit, besonders in Zeiten der Corona-Pandemie.

Über der Ebene neben dem See bläst uns aber ein kräftiger, kalter und abweisender Malojawind ins Gesicht, der uns einen Strich durch die Rechnung macht. Die Hälfte der Gruppe gibt auf, kehrt um, lässt sich dafür in Wolldecken eingewickelt von einer Kutsche ins Fextal fahren. Die anderen schaffen es bis zur Spitze der Halbinsel und geniessen den Blick auf den aufgewühlten Silsersee.

Später treffen wir uns wieder in Sils Maria und setzen die Vorstellung des Philosophen fort, der gerne Fragen stellte und darauf verzichtete, ein philosophisches System aufzubauen. Bedauerlicherweise hatte Nietzsche eine Schwester, die seine Schriften nicht nur im Sinne des Nationalsozialismus interpretierte, sondern auch fälschte, und die Adolf Hitler Nietzsches Spazierstock vermachte. Der Spazierstock verschwand, dafür steht im Garten des Nietzsche-Hauses ein überdimensionaler Spazierstock als Kunstwerk. Die Ausstellung im Haus besuchen wir mit Interesse und bemerken auch, dass die seltsame Bettdecke in Nietzsches Studierzimmer ein Kunstwerk des Künstlers Not Vital ist.

Eine Teilnehmerin weiss, wo in St. Moritz man gut isst, und so spazieren wir am Abend ins Restaurant Veltlinerkeller und später gut genährt und gut gelaunt zurück.

Am Donnerstag nehmen wir uns Zeit, verlassen das Hotel Hauser erst nach 10 Uhr, gehen zum Bahnhof, nehmen den Zug nach Zernez und rollen unsere Rollkoffer zum nahen Hotel. Die Zimmer sind auch hier bald bereit, es bleibt Zeit für individuelle Spaziergänge im Dorf und für ein Mittagessen. Am Nachmittag fahren wir dann mit dem Zug nach Scuol – schon unterwegs ist das Schloss Tarasp zu erkennen – und mit dem Postauto nach Tarasp Fontana.

Von dort führt ein steiler Weg zum Schloss, das nur im Rahmen einer offiziellen Führung zu besichtigen ist. Die Sonne scheint an diesem Tag, und es ist fast sommerlich heiss, als wir uns der zweiten Führung des Nachmittags anschliessen. Faszinierend ist nicht nur die dominierende Lage des Schlosses über dem Tal und das Resultat der luxuriösen Umgestaltung (1900-1916) durch den früheren Besitzer Karl August Lingner, sondern auch die Bereicherung des Schlosses und seiner Umgebung durch Kunstwerke des gegenwärtigen Besitzers Not Vital und mit ihm befreundeter Künstler.

Nach der Besichtigung fährt ein Teil der Gruppe mit dem Postauto zurück nach Scuol und findet dort ein Restaurant, die anderen machen den Weg zu Fuss, entdecken im Vorbeigehen staunend den alten Dorfkern von Scuol und kommen rechtszeitig zum Abendessen.

Der Freitag beginnt in Zernez trüb und nass. Wir stehen auf, frühstücken und fahren mit dem Postauto von Susch über den Flüelapass nach Davos. Wir geniessen den Blick auf die auch bei Nässe farbigen Herbstwälder, auf baumlose Hochebenen und auf den nassen Neuschnee, der etwas betrübt auf den Hängen neben der Passhöhe liegt. In Davos fahren wir mit dem Ortsbus zum Hotel Edelweiss.

Wir lassen uns in der Bibliothek des Hotels in die angenehmen Sitze fallen und erinnern an die Pioniere aus der Gründerzeit des Kurtourismus Alexander Spengler (1827-1901) und Willem Jan Holsboer (1934-1898) und an die Spuren, die Davos in der Literatur hinterlassen hat. Wir fassen die ersten Kapitel von Thomas Mann «Zauberberg» zusammen, zeigen das Bild des formschönen Spucknapfs, den die Kranken auf ihren Spaziergängen mit sich führten und «Blauen Heinrich» nannten, lesen auch eine Stelle aus Max Frischs Roman «Stiller», die den Aufenthalt der tuberkulosekranken Julika in Davos schildert. Kurz vor Mittag beziehen wir die Zimmer. Auf dem Balkon stehen Liegestühle mit Wolldecken, die an die Zeit der Liegekuren erinnern.

