Reiseberichte

Hier gibt es Berichte von Ausflügen und Reisen, dazu einige subjektive Gedanken zum Thema Reisen.

Das Notierte dient als Erinnerungsstütze. Vielleicht finden auch Einzelreisende nützliche Informationen und Anregungen.

Wenn wir eine Reise oder einen Ausflug vorbereiten, treibt uns die Kombination von Nichtwissen und Neugier an. Wir bemühen uns um ein Verständnis der Orte, die wir besuchen, und der Menschen, die dort leben und gelebt haben

30. Oktober 2021: Wettingen und Baden

Die Idee, einen Tagesausflug nach Wettingen und Baden zu organisieren, entsprang der Neugier. Das Limmattal war in meiner Vorstellung alles andere als eine Tourismusdestination, und doch wusste ich, dass es da etwas zu sehen gibt.

Heute bin ich der Meinung, dass ein Tag kaum reicht, um die beiden Orte kennenzulernen.

Wir treffen unsere kleine Gruppe im Bahnhof Wettingen. Es ist kühl unter dem Hochnebel. In wenigen Minuten sind wir vor der Klosterkirche, wo wir die Glasmalereien im Kreuzgang besichtigen wollen, bevor Kirche und Kreuzgang für das Winterhalbjahr schliessen.

Vor dem Eingang zur Kirche hängt ein Plan des Klosters, in der heute die Kantonsschule untergebracht ist.

Ich stelle kurz das Dorf Wettingen vor, das mit seinen Bevölkerungszahlen die Stadt Baden überholt hat, spreche über Bernard de Clairvaux, der zu einem einfachen und ursprünglichen Klosterleben nach den Regeln des heiligen Benedikt von Nursia zurückkehren wollte und den Intellektuelle Abélard bekämpfte, erwähne Heinrich II von Rapperswil, der bei seiner Rückreise von Palästina in einen Sturm auf dem Meer geriet und Maria um Hilfe anrief. Sein Gebet wurde erhöht, der Sturm legte sich, auf dem Meer erblickte er einen Stern, zurück in der Heimat erwarb er Wettingen  und bat das Zisterzienserkloster Salem, Mönche für ein neues Kloster mit dem Namen Meeresstern (Maris Stella) zu schicken, das in einer abgelegenen Schlaufe der Limmat gebaut wurde.

Ich zeige ich auf dem Plan die verschiedenen Räume des Klosters und verweise auf die Funktion des Kreuzgangs, Ort der Stille, aber auch der Ort, wo die Mönche sich waschen, sich rasieren und ihren Haarschnitt erhalten, wo sie sich von Pfingsten bis Allerheiligen ihrer täglichen Lektüre widmen, wo sie Fusswaschungen organisieren.

Weiter erwähne ich, dass das Kloster bald die wichtigen Dörfer im Limmattal besitzt, sie verwaltet wie ein Kleinstaat, dass es Zehnten entgegennimmt und Handel treibt im Wettingerhaus am Zürcher Limmatquai. Ein Brand 1507 zerstört grosse Teile des Klosters, es wird wieder aufgebaut, aber im Jahr 1529 schliessen sich Abt und Mönche der Reformation an. Nach dem Sieg der Katholiken in der Schlacht von Kappel 1531 beginnt das Kloster wieder zu funktionieren, und dem tüchtigen Abt Peter Schmid, der das Kloster von 1594 bis 1633 leitet, verdanken wir das prächtige Innere der Kirche.

Das besitzt eine hausinterne Schule für Theologie und Philosophie und eine Druckerei, es überlebt die Villmergerkriege und die Helvetik. Es wird aber 1841 geschlossen, als alle Männerklöster des neuen Kantons Aargau aufgehoben werden aufgrund der konfessionellen Spannungen, die schliesslich zum Sonderbundeskrieg von 1847 führen.

Zu den Mönchen, die das Kloster verlassen müssen, gehört 1841 auch der Zisterziensermönch Alberich Zwyssig, Autor der Nationalhymne. Er stirbt im Exil, im Kloster Wettingen-Mehrerau bei Bregenz.

Wir betreten die Kirche und erwarten eigentlich, dass das Gittertor vor dem barocken Lettner geschlossen ist, und dass wir den Bereich, der den Mönchen vorbehalten war, nicht betreten können. Die Überraschung des Tages ist, dass wir durch das offene Gittertor und den Lettner ungehindert in den Chorraum gelangen. Dort staunen wir über den Reichtum der Ausstattung, über das ausserordentlich schöne und sehr gut erhaltene Chorgestühl aus den Jahren 1601-1604, über den Querhausflügel, in dem Peter Schmid in einer Galerie von Statuen die spirituellen und weltlichen Vorfahren des Klosters hat anbringen lassen, und über den Altarraum im Stil des Rokokos aus dem 18. Jahrhundert, der aussieht, als hätten Abt und Mönche ihn gerade erst verlassen.   

Zurück im allgemein zugänglichen Teil der Kirche betrachten wir die beiden Sarkophage – im südlichen lag König Albrecht I kurzzeitig nach seiner Ermordung in Königsfelden 1308, im nördlichen Sarkophag wurden die letzten Vertreter der Kyburgerdynastie bestattet.

Im südlichen Querschiff hängt ein riesiges Gemälde, das die pompöse Prozession zeigt, die 1752 anlässlich der Hundertjahrfeier der Überführung der Reliquien von zwei Katakombenheiligen veranstaltet wurde, und links unter der Orgelempore an der Westfassade ein Bild, das den Sturm auf dem Meer, die rettende Maria und den Stern zeigt.

Dann begeben wir uns in den Kreuzgang, der berühmt ist für die bemalten Glasscheiben, die rundherum aufgehängt sind.

Ratsstuben, Zunftstuben und Wirtsstuben schmücken sich im 16. und 17. Jahrhundert mit Wappenscheiben. Die Mode beginnt wohl damit, dass im Rathaussaal von Baden, wo sich die Vertreter der eidgenössischen Orte zur Tagsatzung treffen, ab 1500/01 kunstvolle gestaltete Wappenscheiben aufgehängt werden. Solche Scheiben will bald auch das Kloster, und es erhält sie.

Die meisten Scheiben, die wir sehen, stammen aus der Zeit zwischen den 1520-er und 1620-er Jahren. Es sind Wappen von Kantonen und Städten, aus befreundeten Klöstern, besonders von den von Wettingen abhängigen Frauenklöstern, von verschiedenen Äbten und anderen Klosterverantwortlichen, von Pfarreien, von erfolgreichen Unternehmern (als Beispiel die abgebildete Scheibe von 1569), sogar von ausländischen Gesandten, die sich diesem Brauch anpassen. Der Gesandte des französischen Königs stiftet eine Wappenscheibe, ebenso der Gesandte der Supermacht Spanien unter Philipp II, der mit dem spanischen und portugiesischen Kolonialreich nicht nur die ganze Erde beherrscht, sondern mit dem Herzogtum Mailand auch der südliche Nachbar der Eidgenossen ist.

Neben den Wappen zeigen die Bilder jeweils Figuren, die diese Wappen halten, Bilder von Heiligen, die einen Bezug zu den Stiftern haben, biblische Szenen, Stadtansichten, oft klein, aber sorgfältig gemalt. Einzelne Scheiben sind im Lauf der Zeit durch Hagel oder andere Umstände beschädigt und verändert wieder zusammengesetzt worden. Ich habe ein Buch mitgeschleppt, in dem alle Glasgemälde abgebildet und erklärt sind (Bernhard Anderes, Peter Hoegger: Die Glasgemälde im Kloster Wettingen, 1988).

Da es unter dem Hochnebel kälter ist als erwartet, verzichten wir nach eineinhalb Stunden auf eine eingehendere Betrachtung der Scheiben. Wir gehen zurück zum Bahnhof, fahren mit der S-Bahn nach Baden und finden Platz an einem grossen, runden Tisch eines italienischen Restaurants (La Citadella an der Rathausgasse). Nach dem Mittagessen gehen wir durch die Obere Gasse und weitere Gassen der Altstadt. Es fällt auf, dass jedes Haus einen einprägsamen Namen hat. Der Grund dafür ist wohl, dass die Stadt früh darauf ausgerichtet war, Fremde zu beherbergen. Die Thermalquellen haben jahrhundertelang  Gäste angezogen, die hier ihre Leiden kurieren oder in der weltoffenen Stadt das Leben geniessen wollten.

Als die Berner 1415 den Aargau eroberten, schlossen sich die anderen Kantone nach einigen Tagen des Abwartens an. In den letzten Tagen des Feldzugs waren (fast) alle Eidgenossen an der Eroberung von Baden beteiligt, Baden wurde eine gemeine Herrschaft, und einmal im Jahr versammelten sich die Delegierten der Orte, um die Jahresrechnung der gemeinsamen Vogtei zu verabschieden. So kam es, dass die Eidgenossen sich für ihre Tagsatzung meist in Baden trafen.

Unsere  Gruppe will an diesem Tag zum Abschluss nicht das Vogteischloss mit seinem sehenswerten historischen Museum besuchen, sondern die Industriellenvilla Langmatt mit ihrer Sammlung französischer Impressionisten und asiatischer Keramiken.

Zuerst gehen zum Bäderviertel mit dem heissen Stein und stehen vor dem zwecks Umbaus kunstvoll verpackten Verenahof, in dem Hermann Hesse jeweils seine rheumatischen und Ischias-Beschwerden kurierte – in seinen 1925 veröffentlichten Aufzeichnungen mit dem Titel Kurgast hat er seine Erfahrungen verarbeitet. Wir werfen auch einen Blick ins Jugendstil-Interieur des Hotels Blume und blicken durch die Scheiben des von Mario Botta erbauten Bades Fortyseven, das nächstens eröffnet werden soll.

47°C, so heiss ist das Thermalwasser, das in Baden aus der Erde quillt.  

2. – 9. Oktober 2021: Rosinen der Renaissance in Italien

Florenz und vor allem Venedig sind Städte des overtourism. Hier drängen und zwängen sich üblicherweise sehr viele Menschen an den gleichen Orten zusammen, kommen sich gegenseitig in die Quere, erscheinen der lokalen Bevölkerung wie eine Heuschreckenplage und machen den Tourismus zum Albtraum.

Im Juni 2021 war es etwas anders. Der Wasserspiegel blieb in vielen Kanälen Venedigs unbewegt. Reisen nach Italien waren gerade wieder erlaubt, und es wurde der Bevölkerung gestattet, an der Theke einer Bar einen Kaffee zu trinken. Die Zeitung La Repubblica schrieb, dank dieser Lockerung dürften Italienerinnen und Italiener endlich wieder sich selbst sein.

In den Restaurants spürte man die Erleichterung, dass wieder einheimische und ausländische Gäste auftauchten. An den Wochenenden strömten Junge und Alte in die historischen Zentren, um ihre wiedergewonnene Freiheit zu feiern, um zu promenieren, zu essen, sich zu treffen, Museen, Kinos und Theater zu besuchen, sich zu amüsieren.

Diese besonderen Umstände motivierten mich, für den Herbst eine Reise zu den Rosinen der Renaissance zu organisieren und dabei ausnahmsweise vor den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten nicht zurückzuschrecken.

Nachdem ich mich bei der Vorbereitung für einen Tagesausflug nach Basel im Juni 2020 mit Erasmus von Rotterdam beschäftigt habe, der gerne als Renaissance-Humanist bezeichnet wird, geht es bei dieser Reise um die Renaissance in Italien.

Der Basler Professor Jacob Burckhardt (1818-1897) hat 1860 ein Buch mit dem Titel Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch veröffentlicht, das bis heute gedruckt wird. Der Autor selbst ist auf der 1995 erschienenen Tausendernote abgebildet.

Der Kulturhistoriker Burckhardt beginnt seine Darstellung nicht mit Stilmerkmalen wie der Einführung der Perspektive oder dem realistischen Abbild menschlicher Körper. Für ihn ist die italienische Renaissance viel mehr, nämlich die Überwindung des Mittelalters und der Beginn der Neuzeit. In den Italienern der Renaissance sieht er die ersten Menschen der Moderne. So gesehen ist unsere Beschäftigung und unsere Reise eine Zeitreise zum Ursprung der modernen Menschheit.

Burckhardt beginnt sein Buch mit einer Darstellung der politischen Verhältnisse in Italien, die sich von denen nördlich der Alpen unterscheiden. Der Titel des ersten Kapitels: Der Staat als Kunstwerk.

Den Beginn der Neuzeit sieht er im Aufkommen von Herrschern in den italienischen Staaten, die ihre meist in blutigen Kämpfen errungene Macht nicht dynastisch durch adelige Abstammung, durch die Stellung von Vorfahren oder durch ein Vasallenverhältnis zu einem Kaiser legitimieren können, und die deswegen bestrebt sind, sich eine neue Form der Legitimität zu verschaffen, indem sie im Kampf um Einfluss und Ansehen versuchen, die genialsten Künstler und Wissenschaftler um sich scharen.

Einen weiteren Faktor sieht er darin, dass die Standesunterschiede in Italien an Bedeutung verlieren, weil Adel, Geistlichkeit und aufstrebendes Bürgertum in den italienischen Städten zusammenleben, während Adel und Geistlichkeit nördlich der Alpen sich vom Dritten Stand fernhalten.

Charakteristisch für die Renaissance ist schliesslich die Wiederentdeckung der Antike, die einhergeht mit einem Bedürfnis nach Bildung und einer Wertschätzung des Dialogs nach dem Vorbild des griechischen Philosophen Platons, des Streitgesprächs zwischen konkurrierenden Meinungen.

Konkret zu unserer Reise. Wir beginnen sie am Samstag, den 2. Oktober mit einer Fahrt nach Mailand, wo wir umsteigen. Vor Mittag erreichen wir mit dem Hochgeschwindigkeitszug Frecciargento die Stadt Parma, mit ihren etwa 200,000 Einwohnerinnen und Einwohnern auf Platz 15 der grössten Städte Italiens. Wir treffen die letzten Mitreisenden. Alle haben das erste Ziel unserer Reise per Bahn rechtzeitig erreicht. Neben dem Hinterausgang des Bahnhofs befindet sich das moderne Hotel, in dem wir unser Gepäck lassen.

Wir sind in der Stadt des Parmaschinkens, des Parmesans und der grössten Teigwarenfabrik der Welt. Ausserdem liegt die Stadt auf unserer Reiseroute nach Florenz, und wir sind schon am Mittag des ersten Reisetages mitten in der Atmosphäre Italiens.

Die Stadt ist seit dem Jahr 183 vor Christus römisch, sie liegt auf der Via Aemilia, heute Via Emilia, die auf einer schnurgeraden Strecke dem Nordhang des Apennins entlang 270 Kilometer von Piacenza bis Rimini verläuft. Ab 1341 ist sie unter mailändischer Herrschaft, ab 1500 wird sie französisch, 1521 wird sie erobert von einer Armee des Kirchenstaates und der Spanier. Von 1545 bis 1859 ist sie die Hauptstadt eines Herzogtums. Der erste Herzog, Pier Luigi Farnese, ist der Sohn von Papst Paul III, geboren als Alessandro Farnese. Dieser Papst verdankt seinen Aufstieg in der Hierarchie der Kirche vor allem dem Umstand, dass seine Schwester Giulia die bevorzugte Mätresse von Papst Alexander VI (Rodrigo Borgia) war. Die zweitletzte Herzogin war Marie-Louise von Österreich, Tochter des Doppelkaisers Franz II alias Franz I und zweite Ehefrau von Napoleon Bonaparte.

In der Stadt befindet sich ein grosses Denkmal für Giuseppe Verdi (1813-1901), der aus der Provinz stammt. In der Stadt geboren ist der Filmemacher Bernardo Bertolucci (1941-2018). Auf dem Platz vor dem Bahnhof steht ein bizarres Denkmal für Vittorio Bottego (1860-1897), esploratore, Entdecker. Eine kurze Recherche ergibt, dass der Mann seine Entdeckungen Ostafrika mit Kanonen und Truppen machte. Die entdeckten Bevölkerungen dankten es ihm nicht, und so wurde der Entdeckerheld aus Parma in einem Hinterhalt getötet.

Parma ist kein Ursprungsort der Renaissance, aber hier befinden sich in der Vierung von zwei Kirchen die wohl ersten konsequent perspektivisch bemalten Kuppeln, die einen Blick in den Himmel darstellen, und zwar in der Kirche San Giovanni und im Dom.

Beide Werke stammen von Antonio Allegri di Correggio (1489-1534). Beim ersten handelt es sich um die Vision des Heiligen Johannes in der Offenbarung (1520-1524). Im Zentrum der Kuppel sieht man den vom Himmel hinabschwebenden Christus, wahrhaft froschartig verkürzt, so beschreibt es Burckhardt in seinem Reiseführer Der Cicerone. Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens, Basel 1855. Das zweite Werk von Correggio im Dom zeigt die Aufnahme Marias in den Himmel (nach 1524).

Burckhardt sieht die Malereien (wieder im Cicerone) kritisch: der Knäuel zahlloser Engel, welche hier mit höchster Leidenschaft einander entgegenstürzen und sich umschlingen, ist ohne Beispiel in der Kunst; ob dies die würdigste Feier des dargestellten Ereignisses sein kann, ist eine andere Frage. Eine Frage, die Burckhardt beschäftigt, weil wir Jesus und Maria jeweils von unten sehen.

Wegen ihrer technischen Perfektion werden diese Malereien trotzdem Vorbilder für unzählige ähnliche perspektivische Himmelsansichten an Kirchenkuppeln und -decken in der Zeit der Spätrenaissance und des Barocks.

In Parma lohnt sich auch ein Besuch des Museums im Palazzo della Pilotta, Überrest eines herzoglichen Gebäudekomplexes, der 1944 zu einem grossen Teil durch Bomben zerstört wurde. Zu sehen ist dort das Teatro Farnese, eine gewaltige Holzkonstruktion im Stil der Spätrenaissance innerhalb des Gebäudes, und die Gemäldesammlung Galleria nazionale mit einigen bemerkenswerten Malereien. Von Correggio ist beispielsweise die im Cicerone erwähnte Madonna mit dem heiligen Hieronymus, Madonna di San Gerolamo, das Jesuskind laut Cicerone von einer unbegreiflichen Hässlichkeit.

Vor dem Dom, wo Familien nach einer Firmungsfeier für ihre Familienfotos posieren, fällt uns später ein Junge auf mit Gesichtszügen, die dem Bild Correggios genau entsprechen. Hässlich ist er nicht. Ich freue mich, dass überhaupt noch Kinder aufwachsen in den italienischen Städten neben all den zahlreichen überzüchteten Rassehunden, die überall stolz spazieren geführt werden.

Mir persönlich gefällt in der Galleria nazionale das Bild eines ungekämmten Mädchens (la Scarpigliata), vermutlich von Leonardo da Vinci. Anders als die Mona Lisa im Louvre kann man das kleine Bild in Ruhe ansehen.

Die Restaurants im Zentrum von Parma sind an einem Samstagabend sehr gut besetzt. In der Osteria dello Zingaro, die uns im Juni gefallen hat, sind schon alle Plätze für die zwei Services des Abends vergeben. Schlechte Noten für den Organisator! Wir finden schliesslich einen Platz auf der Westseite des Flusses Parma, wo sich der kleinere Teil der Altstadt befindet.

Am Sonntag verlassen wir das noch neblige Parma und erreichen mit einem schnellen Regionalzug (Regionale Veloce) in einer knappen Stunde die an diesem Sonntagmorgen sonnige Stadt Bologna. Der Eingang unseres Hotels nicht weit vom Bahnhof wird von einer Menschentraube belagert. Was ist da los? Die Fussballmannschaft von Lazio Roma hat im Hotel übernachtet. Fans warten, dass ihre Stars das Hotel verlassen. Mit unseren Rollkoffern werden wir von der Polizei eingelassen. Wir erleben den Moment mit, als die Mannschaft an uns vorbei in den Mannschaftsbus steigt und die Wartenden in Jubel ausbrechen. Wir können um 11 Uhr schon unsere Zimmer beziehen. Der Jubel nützt Lazio wenig, Bologna gewinnt am Nachmittag 3:0.

Bologna wird beschrieben als la rossa, la grassa, la dotta, als die rote, die fette, die gelehrte. Hier wurde im Jahr 1088 die erste Universität des Okzidents gegründet. Die Hauptstadt der Region Emilia-Romagna hat eine Bevölkerung von 394,000 Seelen und steht nach Rom, Mailand, Neapel, Turin, Palermo und Genua auf Platz 7 der Städte Italiens. Die Stadt ist traditionell links regiert. An diesem Wochenende wird der Stadtpräsident wiedergewählt, ohne dass es aufregend wird.

Auf einer pompösen Treppenanlage steigen wir hoch zum Giardino della Montagnola, durchqueren den Park und gehen zur Pinacoteca nazionale, zur Gemäldegalerie, die am Sonntag nur bis 14 Uhr geöffnet ist. Auch diese Gemäldesammlung ist sehenswert. Vier Bilder möchte ich erwähnen. Erstens von Giotto di Bondone (1267-1337) das signierte Gemälde Madonna con Bambino e Santi. Zweitens von Francesco Francia das Bild Il Bambino adorato dalla Vergine von 1498/99, auf dem zwei Vertreter der lokalen Herrscherfamilie Bentivoglio abgebildet sind, die 1506 ihre Macht verlor. Drittens von Perugino (eigentlich Pietro di Cristoforo Vannucci) die Madonna in gloria e santi von 1500.Viertens von Raffaello Sanzio Estasi di santa Cecilia, entstanden zwischen 1514 und 1516. Dieses letzte Bild zeigt die heilige Cäcilie, die ihre Musikinstrumente hat sinken lassen und zusammen mit dem heiligen Paulus, dem Evangelisten Johannes, Augustin und Magdalena einer himmlischen Musik zuhört, die durch einen Chor von Engeln angedeutet ist. Magdalena ist laut Burckhardt (im Cicerone) eine der grossartig schönsten Figuren Raffaels. Einverstanden. Abgebildet ist Magdalena in der Ankündigung der Reise, in der Rubrik “Verpasste Gelegenheiten”, zusammen mit der Scarpigliata

Wir verlassen die Pinakothek hungrig und besetzen aufgeteilt in Kleinstgruppen die wenigen freien Plätze in den Restaurants im Stadtzentrum. Dann treffen wir uns beim Neptunbrunnen.

Der Brunnen auf dem wichtigsten Platz ist ein Werk des Künstlers Giambologna aus den Jahren 1563-66. Der Brunnen sollte grosszügig und grossartig werden wie die Regierung von Papst Pius IV, der den Kirchenstaat regierte, zu dem Bologna gehörte. Dazu gehört, dass aus den Brüsten der dargestellten Sirenen stilvoll Wasser spritzt. Wenige Jahrzehnte später baute man ähnliche Brunnen in Augsburg, die heute als UNESCO-Weltkulturgut gelten. Giambologna stammt übrigens nicht aus Bologna; Jean de Boulogne stammt aus der Stadt Douai, damals in Flandern, heute in der nordfranzösischen Region Hauts-de-France.

Im Süden der Piazza Maggiore im Zentrum Bolognas erhebt sich die grösste aus Ziegeln erbaute Kirche Italiens, San Petronio mit ihrer im oberen Teil unvollendeten Fassade, erbaut im gotischen Stil, 132 Meter lang, 60 Meter breit, 44 Meter hoch, Baubeginn 1390. In der vierten Kapelle des linken Seitenschiffes (cappella Bolognini) befinden sich Fresken von Giovanni da Modena aus den Jahren 1410-15 mit Darstellungen der Reise der heiligen drei Könige, des Lebens des heiligen Petronius und des Jüngsten Gerichts. Burckhardt (im Cicerone) ist wenig beeindruckt: In S. Petronio enthält die vierte Kapelle links unbedeutende Wandfresken. Auffällig ist in San Petronio der Meridian, der seit 1655 im Kirchenschiff markiert ist und offenbar für astronomische Berechnungen verwendet wurde.

Mit der Gruppe besuchen wir dann die Kirche Santa Maria della Vita, in der eine Figurengruppe aus Ton aus dem Jahr 1463 den Tod Christi beweint (Compianto su Cristo morto). Die Skulpturen stammen vom Künstler Niccoló dell’Arca, der so genannt wird, weil er am Grabmal von Dominikus (arca di San Domenico) mitgearbeitet hat. Zwei weibliche Figuren drücken das blanke Entsetzen aus in einer direkten Art, wie sie wohl zu dieser Zeit neu war.

Am Schluss unseres Rundgangs ziehen wir zum Grab des Heiligen Dominikus (Domenico de Guzmán), des Gründers des Dominikanerordens, der 1221 in Bologna starb. Die von der Antike inspirierten Reliefs auf dem Grabmal in der Kirche San Domenico stammen von einem Vorläufer der Renaissance, Nicola Pisano (Lebensdaten um 1220 oder 1225 bis 1284), und seiner Werkstatt.

Natürlich reicht ein Dreivierteltag nicht aus, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Bologna zu besuchen. Aber die Programme in Parma und Bologna haben ihren Sinn als Vorbereitung auf Florenz, die Stadt, in der die italienische Renaissance entstanden ist.

Am Montagmorgen fahren wir von Bologna nach Florenz. Wir haben die Wahl zwischen drei Bahnlinien. Die 78,5 km lange 2009 eröffnete Hochgeschwindigkeitsstrecke (davon 73,3 km in Tunnels), die 1934 eröffnete, 97 km lange Direttissima mit ihrem 18 km langen Basistunnel und die 1864 eröffnete Porrettana, Teil der ersten Bahnverbindung über den Apennin von Mailand nach Rom. Die Linie ist gewiss weniger spektakulär als die Gotthard-Bergstrecke, aber sie weist die gleiche maximale Steigung auf; am steilsten ist sie auf der Südseite der Berge. In Porretta Terme gibt es ein Thermalbad mit dem Namen Helvetia, wir bleiben nicht dort, sondern steigen von einem Regionalzug auf den nächsten um und fahren weiter dem Fluss Reno entlang in die Berge. Der menschenleere Zug wechselt oft von einer Talseite auf die andere und hält an malerischen, verlassenen Bahnstationen.

Das letzte Dorf vor dem Scheiteltunnel, Pracchia, gehört schon zur Provinz Pistoia und damit zur Region Toskana. Auf der Südseite der Bergstrecke ist beim Bahnhof Valdibrana eine bahnhistorische Besonderheit erhalten. Es ist ein Viadukt, das als Notspur geplant war für Züge, die nach dem Gefälle nicht genügend abgebremst werden konnten, und diente auch als Anlaufstrecke für Züge, die den steilsten Teil der Bergstrecke nicht aus dem Stand bewältigen konnten. Im Sommerhalbjahr organisiert ein Verein Fahrten mit historischen Zügen, zum Programm gehört jeweils der Besuch dieses seltsamen Viadukts, das nirgendwohin führt und von dem aus man die Ebene oberhalb von Pistoia überblickt.

Bei unserer Reise verschlechtert sich das Wetter. In Pistoia, wo wie ein zweites Mal umsteigen, regnet es leicht. Entschädigt werden wir in der Bar neben Gleis 1 durch einen barista, der in atemberaubendem Tempo achtmal guten italienischen Kaffee auf die Theke zaubert.

Anders als in Parma und Bologna, wo wir in den ziemlich luxuriösen NH Hotels übernachtet haben, sind wir in Florenz in einem ehemaligen Kloster untergebracht, im einfachen Hotel Vasari nicht weit vom Bahnhof Firenze S.M.N. (Santa Maria Novella).

Giorgio Vasari (1511-74), nach dem das Hotel benannt ist, ist ein bekannter Maler und Architekt. In Florenz hat er den Bürokomplex der Uffizi gebaut. Als Verfasser der 1568 erschienen Lebensgeschichten bekannter Renaissancekünstler (Le Vite de’ più eccellenti pittori, scultori e architettori) gilt er auch als einer der ersten Kunsthistoriker. Von ihm stammt die Bezeichnung gotico für die von ihm abgelehnte Kunst der Zeit vor dem Rinascimento (diesen Begriff prägt er auch) und der Maniera moderna (Manierismus).

Wir lassen unser Gepäck im Hotel, promenieren durch die Via Faenza zur gedeckten Markthalle, in der die Nahrungsmittel wie Kunstgegenstände ausgestellt sind, und suchen uns einen Ort aus für ein schmackhaftes Mittagessen.

Am Nachmittag gehen wir zum Dom Santa Maria dei Fiori, staunen über die grossartigen Fassaden und über die Menschenschlange, die sich beim Eingang staut, und besuchen das Museo dell’ Opera del Duomo mit den drei berühmten Original-Bronzetüren des Baptisteriums. Es handelt sich dabei um die Südtür von Andrea Pisano (1330-36) mit 20 Szenen aus dem Leben Johannes’ des Täufers und der Darstellung von acht Kardinaltugenden, um das Nordportal von Lorenzo Ghiberti (1403-1424) und um die mittlere, östliche, dem Haupteingang des Domes gegenüberliegende Porta del Paradiso, die Ghiberti von 1425 an geschaffen hat, mit Szenen aus dem Alten Testament, die als Meisterwerke der Renaissance gelten. Auffallend ist beim Vergleich der beiden Türen Ghibertis, wie sehr der Künstler seinen Stil weiterentwickelt hat. Anders als bei der Nordtüre, bei der die Zunft der Textilhersteller und -händler einen Wettbewerb veranstaltet hatte, in dem der Entwurf von Filippo Brunelleschi unterlag, wurde der Auftrag für die Porta del Paradiso direkt an Ghiberti vergeben.

Der gelernte Goldschmied Filippo Brunelleschi (1377-1446) hat dafür mit der Kuppel des Doms ein Werk hinterlassen, das in Florenz unübersehbar ist. Sie war mit einem Durchmesser von 45,5 Metern und einer Höhe von 116 Metern während fast dreihundert Jahre lang die grösste Kuppel der Welt und ist bis heute die grösste aus Ziegeln erbaute. Ein kurzer Film im Museum verrät die Geheimnisse der ungewöhnlichen Konstruktion. Als die Republik Florenz mit dem Bau des Doms begann, wusste niemand, wie man es schaffen würde, eine Kuppel zu bauen, die den Dimensionen des Bauwerks entsprach. Auch in diesem Fall fand man, nachdem der Dom mehr als ein Jahrhundert ohne Kuppel dagestanden hatte, die Lösung in einem Wettbewerb. Die Kuppel von Florenz wurde schliesslich zum Vorbild für die noch grössere Kuppel des Petersdoms in Rom.

Nach dem Besuch des Museums steigen wir selbst die 463 Stufen zur Aussichtsplattform über der Kuppel hoch. Das Besondere an der Kuppelkonstruktion ist die Tatsache, dass die Kuppel aus einer Innenwand und einer Aussenwand besteht, zwischen denen man auf Treppen in die Höhe steigt. Von oben geniessen wir den Ausblick und die Tatsache, dass die angekündigten Gewitter erst spät abends über die Stadt hereinbrechen.

Beim Aufstieg und beim Abstieg kommt man am Rand der Kuppel vorbei und blickt in das zwischen 1572 und 1579 mit einer Darstellung des Jüngsten Gerichts bemalte Kuppelgewölbe, an dem Giorgio Vasari bis zu seinem Tod 1574 als führender Künstler gearbeitet hat.

Mit den Karten für den Besuch des Museums kann man auch das Baptisterium besuchen. Die Arbeit an den Mosaiken im Innern begann im Jahr 1225. Die Bilder erinnern mit ihrem goldenen Hintergrund und mit dem zentralen Christus Pantokrator an Byzanz. Am ersten Abend in Florenz Abend holen wir das gemeinsame Abendessen nach, das wir eigentlich für den ersten Abend n der Reise geplant hatten.

Am nächsten Morgen begeben wir uns in die Uffizien. Das Museum gehört zweifellos zu den bekanntesten Gemäldegalerien der Welt.

Vielleicht das bekannteste Werk ist die Geburt der Venus  (Nascita di Venere, 1485) von Sandro Botticelli (1444 oder 1445 – 1510). Burckhardt im Cicerone: hierfür studierte Sandro und brachte nicht bloss einen ganz schönen Akt, sondern auch einen höchst angenehmen, märchenhaften Eindruck hervor, der sich dem mythologischen unvermerkt substituiert. Grundsätzlich ist Burckhardt aber von Botticelli nicht sonderlich beeindruckt: Er strebte nach einem Schönheitsideal und blieb bei einem stets wiederkehrenden, von weitem kenntlichen Kopftypus stehen, den er hie und da äusserst liebenswürdig, oft aber ganz roh und leblos reproduziert.

Ist es, weil er immer die Schönheitskönigin Simonetta Vespucci porträtiert? Eine verbreitete Ansicht, die aber von den meisten Kunstkritikern verneint wird. Wir wissen nicht sicher, ob ein Bild der bella Simonetta existiert, die 1476 als 22-jährige stirbt. Hingegen ist gewiss, dass Giuliano de’ Medici, Bruder von Lorenzo il magnifico, am 19. Januar 1475 ein Turnier zu Ehren eben dieser Simonetta veranstaltet hat. Drei Jahre später, an Ostern 1478, wird Giuliano während einem Gottesdient ermordet.

Damit sind wir bei der Frage angekommen, wer die Medici sind und welche Rolle sie zur Zeit der Renaissance in der Republik Florenz spielen. Wir versuchen hier eine stark vereinfachte Darstellung mit Bezug zu den prachtvollen Grabmälern der Dynastie in den beiden Sakristeien der Kirche San Lorenzo (Sagrestia vecchia von Filippo Brunelleschi, Sagrestia nuova von Michelangelo Buonarroti).

Der Urgrossvater von Lorenzo und Giuliano ist Giovanni di Bicci de’ Medici, Sohn des Bicci aus dem Mugello-Tal, Prior der Geldwechslerzunft in den Jahren 1402, 1408 und 1411, reicher Bankier und Erbauer der Familienresidenz, des Palazzo Medici-Riccardi, des Ospedale degli Innocenti und der Sagrestia vecchia der Kirche San Lorenzo. Er stirbt 1428 und wird in der Sagrestia vecchia begraben. Architekt dieses Bauwerks der Frührenaissance ist Filippo Brunelleschi.

Giovanni di Bicci hat einen Sohn namens Cosimo di Giovanni de’ Medici, geboren wird er 1389, er ist bekannt als Cosimo il Vecchio. Er muss wegen Intrigen der Familie Albizzi 1432 ins Exil, die Florentiner haben aber bald genug von der Gewaltherrschaft der Albizzi und laden Cosimo ein, wieder zurückzukommen. Er übernimmt in der Florentiner Politik eine Rolle als besonnener Schiedsrichter und schafft es, das 1431 in Basel begonnene Konzil über die Wiedervereinigung mit der Ostkirche von Ferrara nach Florenz zu verlegen für die Jahre 1439 bis 1443. Weiter lässt er das Kloster San Marco erbauen, zwei Zellen sind dort für seine persönlichen Aufenthalt reserviert, Architekt ist Michelozzo (Michelozzo di Bartolomeo Michelozzi). Bekannte Künstler im Florenz von Cosimo sind Luca della Robbia, Fra Angelico, Paolo Uccello, Domenico Veneziano, eine Art höfisches Leben mit Künstler und Gelehrten findet bei ihm statt, weitere Namen im Umfeld sind Donatello, Brunelleschi, Pico della Mirandola und andere.

Cosimo stirbt 1464 und wird in der Krypta von San Lorenzo als angesehener Mann begraben, als pater patriae.

Cosimos 1416 geborener, gichtkranker Sohn Piero di Cosimo de’Medici genannt il Gottoso hat fünf Kinder mit seiner Frau Lucrezia Tornabuoni aus einer adeligen Florentiner Familie, darunter die beiden erwähnten Lorenzo und Giuliano. Von einer geplanten Verschwörung der Familie Pitti gegen ihn erfährt er hingegen, und die Verschwörer werden ihrerseits überrascht durch eine Übermacht unter Führung des Sohnes Lorenzo. Die Bauarbeiten am Palazzo Pitti ruhen von 1440 an, fortgesetzt werden sie erst 1549, vom grossherzoglichen Teil der Medici-Dynastie.

Da sein Vater Piero 1469 stirbt, übernimmt der 1449 geborene Lorenzo als Zwanzigjähriger die Leitung der Familie. Mama Tornabuoni reist nach Rom auf Brautschau, damit kein Neid entsteht unter den einflussreichen Florentiner Familien, und kommt zurück mit Clarice Orsini, mit der Lorenzo zehn Kinder zeugt, von denen fünf erwachsen werden. Lorenzo ist kein Bankier, sondern gibt das Geld aus, gleichzeitig ist er ein vielseitig interessierter Mensch. So feiert er jedes Jahr den Geburtstag von Platon mit einem Festmahl, sammelt Handschriften und dichtet. Bekannt ist der Beginn des Trionfo di Bacco e Arianna: Quant’è bella giovinezza / che si fugge tuttavia! /chi vuol esser lieto, sia / di doman non c’è certezza.  

Für Ungewissheit sorgt Papst Sixtus IV, Francesco della Rovere. Er verschwört sich mit der Familie Pazzi, denn er will seinen Kirchenstaat vergrössern, und Florenz stört seine Pläne. Während der Ostermesse 1478 schlagen die Verschwörer zu und ermorden Lorenzos Bruder Giuliano. Lorenzo hingegen ist nur leicht verletzt und entkommt. Erzbischof Salviati, der im Palazzo vecchio auf den glücklichen Ausgang der Verschwörung wartet, wird gelyncht, Lorenzo dafür verantwortlich gemacht und exkommuniziert, der Papst plant mit König Ferdinand von Neapel einen Krieg gegen Florenz. Lorenzo geht darauf nach Neapel und kann als fähiger Politiker Ferdinand überzeugen, dass eine Vergrösserung des Kirchenstaats nicht in dessen Interesse ist.

Lorenzo, bald bekannt als il Magnifico, lädt auch den tüchtigen und papstkritischen Mönch Girolamo Savonarola ein als Abt von San Marco. 1492 stirbt er, bestattet ist er in der Sagrestia nuova, aber nicht unter einem der bekannten Grabmäler. Savonarolas Kritik an der Korruption der Kirche und seine Moral, die sich in einer Verbrennung von sündhaften und luxuriösen Objekten (falò delle vanità) im Februar 1497 äussert, passt aber weder dem Papst noch den Florentinern, und so verwundert es nicht, dass der streitbare Mönch, in gewisser Hinsicht ein Vorläufer der Reformation, im Jahr 1498 zum Tod verurteilt und seinerseits verbrannt wird.

Weniger Erfolg als sein Vater hat Lorenzos Sohn Piero genannt il Fatuo oder Lo Sfortunato. Er muss französischen Truppen den Durchmarsch durch Florenz gestatten. Die Florentiner schätzen dies nicht, zwei Vettern intrigieren, Piero muss die Stadt verlassen, er stirbt 1503, als sein Schiff sinkt, auf dem er Kanonen zur Wiedereroberung seiner Heimatstadt transportiert.

Dafür kehrt sein Bruder Giuliano de Lorenzo de Medici 1513 im Schutz eines päpstlichen und spanischen Heeres als Regent nach Florenz zurück.

Es ist wohl Giulianos Bruder Giovanni, der 1513 als Leo X Papst wird, zu verdanken, dass die Interessen des Kirchenstaats und der Medici-Familie wieder übereinstimmen, und dass Giuliano 1513 nicht nur Signore di Firenze wird, sondern 1515 auch noch oberster Armeechef des Kirchenstaats, capitano generale della Chiesa.

Als Guiliano in Frankreich weilt, um eine französische Adelige zu heiraten, wird er zum Herzog von Nemours ernannt, stirbt aber schon 1516, 37-jährig. Begraben ist er in der von Michelangelo Buonarroti erbauten und mit Grabmälern ausgestatteten Sagrestia nuova. Giuliano ist auf dem Grabmal sitzend zu sehen mit den Figuren des Tages und der Nacht zu seinen Füssen.

Papst Leo X sorgt nach dem frühen Tod von Giuliano dafür, dass Lorenzo, bekannt als Duca d’Urbino, der Sohn seines unglücklichen Bruders Piero, in Florenz an die Macht kommt und nach einem verlustreichen Kriegszug des Papstes auch gleich noch Herzog von Urbino wird. Allerdings hat auch Lorenzo nur ein kurzes Leben (1492-1519). Die Heirat mit einer französischen Adeligen reicht gerade zur Zeugung seiner Tochter Catarina, die drei Wochen vor seinem Tod geboren wird, später den französischen Dauphin heiratet und Königin von Frankreich wird. Während den Massakern der Bartholomäusnacht spielt Catherine de Médicis eine üble Rolle, nach dem Tod ihres Gatten regiert sie Frankreich.