Zur Mittagszeit fahren wir dann mit der Drahtseilbahn auf die Schatzalp, wo das bekannte Jugendstil-Sanatorium steht. Der Betrieb ist schon geschlossen, Handwerker sind im Gebäude beschäftigt. Die mürrische Dame am Empfang verbietet uns schroff einen Blick ins Innere. Zur Kompensation ein Bild, aufgenommen zu einem früheren Zeitpunkt.

Der deutsche Maler Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Mitbegründer der expressionistischen Künstlergruppe «Die Brücke» kommt 1917 zur Kur nach Davos. Er ist nikotinsüchtig, alkoholsüchtig, morphiumsüchtig, süchtig nach Schlaftabletten (Veronal), möglicherweise hat er auch Syphilis. Weiter leidet er psychisch nach seinen Erfahrungen im Krieg und befürchtet, wieder an die Front geschickt zu werden. Einer der ihn behandelnden Ärzte ist Lucius Spengler (1858-1923), Sohn des Alexander. Für die Geschichte von Davos ebenfalls bedeutend ist Carl Spengler (1860-1937), Chirurg, Bakteriologe, Sportler, Stifter des Spengler Cups.

Kirchner befand sich in Davos also nicht auf dem Höhepunkt seines Lebens, sondern in einem Tief, von dem er sich wohl nie ganz erholte, denn schliesslich endete sein Leben mit einem Selbstmord.

Ein Besuch des Kirchner-Museums lohnt sich. Es sind nicht viele Gemälde ausgestellt, weil das Augenmerk der Ausstellung, die wir sehen, auf den Skizzenbüchern liegt und auf dem Bemühen Kirchners, Bewegung zeichnerisch zu erfassen. Allerdings, wie freiwillig lebte Kirchner in Davos, wie sehr fühlte er sich gezwungen, anfangs wegen seinem Gesundheitszustand, später wegen der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die seine Werke als «entartete Kunst» ablehnten? Wie schwermütig sind die Malereien aus Davos verglichen mit den Bildern der Badenden an den Moritzburger Seen und auf Fehmarn? Oder ist dies mein Gefühl, weil es in Davos regnet?

Davos verabschiedet sich von uns am Samstag so regnerisch, wie es uns am Freitag empfangen hat, aber die Fahrt nach Filisur und weiter über Tiefencastel und Thusis nach Chur ist trotzdem nochmals ein ästhetischer Genuss. Wir fahren gleich zur Haltestelle Chur Altstadt weiter, gehen ein paar Schritte und lassen unser Gepäck im Hotel zur Rebleuten, also im Zunfthaus einer der fünf Zünfte, die früher die Stadt regierten. Nach kurzer Zeit zeigt sich die Sonne, und wir unterbrechen unseren Stadtrundgang im Café des Kunsthauses nur, um draussen an der frischen und doch angenehmen Luft eine empfehlenswerte Kürbissuppe zu löffeln oder Salate zu verzehren.

Wir sehen während unserem Rundgang den Arcas-Platz, das Obertor, das Fontana-Denkmal, das den heroischen Bündner Krieger im Kampf gegen die Habsburger zeigt, und das alte Gebäu, das an der Stelle steht, wo die Gaststätte «zum staubigen Hüetli» stand, in dem der wohl bekannteste Bündner Held, Jürg Jenatsch, während der Fasnacht 1639 von maskierten Tätern ermordet wurde. Weiter sehen wir den Postplatz, den Platz vor dem Regierungsgebäude mit dem Vazeroldenkmal, das städtische Rathaus, die Reichsgasse, die Martinskirche mit den Glasfenstern von Augusto Giacometti, das Bärenloch, den bischöflichen Hof und die Kathedrale.