Das Grabmal von Lorenzo Duca di Urbino befindet sich in der Sagrestia nuova, die sitzende Statue von Lorenzo, geschaffen von Michelangelo, blickt nachdenklich, ihr zu Füssen die bekannten Statuen Aurora und Crepuscolo, Morgen- und Abenddämmerung, vielleicht symbolisch für den Aufstieg und Niedergang der Medici-Dynastie.

Medici-Papst Leo X verurteilt im Juni 1520 in seiner Bulle Exsurge domine 41 Schriften von Martin Luther und exkommuniziert den Reformator im Januar 1521, bevor er noch im selben Jahr stirbt. Nach seinem Tod wird ein Holländer Papst, wohl eine Verlegenheitslösung, nach 20 Monate stirbt er, möglicherweise an Gift.

Der nächste Papst ist dann wieder ein Medici, und zwar der 1478 geborene Giulio (1478-1534), Sohn des an Ostern 1478 ermordeten, noch unverheirateten Giuliano. Als Papst nimmt er den Namen Clemens VII an. Unter ihm erlebt Rom die Katastrophe der Plünderung durch einen undisziplinierten Haufen kaiserlicher Landsknechte und das darauffolgende Chaos (sacco di Roma, 1527), das mit einer Pestepidemie endet. Der Kirchenstaat und Clemens VII überleben diese Krise aber, und der päpstlichen Finanzierung ist zu verdanken, dass Michelangelo nach einem Unterbruch an der Sagrestia nuova weiterarbeitet bis 1534, als er Florenz verlässt, ohne seine Arbeit ganz zu vollenden.

Auch wenn die Medici de facto regierten, so blieb Florenz während der ganzen Frührenaissance formal eine Republik mit ihren republikanischen Institutionen. Dies ändert sich, als Florenz 1531 nach einer zehnmonatigen Belagerung der Stadt von einer päpstlichen und spanischen Armee eingenommen wird und Alessandro de’ Medici als Regierungschef eingesetzt wird, der die Republik 1532 abschafft.

Alessandro (1510-1534), offiziell der uneheliche Sohn des früh verstorbenen Lorenzo Duca di Urbino und wegen seiner getönten Hautfarbe il Moro genannt, ist wohl in Wirklichkeit ein Sohn von Papst Clemens VII, der sich auch um seine Erziehung und Ausbildung gekümmert hat. Als sicherheitsbewusster Staatsmann sammelt er in Florenz alle Waffen ein und lässt sich von einer Leibgarde umgeben. Ermordet wird er schliesslich von einem Cousin, der ihn zu einem diskreten Rendezvous mit einer begehrten Frau einlädt, den Toten über Nacht liegen lässt und sich nach Venedig absetzt, wo er sich als Tyrannenmörder feiern lässt. Begraben ist Alessandro im gleichen Grab wie sein angeblicher oder wirklicher Vater Lorenzo Duca di Urbino, allerdings weist keine Inschrift auf ihn hin.

Michelangelo hat als Ingenieur an den Befestigungen der von Spaniern und Papst angegriffenen Republik gearbeitet, und seine Büste des Tyrannenmörders Brutus, wohl 1539/40 geschaffen, zeigt, wo seine politischen Sympathien liegen.

So wenig wie die Ermordung von Cäsar die Entwicklung Roms von der Republik zum Kaisertum verhindern konnte, so wenig konnte der Mord an Alessandro aber die Feudalisierung von Florenz rückgängig machen. Die Hauptlinie der Medici, die bisher die Geschicke der Stadt bestimmt hat, ist zwar ausgestorben, aber es gibt eine Nebenlinie, die sich auch auf Giovanni di Bicci zurückverfolgen lässt. Die Herrscher dieser Linie regieren die Stadt, deren Blütezeit vorbei ist, von nun an bis ins 18. Jahrhundert, als Grossherzöge der Toskana.

Zurück zu unserem Aufenthalt in Florenz. Am Dienstagmorgen nehmen wir uns genügend Zeit zur Besichtigung der Uffizien – Museen besuchen wir jeweils individuell, also ohne Führung, damit wir alle die Ausstellung in individuellem Tempo und nach persönlichen Vorlieben betrachten können. Auch die Galerie der Uffizien ist chronologisch aufgebaut, so dass man sowohl die stilistische Entwicklung verfolgen kann, sondern auch die thematische Erweiterung zu nichtreligiösen Bildsujets.

Manchmal zeigt ein Blick von der Galerie nach draussen, dass nach einer regnerischen Nacht wieder die Sonne durchbricht.

Bevor wir den Nachmittag des Dienstags im ehemaligen Klosterkomplex Santa Maria Novella verbringen, macht uns die Italienischlehrerin Annemarie, die zu unserer Reisegruppe gehört, mit dem Decameron von Bocaccio bekannt. Sieben junge Frauen aus guten Familien und drei junge Männer treffen sich in der Kirche Santa Maria Novella und beschliessen, die Stadt, in der erschreckend viele Menschen an der Pest streben, zu verlassen (ihr Ziel: Distanz halten, das kommt uns bekannt vor). Auf dem Land erzählen sich die zehn Menschen während zehn Tagen zehn Geschichten. Annemarie hat einige dieser sehr unterschiedlichen Geschichten ausgedruckt. Die Geschichten sind teilweise so pikant, dass es verständlich ist, dass der gleichnamige Film von Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1971 erst ab 18 Jahren freigegeben wurde.

Vor der Kirche Santa Maria Novella bewundern wir zuerst mal die grossartige Fassade (1456-1470), im Innern dann das Kruzifix von Giotto (vermutlich 1288/89), die Dreifaltigkeit mit Kreuzigung innerhalb einer perspektivisch korrekt dargestellten Renaissance-Architektur von Masaccio (zwischen 1425 und 1428), die Fresken von Domenico Ghirlandaio in der Tornabuoni-Kapelle (1485-1490) und die sogenannte Spanische Kapelle mit Fresken um 1365.

Den Mittwoch beginnen wir mit einem Besuch des Klosterkomplexes von San Marco, dessen Besuch sich vor allem wegen den Frührenaissance-Fresken von Fra Angelico (zwischen 1439 und 1445) lohnt. Anschliessend besichtigen wir das alte Machtzentrum der Stadt, den Palazzo vecchio. Die manieristischen Malereien der oft überladen wirkenden Räume stammen überwiegend aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, aus der Zeit von Grossherzog Cosimo I, das fensterlose, geheime Studiolo von seinem Sohn und Nachfolger Grossherzog Francesco I wurde es unter der Aufsicht von Giorgio Vasari gebaut.

Nach dem Mittagessen treffen wir uns wieder als Gruppe und besuchen schliesslich die erwähnte Sagrestia nuova.

Dann haben wir genügend Innenräume gesehen, spazieren durch die Stadt, überqueren den Fluss Arno auf dem Ponte vecchio und steigen hoch zur Piazzale Michelangelo, um den nachmittäglichen Ausblick über die Stadt zu geniessen. So nehmen wir Abschied von der Stadt.

Am nächsten Vormittag fahren wir mit einem Hochgeschwindigkeitszug unter dem Apennin durch und weiter über die Flüsse Po und die Etsch (Adige) nach Padua (Padova). In Padua gibt’s kein geeignetes Hotel in Bahnhofsnähe, dafür städtische Busse, die ins Zentrum fahren. Nicht weit vom Opernhaus und Theater (Teatro Verdi) liegt das Hotel Verdi, in dem wir übernachten. Von dort sind es wenige Schritte zum Palazzo del Capitanio mit seinem Uhrturm, zu den beiden Hauptplätzen Piazza delle Erbe und Piazza della Frutta und zu dem Palazzo della Ragione, einem zwischen 1176 und 1219 erbauten Gebäude von monumentalen Ausmassen, das als Markthalle und Ratsgebäude diente.

In Padua wollen wir vor allem die von Giotto zwischen 1304 und 1306 ausgemalte Cappella degli Scrovegni besichtigen. Der Freskenzyklus mit 38 Bildern, die praktisch die gesamte Wandfläche der Kapelle bedecken, gehört zwar nicht zur Renaissance, aber Giotto wurde doch während der Renaissance als Maler mit himmlischer Begabung, (Vasari: con celeste dono) verehrt. Es werden jeweils nur fünfundzwanzig Besucherinnen und Besucher für einen fünfzehnminütigen Besuch eingelassen. Vor dem Betreten der Kapelle betrachten diese einen gut gemachten Einführungsfilm. Wer mehr Zeit für die Kapelle braucht, muss ein zweites Mal nach Padua kommen. Wir nehmen uns auch Zeit für die Musei Civici, in denen man beachtliche antike Funde sieht.

Beim Promenieren in der Stadt bemerken wir unterwegs auf der Rückseite des Rathauses als Erinnerung an die Zeit des Faschismus eine Karte des italienischen Imperiums von 1939 mit Somalia, Äthiopien, Eritrea, Libyen, den damals italienischen Inseln in der Ägäis (Dodekanes), Albanien und Istrien. Soll man Denkmäler und Inschriften des Kolonialismus und des Faschismus zerstören? Dies ist nicht meine Meinung. Aber eine Hinweistafel mit Erklärungen möchte ich an einem solchen Ort gerne sehen.

Einen Ort will ich der Gruppe in Padua noch zeigen: die Kirche des heiligen Antonius von Padua, bekannt als il Santo. Es ist nicht allein der Reichtum der Dekoration am Grab und um das Grab des Heiligen, die diese Kirche zum Erlebnis macht, sondern auch die Verehrung, die er bis heute geniesst. Die Gläubigen berühren seinen Sarkophag und staunen über die Zunge des Predigers, die sich nicht zersetzt haben soll. Man kann wohl Kunst zu religiösen Themen nicht ganz verstehen, wenn man die dazu gehörende Religiosität ausblendet. Aus den meisten Kirchen ist die Religiosität auch in Italien entschwunden, aber hier existiert sie.

Der Tag endet mit einem guten Abendessen in der Osteria l’Anfora mit regionaler Küche.

Die ultimative Rosine unserer Reise ist Venedig, auch wenn die Renaissance hier eher spät begonnen hat. Wir erreichen die Stadt am Freitag nach einer halbstündigen Bahnfahrt und stellen unser Gepäck im Hotel Bellini wenige Schritte vom Bahnhof ab. Wir machen uns auf zur Entdeckung der Stadt.

Wer zum ersten Mal in der Stadt ist oder lange nicht mehr da war, steht oft fasziniert still und wundert sich über die vielen malerischen Plätze samt ihren verschlossenen Ziehbrunnen und über die Kanäle mit den halb überschwemmten Hauseingängen zum Wasser. Wie funktioniert die Logistik in einer Stadt ohne Strassen? Es gibt Supermärkte mit Lebensmitteln und Ambulanzboote mit Blaulicht und Sirene. Zuerst gehen wir zu Fuss zu einem Ort, der für die Kultur der Renaissance bedeutend ist.

Am Campo Sant’Agostin im Stadtteil San Polo befand sich die Druckerei von Aldus Manutius, bei dem Erasmus von Rotterdam sich um 1508 zehn Monate lang aufhält, um seine Sammlung lateinischer Sprichwörter und Redensarten (Adagia) drucken zu lassen. Das Haus des Druckers steht noch. Auch später in Basel lebt der führende Intellektuelle Europas jahrelang bei einem Drucker.

Der Druck von Büchern erleichtert die Verbreitung von neuen Ideen, und in der Republik Venedig gibt es während der Renaissance weniger Hindernisse für Drucker als anderswo. Aldo Manuzio, wie er auf Italienisch genannt wird, gilt als Erfinder der kursiven Drucktypen (Italic).

Die Druckerei liegt auf unserem Weg zwischen dem Bahnhof und dem Fischmarkt, wo Möwen miteinander um Nahrung kämpfen, nicht weit von der Rialtobrücke. Von dort gehen wir zu einer der schönsten Renaissance-Kirchen der Stadt, Santa Maria dei Miracoli (1481-89).

Nach einem Mittagessen gehen wir über die Strada Nuova und ihre Fortsetzung zurück zum Hotel, beziehen unsere Zimmer, steigen in ein mit Touristen und sperrigen Rollkoffern überfülltes Motorschiff (vaporetto) der Linie 1 (Venice’s most popular waterbus line), staunen, dass die Fahrt auf dem Canal Grande vom Bahnhof Santa Lucia bis zum Markusplatz länger dauert als die Fahrt von Padua nach Venedig und betreten schliesslich gegen Ende des Nachmittags das ehemalige Machtzentrum der Republik, den Dogenpalast (Palazzo ducale), für den wir im Vorverkauf Eintrittskarten gekauft haben.

Während im Palazzo vecchio in Florenz der Salone dei Cinquecento 54 x 23 Meter misst, hat im Dogenpalast der grösste Ratssaal Sala del Maggior Consiglio Ausmasse von 55 x 25 Metern. Dazu passt ein Gemälde, das lange als grösstes der Welt galt, das 7 x 22 Meter grosse, um etwa 1590 entstandene, manieristische Bild il Paradiso von Jacopo Tintorretto (1518-1594).

Wie der Palazzo vecchio wurde auch der Dogenpalast durch Brände beschädigt, wie dieser stammt auch der Dogenpalast in seiner heutigen Form aus sehr unterschiedlichen Zeiten. In beiden Gebäuden fühle ich mich von der Monumentalität der Architektur und der barocken Überladenheit der Dekoration eingeschüchtert, und das ist wohl so gewollt. Schliesslich waren beide Gebäude Zentren der Macht. Wer selbst mächtig war, hatte gewiss uneingeschränkt Zutritt, aber ich stelle mir einheimische Bittsteller und ausländische Delegationen vor, die lange in Vorzimmern warten, bis sie eingeladen werden und den Mächtigen der Republik in den Räumen des Palasts ihre Anliegen vorbringen dürfen. Im Palast befanden sich auch die Gerichte, und auf der anderen Seite die Gefängnisse der Republik, die man auf dem Rundgang ebenfalls besichtigt.

Nicht weit vom Markusplatz ist die Riva die Schiavoni, einst Anlegeplatz für Schiffe aus dem slawischen Raum – wie in der deutschen Sprache gibt es auch in der italienischen eine etymologische Verwandtschaft der Begriffe für Slawen und Sklaven. In einer Seitengasse dieser Promenade befindet sich das Restaurant Lo Scalinetto, in dem wir den letzten Abend unserer Reise bei einem guten Abendessen verbringen. Den Tisch haben wir frühzeitig reserviert. Das Restaurant bietet eine schmackhafte venezianische Küche, und das Personal beherrscht die scheinbar so leichte Kunst, die Kundschaft locker, fröhlich und professionell zu bedienen.

Eigentlich endet unsere Reise am Samstagmorgen nach dem Frühstück. Aber die meisten Mitreisenden haben noch eine zusätzliche Nacht gebucht und verlassen Venedig erst am Sonntagnachmittag oder sogar erst am Montag. So bleibt Zeit für Spaziergänge bei schönem, aber windigem Wetter und hohem Wasserstand (acqua alta), der zu einer teilweisen Überflutung des Markusplatzes führt.

Von allen Städten, die wir auf dieser Reise besucht haben, ist Venedig die einzige, die keine römische Vergangenheit hat. Umso wichtiger war es für die Venezianer, ein imaginäres Gründungsdatum zu erfinden, und dank diesem historisch unhaltbaren Gründungsdatum feiert die Stadt im Jahr 2021 ihr 1600-jähriges Bestehen.

Einen Teil der wirklichen Stadtgeschichte erfährt man im Museo Correr, das wir am Samstagmorgen besuchen. Dort geht es um venezianische Kartographie und Seefahrt sowie um die Kriege, die die Stadt zur Verteidigung des Christentums und ihrer Handelsinteressen gegen die bösen Türken geführt hat. Die Sammlung ist heterogen, mir ist eine gut erhaltene Skulptur des Mithras aufgefallen, ein Modell des Bucintoro, des prunkvollen Staatsschiffes des Dogen, erbeutete türkische Feldzeichen, venezianische Münzen, Keramiken, Gemälde, Plastiken von Canova und vieles mehr, alles untergebracht in dem Gebäude, das Jacopo Sansovino (1486-1570) als Umrahmung des Markusplatzes gebaut hat, in dem auch die Biblioteca Sansoviana untergebracht war.

Wenn ich die lateinische Inschrift richtig verstehe, so wurde diese im Jahre des Herrn 1929 beziehungsweise im Jahr 7 der Faschistischen Revolution in ihrem ursprünglichen Zustand wiederhergestellt, als Viktor Emmanuel III König von Italien und Benito Mussolini Duce war (das lateinische Wort Dux, das auf dem Bild in deklinierter Form verwendet wird, bedeutet Führer, Herzog, in Venedig auch Doge).

Wer die Renaissance liebt, wird in Venedig auch Gefallen finden an der Fassade der Scuola Grande di San Marco (1487-1495) und an der 1490 beendeten Kirche San Zaccaria mit ihrer harmonischen Fassade und dem Meisterwerk Conversazione sacra (1505) des Venezianers Giovanni Bellini (1430-1516). Burckhardt erwähnt das Bild in seinem Cicerone als Beispiel dafür, wie der Rahmen die perspektivisch berechnete Fortsetzung der im Bilde darstellten Architektur ist… Das Beisammensein der heil[igen] Gestalten, ohne Affekt, ja ohne bestimmte Andacht, macht doch einen übermenschlichen Eindruck durch den Zusammenklang der glückseligen Existenz so vieler freier und schöner Charaktere.  

Und natürlich gehört zu einem Besuch von Venedig die Gemäldesammlung der Gallerie dell’Accademia, die wir am Sonntagmorgen besuchen, in der die Renaissancebilder der venezianischen Maler nicht fehlen.

Zum Abschluss einige Hinweise für Reisende, die ihre eigene Reise zu den Werken der Renaissance planen:

Die Hotels in den besuchten Städten sind etwas günstiger als in der Schweiz, in Venedig etwa auf gleichem Niveau, aber je nach Jahreszeit sehr früh ausgebucht. Das Essen in Restaurants ist in der Regel gut und günstig. Es lohnt sich, auf regionale Küche zu achten. Erstens unterstützt man so die Produzenten in der Umgebung, und zweitens lernt man so auch neue Gerichte kennen. Wenn auf der Karte nicht alles verständlich ist, soll man ungeniert fragen. Die meisten Kellnerinnen und Kellner geben sehr gerne Auskunft.

Das Frühstück in den Hotels ist oft etwas enttäuschend. Die meisten Italienerinnen und Italiener trinken am Morgen einen cappuccino an der Stehbar auf dem Weg zur Arbeit und essen dabei ein cornetto, oft auch brioche genannt, auch wenn ein cornetto gemeint ist. Wer die Gipfeli gerne ohne Marmeladefüllung geniessen möchte, verlangt ein cornetto vuoto). Diese Variante kostet auch im überteuerten Venedig nur 3.10 EUR – günstig im Vergleich zum Frühstück im Hotel für 15 EUR. Das Finanzielle ist aber nur ein Aspekt. Der Kaffee in einer gut besuchten Bar in Italien ist einfach immer unvergleichlich gut. Und man kriegt erst noch mit, wie die Italienerinnen und Italiener sind, wenn sie sich selbst sein können.

Zu den Bahnen. Sie sind komfortabel und im Vergleich zur Schweiz nicht teuer. Wer Zeit hat und mehr als die Hälfte des Fahrpreises einsparen will, sollte sich das Umsteigen auf die Kategorie der schnellen Regionalzüge überlegen. Für die Rückfahrt in die Schweiz empfiehlt es sich, mögliche Zugsverspätungen einzuplanen.

Eher teuer sind die meisten Eintritte zu Sehenswürdigkeiten, vor allem in Florenz und Venedig. Zur Information die Eintrittspreise, die im Oktober 2021 zu bezahlen sind:
– Dogenpalast (Palazzo ducale) in Venedig 26 EUR (14 EUR für Kinder, Studenten, Pensionierte)
– Uffizien Florenz 20 EUR
– Domkuppel Florenz 20 EUR
Museo dell’Opera del Duomo und Baptisterium Florenz 15 EUR
Cappella degli Scrovegni Padua 14 EUR (kombiniert mit Museum, am Montag ohne Museum 10 EUR)
Palazzo vecchio Florenz 12.50 EUR
Gallerie dell’Accademia Venedig 12 EUR
Galleria nazionale Parma 12 EUR
Sagrestia nuova Florenz 9 EUR
Museo di San Marco Florenz 8 EUR
Pinacoteca nazionale Bologna 6 EUR
– die Statuen in der Kirche Santa Maria della Vita, Bologna 5 EUR
– Fresken von Giovanni da Modena in der Kirche San Petronio, Bologna 3 EUR
Santa Maria dei Miracoli in Venedig 3 EUR.

Schliesslich sollte man einen Euro bereithalten für die Beleuchtung des Bildes Sacra conversazione von Giovanni Bellini in der Kirche San Zaccaria in Venedig. Und Zeit, genügend Zeit sollte man sich lassen!

18. September 2021: Bulle und Gruyères

Gibt es in der Schweiz eine Stadt, deren Einwohnerzahl sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt hat?

Bulle hatte 2020 rund 24,700 Einwohnerinnen und Einwohner, im Jahr 2000 waren es erst rund 11,300. Die Fusion mit der Vorortsgemeinde La Tour-de-Trême anfangs 2006 ist nur für einen kleinen Teil dieser Zunahme verantwortlich.

Wer mit dem Zug in Bulle ankommt, steigt an einer Baustelle aus. Gerade wird der Bahnhof an einem anderen Standort neu gebaut, und daneben gleich noch Wohnungen für 7000 neue Bulloises et Bullois.

Vor dem alten Bahnhof, der auch modern ist, empfängt die Statue eines Stiers die Menschen, die in der bullischen Stadt ankommen.

Unsere kleine Gruppe geht ein paar Schritte und gelangt zur ersten Bäckerei, und schon geht es um Traditionen. Im Herbst, zum Fest Bénichon, isst man in Bulle wie auch anderswo im Freiburgerland la cuchaule, ein Brot aus Zopfteig mit Milch und Safran.

Um die Ecke ein weiterer Ort mit Tradition. Im Café Fribourgeois (erbaut 1898-99) steht seit 1913/14 ein Orchestrion, ein Musikautomat, der mit gelochten Papierstreifen ein programmiertes Orchester mit Piano, Flöten, Geigen, Xylophon und allerlei Schlaginstrumenten ertönen lässt. Kaffee gibt es auch.

Nicht weit davon das Restaurant du Cheval Blanc, Hauptquartier der Bauernrevolte von 1781, damals mit dem Namen L’Epée Couronée. Das Freiburger Patriziat, gegen das der Aufstand gerichtet war, liess das Wirtshausschild zerstören. Das neue Schild zeigt zwar einen Schimmel, aber ein gekröntes Schwert ist elegant in das neue Schild integriert und zeigt gegen Freiburg.

Eine andere Integrationsübung galt dem Uhrturm des 1836 abgerissenen Stadttors Tour du tocsin: man baute ihn samt Uhr auf einem Haus gegenüber dem Gasthof wieder auf.

Weitere Stationen unseres Rundgangs sind die Markthallen, der Marktplatz mit seinem Musikpavillon, und schliesslich die Statue des Bauernführers Nicolas Chenaux (1740-1781) auf einem 1933 errichteten Brunnen. Nach seinem gewaltsamen Tod entwickelte sich ein Reliquienkult um seine Gebeine, gegen den der Bischof von Lausanne einschreiten musste.

Mit dem Segen der Kirche fanden dafür die Wallfahrten zur Kapelle Notre-Dame de Compassion statt, einer Kapelle, die den Brand von 1805 überstanden hat mit ihrem barocken Altar und einigen Votivtafeln.

Bevor wir im Musée gruérien die für die Region typischen Bilder der Alpaufzüge und -abzüge (poya, rindya oder désalpe) betrachten können, promenieren unversehens mit Treicheln und Blumen geschmückte Kühe auf der Grand-Rue. Die Städter sitzen in den Cafés und nehmen die désalpe-Vorstellung wohlwollend zur Kenntnis. Das Gläschen Weisswein für den Senn darf nicht fehlen.

Das Museum gibt einen vollständigen und trotzdem kurzweiligen Einblick in die Kultur und die Geschichte des Greyerzerlandes. Man sollte für den Besuch genügend Zeit reservieren. Während Sophia Loren in Greyerz nicht fehlt, hoffe ich allerdings umsonst auf einen Hinweis auf Jean-Marie Musy (1876-1952).

Der im nahen Albeuve geborene Politiker und militante Antikommunist wird 1919 Bundesrat, tritt 1934 wegen Meinungsunterschieden zurück, bleibt politisch aktiv und einflussreich und produziert 1938 den damals teuersten Schweizer Film zusammen mit Gesinnungsfreunden in Deutschland: Die rote Pest. Sein Privatsekretär Franz Riedweg macht Karriere als Arzt, SS-Obersturmbannführer und Vorsteher der Germanischen Leitstelle, die Ausländer für die Waffen-SS rekrutiert.

Über Musy und seine Beziehungen hätte ich gerne mehr erfahren. Musy wurde nach seinem Tod zwar nicht geköpft und gevierteilt wie Chenaux, aber eine Art damnatio memoriae gab es auch in seinem Fall.

Nach einer Mittagspause fahren wir mit der Schmalspurbahn nach Gruyères. Natürlich sind wir nicht die einzigen, die an diesem sonnigen Samstagnachmittag zum malerischen Städtchen hochsteigen.

So wie Bern einen Bären im Wappen führt und Bulle einen Bullen, so trägt Gruyères einen Kranich (la grue) im Wappen. Die Grafen von Greyerz sind Vasallen der Grafen und späteren Herzöge von Savoyen – das erklärt deren Motto FERT auf der Wappenscheibe. Sie sind auf der siegreichen Seite in den Burgunderkriegen. 1548 wird die Grafschaft zugewandter Ort der Eidgenossenschaft, 1554 ist sie bankrott, die Städte Bern und Freiburg teilen sich das Gebiet. Im 19. Jahrhundert kauft eine Genfer Industriellenfamilie das Schloss.

Sie gestaltet es um, lässt einen “Rittersaal” mit historischen Szenen bemalen, lädt Künstler ein, die ihre Spuren hinterlassen, darunter Camille Camille Corot (1796-1875).

Das gruselige Mittelalter ist deswegen im Schloss kaum präsent, dafür gibt es Gruseliges aus dem 20. Jahrhundert in der HR Giger-Bar, in der wir unseren Besuch in Greyerz abschliessen.

21. – 29. August 2021: Gotische Kathedralen in der Champagne und der Picardie

Nach dieser Reise geht es mir wohl ähnlich wie dem Evangelisten Johannes auf Patmos, hier dargestellt in einem Glasfenster des beginnenden 14. Jahrhunderts in der Kathedrale Beauvais. Er scheint sich zu fragen: womit soll ich nur anfangen?

Ich beginne mit der Feststellung, dass eine Bahnfahrt nach Paris mit dem train à grande vitesse TGV keine besondere Herausforderung ist. Eine Autofahrt zu den gotischen Kathedralen in Nordfrankreich auch nicht.

Aber kann man die Kathedralen in der Champagne und der Picardie mit dem öffentlichen Verkehr erreichen? Es ist nicht einfach, aber möglich. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass die Züge nicht so regelmässig verkehren wie in der Schweiz. Wer den Zug um 07.26 Uhr von Reims nach Laon verpasst, nimmt den nächsten Zug um 12.41 Uhr.

Natürlich könnte man alle Orte auch in Tagesausflügen von Paris aus besuchen. Aber das wollen wir nicht. Wir haben uns eine Rundreise ausgedacht.

Warum aber sollte jemand überhaupt in diese Gegenden reisen?

In Nordfrankreich ist der gotische Stil entstanden, wobei die Bezeichnung “gotisch” erst viel später aufkam – von Giorgio Vasari (1511-1574) war sie als Schimpfwort gemeint.

Nordfrankreich ist auch das Ursprungsgebiet des Frankenreichs, aus dem sich das Königreich Frankreich entwickelt hat.

Ein weiterer Grund ist ein lange andauerndes Missverhältnis. Jeden Tag besuchten durchschnittlich 30,000 Menschen die Kathedrale Notre-Dame von Paris. Pro Jahr waren es bis zu 14 Millionen. Die in mancher Hinsicht vergleichbaren Kathedralen ausserhalb von Paris wurden kaum beachtet. Mir schien, dass es Zeit war für eine Korrektur.

Die Korrektur kam als Katastrophe. Der Brand der Kathedrale Notre-Dame von Paris am 15. April 2019 löste in der säkularisierten Hauptstadt Trauer und ungläubiges Entsetzen aus. Als der Dachreiter von Notre-Dame, la flèche, ins Innere der brennenden Kirche stürzte, fühlte es sich an wie ein Weltuntergang. Präsident Emmanuel Macron, sonst ein eifriger Verfechter des Laizismus, versprach sofort, dass man die Kathedrale wieder aufbauen werde, und zwar noch schöner als zuvor.

Wir planten unsere Reise nach Nordfrankreich für den April 2020, im Februar publizierten wir Inserate. Die Pandemie verunmöglichte die Reise vorerst.

Nun endlich hat die Reise stattgefunden in die Städte Reims, Soissons, Laon (Bild), Amiens, Beauvais, zur Sainte-Chapelle in Paris, nach Saint-Denis und schliesslich nach Troyes.

Es ist Samstag, der 21. August 2021, als wir, eine Gruppe aus mehrheitlich nicht miteinander bekannten Mitreisenden, kurz nach 12 Uhr im Zug von Basel nach Strassburg sitzen. Beim Umsteigen reicht die Zeit für einen Kaffee. Dann wird unser TGV angekündigt. Eine grosse Menschenmenge mit viel Gepäck setzt sich in Bewegung. Der Zug besteht aus zwei Kompositionen. Die Wagen sind etwas verwirrend nummeriert, aber wir finden unsere reservierten Sitzplätze.

Der Zug rast durch weite Landschaften und hält an Bahnhöfen, die vor fünfzehn Jahren für die automobile Menschheit auf der grünen Wiese erbaut worden sind (Lorraine TGV, Meuse TGV). Dreieinhalb Stunden nach unserer Abfahrt von Basel sind wir im Bahnhof Champagne-Ardenne TGV, der in einem Vorort von Reims liegt. Champagne-Ardenne, das war die Bezeichnung einer Region, die bis Ende 2015 existierte und ab 2016 mit den Regionen Lorraine (Lothringen) und Elsass (Alsace) zur Region Grand Est zusammengeschlossen wurde.

Ins Zentrum von Reims führt eine Strassenbahn, die zusammen mit dem TGV-Bahnhof erbaut wurde. Unser kleines Hotel mit kleinen Zimmern liegt wenige Schritte von der Place Drouet d’Erlon, der Restaurantmeile von Reims.

Ein Spaziergang zur Kathedrale – ein Mensch wirkt winzig im Vergleich zur Fassade dieses Bauwerks. Ein Apéro mit Champagner – wir sind in der Champagne. Dann geniessen wir, wegen dem drohenden Gewitterregen in einem feudalen Speisesaal sitzend, ein gemeinsames Abendessen im Restaurant Côté cuisine. Die Mitreisenden lernen sich kennen. Wir beenden den Tag mit einem nächtlichen Spaziergang durch den Park zum imposanten römischen Stadttor.  

Am Sonntagmorgen überlassen wir die Kathedrale ihrer kirchlichen Funktion und besuchen stattdessen den Palais du Tau, zu Zeiten der Monarchie Residenz der Erzbischöfe von Reims. In einer gut gemachten Ausstellung wird die Geschichte der Kathedrale vorgestellt. Schwarz-weisse Fotografien zeigen das Bauwerk als Ruine ohne Dach als Folge des Artilleriebeschusses im Ersten Weltkrieg. Beim Brand schmilzt das bleierne Dach, das Metall erstarrt in den Wasserspeiern.  

Die Städte, die wir in Nordfrankreich besuchen, liegen in einem Kriegsgebiet. Die Kriege von 1870/1871, von 1914 bis 1918 sowie von 1940 und 1944 haben Schäden angerichtet, nicht nur an den Kathedralen. In jeder Stadt gibt es Denkmäler mit den Namen von Hunderten von Gefallenen. Allein in der zweiten Hälfte des Jahres 1916 starben über eine Million Soldaten in der Schlacht an der Somme – den Alliierten gelangen dabei Geländegewinne von maximal 12 Kilometern.

Vor der Französischen Revolution fällt dem Erzbischof von Reims das Privileg und die Pflicht zu, den neuen König zu krönen, zu salben und zu weihen. Le sacre, so nennt sich die Zeremonie. Der Begriff wird auch für eine Bischofsweihe verwendet. Der König von Gottes Gnaden übernimmt ein religiöses Amt. Nach der Zeremonie berührt er die Geschwüre von Hunderten von Kranken und spricht die Worte: Le roi te touche, Dieu te guérit.

Die enge Verbindung zwischen Kirche und Königtum wird mit der Taufe des Merowingers Clovis, deutsch Chlodwig, begründet, die um das Jahr 500 stattgefunden hat. Von Grégoire de Tours ist die Geschichte überliefert. So wie Kaiser Konstantin glaubt, dass er dank der Hilfe von Christus die Schlacht am Ponte Milvio im Oktober 312 gewonnen hat, so wie er deswegen das Christentum legalisiert und später selbst übernimmt, so bekehrt sich auch Clovis, dessen zweite Frau die burgundische und schon christliche Clothilde ist, nach einem Sieg auf dem Schlachtfeld zum Christentum. Das Christentum, zu Beginn dem Prinzip der Gewaltfreiheit verpflichtet, ändert seinen Charakter.

Die Taufe von Clovis ist ein zentrales Thema der Kathedrale. Wir sehen Clovis in einem stilisierten Taufbecken hoch oben an der gewaltigen Westfassade, in der Mitte der galerie des rois, als eine der etwa viereinhalb Meter grossen und acht Tonnen schweren Königsstatuen. Wir sehen die Taufe als Relief am Nordportal. Wir sehen sie im Innern als moderne Glasmalerei von Marc Chagall.

Vor dem Besuch der Kathedrale besichtigen wir aber die Basilika Saint-Remi, einen 122 Meter langen Bau mit romanischen und gotischen Elementen. In ihr ist Remigius begraben, der Bischof, der Chlodwig getauft hat. Hier wurde vor der Revolution auch die Sainte Ampoule aufbewahrt, ein Fläschchen mit dem Öl, das für die Salbung des Königs verwendet wurde. Ein Vogel vom Himmel brachte das Fläschchen  wundersamerweise zur Taufe Chlodwigs. Bei der französischen Revolution, die dem Königtum ein vorläufiges Ende bereitete, wurde es zerschlagen.  

Die der Jungfrau Maria geweihte Kathedrale, 149 Meter lang, mit einem 61 Meter langen Querschiff, entstand ab dem Jahr 1210 als Ersatz für einen Vorgängerbau, der im Jahr 1208 abbrannte. Im 13. Jahrhundert wurde intensiv gebaut. Die Galerie mit den Königsstatuen und die Türme wurden aber erst zweihundertfünfzig Jahre nach Baubeginn fertiggestellt.

Im 18. Jahrhundert wurde umgebaut, im 19. Jahrhundert restauriert, im 20. Jahrhundert bombardiert und wieder aufgebaut. Bei einer Besichtigung der Türme erhält man Einblick in die fast hundert Jahre alte Dachkonstruktion aus Eisenbeton.

Anders als vor hundert Jahren werden nun beim Wiederaufbau des Dachs der Pariser Notre-Dame wieder massive Eichenstämme verwendet.

Am Montagmorgen stehen wir früh auf, fahren mit einem komfortablen Triebwagen nach Laon in der früheren Region Picardie, die seit 2016 zusammen mit der früheren Region Nord-Pas de Calais die Region Hauts-de-France bildet. Wir deponieren unser Gepäck im Hôtel du Tramway gleich neben dem Bahnhof und warten in einem Café auf den nächsten Zug nach Soissons, bis eine Teilnehmerin bemerkt, dass sie ihre Dokumente im Hotel in Reims vergessen hat. Die junge Dame an der Rezeption weiss, dass ihre Kollegin an diesem Morgen nach Reims fährt. Die beiden sorgen dafür, dass die verlorenen Dokumente abgeholt werden und am Nachmittag in Laon sind. Wir können das Hôtel du Tramway auch sonst empfehlen, obschon es in Laon längst keine Tramways mehr gibt.

Vor dem Besuch von Laons Innenstadt machen wir also unseren  Abstecher nach Soissons, wo eine besonders harmonische Kathedrale steht.

Hier residierte der Frankenkönig Clothaire Ier, Sohn von Clovis, vom Jahr 511 an, bevor er sein Herrschaftsgebiet kontinuierlich ausweiten konnte auf alle fränkischen Gebiete. Beim Bischof Grégoire de Tours kommt Clothaire nicht gut weg mit seinen sieben Ehefrauen. Es wird ihm auch vorgeworfen, dass er zusammen mit seinem Bruder Childebert Ier zwei Söhne seines im Krieg gegen die Burgunder verstorbenen Bruders Clodomir ermordet hat, Söhne von Clothaires Ehefrau Gondioque übrigens. Gondioque war die Witwe des gefallenen Bruders, und sie war nicht damit einverstanden, dass man ihren Söhnen aus erster Ehe als Zeichen des Verzichts auf ihre Herrschaftsrechte die Haare abschnitt. Zwei Söhne werden deshalb von ihren Onkeln umgebracht. Der dritte, Clodoald, entkommt, wird Geistlicher, schneidet sich selbst die Haare und wird bis heute als saint Cloud verehrt. Eine Reliquie seines Arms befindet sich in der Kirche von Saint Cloud bei Paris.

Seltsam unchristliche Bräuche also im frühchristlichen Frankenreich, trotz der Taufe Chlodwigs. Im Verlauf dieser Woche sehen wir Dutzende von Reliefs und Glasmalereien von brutalen Folterungen und Hinrichtungen früher christlicher Märtyrerinnen und Märtyrer, aber kein einziges Bild von den Morden in der Königsfamilie. 

Soissons liegt auf der Bahnlinie von Laon nach Paris. Der Bahnhof liegt etwas abseits. Man geht fünfzehn bis zwanzig Minuten auf der etwas verwahrlosten Avenue du Général de Gaulle bis in die Innenstadt.

Zur Bahnhofstrasse passt die Ruine der Abteikirche Saint Jean-des-Vignes. Durch das Loch, das die riesige Fensterrose gelassen hat, pfeift der Wind. Der Abbruch der Ruine wurde im Jahre 1805 beschlossen, trotzdem blieb sie stehen samt ihren markanten Türmen. Gut erhalten ist der geräumige Speisesaal der Mönche und die grossen Kellergewölbe.

Die Westfassade der Kathedrale Saint-Gervais-et-Saint-Protais ist von einem Baugerüst bedeckt. Der Grund ist, dass im Januar 2017 ein Sturmwind die Fensterrose ins Innere der Kirche geblasen hat. Von aussen sieht die Kathedrale heterogen aus, im Innern überrascht deswegen die perfekte Harmonie. Besonders ästhetisch ist das südliche Querschiff, der frühste Teil des Kirchenbaus. Es ist abgerundet wie eine Apsis mit Chorumgang. Wie Reims lag auch Soissons zeitweise an der Front während des Ersten Weltkriegs. Bilder in der Kirche zeigen die damaligen Schäden.

A propos déambulatoire, Chorumgang: alle besuchten Kathedralen haben einen Chorumgang, der es erlaubt, dass Gläubige um den Chor herumgehen, vielleicht in einer Seitenkapelle beten oder einer Messe beiwohnen können, sich vielleicht als Pilger Heiligung und Rettung von den vorhandenen Reliquien erhoffen, ohne dabei die Messe der Chorherren im Chor zu stören.

Montagmittag in der Kleinstadt Soissons, wo können wir essen? Uns wird das Restaurant Saint-Vincent empfohlen, das wir hiermit weiterempfehlen. Aufmerksame Bedienung, gutes Essen, korrekte Preise, viele lokale Gäste.