Kunstmuseum und Kathedrale sind zwei Höhepunkte unserer Reise. Für den Besuch des Bündner Kunstmuseums Chur räumen wir der Gruppe genügend Zeit ein.

Ganz unbeschwert war unsere Reise nicht angesichts der steigenden Corona-Fallzahlen. Als Reiseleiter befürchteten wir Krankheitsfälle in der Gruppe, Absagen, die Schliessung von Sehenswürdigkeiten oder Hotels und behördliche Massnahmen, die uns hätten zwingen können, die Reise abzubrechen. An dem Tag, als wir in Chur das Kunsthaus besuchten, mussten die Museen in Bern geschlossen bleiben. Am Tag nach unserer Abreise von Chur verschüttete ausserdem ein Felssturz die Bahnlinie zwischen Tiefencastel und Thusis. Auch in der wohlgeordneten Schweiz können wir uns glücklich schätzen, dass wir unsere Reise wie geplant durchführen konnten.

Bevor wir diesen Bericht beenden, müssen wir die Bündner Kochkultur erwähnen. Den Abend vor unserer Abreise verbrachten wir in der Veltliner Weinstube im Hotel Stern bei einem ausgezeichneten Essen mit ausgezeichnetem Wein. Pizzoccheri, Capuns und Maluns sind für uns keine Fremdwörter mehr.

Ohne Einschränkung empfehlen können wir die Hotels Hauser in St. Moritz und Edelweiss in Davos sowie die Restaurants Veltlinerkeller in St. Moritz, Astras in Scuol sowie die Veltliner Weinstube in Chur. Sehr freundlich war auch der Empfang im Kloster Cazis – eine Empfehlung an zukünftige Gäste: die eigene Seife mitbringen.

Am Sonntagmorgen nach dem Frühstück ein kurzer Spaziergang in der Altstadt bei sonnigem Wetter, dann die Rückreise mit einem Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit und mit einer sehr angenehmen Erinnerung an die sechs sympathischen und aufgeschlossenen Menschen, die uns auf dieser Reise begleitet haben.

Fribourg/Freiburg und Hauterive, 17. Oktober 2020

Wer von Bern nach Freiburg reist, merkt bald: Freiburg ist anders.

Was macht den Unterschied aus zwischen den zwei Städten, die beide von der gleichen Dynastie gegründet worden sind? Nur die Sprache?

Die alten Gebäude bestehen aus ähnlich grauen oder leicht grünlichen Sandsteinquadern. Die Altstädte liegen beide malerisch und erhöht über einer Biegung eines Flusses, der von den Alpen kommt und dem Flachland zuströmt.

Wer in Fribourg/Freiburg aus dem Bahnhof tritt, steht nach wenigen Schritten vor einem öffentlichen Stadtplan. Hier treffen wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an unserem Rundgang. Auf dem Plan zeigen wir die vier Altstadtquartiere Bourg, Neuveville, Auge und Hôpitaux. Wir werfen einen Blick auf den Boulevard de Pérolles und gehen am markanten Theaterbau Equilibre vorbei zum Brunnen, den der Künstler Jean Tinguely zum Andenken an den Autorennfahrer Jo Siffert geschaffen hat.

Der Brunnen liegt an einem ruhigen Ort und bietet sich an, um Tinguely und seine zweite Frau Niki de Saint-Phalle vorzustellen, die in der Freiburger Museumslandschaft mit dem Espace Jean Tinguely – Niki de Saint Phalle vertreten sind. Der Ort eignet sich auch für einen Ausflug in die Gründungszeit von Freiburg.

In der Nacht vom 9. auf den 10. Februar 1127 werden zwei führende Vertreter des burgundischen Adels in der Abteikirche von Payerne ermordet. Payerne liegt im Broyetal an einer Verkehrsachse, die seit der Römerzeit benutzt ist, dort liegt auch die legendäre burgundische Königin Berta begraben. Ein überlebender Vertreter der burgundischen Adelsfamilie, Guillaume de Glâne, stiftet darauf 1132-37 das Kloster Hauterive, das 1138 eingeweiht wird. Über den Auftraggeber des Mordes ist nichts überliefert, er nützt aber einer aufstrebenden Dynastie.