Nach dem Essen fahren wir durch die regnerische Landschaft zurück nach Laon und widmen uns endlich dieser Stadt, die aus Quartieren in der Ebene besteht (dort liegt auch der Bahnhof und unser Hotel) und aus einem Zentrum hoch oben auf einem Tafelberg. Vom Bahnhof erreicht man die Innenstadt auf einer bunt bemalten Treppe, die sich schlicht escalier municipal nennt, oder auf verschiedenen steilen Fusswegen. Auf der Südseite des Plateaus gibt es einen Aussichtspunkt, dort sieht man, wie die Kathedrale mit ihren Türmen sich über der Stadt erhebt.

Hier oben in Laon befand sich im 11. Jahrhundert eine der bekanntesten Schulen für Theologie und Philosophie. Hier lehrte der berühmte Anselme de Laon (Lebensdaten um 1050 bis 1117), hierhin kam der junge und kritische Philosoph Pierre Abélard (1079-1142), um Theologie zu studieren. Bekannt ist bis heute vor allem Abélards verbotene Beiziehung zu seiner Schülerin und späteren Äbtissin Héloïse und die Tatsache, dass der Onkel der jugendlichen Geliebten, ein Chorherr von Notre-Dame de Paris, den bekannten Wissenschaftler kastrieren liess. Beschrieben ist diese schlimme Geschichte im Briefwechsel zwischen Abélard und Héloïse, der erhalten ist. War das Mittelalter ein erstarrtes und leidenschaftsloses Zeitalter? Die Lektüre des Briefwechsels zeigt ein ganz anderes Bild. Interessant in diesem Kontext ist auch Jacques Le Goff: Les intellectuels au Moyen Âge. Wenn ich den Autor richtig verstehe, sieht er die dargestellte Zeit als eine Renaissance vor der Renaissance.

Laon, die Stadt, die blühte, als Bern wohl noch ein Wald mit herumstreifenden Bären war, ist heute eine ruhige, verschlafen wirkende Kleinstadt mit knapp 25,000 Einwohnern. Viele Ladenlokale sind leer. Von Gentrifizierung keine Spur. An der Gasse, die zur Kathedrale mit ihren fünf Türmen führt, ein geschlossener Hundesalon.

Wie erklärt sich der Niedergang? Beginnt er 1295, als die Bürger ihre städtische Autonomie verlieren? Von da an wird die Stadt durch einen königlichen prévôt verwaltet. Oder liegt es an der Industrialisierung, die in der Ebene bessere Bedingungen vorfindet?

Die grösste Kirche der Schweiz ist die Kathedrale von Lausanne, knappe 100 Meter lang. Die Kathedrale von Laon ist zehn Meter länger. Besonders an ihr ist, dass sie innert weniger Jahrzehnte gebaut wird. Um das Jahr 1250 ist sie vollendet. Sie ist deswegen vergleichsweise einheitlich in einem frühgotischen Stil gebaut. Eine weitere Besonderheit ist der nach Osten ausgerichtete Chor mit déambulatoire, der nicht rund, sondern rechteckig ist.

Speziell sind auch die Türme. Von ihnen herab blicken Ochsen aus Stein, über deren Bedeutung verschiedene Meinungen bestehen. Eine Anerkennung für die Ochsen, die die Steinquader auf den Berg zogen? Speziell ist schliesslich die meditative Stimmung in dieser riesigen und hellen Kathedrale, in der sich die einzelnen Menschen zu verlieren scheinen.

Wenn die Kathedrale um 19 Uhr schliesst, öffnet nebenan die Crêperie Agora, wo es galettes au sarrassin gibt, zum Beispiel mit der lokalen Käsespezialität Maroilles aus dem département de l’Aisne, in dem wir uns befinden. Als lokales Getränk empfehlen wir Apfelwein (cidre) aus der Region Thiérache im Nordosten der Picardie.

Nach dem Frühstück am Dienstag steigen wir nochmals auf den Berg und besuchen die eindrückliche Kathedrale ein zweites Mal. Dann setzen wir uns in den Zug nach Amiens, der geradeaus durch die flache Landschaft der Hauts-de-France fährt.

Wo liegen eigentlich die Höhen in den Hauts-de-France? Der Bahnhof von Laon liegt 84 Meter über Meer, derjenige von Amiens 29. Die Region liegt im Norden, ist also oben auf der Karte Frankreichs, so banal ist es, und der Name erhielt bei einer Umfrage am meisten zustimmende Voten. Historiker und Geographinnen raufen sich die Haare. Die höchste Erhebung der Hauts-de-France liegt 295 Meter über dem Meeresspiegel. 

Amiens, die am weitesten von der Schweiz entfernte Stadt auf unserer Rundreise, empfängt uns mit blauem Himmel und einem geräumigen Bahnhof aus den 1950-er Jahren. 1944 bombardierten die Alliierten das Viertel um den Bahnhof, als sie ihre Landung vorbereiteten. Vor dem Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke unter dem Ärmelkanal war Amiens der wichtigste Verkehrsknotenpunkt zwischen Paris und der Küste.

Gegenüber dem Bahnhof die Tour Perret, ebenfalls aus den 1950-er Jahren, vom gleichen Architekten erbaut. Oben sitzt ein achteckiges Element auf dem quadratischen Turmgrundriss, das erinnert an die Türme gewisser Kathedralen. Unser Hotel Ibis Styles liegt an der Fussgängerstrasse gleich hinter dem 100 Meter hohen Wolkenkratzer.

Wir machen einen Spaziergang durch das belebte Geschäftszentrum, entdecken den Laden von Jean Trogneux. Er gehörte dem Vater der aktuellen première dame Brigitte Macron, jetzt gehört er dem Bruder. Fünf Generationen von chocolatiers stellen Süssigkeiten her, darunter berühmte macarons.

Amiens wirkt auf uns modern und dynamisch, mit den vielen Cafés auch lebensfroh. Bevor wir die der Jungfrau Maria geweihte Kathedrale erreichen, kommen wir zu der stadtbekannten Skulptur Marie sans chemise von 1898.

Sie war Teil eines Uhrturms aus Metall, den man abgebaut und verschrottet hat, um ihn später, in den 2000-er Jahren, nach Originalplänen zu rekonstruieren.

Die Kathedrale ist UNESCO-Weltkulturgut (wie die Kathedrale von Reims samt Palais du Tau und Basilika Saint-Remi). Mit dem Bau wurde 1220 begonnen.

Der Eindruck der Westfassade der Kathedrale mit ihren drei Portalen und zwei symmetrischen Türmen ist vergleichbar mit Reims. Während in Reims die Galerie der Könige über der grossen westlichen Fensterrose liegt, ist sie in Amiens darunter. Sowohl in Reims als auch in Amiens gibt es an Sommerabenden eine Lichtschau, die auf die Fassade projiziert wird. In Amiens endet die Schau in der kühlen Sommernacht damit, dass die Kathedrale in den Farben erstrahlt, die sie vielleicht früher einmal hatte, als sie bemalt war. 

Die Kathedrale ist gigantisch, denn in ihr wird eine wichtige Reliquie aufbewahrt. Ihr Raumvolumen beträgt das Doppelte der Kathedrale Notre-Dame de Paris. Das Kirchenschiff ist über 42 Meter hoch (zum Vergleich Paris 35 Meter, Chartres 36 Meter).

Die Reliquie, die den Aufwand rechtfertigt, hat ein Chorherr 1206 vom Vierten Kreuzzug mitgebracht, den die westlichen Christen nicht zur Rückeroberung der zwei Jahrzehnte früher aufgegebenen heiligen Stadt Jerusalem unternahmen, sondern gegen die christliche und reiche Stadt Konstantinopel. Der Chorherr stahl in einer Kirche eine Reliquie der Schädeldecke des Heiligen Johannes des Täufers, die dort lagerte und griechisch beschriftet war.

Ermöglicht wurde der Bau der Kathedrale durch den Reichtum aus der Textilindustrie und aus dem Anbau von Färberweid, einer Pflanze, aus welcher der begehrte Textilfarbstoff Indigo gewonnen wurde. An der südlichen Aussenwand der Kathedrale ist ein Händler mit einem Sack des begehrten Guts als Relief abgebildet. Eine Teilnehmerin, die sich auskennt, verschafft uns einen kurzen Überblick über die Kleider der Zeit und die Art, sie zu färben.

In der Kathedrale liegt die Bronzestatue des Bischofs, der den Neubau veranlasste. An der Aussenwand des Chors befinden sich spätgotische Reliefs, die das Leben Johannes des Täufers und des lokalen Heiligen Firmin darstellen. Sehenswert ist auch das aufwändig geschnitzte spätgotische Chorgestühl. Freiwillige führen dreimal pro Woche eine Führung durch, leider verpassen wir die Führung diesmal. Die Zeiten für die Führungen sind nur beim Seiteneingang zum abgesperrten Chor ersichtlich, sonst nirgends.

Nicht weit von der Kathedrale liegt an einem Seitenkanal des Flusses Somme eine Zone mit Restaurants. Dort essen die lokalen und auswärtigen Gäste bei schönem Wetter mit Blick auf das Wasser.

Am Mittwoch besuchen wir vormittags das Musée de Picardie, einen repräsentativen Museumsbau aus dem 19. Jahrhundert, der den Führungsanspruch der Stadt Amiens in der Picardie überzeugend demonstriert. Das Kunstmuseum beherbergt eine sehenswerte Sammlung, zeigt aber auch eine Sonderausstellung zu den Puys d’Amiens. Von 1388 bis 1792 existierte in Amiens eine Bruderschaft, die einmal jährlich in der Kathedrale eine festliche Veranstaltung zu Ehren der Heiligen Jungfrau durchführte, die confrérie Notre-Dame du Puy, wobei puy offenbar das altfranzösische Wort für Podium ist. Zu diesen Treffen gehörte ein gemeinsames Festessen der Bruderschaft und der städtischen Elite, ein Poesiewettbewerb mit Gedichten über die Heilige Jungfrau und die Bestellung eines Gemäldes, das dann während eines Jahres in der Kathedrale ausgestellt war.  Die erhaltenen Gemälde im Stil der Renaissance der Jahre 1518 bis 1520 sind besonders sehenswert. Auf dem Bild von 1520 sitzt Maria mit dem Jesuskind unter einer Palme, im Hintergrund eine Meeresbucht, direkt an ihr steht die Kathedrale von Amiens.

Von Amiens in die südlich gelegene Stadt Beauvais gibt es keine Bahnlinie, sondern einen Bus. Der Busbahnhof von Amiens versteckt sich im Untergrund neben dem Bahnhof der SNCF. Der Bus fährt vorbei an Häuserreihen aus dunkelrotem Backstein, wie sie für den nördlichsten Teil Frankreichs charakteristisch sind, vorbei auch an der grosszügigen Bauten der Jesuitenschule La Providence, an der Emmanuel Macron einen Teil seiner Ausbildung genoss, bevor die Eltern ihn nach Paris schickten, um ihn von verfrühten sexuellen Abenteuern mit seiner späteren Ehefrau fernzuhalten. In Beauvais Centre steigen wir aus und begeben uns zu unserem Hotel nicht weit von der Kathedrale.

Mit dem Bau der Kathedrale von Beauvais wird 1225, fünf Jahre später als in Amiens, begonnen. Man versucht, höher zu bauen und die die Nachbarstadt im Norden zu übertrumpfen.

Es gelingt, einen 49 Meter hohen Chor zu bauen. Er stürzt 1284 teilweise ein, kann aber nach vierzigjährigen Bauarbeiten stabilisiert werden. Der Hundertjährige Krieg verursacht einen Baustopp. Ab 1500 wird weitergebaut. Das Querschiff steht im Jahr 1550. Man baut 1569 einen hohen Turm auf der Vierung, aber das Kirchenschiff fehlt, das den Bau wohl stabilisiert hätte, und die Pfeiler geben an Auffahrt 1573 nach. Das Querschiff wird wieder aufgebaut, aber das eigentliche Kirchenschiff fehlt bis heute. Massive und unübersehbare Holzverstrebungen im Innern verhindern heute ein nochmaliges Einstürzen der Konstruktion. Die Kathedrale ist ein beeindruckendes Monument des Scheiterns. Trotz dem Einsturz eines Teils des Bauwerks sind gotische Glasfenster erhalten geblieben (unten der Kindermord von Bethlehem und die Flucht nach Ägypten – die Geschichten versteht man, wenn man sie von unten nach oben ansieht, entgegen unserer heutigen Gewohnheit).

Zu beachten sind die Schautafeln, auf denen die Architektur von sieben Kathedralen in der Picardie verglichen wird. Neben den von uns besuchten Kathedralen in Amiens, Laon und Soissons gibt es in der Picardie die ebenfalls gotischen Kathedralen von Noyon (Geburtsort von Jean Calvin) und Senlis sowie die Basilika von Saint-Quentin. 

Das Zentrum von Beauvais ist im Juni 1940 bei Bombenangriffen der deutschen Luftwaffe grösstenteils zerstört worden. An der Place Jeanne Hachette macht nur die Fassade des Rathauses einen historischen Eindruck, alles andere ist nachkriegsmodern. In der Mitte des Platzes steht ein Denkmal für die unerschrockene junge Frau, die 1472 einen Angreifer von der Stadtmauer stiess, als ein Heer Karls des Kühnen die Stadt belagerte.

Sehenswert ist in Beauvais eine weitere Kirche, die gotische Kirche Saint-Etienne mit Glasmalereien aus dem beginnenden 16. Jahrhundert.

Es ist Donnerstagnachmittag, wir fahren mit dem Bus zum Bahnhof und setzen uns in die elektrische Bahn nach Paris. Nicht weit vom Bahnhof Paris-Nord beziehen wir komfortable Zimmer in einem kleinen, modernen Hotel. Dann setzen wir uns in die U-Bahn, steigen an der Haltestelle Cité aus und besichtigen die Sainte-Chapelle, die bis 19 Uhr geöffnet ist. Sie war eigentlich nicht Teil des Reiseprogramms, aber sie passt natürlich zum Thema.

Die Kapelle wird als Privatkapelle für die Residenz Ludwigs IX errichtet als Ort der Aufbewahrung wichtiger Reliquien, die man auch hier aus Konstantinopel beschafft hat, und zwar ebenfalls in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Dabei handelt es sich unter anderem um die Dornenkrone Christi – mit Echtheitszertifikat – und um Teile des Kreuzes. Ludwig IX, auch als Saint-Louis bekannt, zahlt für die Reliquien mehr als die Hälfte der königlichen Jahreseinnahmen. Die Skulpturen und das Interieur der Kapelle stammen aus dem 19. Jahrhundert, die meisten Glasmalereien aus der Entstehungszeit. Ich kaufe mir eine ausführliche Publikation über die Kapelle, um beim nächsten Besuch die Bedeutung der Glasmalereien besser zu verstehen.

In Paris gibt es unzählige Restaurants. Eine Erwähnung verdient das Restaurant Chez le Libanais an der Rue Saint-André des Arts 35 im Quartier Latin.

Freitagmorgen, wir lassen das Gepäck im Hotel und fahren mit dem Zug der RER-Linie D nach Saint-Denis (Saint-Denis Voyageurs). Von dort erreicht man in einem viertelstündigen Spaziergang durch die verrufenen Multikulti-Vorstadt die frühere Abteikirche – die erwarteten Taschendiebe lassen sich nicht blicken, vielleicht schlafen sie noch. In der Abteikirche sind die meisten französischen Könige begraben. Gleichzeitig gilt sie als Ursprungsort der Gotik. Abt Suger, kurzfristig Schulkollege des späteren Königs Ludwig VI, will anders als seine asketischen Zeitgenossen um Bernard de Clairvaux eine prachtvolle Kirche, welche die Herrlichkeit des Himmels widerspiegelt, und dazu braucht er Licht und farbige Glasfenster. Auf zwei Fenstern lässt er sich selbst darstellen.

Die französischen Könige lassen sich in Saint-Denis begraben, weil sich hier ein Kult um das Grab des Heiligen Dionysus entwickelt hat. Dionysus oder Saint-Denis, Bischof von Lutetia, dem späteren Paris, wird gemäss der Legende zur Zeit der Christenverfolgungen mit zwei Gefährten auf dem Hügel Montmartre geköpft und geht anschliessend mit seinem abgeschlagenen Kopf auf dem Arm noch bis Saint-Denis, wo er zusammenbricht und beerdigt wird.

Die Statue des 639 begrabenen Königs Dagobert blickt von der Seite auf das Grab des Heiligen. Man errät seine Absicht, beim Jüngsten Tag sofort bereit zu sein, um dem auferstehenden Heiligen zu folgen, bevor es zu einem Gedränge mit anderen Auferstehenden kommt. Vielleicht gibt es auch im Paradies nur wenige gute Plätze, da möchte man nicht zu spät kommen.

Eindrücklich ist die Krypta der Basilika, die erst seit 1966 eine Bischofskirche, also eine Kathedrale ist. Dort befinden sich die Reste von Dutzenden von Königen, die man während der Revolution in einem Massengrab bestattet hat und während der Restauration wieder in die Kirche zurückbringt. Während der Revolution brauchen die Verteidiger der Republik Munition gegen die adeligen Konterrevolutionäre Europas. Die Bleisärge aller Könige werden eingeschmolzen.

Erhalten sind Grabmäler aus Stein. François Ier ist in einem pompösen Grabmal dargestellt, der Sieger von Marignano, mit seiner Ehefrau Claude de France. Man findet auch Louis XII mit Anne de Bretagne, Henri II mit Catherine de Medici, der mutmasslichen Drahtzieherin der Massaker der Bartholomäusnacht, und den mit der Guillotine hingerichteten Louis XVI mit der Österreicherin Marie-Antoinette.

Nach der Besichtigung der Basilika essen wir zu Mittag im Restaurant auf dem Platz vor der Kathedrale mit Blick auf die Fassade. Wir sehen die Fassade noch ohne die Spitze des Nordturms, die 1847 wegen Einsturzgefahr demontiert wurde und deren Wiederaufbau im September 2021 beginnen soll.

Von der Haltestelle Saint-Denis Basilique fahren wir mit der Métro zurück in die Stadt Paris, promenieren zu unserem Hotel, lassen uns unser Gepäck aushändigen und gehen die kurze Distanz zur Gare de l’Est, wo wir den Zug nach Troyes besteigen. Der Diesel-Triebwagen fährt zügig durch die Vororte und kommt nach eineinhalb Stunden im Bahnhof Troyes an. Wir sind wieder in der Champagne, diesmal in ihrem südlichen Teil. Die Bahnhofhalle aus Stahl über den Gleisen ist so hoch, dass man noch bequem atmen kann, wenn sich mehrere fauchende Dampflokomotiven unter ihr befinden. Sie stammt aus einer Zeit, als man in Troyes noch auf andere Bahnlinien umsteigen konnte. Diese Nebenlinien sind inzwischen allesamt verschwunden.

Die Bahnlinie von Paris über Troyes nach Belfort, Mulhouse und Basel wurde nie elektrifiziert, aber wenn wir einem Plakat am Bahnhof Glauben schenken, dann fahren die Züge bald mit Strom von Paris nach Troyes. Nicht weit vom Bahnhof entfernt liegt das Hôtel de la Gare, in dem wir die nächsten zwei Nächte verbringen werden.

Wir beginnen unseren Aufenthalt in Troyes mit einem Spaziergang in die Altstadt mit ihren malerischen engen Gassen mit Fachwerkhäusern. Einige baufällige Gebäude werden wieder hergerichtet, in anderen gibt es Restaurants für die zahlreichen BesucherInnen der Stadt, die aus Belgien, Holland und anderen Gegenden Frankreichs anreisen.

Troyes La Champagne Tourisme wirbt im Internet mit Outlet-Stores und Shopping, verkauft aber im Büro neben dem Rathaus auch ein handliches Buch über die Glasfenster der Kirchen – Danielle Minois: Les Vitraux de Troyes. Die Stadt war während Jahrhunderten bekannt für ihre Glasmalereischule. Der Ausstellungsort Cité du Vitrail ist dieser Geschichte gewidmet, allerdings stehen wir vor verschlossenen Türen, die Wiedereröffnung nach der Renovation ist für das Frühjahr 2022 vorgesehen.

Anders als in Saint-Denis, wo die Spitze des Nordturms fehlt, fehlt der Kathedrale von Troyes der Südturm – die Konstruktion hört auf der Höhe des Kirchenschiffes auf. Am Gebäude wurde während mehreren Jahrhunderten gebaut und geflickt. Im Inneren überraschen die mächtigen Pfeiler hinter dem Eingang, die wohl für ambitiösere Türme geplant waren.