1157 gründet Herzog Berchtold IV von Zähringen, ein Mann aus dem Schwabenland, die Stadt Freiburg im Üechtland. Er nennt sich dux et rector Burgundiae, aber die Funktion eines Verwalters Burgunds, die ihm vom deutschen König verliehen worden war, verliert sich oder schwächt sich ab. So streben er und sein Sohn Berchtold V, der 1191 die Stadt Bern gründet, ein eigenes Herrschaftsgebiet an und versuchen, ihren Ruf als Herzöge ohne Land loszuwerden.

Da es im 12. Jahrhundert keine Methoden künstlicher Befruchtung gibt, keine techniques de PMA (procréation médicalement assistée – weder für heterosexuelle Paare noch für die LGBT+ Community), stirbt Herzog Berchtold V von Zähringen trotz zweier Eheschliessungen ohne männlichen Nachwuchs. Ende der Zähringerdynastie.

Hier beginnen die Unterschiede zwischen den beiden Städten.

Die Berner, damals noch nicht für ihre Langsamkeit bekannt, erhalten oder fälschen weitreichende Privilegien in einer Urkunde («Goldene Handfeste»). Am Standort des herzoglichen Schlosses bauen sie die Nydeggkirche – wer würde es wagen, sie wieder abzureissen? Zwischen Bern und dem König gibt es jedenfalls keine weitere Hierarchiestufe, und mit der Zeit ist Bern eine freie Reichsstadt. Die Freiburger hingegen stehen ab 1218 unter der Oberherrschaft der Kyburger, ab 1277 unter den Habsburgern, ab 1452 unter Savoyen. Erst 1478 wird Freiburg freie Reichsstadt.

Vom Tinguelybrunnen begeben wir uns in die Romontgasse, wo seit 2003 die Frauenstatue La Pleureuse der Zürcher Künstlerin Franziska Koch unaufhörlich weint – der Name erinnert wohl an die Pleureuses, die am Karfreitag in einer Prozession mit den Leidenswerkzeugen Christi durch die Altstadt von Romont ziehen.

Wir gehen weiter zur Place Python, deren Name nicht an eine Schlange erinnern soll, sondern an Georges Python (1856-1927), an den Gründer der Universität, den führenden Vertreter des politischen Katholizismus seiner Zeit, der 41 Jahre lang Mitglied der Freiburger Regierung war, an den starken Mann, der Freiburg zur République chrétienne umgestaltete.

Dort sind wir am Rand der Altstadt. Früher stand am oberen Ende der Lausannegasse ein Tor in der Stadtmauer mit einer Figur, die die Stunden schlägt, ähnlich wie beim Berner Zytgloggeturm – le Jacquemart. Daneben bauten die Ursulinerinnen ihr Kloster. (Neben der Place Python liegt die obere Haltestelle der Seilbahn, die in die Unterstadt führt – das Bild zeigt den Ausblick von dort).

Wie viele Klöster gibt es in der Stadt? Oder anders gefragt: Wie heilig ist Freiburg verglichen mit Rom?

Ohne Anspruch auf Seriosität ist die folgende Berechnung: Wenn Freiburg mit seinen 38,000 Einwohnern ursprünglich sieben Klöster hat, dann müsste die Heilige Stadt Rom mit ihrer 82fachen Bevölkerung 575 Klöster haben, wenn sie Freiburg an Heiligkeit übertreffen möchte.

Über die Rue Canisius gelangen wir zum Collège Saint Michel, gegründet von Peter Canisius alias Peter D’Hondt (1521-1597), Verfasser von Katechismen für Theologiestudenten und für das Volk, seliggesprochen 1864, kanonisiert 1925. Bald jährt sich der 500jährige Geburtstag des Jesuiten. Eine Feier wird vorbereitet, und für die Überreste des Heiligen wird ein neuer Reliquienschrein in Auftrag gegeben. Canisius wollte eine Erneuerung der Kirche, aber nicht die von den Reformierten vorgeschlagene. Freiburg hat sich im 16. Jahrhundert der Reformation nicht angeschlossen. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen Bern und Freiburg.

Eine steile gedeckte Treppe führt hinunter zur Rue de Lausanne, von dort gelangt man zur Place Nova Friburgo. Die Schwesterstadt in Brasilien zählt heute 184,000 Einwohner. Von der Place Nova Friburgo blickt man auf den Ort, an dem bis vor wenigen Jahrzehnten die ursprüngliche Murtenlinde stand, die gemäss der Legende nach der Schlacht von 1476 gepflanzt worden war, und deren Spross heute neben dem Rathaus steht, das zurzeit renoviert wird. Mindestens 17 weitere Linden, aus Zweigen der sterbenden Murtenlinde gezogen, stehen an verschiedenen Orten in des Kantons und der Schweiz.

Neben der Treppe in die Unterstadt, genauer ins Quartier Neuveville, steht der Brunnen, dessen Brunnenfigur Stärke symbolisiert, geschaffen von einem Bildhauer, den die Berner kennen sollten: Hans Gieng. Seine Statuen in Bern, unter ihnen der bekannte Kinderfresserbrunnen, sind bemalt. Anders die Statuen in Freiburg, bei denen man sieht, dass sie aus Stein gehauen sind.

Nach einer Kaffeepause in der Nähe des Pont Saint-Jean gelangen wir zur Kirche Saint-Jean, die dem Johanniterorden gehörte, der in seiner katholischen Version später der Malteserorden wurde, l’ordre souverain militaire et hospitalier de Saint-Jean de Jérusalem, de Rhodes et de Malte. Die Komturei dieser Kreuzritter wird anfangs des 19. Jahrhunderts vom Staat Freiburg übernommen. Eine grosse Reproduktion des Porträts von Marguerite Bays (1815-1879) bildet den Anlass für eine Vorstellung der 2019 von Papst Franziskus heiliggesprochenen Näherin.

Von der Kirche gehen wir vorbei an der ehemaligen Kaserne und über die Mittlere Brücke zur Place Petit Saint-Jean oder Klein-Sankt-Johann-Platz, so genannt, weil sich die Niederlassung der Johanniter ursprünglich dort befand, im Auquartier, Quartier de l’Auge.

Dort lebten früher viele Zuwanderer aus dem deutschsprachigen, armen Sensebezirk, die in einer eigenartige Mischsprache redeten, le bolze. Der Stolz der Berner Lokalpatrioten auf ihr Mattenenglisch lässt sich vergleichen mit dem der Freiburger auf ihr bolze.

In einem Haus neben dem Restaurant Le Tirlibaum wurde 1936 der Autorennfahrer Jo Siffert geboren, genannt Seppi. Seine Eltern führten dort einen Milchladen, der nicht rentierte. Später handelte Seppis Vater mit Autos. Der frühe Unfalltod des Rennfahrers im Jahr 1971 war für den Journalisten und Schriftsteller Niklaus Meienberg Ausgangspunkt für eine bekannte Reportage über Leben, Aufstieg und Tod des schnellen Freiburgers.

Etwas erhöht, aber nicht direkt am steilen Stalden, der das Auquartier mit dem Burgquartier und seiner Reichengasse (französisch Grand-Rue) verbindet, liegt die Kirche Saint-Augustin des 1848 aufgehobenen Augustinerklosters. Der grossartige Hochaltar aus Eiche und Tanne (1593-1602) zeigt in der Mitte die Himmelfahrt Marias mit musizierenden Engeln, links und rechts Augustin und Mauritius, darüber Verkündigung und Heimsuchung, zwischen den zwei Szenen den heiligen Nikolaus von Myra, Stadtpatron. Oben die Krönung Marias zwischen den Aposteln Peter und Paul.