Die ältesten Glasfenster befinden sich in der östlichsten Kapelle des Chors, sie sind dem Marienleben gewidmet und entstanden um das Jahr 1200. In den Glasfenstern, die die Taten des Heiligen Andreas illustrieren, fallen mir die Teufel auf (Bild am Ende des Berichts). Andreas weist zwei Teufel weg, die Reisende belästigen, und treibt einem Kind einen roten Teufel aus, der uns dabei die Zunge herausstreckt.

Sehenswert sind auch die späteren Glasfenster oben im Kirchenschiff und im Querschiff sowie die präzise Stadtansicht des himmlischen Jerusalems von 1623 in der Chapelle des Catéchismes der Kathedrale.

Die Folter der Heiligen Agathe wird in Glasfenstern um 1530 in der Kirche Saint-Jean-au-Marché sehr anschaulich dargestellt.

Ein Besuch lohnt aber vor allem in der Kirche Sainte-Madelaine. Am Anfang war die Erde wüst und leer – wie stellt man diesen Anfang dar? Die Darstellung der Schöpfungsgeschichte um 1500 ist jedenfalls eindrücklich. Der spätgotische Lettner ebenso.

In den vielen Kirchen stellt sich die Frage, ob die Menschen des Mittelalters religiöser waren als wir heutzutage.

In Troyes habe ich mir bei einem früheren Besuch die Romans de la Table Ronde von Chrétien de Troyes (Lebensdaten von ungefähr 1130 bis zwischen 1180 und 1190) gekauft. Was bewegt die Menschen, die sich diese Geschichten – ursprünglich in altfranzösischen Versen – erzählen lassen? Gott kommt zwar in den Geschichten vor, die ich gelesen habe. Die Helden beten zu ihm, danken ihm, aber die Wunder vollbringt nicht Gott, nicht ein Heiliger, sondern es sind die Helden, indem sie Turniere gewinnen, unzählige übermächtige Bösewichte eliminieren und auch noch die Herzen der schönsten Frauen erobern. Ein nach ihrem Verständnis gottgefälliges Leben führen sie dabei, auch wenn sie jeweils zuerst dreinschlagen und erst danach Fragen stellen. Zentral ist für sie, so scheint mir, nicht ihre Religion, sondern ihre Stärke, ihr Heldenmut, ihre Schlachtrosse und die teuren Gewänder und den Schmuck, den sie für sich und ihre Frauen beschaffen. Und ganz wichtig ist, dass sie am runden Tisch des Königs sitzen.

Eine weitere Frage, die mich beschäftigt hat: Haben die Helden des Mittelalters ein schlechtes Gewissen, wenn sie das christliche Konstantinopel erobern? Es sieht nicht danach aus. Einen Brief des Papstes, der ihnen mit der Exkommunizierung droht, wenn sie Krieg gegen Christen führen, halten die Kreuzfahrer unter Verschluss. Sie müssen der Stadt Venedig die Kosten für die Ausrüstung ihrer Flotte zurückzahlen, deswegen interessiert sie nicht das Heilige Land, sondern die Plünderung von Konstantinopel.

Nehmen wir an, dass die Reliquie eines Heiligen wirkt. Wie steht es nun mit der Wirkung, wenn man die Reliquie stiehlt? Die Kirche glaubt offenbar nicht an eine verminderte Wirkung oder an einen möglichen Fluch, also an das Risiko einer gegenteiligen Wirkung. Ende April 2020, mitten in der ersten Welle der Coronakrise, wird die Reliquie Johannes des Täufers in einer Zeremonie um Hilfe gebeten – La Sainte Relique du Chef de Saint Jean Baptiste vénérée en la cathédrale d’Amiens. Im Internet findet man dazu ein Video.

Und die Kathedralen, sind sie Zeugen des Glaubens? Vielleicht eines veränderten Glaubens. Die Vorstellung eines baldigen Weltendes ist wohl etwas in den Hintergrund gerückt. Würde man sonst Kirchen planen, deren Bau mehrere Generationen in Anspruch nimmt?

Ich sehe diese riesigen Kirchen als Denkmale des Optimismus, der Zuversicht, des Reichtums und des Wettstreits. Sie sind gewiss einerseits Denkmale des Glaubens an Gott, andererseits aber auch Monumente der Machbarkeit und stolzer Beweis der menschlichen Fähigkeit, bisher nie Dagewesenes zu schaffen. Die Erbauer der Kathedralen glauben an Gott, aber auch an den Fortschritt und an die Wissenschaften. Es ist gewiss kein Zufall, dass die Glasfenster der Fensterrose des nördlichen Querschiffs der Kathedrale von Laon alle Wissenschaften der damaligen Epoche darstellen.

Der Mensch lebt bekanntlich nicht vom Brot allein, auch nicht von den Kathedralen allein. Es braucht auch Getränke. Alle Mitreisenden wollen aus der Champagne eine Flasche Champagner heimbringen. Eine gute Weinhandlung befindet sich gegenüber der Kathedrale von Troyes.

Am ersten und am letzten Abend unserer Reisen gibt es traditionellerweise ein gemeinsames, durch das Reisebudget finanziertes Abendessen in einem guten Lokal. Den Ort habe ich mir bei meinem letzten Besuch im Juli gemerkt. Im Internet sehe ich mir nochmals die Speisekarte an.

Aber als ich reservieren will, beantwortet niemand meinen Anruf. Wir gehen vorbei: Wiedereröffnung anfangs September, so steht es auf einem Blatt Papier am geschlossenen Eingang. Dasselbe bei mehreren anderen Feinschmeckerlokalen in Troyes. La rentrée nennt sich die Rückkehr nach den Ferien und der Beginn des neuen Schuljahres in Frankreich, und diese findet jeweils am 1. September statt, auch wenn sie auf einen Tag mitten in der Woche fällt. Vorher ist Ferienzeit, offenbar auch nach den Verlusten der Pandemie.

Dank der Hilfe der Mitreisenden finden wir nach mehreren Versuchen doch ein populäres Lokal mit Ambiance in einem Fachwerkhaus und mit einem richtigen patron, der sich um das Wohl seiner Gäste sorgt und sie berät: La Clef de Voûte, deutsch der Schlussstein. Auch beim Essen werden wir an Architektur erinnert. Das Lokal ist mit savoyischen Motiven geschmückt und fühlt sich alpin an. Wir können uns mental auf die Rückreise vorbereiten, essen aber weder raclette noch fondue savoyarde. Wir trinken aber einen guten Champagner und einen guten Rotwein aus der Champagne.

Bald ist unsere Reise zu Ende. Es ist die erste Gruppenreise ins Ausland seit Februar 2020, seit dem Beginn der Pandemie. An jedem Ort, an dem wir Eintritt zahlen, und in jedem Restaurant zeigen wir diszipliniert wie alle andern unsere Covid-Zertifikate.

Sonntag 28. August, kurz nach 10 Uhr: Wir finden auf dem Bahnsteig ein sonniges Plätzchen und lassen uns wärmen. Die Woche war eher kühl für die Jahreszeit.

Der Zug von Paris nach Mulhouse fährt ein, wir finden zwei Abteile für unsere Gruppe, dann folgt eine dreistündige Fahrt via Langres, Chaumont, Vesoul und Belfort durch eine ansprechende Hügellandschaft. Der Blick nach draussen wird auf dieser historischen Bahnlinie durch keine Schallschutzwände verunmöglicht. In Mulhouse bietet sich die Gelegenheit, einen Kaffee zu trinken, denn zwischen Troyes und Mulhouse fahren keine Speisewagen mehr.

Nach der Kaffeepause folgt eine zwanzigminütige Fahrt nach Basel. Nach einer intensiven Woche ist der Abschied von der kleinen Gruppe unternehmungslustiger Mitmenschen, an deren selbstverständliche Gegenwart ich mich eigentlich ganz gut gewöhnt habe, abrupt.

Aber vielleicht sehe ich einige von ihnen wieder? Die nächste Reise zu gotischen Kathedralen planen wir vom 3.-11. September 2022, also nach der rentrée.

20. Juli 2021: Neue Tendenz Weltraumtourismus

Wir verfolgen die neusten Tendenzen im Tourismus und stellen fest, dass die Medien gerade die Ära des Weltraumtourismus ankündigen.

Und ich war dabei!

Das ging so. Ich war heute im Garten beschäftigt. Es war heiss, und ich brauchte eine Pause. Da ich mir von Zeit zu Zeit Sorgen mache über den Zustand der Welt, verfolge ich manchmal die Nachrichten. Ich schaltete also den Fernseher ein und geriet rein zufällig in eine Live-Sendung von CNN. Jeff Bezos, so erfuhr ich, sass mit drei weiteren Passagieren an Bord einer Kapsel, die man auf eine Rakete montiert hatte. Es lief ein Countdown, dann zischte und rumpelte es und die Rakete hob ab samt der Kapsel mit den Passagieren. Als Zuschauer konnte man mitverfolgen, wie die Rakete an Höhe gewann. Nach drei Minuten waren die vier Passagiere 100 Kilometer weiter oben. Dann hörte man aus der Kapsel ekstatisches Grölen, Jauchzen und Johlen: die schwerreichen Passagiere erlebten ihre Schwerelosigkeit.

Ich überlegte, ob es nicht besser wäre, wenn die Milliardäre im Weltraum blieben, aber da sah man schon, wie die Kapsel wieder an Höhe verlor. Die kurze Ekstase war vorbei, und knappe elf Minuten nach dem Start war die Rakete wieder dort, wo sie aufgestiegen war, ganz nachhaltig kann sie wiederverwendet werden. Die Passagiere in ihrer Kapsel landeten auch in der Nähe.

Das fand ich als Zuschauer nun doch etwas enttäuschend. Man betreibt einen beträchtlichen Aufwand, um wegzufahren, und ist dann zehn oder elf Minuten später wieder so weit wie am Anfang.

Die Insassen der Kapsel hätten ja in der Steppe Kasachstans landen können. Dort hätten sie vielleicht noch ein Kamel sehen können, einen einsamen Hirten auf einem Pferd auf einem Hügel in der Ferne oder, ganz in der Nähe, eine wilde Schildkröte.

Macht ein Mensch, der auf einem Trampolin springt, eine Reise? Gewiss nicht. Und einer, der sich mit einem teuren und klimaschädlichen Trampolin hundert Kilometer in die Höhe befördern lässt?

Die vier Passagiere sind niemandem begegnet am Rande des Weltraums. Sie haben nicht einmal das Fenster ihrer Kapsel geöffnet, um den süssen Duft des weiten Weltraums einzuatmen. Und für einen Apero mit den Marsmenschen hatten sie auch keine Zeit.

Eine Reise haben sie nicht gemacht. Touristen sind sie auch nicht. Sie mussten auch nicht in Quarantäne.

Ich habe dann den Fernseher wieder ausgeschaltet und bin zurück in den Garten. Im Ohr hatte ich noch das Geschwafel von der kommenden Besiedlung des Weltraums durch die Menschheit. Dachten die Journalisten, dass Jeff sie bald einlädt zu einer Fahrt mit dem Raketentrampolin?

Die Bilder der selbstzufriedenen Kapselinsassen habe ich mir erspart. Ich atmete tief durch und entspannte mich beim Gedanken, dass ich mich mit dieser angeblichen Tendenz eines angeblichen Tourismus nicht weiter beschäftigen muss. 

3.-10. Juli 2021: Sommer in der Romandie

Die Romandie ist anders – das ist unser Versprechen an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die mit uns sieben Tage und sieben Nächte im Kanton Jura, im Neuenburger Jura und im Nordteil des Kantons Waadt unterwegs sind.

Gemeint ist damit nicht nur, dass die Romandie anders ist als die Deutschschweiz. Auch die verschiedenen Gebiete der Romandie unterscheiden sich sehr voneinander.

Es sei hier auch erwähnt, dass wir auf dieser Reise lohnende Städte und Gebiete der Romandie nicht besucht haben: das Gebiet um den Genfersee, Neuenburg, den Berner Jura, das Wallis, Freiburg, die Waadtländer Alpen und den Waadtländer Jura sowie die römische Hauptstadt Helvetiens, Aventicum.

Am 3. Juli, einem Samstag, treffen wir unsere kleine Gruppe beim Bahnhof Delémont, deutsch Delsberg, lassen unser Gepäck im nahen Hotel Ibis und gehen zu Fuss in die nahe Altstadt. Bei unserem Rundgang retten wir uns vor dem ersten Wolkenbruch in die Kirche Saint-Marcel, die im 18. Jahrhundert erbaut wurde mit zwei Sakristeien, die eine für das wegen der Reformation nach Delsberg übergesiedelte Kollegiatstift des Klosters Moutier-Grandval, die andere für das chapitre de Salignon, verantwortlich für das Seelenheil im Salzgau, im Tal von Delsberg, in dem das fürstbischöfliche Salzregal galt.

In der Kirche liegen in zwei Nischen die Reliquien von Germanus (Saint Germain, geboren in Trier), des ersten Abts von Moutier-Grandval, und des Priors Randoald. Beide wurden im Jahr 675 ermordet, nach einem Treffen mit dem gewalttätigen Elsässer Herzog Eticho, Vater der heiligen Ottilie und gemäss der Chronik des Klosters Muri auch Vorfahre der Habsburgerdynastie.

Auf dem Rundgang in der Altstadt und in der Kirche machen wir unsere Gruppe bekannt mit Geschichte des Fürstbistums Basel, eines Staatswesens, das achthundert Jahre lang bestand, Teil des Heiligen Römischen Reichs war und nicht zur Eidgenossenschaft gehörte.

An dieses Staatswesen erinnert das Schloss Delsberg, das dem Fürstbischof als Sommerresidenz diente, heute eine öffentliche Schule. Bei unserem Besuch ist die Türe verschlossen, so dass wir keinen Blick auf den sehenswerten Treppenaufgang werfen können.

Zum Fürstbistum gehörten neben dem Nordjura auch die Stadt Biel und der reformierte Südjura, Gebiete, die seit spätestens dem 16. Jahrhundert mit der Eidgenossenschaft verbunden waren, und die sich dem neuen Kanton Jura 1978 nicht angeschlossen haben, und weitere Gebiete, darunter die Vogtei Birseck. Zu erwähnen ist dort besonders Arlesheim, ab 1678 Sitz des Basler Domkapitels, das seine eigenen Ländereien verwaltete, die nicht nur im Fürstbistum selbst, sondern auch im Elsass, im Markgräflerland und anderswo lagen. Die Mitgliedschaft im Domkapitel war Geistlichen vorbehalten, die einen Stammbaum mit sechzehn adeligen Vorfahren nachweisen konnten.

Der Besuch in Delsberg dient auch dazu, an die Vereinigung der fürstbischöflichen Gebiete mit Bern 1815 zu erinnern, an den Beitrag des Jurassiers Xavier Stockmar zur liberalen Umwälzung von 1830 im Kanton Bern, und an die Umstände, die schon im 19. Jahrhundert das Verhältnis zwischen Bern und dem Nordjura belasteten. In der Kirche Saint-Marcel erinnert eine Büste an Bischof Eugène Lachat, der das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes zur Zeit des Kulturkampfs anfangs der 1870-er Jahre verteidigte und der deswegen aus den von den liberalen Kräften regierten Kantonen seines Bistums ausgewiesen wurde.

Keine Büste haben wir in Delsberg von Jean-Baptiste Joseph Godel gefunden. Er ist Chorherr von Moutier-Grandval und weiht die Kirche Saint-Marcel im Juni 1773 als Stellvertreter des altersschwachen Fürstbischofs Simon-Nicolas de Montjoie-Hirsingue mit Pomp ein. Godel erweist sich als brillanter Diplomat im Dienst des Nachfolgers Fürstbischof Friedrich Ludwig Franz von Wangen-Geroldseck und wird später vom Klerus von Belfort und Hüningen als Abgeordneter in die französische Nationalversammlung gewählt. In Paris wird er Mitglied des Jakobinerclubs. Als revolutionärer Geistlicher leistet er den Bürgereid und wird Erzbischof von Paris. Als solcher ist er beteiligt am Entscheid zur Annexion der kurzlebigen République rauracienne durch Frankreich im März 1793. Im April 1794 wird er zusammen mit Mitgliedern der atheistischen Gruppierung der hébertistes als Verschwörer gegen die Republik guillotiniert.

Nach der Kirche besuchen wir das Musée jurassien, das einen guten Überblick über die Kulturgeschichte des Juras vermittelt. Dort finden wir eine Gipsbüste des liberalen Xavier Stockmar und viele Objekte und Dokumente aus fürstbischöflichen, französischen und bernischen Zeiten. Prominentester Gegenstand der Sammlung ist ein kunstvoll verzierter merowingischer Stab, der laut der Überlieferung dem heiligen Germanus gehört hat. Eigentlich haben wir vorgesehen, an diesem Tag noch zur Chapelle du Vorbourg zu spazieren. Der starke Regen hält uns davon ab, nicht aber vom gemeinsamen Abendessen im Restaurant La Bonne Auberge.

Am 4. Juli hat der Regen aufgehört. Wir fahren nach Pruntrut und steigen in den Zug nach Bonfol, in dem man sich um einige Jahrzehnte zurückversetzt fühlt. Auf der Lok prangt das Wappen der Ajoie mit dem drachenähnlichen Fabelwesen la vouivre. Gegenüber dem Bahnhof Bonfol steht ein leeres Hotel. Der Ort ist abgelegen und wirkt seltsam ausgestorben. Die Einwohnerzahl hat sich seit dem Jahr 1900 halbiert.

Während des Ersten Weltkriegs lag der für die Schweizer Armee heikelste Grenzabschnitt in der Gemeinde Bonfol. Die französische Armee rückte am Anfang des Krieges von der 1871 festgelegten Grenze, die noch heute, am Nordrand der Gemeinde Beurnevésin, mit der Borne des Trois Puissances markiert ist, nach Osten bis Mulhouse vor, zog sich dann aber bald bis zum Flüsschen Larg oder La Largue zurück. Beim Hof Le Largin trennte ein etwa fünfhundert Meter breiter Schweizer Wald die beiden verfeindeten Mächte. Einen literarischen Einblick in das Leben der Armeeangehörigen im Jura bietet Meinrad Inglin in seinem 1938 erschienenen Buch Schweizerspiegel.

In Bonfol sind wir wegen den mit Ton ausgelegten Fischteichen der Fürstbischöfe. Sie bilden eine sonntäglich ruhige Landschaft, in der nur manchmal das Geräusch eines fliegenden Schwans zu hören ist. Für Bonfol ist nicht der Kalkstein charakteristisch wie anderswo im Jura, sondern der Ton und die Töpferei, die lange das wirtschaftliche Rückgrat des Dorfes bildete. Der Ton hat auch Spuren hinterlassen in der Poesie des 1930 in Pruntrut geborenen Autors Alexandre Voisard, der mit seiner Ode au pays qui ne veut par mourir einen kulturellen Beitrag zum Kampf des Nordjuras für einen eigenen Kanton leistete. Argile, mon pays d’argile, so beginnt seine kämpferische Liebeserklärung an das Land der Tonerde.

Von Bonfol fahren wir zurück nach Porrentruy, deutsch Pruntrut, Hauptort der Ajoie, die BewohnerInnen heissen les bruntrutain(e)s. Vom Bahnhof gehen wir Richtung Zentrum, dann dem Fluss Allaine entlang. Wir betreten die Altstadt durch das Stadttor Porte de France. Durch eine unscheinbare Holztüre gelangen wir zum gedeckten Treppenaufgang zum Schloss. Unterwegs befindet sich in der Kapelle Roggenbach, dessen Dach mit dem Wappen des Fürstbischofs geschmückt ist, ein Modell des fürstbischöflichen Schlosses, und beim Betreten des Raumes startet ein kurzweiliger Kurzfilm.

An der Fassade der fürstbischöflichen Residenz faucht wieder eine vouivre, wirklich gefährlich sieht sie nicht aus. Das Schloss dient der jurassischen Justiz, ist also ein Verwaltungsgebäude, kein Museum. Von der Terrasse aus bietet sich ein lohnender Blick über die Stadt.