Von dort aus steigen wir hoch zur Chorherrengasse, zur Rue des Chanoines. Über einem Hauseingang prangt das Wappen des chapitre, des Kapitels. Es zeigt die wichtigste Reliquie der Stadt, nämlich den Arm des Heiligen Nikolaus, der 1506 vom Kloster Hauterive nach Freiburg überführt wurde. An dieser Stelle ist eine Erklärung über die Rolle der Chorherren fällig, die das Kapitel bilden.

Der Freiburger Ratsherr Peter Falck erreicht in Verhandlungen mit dem Vatikan im Jahr 1512, dass St. Nicolas als Kollegiatsstift anerkannt wird, welches nicht mehr dem Bischof von Lausanne, sondern direkt dem Papst unterstellt wird. Die Chorherren, Vertreter der wichtigsten Familien der Stadt, übernehmen wichtige Funktionen im Gottesdienst. Sie sind an kein Armutsgebot gebunden, leben von ihren Pfründen und kleiden sich in Almutien, Überwürfen aus sibirischen Eichhörnchenfellen. Eine Publikation des Historikers Jean Steinauer von 2012 beschreibt die 500-jährige Geschichte der mächtigen Chorherren.

Zum Ende des Rundgangs besuchen wir die gotische Stiftskirche, die seit 1924 Kathedrale und Sitz der Diözese Lausanne, Genf und Freiburg ist, la cathédrale Saint-Nicolas. Die Jugendstil-Glasfenster des Polen Josef Mehoffer sehen wir uns chronologisch nach ihren Entstehungsdaten (1895-1918) an (im Bild: König Herodes mit dem Tod, Teil der Darstellung des bethlehemitischen Kindermords, 1902-1904). Besonders sehenswert und stimmungsvoll die umfangreiche Figurengruppe der Grablegung aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Unter dem Eingangsportal der Kathedrale verabschieden wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für eine Mittagspause. Wegen der Epidemie empfehlen wir Restaurantbesuche nur in kleinen Gruppen. Wir versäumen nicht einen Hinweis auf die Sehenswürdigkeiten, die auf der rechten Seite der Murtenstrasse aneinandergereiht sind wie auf einer Perlenschnur: la Basilique Notre-Dame, l’Espace Jean Tinguely Niki de Saint-Phalle, le couvent des Cordeliers mit Kirche, le Musée d’art et d’histoire, die Klosterkirche der Visitation und schliesslich, schon fast beim Murtentor, le couvent des Capucins.

Am Nachmittag fahren wir mit dem Bus in zehn Minuten zur landwirtschaftlichen Schule Grangeneuve.

Von dort sind es fünfzehn Minuten zu Fuss bis zum Zisterzienserkloster Hauterive (Altenryf). Die deutschsprachige Führung durch das Kloster erlaubt uns eine Besichtigung des Kreuzgangs und des aus Eichenholz geschnitzten gotischen Chorgestühls (1472-1486). Der pensionierte Lehrer aus Bern, der uns durch das Kloster führt, hilft dem Kloster als Freiwilliger.

Öffentliche Führungen gibt es auch für Einzelpersonen, jeden Samstag, sie sind gratis (Kollekte). Publikationen und Produkte aus klösterlicher Produktion gibt es im Klosterladen.

Die Chorstühle sind nicht nur alt in Hauterive. Sie erfüllen auch ihre ursprüngliche Funktion. Hier versammeln sich die Mönche siebenmal täglich für ihre traditionellen Stundengebete, beginnend mit der Mette (Vigiles) um 04.15 Uhr und endend mit dem Schlussgebet Komplet (Complies) um 19.50 Uhr. In der Klosterkirche liegen Broschüren, dank ihnen können Besucherinnen und Besucher den Text der Gesänge mitverfolgen.

Was hat Bern im Jura verloren? Delémont, 15. August 2020

Kulturreise Tessin (Sopraceneri), 18.-23. Juli 2020