Beim Gang in die Altstadt beachten wir auf der Brücke über einen Zufluss zur Allaine das Wildschwein, das seit dem Mittelalter zu den Siegeln und Wappen der Stadt gehört. Inzwischen ist es Zeit für ein Mittagessen. Es gibt viele gute Restaurants, die meisten sind aber am Sonntag geschlossen. Offen ist das Restaurant des Deux Clefs mit einem ausgedehnten Garten, in dem viele Familien speisen, bis ein Gewitter die verspäteten Gäste verscheucht.

Wir verziehen uns ins Musée de l’Hôtel-Dieu. Die Losung Christo in pauperibus steht über dem Eingang zum ehemaligen Hospiz, wie beim Berner Burgerspittel. Das Museum bietet einen guten Überblick über die Lokalgeschichte von den Fürstbischöfen über die Uhrenindustrie bis zur heutigen Zeit. Erhalten ist auch die Apotheke des Gebäudes aus dem 18. Jahrhundert. Ein Teil des Museums ist Sonderausstellungen vorbehalten. Thema der gegenwärtigen Ausstellung ist der Objektkünstler Marcel Duchamp. Im Kühlschrank (1960), einem Geschenk von Duchamp an Jean Tinguely, versteckt sich eine Sirene, die die Dame an der Kasse freundlicherweise für uns ertönen lässt. Auf dem Rückweg zum Bahnhof gibt’s Kaffee und Kuchen in der stilvollen Auberge d’Ajoie, die wir allen Gästen der Stadt empfehlen.

Zurück in Delsberg hat der Regen aufgehört, und einige Unentwegte holen mit uns den Spaziergang zur Chapelle du Vorbourg nach. Im Bericht über unseren Ausflug vom 15. August 2020 steht mehr über diesen besonderen Ort.

Am Montag fahren wir mit dem Zug nach Saint-Ursanne. Vom Bahnhof hoch über dem Städtchen führt eine Strasse sanft nach unten. Ein Blick in die Felsen zeigt Befestigungen aus der Zeit der Grenzbesetzung. Nach etwa 300 Metern zweigt rechts ein kleiner Pfad ab. Auf diesem Weg stösst man in regelmässigen Abständen auf Holzreliefs mit Szenen aus dem überlieferten Leben des heiligen Ursicinus. Vorbei an einem Aussichtspunkt gelangen wir zur Einsiedelei, wo der Heilige gelebt haben soll, der der Stadt seinen Namen gegeben hat. In einer kleinen Höhle liegt hinter einem Eisengitter eine Statue des irischen Einsiedlers, der sich vor seiner Ankunft in Saint-Ursanne als Schüler des bekannteren Columban in Luxeuil aufgehalten haben soll. Vor ihm wacht ein Bär. In der Heiligenlegende wird berichtet, dass Ursicinus den Bären zähmte, nachdem dieser seinen Esel gefressen hatte. Kein Wunder, dass wir den Bären auch im Wappen der Stadt wiederfinden.Von der Einsiedelei gehen wir nach unten und sehen uns das Südportal der Stiftskirche an. Es lohnt sich, die steinernen Figuren aus dem 12. Jahrhundert über dem Portal genau anzusehen. Ein Mönch lehrt einen Wolf, aber der Wolf bleibt ein Wolf. Eine Nixe nährt einen Säugling mit Fischschwanz. Eine Gratisbroschüre zum 1400-Jahr-Jubiläum der Stadt erklärt, es handle sich um einen Hinweis auf den Ehebruch oder die vergänglichen Freuden, die Menschen in sündhafte Situationen locken.

In der Kirche ist eine Reliquienbüste des heiligen Ursicinus ausgestellt sowie sein zahnloser Oberkiefer. Hinter dem Hochaltar sieht man seinen Sarkophag. Barocke Elemente sind mit den trompe l’oeil-Malereien in der Apsis und einem monumentalen Baldachin vertreten. Ein Ausgang der Kirche führt in den Kreuzgang aus dem 12. Jahrhundert.

Wir gehen durch die am Montagmorgen verschlafene und nach dem Regen noch nicht ganz trockene Altstadt zum Bahnhof zurück, fahren nach Delsberg, setzen uns während der Mittagszeit in eine Confiserie mit Café gegenüber dem Bahnhof, holen unsere Rollkoffer im Hotel ab und sind bald unterwegs mit der Schmalspurbahn von Glovelier nach La Chaux-de-Fonds. Die schlängelt sich zuerst durch eine Schlucht, schraubt sich dann hoch auf die von Weiden und Tannen geprägte Landschaft der Freiberge und rollt schliesslich nach einer Stunde wie eine Strassenbahn zum Bahnhof der Uhrenstadt.

Wir beziehen unser Hotel und stellen fest, dass das Wetter sich gebessert hat. Einige Mitreisende ziehen es vor, sich auszuruhen, andere machen mit uns einen Ausflug zu einem Wasserfall, der nach Regenfällen besonders eindrücklich ist. Um dorthin zu gelangen, fahren wir mit dem Zug nach Le Locle und steigen um in einen gut besetzten Schmalspur-Triebwagen, der uns nach Les Brenets führt. Die nostalgische Bahn fährt nur noch bis 2023, dann soll sie durch einen elektrischen Bus ersetzt werden, der teilweise das Bahntrassee benutzt. Von Les Brenets gehen wir zum Saut du Doubs. Die beste Sicht auf den Wasserfall bietet ein Aussichtspunkt hoch über dem Tal auf der französischen Seite.

Am nächsten Morgen besuchen wir in La Chaux-de-Fonds zuerst das Kunstmuseum, in dem seit wenigen Jahren ein Raum speziell der lokalen Ausprägung des Jungendstils, dem style sapin, gewidmet ist. Charles L’Eplattenier (1874-1946), Lehrer von Charles-Édouard Jeanneret (1887-1965), der sich später Le Corbusier nannte, nahm seine Schüler mit in die Umgebung der Stadt und forderte sie auf, sich von den Formen der Natur inspirieren zu lassen.

Die Stadt La Chaux-de-Fonds ist ursprünglich nur ein Verkehrsknotenpunkt auf einer unfruchtbaren Hochebene ohne Trinkwasser, entwickelt sich aber im 19. Jahrhundert zu einer dynamischen Industriestadt, die auch Arbeitskräfte aus der Deutschschweiz anzieht – 1880 sind über 30% der Bevölkerung deutschsprachig.

Wegen ihrer industriellen Architektur ist die Stadt UNESCO-Weltkulturgut. Zu beachten sind einerseits die Fabrikgebäude mit ihren grosszügigen, zum Tageslicht hin ausgerichteten Fenstern, manchmal mit einer angebauten Fabrikantenvilla oder einem luxuriösen Wohnungsteil für die Besitzerfamilie, andererseits die mehrstöckigen Mietshäuser, deren Treppenaufgänge oft mit bemerkenswerten Jugendstilmalereien oder sogar mit Stuckaturen dekoriert sind. Beim Bau der Häuser wurde oft Jurakalkstein verwendet, für die Treppen aber auch Granit, der teilweise beim Bau des Gotthard-Eisenbahntunnels ausgebrochen wurde.

Wir sehen uns einige Treppenhäuser an. Es sind keine Museen, sondern Häuser, in denen richtige Menschen leben, die einander freundlich bitten, bei zwischenmenschlichen Problemen nicht die Türschlösser mit Leim zu verkleben. Wir kommen vorbei an den Häusern, in denen Le Corbusier geboren wurde und Frédéric-Louis Sauser, der spätere Blaise Cendrars. Wir beachten den pompösen Brunnen von 1888, besuchen das einzigartige Ancien Manège, und kommen an den Kreuzungspunkt der Strassen mit dem Denkmal für die Republik.

Die Republik haben die Freischärler aus den Montagnes neuchâteloises gegen die Royalisten durchgesetzt, die auf Neuenburgs doppelter Identität als Mitglied der Eidgenossenschaft und als Besitz des preussischen Königs beharrten, wie sie seit 1815 bestand. Auf dem Denkmal sieht man, wie die Republik, dargestellt durch eine entschlossen vorwärtsschreitende Frau, den preussischen Adler zertritt. Fast hätten die Eidgenossen wegen dem sogenannten Neuenburgerhandel (1856-57) einen Krieg mit Preussen begonnen. Ein General war schon gewählt von der vereinigten Bundesversammlung. Dank der Vermittlung von Kaiser Napoleon III kam es nicht dazu. Das Denkmal, mit der unverkennbaren Symbolik des style sapin verziert, ist nicht das grösste Werk von L’Eplattenier. Das grösste war die neun Meter hohe Statue La Sentinelle auf dem Pass Les Rangiers, zerstört von zornigen Mitgliedern des Groupe Bélier im Verlauf des Jurakonflikts.

Gegen Ende des Nachmittags besuchen wir den Espace de l’urbanisme horloger, wo BesucherInnen der Stadt sich die Stadtentwicklung in einem kurzen Film ansehen können. Das zentrale Hochhaus Espacité mit seinem Ausblick auf die Stadt vergessen wir auf unserem Rundgang auch nicht.

Am Mittwoch nehmen wir Abschied von La Chaux-de-Fonds. Die Bahnlinie nach Neuenburg wird erneuert, ein Ersatzbus ist im Einsatz, den nahmen wir aber nicht: auf einer Ferienreise lassen wir unseren Blick nicht durch Tunnel und Schallschutzwände einschränken. Stattdessen fahren wir mit dem Zug nach Le Locle, nehmen die kurze Seilbahn vom Bahnhof ins Stadtzentrum und steigen ins Postauto, das eine Stunde lang über verschiedene Juraketten nach Neuenburg fährt. Von Neuenburg aus sind wir in zwanzig Minuten am Ende des Sees, in Yverdon.

Yverdon besitzt eine kleine, kompakte Altstadt, an ihrem südöstlichen Ende steht das Schloss, ein carré savoyard, ein Viereck mit vier Türmen, ein typisches Beispiel savoyischer Militärarchitektur. Das savoyische Schloss wurde nach der Eroberung der Waadt durch die Berner Sitz der bernischen Vögte. Sehenswerte Deckenmalereien mit dem Berner Bär aus dieser Zeit sind erhalten im Empfangsraum der Vogtei und in der Nebenstube (so im französischen Erklärungstext).

Von 1805 an diente das Schloss dem bekannten Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) als Schule. Auf der Place Pestalozzi vor dem Schloss steht ein Denkmal von 1890, das an ihn erinnert. Wir haben zur Vorbereitung der Reise Teile aus Peter Stadlers Biographie gelesen, aber auch Kritischeres (Papa Pestalozzi der Historiker Norbert Grube und Claudia Mäder). In einem der vier Türme des Schlosses sind in einem Zimmer Texte und Erinnerungsstücke an den Pädagogen versammelt. Sonst bietet das Schlossmuseum einen guten Einblick in die Geschichte dieses Ortes, das nahe an der tiefgelegenen Wasserscheide zwischen Rhone und Rhein liegt und schon sehr früh von Menschen besiedelt wurde.

Die Stadt Yverdon war im 18. Jahrhundert ein Zentrum der Aufklärung. Die encyclopédistes um Denis Diderot versuchten in Paris, das Wissen der Menschheit in gedruckter Form der zahlungskräftigen Allgemeinheit zugänglich zu machen. Der Verleger Fortunato Bartolomeo de Felice (1723-1789) übertrumpfte sie mit der umfangreicheren Encyclopédie d’Yverdon.

Einige Mitreisende haben nach dem Besuch des Museums genug Kultur gesehen, andere nicht. Mit denen fahren wir mit der S-Bahn ins benachbarte Städtchen Grandson. Dort besuchen wir nicht das bekannte Schloss, sondern die mittelalterliche Kirche. Zu erwähnen sind die Säulen, Baumaterial aus der Römerzeit, und die originellen Kapitelle aus dem 12. Jahrhundert – da gibt es Adler und wachende Löwen, menschenfressende Monster und drachentötende Engel, und ein Mensch verdreht sich, um sich einen Dorn aus seinem Fuss zu ziehen. Draussen vor der Kirche ein Giebel mit dem Wappen des Ortes, Sonne und Mond, keine bescheidene Symbolik für den kleinen Ort.

Am Donnerstag 8. Juli machen wir von Yverdon aus einen Tagesausflug ins Tal der Broye und in die rauhe Gegend des Jorat. Unser erstes Ziel ist Payerne. Ein Kreuzungspunkt von Regionalbahnen in der Ebene, ein Militärflugplatz, eine Autobahnausfahrt, knappe 10,000 Einwohner. Auf den ersten Blick keine Reise wert.

Hier steht auf einem flachen Hügel die grösste romanische Kirche der Schweiz, l’abbatiale de Payerne, also ursprünglich eine Klosterkirche, kürzlich vor dem drohenden Einsturz bewahrt, renoviert und wiedereröffnet. Neben der Abteikirche steht die Pfarrkirche mit dem Grab der Königin Bertha, der legendären Reine Berthe, die im Jahr 1817 feierlich neu bestattet wurde. Die Öffnung des Sarkophags im Mai 2021 und nachfolgende Analysen haben allerdings ergeben, dass es sich beim bestatteten Skelett nicht um Königin Bertha handeln kann.

Auch wenn ihr Skelett nicht gefunden wurde, so scheint es doch sicher, dass die Königin zwischen 957 und 961 in Payerne von ihrer Tochter Adelheid beerdigt wurde. Ebenfalls sicher ist, dass sich im 19. Jahrhundert im Waadtland ein patriotischer Kult um diese Königin entwickelt hat. Der Maler Albert Anker (1831-1910) hat sogar ein Bild von Bertha gemalt. Sie sitzt, hält eine Spindel in der Hand, umringt ist sie von Mädchen. Ein Bild du temps où la reine Berthe filait? Wohl eher ein patriarchalisches Missverständnis. Ein Szepter auf mittelalterlichen Urkunden wurde später als Spindel interpretiert.

Als die Waadt nach der bernischen Herrschaft und nach dem Scheitern der Helvetischen Republik eine neue Identifikationsfigur suchte, bot sich la reine Berthe an, Bertha von Schwaben.

Wir nutzten den Aufenthalt in Payerne, um nicht nur sie vorzustellen, sondern auch ihre zwei Ehemänner Rudolf II von Hochburgund und Hugo (Ugo) von Italien sowie ihre noch bedeutendere Tochter Adelheid (Adelaïde) und ihre beiden Ehemänner Lothar und Otto.

Von Bertha ist bekannt, dass sie von ihrem Vater, Herzog Burchart II von Schwaben, um das Jahr 922 mit dem burgundischen König verheiratet wurde, um den Krieg zwischen Schwaben und Burgundern im heutigen schweizerischen Mittelland zu beenden. Nach dem Krieg begann eine Friedenszeit. Es wurden Kirchen gebaut. Laut der Überlieferung geht zum Beispiel die Gründung der Kirche Köniz auf eine Stiftung von König Rudolf und Königin Bertha zurück.

Berthas Tochter Adelheid (931-999), geboren wahrscheinlich in der burgundischen Königspfalz Orbe, ist sechsjährig, als ihr Vater in Saint-Maurice begraben wird. Sie wird sechzehnjährig Königin in Pavia, der damaligen Hauptstadt des Königsreichs Italien, überlebt als Zwanzigjährige nach dem frühen Tod ihres Gatten zusammen mit ihrer Tochter eine Gefangenschaft durch den Usurpator Berengario in der Burg Garda, kann entkommen, flieht auf abenteuerlichen Wegen und heiratet 951, wieder zurück in der Hauptstadt Pavia den ostfränkischen König Otto, der mit einer Armee über den Brenner gezogen ist. Im Jahr 962 ist sie die erste Frau, die in Rom vom Papst zur Kaiserin gekrönt und gesalbt wird. Sie hat den Titel consors regni, regiert also mit. Nach dem Tod ihres Ehemannes und ihres Sohnes regiert sie das Reich zeitweise allein. Dank ihrer Nachkommenschaft existiert die Dynastie der Ottonen. Die Krönung von Otto und Adelheid 962 markiert den Beginn des Heiligen Römischen Reichs, das bis 1806 besteht.

Gibt es zu ihrer Zeit eine bedeutendere Europäerin? Ihr Leben ist bekannt, weil Odilo, Abt von Cluny, der prominenteste Geistliche seiner Zeit, ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben hat. Für Projektionen eignet sie sich nicht. Sie hat ihre bösen Verwandten nicht vergiftet. Sie hat, ganz entgegen der üblichen Praxis, ihren Feinden nicht die Augen ausstechen lassen. Dafür wirkte sie in vielen Konflikten und Machtkämpfen vermittelnd. Die Kirche hat ihr den Status einer Heiligen verliehen. Das Waadtland ignoriert sie, so zumindest mein Eindruck. Dafür hat der deutsche Historiker und Journalist Bruno Keiser vor über zwanzig Jahren ein Buch über sie geschrieben.

In Payerne wurde ausserdem der Schriftsteller Jacques Chessex (1934-2009) geboren, und hier ermordete eine Gruppe von Nationalsozialisten am 16. April 1942 einen jüdischen Viehhändler, um Adolf Hitler zu seinem Geburtstag am 20. April einen Gefallen zu tun. Dass Jacques Chessex mit seinem Buch Un juif pour l’exemple 2009 wieder an dieses Verbrechen erinnert hat, hat in Payerne gemischte Reaktionen hervorgerufen.

Von Payerne führt eine Bahnlinie dem Fluss Broye entlang nach Südwesten, nach Lucens, wo 1969 die nuklearen Ambitionen der Eidgenossenschaft in einem unterirdischen Versuchsreaktor explodiert sind, und weiter nach Moudon, in die savoyische Hauptstadt der Waadt, wo wir in der Kirche Saint-Étienne das kunstvoll geschnitzte und frei zugängliche Chorgestühl und die Zeichen der savoyischen Herrschaft an der Decke begutachten und dann die Mittagspause mit einem Spaziergang zum Gerechtigkeitsbrunnen und zur sogenannten Maison des Etats de Vaud verbinden.

Chessex schwärmt von den Restaurants in Moudon (im Portrait des Vaudois 1969). Von der damaligen Pracht ist aber wenig übrig. Die Innenstadt wirkt mit ihren vielen leeren Schaufenstern etwas vernachlässigt. Vielleicht sollten sich die Savoyer mehr um ihre Stadt kümmern.

Von Moudon fahren wir nach Ropraz, wo Jacques Chessex begraben ist, gegenüber seinem ehemaligen Wohnhaus, auf dem Friedhof, auf dem Le Vampire de Ropraz (2007) spielt.

Dort begraben ist übrigens auch der 1972 verstorbene Maler Ricco Wassmer. Eine Retrospektive hat das Kunstmuseum Bern 2015/16 gezeigt.

Zurück in Moudon finden wir ein Restaurant, das in der Lage ist, unserer unangekündigten Gruppe ein frühabendliches Fondue aufzutischen. Dann fahren wir mit dem Postauto in einer Stunde direkt von Moudon nach Yverdon. Die Route dieser beschaulichen Rückreise führt uns über Hügelketten, von denen aus wir die Alpen und den Jura erblicken, aber auch durch alte Dorfzentren, in denen niemand aussteigt oder einsteigt. 

Am nächsten Morgen sind wir wieder mit dem Postauto unterwegs. Diesmal fahren wir durch Dörfer über der sonnigen Ebene zu den römischen Mosaiken von Orbe, die für unseren Besuch öffnen – sie sind sonst nur samstags und sonntags im Sommerhalbjahr zu besichtigen. In römischer Zeit wurde hier ein landwirtschaftlicher Gutshof, eine villa, gebaut und mehrmals vergrössert. Ein Film und eine Ausstellung stellen die Ausgrabungen vor. Für einige Mosaike wurden Schutzbauten schon in den 1840-er Jahren errichtet.

Ein Mosaik stellt die römischen Götter dar, die bis heute unsere Wochentage benennen, Sonne, Mond, Mars, Merkur, Zeus, Venus, Saturn. Waren die Römer besonders religiös? Die Mosaike schmücken den Fussboden, es sind nicht Altäre.

Wie weit ist die antike Götterwelt von unserer Religion entfernt? Die antiken Götter sind unberechenbar und handeln triebhaft. Zeus ist besonders hemmungslos und verwandelt sich, um Frauen und gelegentlich einen Mann (Ganymed) zu verführen. Grundsätzlich gilt, dass man den Göttern nicht trauen kann. Deshalb braucht es Auguren, die ergründen, ob und wann übelgelaunte Götter die menschlichen Unternehmungen gefährden.

Der Kult der Sonne entwickelt sich verhältnismässig spät, der Staatskult für den sol invictus («unbesiegte Sonne») ab 274. Anhänger des Mithras, die auch in der villa von Orbe ihre Kultstätte haben, identifizieren Mithras mit der Sonne. Auch Kaiser Konstantin ist ein Anhänger des Sonnenkultes, bis ihm ein Traum seinen vernichtenden Sieg über seinen Konkurrenten Maxentius mit einem Christusmonogramm in der Sonne ankündigt. Das Christusmonogramm wird zum Feldzeichen, aus dem friedliebenden Christentum wird eine Staatsreligion, und jahrhundertelang segnen Priester Kanonen.

Die villa entspricht offenbar dem Ort, der zur Zeit der Römer Urba genannt wurde. Trotz dem urbanen Namen wurden keine Überreste einer Stadt gefunden. Urba war aber ein Kreuzungspunkt. Es liegt einerseits an den Verkehrswegen entlang des Jurasüdfusses, andererseits an der wichtigen Strasse von Rom über den Mons Jovis (wörtlich Jupiterberg, später Mont-Joux, heute Grand Saint-Bernhard) und über den Jura nach Vesontio / Besançon und weiter, also an der mittelalterlichen Via Francigena von Canterbury nach Rom gemäss der Wegbeschreibung von Erzbischof Sigerich aus dem Jahr 990.

Nach der Besichtigung der Mosaiken machen wir uns zu Fuss auf ins Zentrum des Städtchens Orbe. Auf der Esplanade du Château, gleich neben der Tour Ronde, steht ein Baum, daneben eine kaum noch lesbare Tafel, die darüber informiert, dass der Baum 1998 anlässlich des Bicentenaire de la Révolution vaudoise gepflanzt wurde. Was die Waadtländer stolz als ihre Revolution sehen, wird von anderen Schweizern als die grösste Katastrophe der Geschichte betrachtet: der Untergang der alten Eidgenossenschaft mit dem Einmarsch französischer Truppen. Der gemeinsamen Schweizer Geschichte entspricht nicht immer eine gemeinsame Beurteilung der Vergangenheit.

Wer hat die französischen Truppen eingeladen? Der Waadtländer Jurist Frédéric-César de la Harpe richtet im Dezember 1797 eine Petition an das Directoire in Paris und bittet Frankreich, als Garantiemacht im Waadtland einzugreifen, um die überlieferten Rechte der Waadtländer gegen die Übergriffe Berns zu schützen.

Der 1233 erbaute Rundturm gewährt Einlass für ein Zweifrankenstück. Vorsicht beim Aufstieg mit einem vorstehenden Stein, an dem man sich in der Dunkelheit den Kopf blutig schlagen kann. Von der Terrasse aus sieht man auf die Stadt, auf den viereckigen Turm der Kirche, auf die Ebene mit der Industrie und das Hochsicherheitsgefängnis Bochuz, auf Jura und Alpen.

Orbe hatte ursprünglich mehrere Kirchen. Nach der von Bern unterstützten Reformation bleib eine einzige. Beim Besuch lohnt es sich, den Lichtschalter zu finden und die Kirche genau anzusehen. In der Kirche predigte der einzige Waadtländer Reformator, der Urbigène (Bewohner von Orbe) Pierre Viret. Von ihm gibt es eine Büste in der Kirche. Aufmerksame Besucherinnen und Besucher entdecken, dass die am Bau beteiligten Steinmetze sich nicht auf religiöse Darstellungen beschränkten.

Nach einer Mittagspause verlassen wir die Stadt, die eigentlich noch viel mehr zu bieten hat. Erwähnt sei hier nur die in Stein gemeisselte Androhung einer Busse von 20 Batzen für Fuhrleute, die sich erlauben sollten, die steile Strasse zur alten Brücke hinunter ohne Hemmschuh zu befahren.

Wir fahren mit dem Postauto nach Arnex, steigen um auf den Zug, der von Lausanne nach Vallorbe fährt, und steigen in Croy-Romainmôtier aus. Von dort aus führt ein angenehmer Wanderweg ins uralte Städtchen Romainmôtier. Pippin, der Vater Karls des Grossen, traf hier im Jahr 753 den Papst.

Am Wochenende ist der Ort ein beliebtes Ausflugsziel, ein allzu beliebtes. An einem Wochentag kann man sich hingegen in Ruhe bei Kaffee und Kuchen auf die Stühle des Café du Prieur setzen und die Atmosphäre des Orten geniessen

Natürlich lohnt sich auch ein Besuch der Kirche, in der die 21-jährige, schon verwitwete Margarethe von Österreich, Tochter von Kaiser Maximilian I und Maria von Burgund (ihrerseits Tochter Karls des Kühnen) im Dezember 1501 Herzog Philibert II von Savoyen geheiratet hat. Auch Margarethes zweiter Gatte Philibert starb früh, und die junge Statthalterin der reichen Niederlande baute für ihn – und für sich selbst – das wohl kunstvollste Grabmonument des frühen 16. Jahrhunderts. Es kann in der Abteikirche Brou bei Bourg-en-Bresse besichtigt werden. Diese Geschichte hat zwar keine uns bekannten Spuren in Romainmôtier hinterlassen. Sichtbar  ist dafür im Chor der Abteikirche das Grabmal des Priors Henry de Sévéry, der im Dienst von Gegenpapst Clemens VII Karriere machte, 1396 im südfranzösischen Rodez starb und als toter Mann nach Romainmôtier zurückgebracht wurde. Die enge Vernetzung des Gebiets der Schweiz mit dem restlichen Europa ist keine neue Entwicklung.

Wir fahren mit dem Postauto nach Croy-Romainmôtier, staunen über das Mohnfeld neben dem Bahnhof und fahren mit der S-Bahn via Cossonay zurück nach Yverdon.

Freitagabend in Yverdon. Den letzten Abend der Reise verbringen wir gesellig bei einem guten gemeinsamen Abendessen. Die Rückreise bei Sonnenschein begannen einige Mitreisende am nächsten Morgen auf dem Schiff nach Neuenburg – slow travel eben.

Es regnete oft während dieser Reise, aber oft zeigte sich auch die Sonne, und der intensive Regen mit den tödlichen Überschwemmungen in Deutschland folgte erst in der nächsten Woche.

Leserinnen und Leser, die sich für die besuchten Orte interessieren, verweisen wir auch auf unsere kurzen Berichte über unsere Tagesausflüge nach Moudon und Ropraz (1. Juni 2019), zu frühen Orten des Christentums (7. September 2019), über La Chaux-de-Fonds (18. Januar 2020) und Delémont (15. August 2020).

Zur Kultur gehören auch Unterkünfte und Restaurants. Übernachtet haben wir in Delsberg im Ibis, in La Chaux-de-Fonds im Athmos und in Yverdon im Hôtel du Théâtre.

Gut und stilvoll isst man in Delsberg in der Bonne Auberge – dort verbrachten wir unseren ersten Abend. Das Lokal ist bei der lokalen Kundschaft beliebt, das spürt man. In Delsberg können wir auch das Métropole empfehlen. Beide Restaurants haben ihre Punkte im Gault Millau Gastroführer und haben trotzdem nicht übertriebene Preise.

In La Chaux-de-Fonds seien La Feuille de Vigne (griechisch) und La Différence positiv erwähnt. Im Café Le Vostok, das von einer Genossenschaft betrieben wird, gibt es günstige Getränke. Vom Schaufenster aus grüsst der Kosmonaut Juri Gagarin.

In Yverdon gibt es auf dem grossen Platz zwischen Schloss und Pestalozzidenkmal drei Restaurants mit Terrassen, die von aussen alle ähnlich aussehen. In zwei dieser Restaurants finden wir selbst und Mitreisende das Essen trotz vielversprechender Speisekarten beinahe ungeniessbar. Eine positive Überraschung ist hingegen das Restaurant du Château, wo ein leidenschaftlicher Koch aus Neapel wirkt und wo wir den letzten Abend unserer Reise verbringen.

12. Juni: Tolstoi, Wagner und Nietzsche in Luzern

Wer aus dem Bahnhof Luzern tritt, erblickt den Torbogen, der nach dem Brand im Jahre 1971 vom des 1896 erbauten Bahnhofs stehenblieb. Auf ihm steht die Skulptur L’Esprit du Temps von 1907 des Bildhauers Richard Kissling, der 1889 das Denkmal für Alfred Escher vor dem Zürcher Hauptbahnhof und 1892 das Telldenkmal Altdorf geschaffen hat.

Der Torbogen ist an diesem Tag Treffpunkt für diejenigen, die an unserem Spaziergang teilnehmen, bei dem es einerseits um die Stadt und ihre Geschichte geht, andererseits um drei prominente Ausländer in Luzern, nämlich Lev Nikolajewisch Tolstoi, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche.

Als erstes überqueren wir die Strasse und nähern uns dort, wo der Vierwaldstättersee in den Fluss Reuss übergeht, der 1993 abgebrannten Kapellbrücke, die vor der Coronakrise von täglich etwa 13,000 Touristen besucht wurde und bekannt war durch die dreieckigen Bilder aus dem 17. Jahrhundert in ihrem Dachgiebel. Ein Bild, das unbeschädigt geblieben ist, wollen wir unserer Gruppe zeigen. Es ist eine Ansicht der Stadt mit ihren ursprünglich drei gedeckten Holzbrücken, darunter steht der Name Ludwig Pfyffer.

Den Namen Ludwig Pfyffer kann man sich merken. Derjenige Ludwig Pfyffer, der im 17. Jahrhundert das Bild mit den drei Holzbrücken stiftete, ist nicht der mächtige Ludwig Pfyffer von Altishofen (1524-1594), den man wegen seinem Einfluss Schweizerkönig nannte, sondern ein Nachfahre. Der frühere und bekanntere Ludwig Pfyffer von Altishofen nahm als Kommandant einer Truppe von Schweizern an den Kriegen des französischen Königs gegen die Hugenotten teil, wurde militärischer Führer der Luzerner Truppen und wurde in regelmässigem Turnus Schultheiss. Er trug dazu bei, dass die Jesuiten nach Luzern kamen und ein Kollegium bauten, und dass nach 1584 ein päpstlicher Nuntius in Luzern residierte.

Jahrhundertelang lebten die Luzerner Patrizier komfortabel dank den Pensionen Frankreichs, Spaniens, Savoyens und des Kirchenstaats. Für diese Staaten leisteten Offiziere aus dem Kreis der Patrizierfamilien und Truppen aus dem Volk militärische Dienste. Zwischen 1652 und 1847 hiessen neun von zehn Kommandanten der päpstlichen Schweizergarde Pfyffer von Altishofen. Luzern ist eine Stadt, die nicht erst seit dem Aufkommen des Massentourismus international vernetzt ist.

Von der Brücke zur Jesuitenkirche ist es nicht weit. Patron der im 17. Jahrhundert erbauten Kirche ist der Spanier Francisco Javier, deutsch Franz Xavier oder Xaver, ein Mitgründer des Jesuitenordens, der selbst nie in Luzern war. Xavier war nicht nur in der europäischen Gegenreformation tätig, sondern machte sich als Missionar auf nach Indien, Japan und China. Gestorben ist er auf einer Insel vor dem chinesischen Festland im Jahr 1552, begraben ist er in der Basílica do Bom Jesus in Goa, bis 1961 portugiesische Kolonie, seither indischer Bundesstaat. So erklärt es sich, dass auf dem zentralen Deckengemälde nicht nur die Fassade der Jesuitenkirche abgebildet ist, sondern auch der 1622 heiliggesprochene Franz Xavier auf einem Triumphwagen, der von einem Elefanten durch die Luft gezogen wird.

Neben der Jesuitenkirche, in der man auch die Statue des Niklaus von Flüe mit einem Originalkleid des Heiligen beachten sollte, steht das Palais Ritter, erbaut im 16. Jahrhundert als Privathaus nach dem Vorbild der italienischen Renaissance. Nach dem frühen Tod des Erbauers diente es den Jesuiten als Kollegium, heute ist es das luzernische Regierungsgebäude. Im obersten Stock des sehenswerten Innenhofs befindet sich ein Gemäldezyklus eines Totentanzes aus dem 17. Jahrhundert. Das Tor des Gebäudes ist aber am Samstag geschlossen.

In der Franziskanerkirche wurde nach der Schlacht von Sempach die Fahnen der Besiegten aufbewahrt – aber offenbar nicht fachgerecht. Sie zerfielen zu Staub oder vermoderten, darum sind sie heute an den Wänden der Kirche aufgemalt. Uns gefällt die kleine Rokokokapelle vorne links mit den putzigen Engelchen, die auf der Einladung zum Ausflug abgebildet sind.

Von der Franziskanerkirche gehen wir durch die Münzgasse, wo früher die luzernischen Münzen geprägt wurde, zur Reuss und bestaunen das Nadelwehr, ein technisches Denkmal, mit dem der Wasserstand des Vierwaldstättersees reguliert werden kann, dann setzen wir unseren Spaziergang flussabwärts fort und gelangen, vorbei am Historischen Museum, zur Spreuerbrücke aus dem 17. Jahrhundert. Auf dieser gedeckten Holzbrücke sind die dreieckigen Giebelbilder unverändert seit dem 17. Jahrhundert erhalten, und es lohnt sich, sie genau anzusehen. Abgebildet ist auf fast allen Bildern der Tod, der mit verschiedenen Menschen tanzt. Die Abfolge der Abgebildeten spiegelt die hierarchische Gesellschaftsordnung wider – erst der Tod macht alle gleich. Auf einem der Brückenpfeiler steht eine kleine Kapelle. Kapellen auf Brückenpfeilern gab es früher vielerorts. Wo sonst ist eine solche Kapelle mit ihrer ursprünglichen Funktion erhalten geblieben?

Nach der Überquerung der Spreuerbrücke befinden wir uns auf der rechten Seite der Reuss und merken, dass die Restaurants in der Altstadt sich langsam füllen, obwohl es erst halb zwölf ist. Mit der Gruppe der Teilnehmenden entscheiden wir uns für eine zweistündige Mittagspause. Wir treffen uns wieder am Schweizerhofquai, vor dem Hotel Schweizerhof.

Wie viele Luzerner kennen die Kurzgeschichte Luzern von Lev Tolstoi? Es ist eine autobiographische Geschichte, in der ein gewisser Fürst D. Nechludov die Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1857 im Hotel Schweizerhof beschreibt. Der von einem Spaziergang zurückkehrende Fürst bemerkt abends vor dem Hotel einen Strassenmusikanten, dem die Hotelgäste, in ihrer überwiegenden Mehrzahl Engländerinnen und Engländer, applaudieren. Aber keiner der Gäste gibt dem Musikanten Geld. Der Fürst beschliesst darauf, den Musikanten zu einer guten und teuren Flasche Champagner ins Hotel einzuladen. In seiner Geschichte gibt der Fürst die Lebensgeschichte des armen Musikanten wieder und beschreibt die feindselige Reaktion der Gäste, aber auch des Personals der Nobelherberge auf den armen, nicht zum Hotel passenden Gast. Diese Ablehnung, so folgert Nechludov, passe nicht zum Anspruch der liberalen Schweiz, die ja offiziell, anders als das damalige zaristische Russland, alle Standesunterschiede abgeschafft hat.

Die Kurzgeschichte ist auch bemerkenswert, weil sie so früh die negativen Wirkungen des Tourismus kritisiert, in diesem Fall den Abbruch der historischen Hofbrücke, die über eine inzwischen aufgeschüttete Bucht zur Hofkirche führte: Das prachtvolle fünfstöckige Gebäude des Schweizer Hofs ist vor kurzem am Ufer, ganz dicht am See, erbaut worden, an derselben Stelle, wo sich in alten Zeiten eine überdeckte, gewundene Holzbrücke mit Kapellen an den Ecken und Heiligenbildern an den Dachsparren befand. Jetzt ist die alte Brücke, dank dem grossen Zustrom der Engländer, ihren Bedürfnissen, ihrem Geschmack und ihrem Geld, abgetragen und an ihrer Stelle ein sockelartiger, schnurgerader Kai angelegt worden; auf dem Kai hat man geradlinige, viereckige, fünfstöckige Häuser gebaut; vor den Häusern sind zwei Reihen Linden gepflanzt und mit Pfählen gestützt, und zwischen den Linden hat man, ganz wie es sich gehört, grüne Bänke aufgestellt. Das ist – die Promenade; und hier gehen Engländerinnen in Schweizer Strohhüten auf und ab und Engländer in dauerhaften und bequemen Anzügen und erfreuen sich über ihr Werk.

Vom Schweizerhofquai, wo die von Tolstoi beschriebenen Bänke und Lindenreihen inzwischen durch eine vierspurige Strasse vom Hotel abgetrennt sind, geht unsere Gruppe dann dem See entlang nach Tribschen. Unterwegs erzählen wir an einem schattigen Ort aus dem Leben des Musikers Richard Wagner, der 1849 aus Dresden flieht, weil er sich zusammen mit dem Anarchisten Michail Bakunin an einem Aufstand gegen den sächsischen König beteiligt hat.

Der unstete Richard Wagner findet in den 1850er-Jahren zeitweise mit seiner ersten Frau in einem Nebengebäude der Villa Wesendonck in Zürich (heute Museum Rietberg) Aufnahme.

Nach einigen Wanderjahren bewohnt Wagner schliesslich von 1866 bis 1872 feudal die Villa in Tribschen, bevor er nach Bayreuth weiterzieht, wo er sich dem Projekt seines Festspielhauses widmet. Die erste Jahresmiete für Tribschen überweist König Ludwig II von Bayern, der Schöpfer des eigenartigen Schlosses Neuschwanstein.

Wir wollen Richard Wagner nicht vorstellen, ohne auf seinen Text Das Judenthum in der Musik einzugehen. Wagner publiziert den Aufsatz zuerst im Jahr 1850 unter dem Pseudonym K. Freigedank in einer Musikzeitschrift, dann überarbeitet und veröffentlicht er ihn als Broschüre unter seinem eigenen Namen mit dem Vermerk Tribschen bei Luzern, Neujahr 1869.

Man findet den Wortlaut der Broschüre im Internet. Es ist ein übler Text. Die Lektüre lohnt sich für Menschen, die sich die Frage stellen, wie Antisemitismus konstruiert ist. Während des Ausflugs zitieren wir einige Stellen, die uns aufgefallen sind, und wagen den Versuch, sie in einen biographischen und historischen Kontext zu stellen.

In Tribschen erhält Richard Wagner und seine Geliebte (und 1870 in Luzern geheiratete) Cosima über zwanzigmal Besuch von einem Professor der Altphilologie, der in Basel lehrt, Friedrich Nietzsche.

Nietzsche ist anfänglich beeindruckt von Wagners schöpferischem Genie, aber die Beziehung des musikbegeisterten und jüngeren Nietzsche zum bewunderten Wagner und seiner Cosima kompliziert sich. Einer der Gründe dafür ist, dass Nietzsche sich vom Antisemitismus distanziert.

Im Moment seiner Erkrankung meldet er: Ich lasse eben alle Antisemiten erschiessen. Es ist die Vorstellung eines Machtlosen. Nietzsche wird wahnsinnig, seine Schwester leitet das Nietzsche-Archiv, fälscht die Texte ihres Bruders und schenkt Adolf Hitler den Spazierstock des Philosophen.

Weniger kompliziert als die Beziehung von Wagner und Nietzsche ist der Rückweg von Tribschen nach Luzern mit dem Schiff oder zu Fuss entlang der Ufschötti, wo Luzerns Bevölkerung an diesem heissen Sommersamstag ungezwungen ausruht, Sonne tankt und badet.

Genf, 8. Mai 2021 – auf den Spuren von Calvin, Rousseau, und Dunant

Sion, 6. März 2021

Zehn Wanderungen in Zeiten der Pandemie – November 2020 bis Februar 2021

Wenn das Reisen in Gruppen verboten ist, bleibt als Ausweg das Gehen allein oder zu zweit in der näheren Umgebung. Ein Bericht über zehn Wanderungen durch schweizerische Kultur- und Naturlandschaften, meist abseits der bekannten Wanderrouten. Sieben Wanderungen führen geradeaus nach Osten, drei nach Westen. Eine Wegbeschreibung finden Sie hier

Kulturreise Graubünden, 19.-25. Oktober 2020