Reiseberichte

Hier gibt es Berichte von Ausflügen und Reisen, dazu einige subjektive Gedanken zum Thema Reisen.

Das Notierte dient als Erinnerungsstütze. Vielleicht finden auch Einzelreisende nützliche Informationen und Anregungen.

Wenn wir eine Reise oder einen Ausflug vorbereiten, treibt uns die Kombination von Nichtwissen und Neugier an. Wir bemühen uns um ein Verständnis der Orte, die wir besuchen, und der Menschen, die dort leben und gelebt haben.

Kulturreise Graubünden, 19.-25. Oktober 2020

«Wir sind doch keine Verbrecher», antwortet der Kellner, als eine Teilnehmerin die Kosten für die Karaffe Leitungswasser übernehmen will im Restaurant des Hotels Astras in Scuol. Die Karaffe kommt hier gratis auf den Tisch.

Die Aussage des Kellners ist keineswegs repräsentativ für die Gaststätten des Kantons, im Gegenteil. Die Hotels, die Restaurants, die Menschen sind unterschiedlich im kontrastreichen Bündnerland.

Unser Kontrastprogramm beginnt an einem Montag, wenn andere Menschen ihre Arbeitswoche beginnen.

Ein wolkenloser Himmel zeigt sich, als der Zug bei Maienfeld den Rhein überquert – wir sind in Graubünden. Etwas später, an der kleinen Bahnstation von Cazis, treffen wir die letzten Mitglieder unserer Reisegruppe. Zu Fuss erreichen wir in wenigen Minuten das Kloster der Dominikanerinnen. Nach dem Bezug der Zimmer treffen wir uns in der romanischen Wendelinkapelle oberhalb des Klosters, stellen die Mitglieder der Gruppe vor und geben einen kurzen Überblick über den grössten Kanton der Schweiz, der seit 1803 zu Helvetien gehört und als einziger Kanton drei Amtssprachen hat. Befinden wir uns im Musterland der kulturellen Diversität?

Für unsere Reise haben wir das Ende der touristischen Sommersaison gewählt. Die Kirche von Zillis, das Segantini-Museum in St. Moritz und das Nietzsche-Haus in Sils Maria werden noch in der gleichen Woche geschlossen. Ein Postauto fährt erst im Juni 2021 wieder über den Flüelapass.

Nach dem Bezug unserer Zimmer im Kloster eine kurze Fahrt nach Thusis, Ausgangspunkt der Alpenstrasse durch die Viamala und über den Splügen nach Chiavenna. Diese war vor dem Bau der Eisenbahnen und Autobahnen eine der kürzesten und wichtigsten Verbindungswege vom Norden nach Süden.

In Thusis verteilen wir uns auf der Suche nach Verpflegung, wagen auch einen Blick in den historischen Dorfkern und finden uns dann im Postauto nach Zillis wieder.

In der Kirche Sankt Martin betrachten wir die fast vollständig erhaltene Bilderdecke aus der Zeit kurz nach dem Jahr 1114 mit ihren Szenen aus dem Leben Jesu und des Heiligen Martin von Tours.

Diese irdischen Szenen sind umrahmt von phantasievollen Bildern eines Meeres, das von Seepferden, Seehunden, Seelöwen, Seewölfen, Seefüchsen, Seebären, Seekamelen, Seeteufeln, Nixen und vielen anderen fantastischen Wesen bevölkert ist. Nach der Besichtigung wärmt uns die Sonne des Nachmittags auf der Sitzbank neben der Kirche. Keine Selbstverständlichkeit, denn in den Wochen vor unserer Reise war das Wetter ungewöhnlich kühl.

Später geniessen wir ein frühes und einfaches Abendessen im Kloster Cazis. Die Teilnehmerin Madelon Laib hat Backformen geerbt aus der Zeit der Renovation der Zilliser Bilderdecke (1938-40). Ein anishaltiges Gebäck mit dem Abdruck eines schrecklichen Seeungeheuers ist die köstliche Überraschung für uns alle, bevor wir uns schlafen legen.

Der Dienstag beginnt bei weiterhin sonnigem Wetter mit einer Bahnfahrt von Thusis nach St. Moritz. Die rote Bahn auf der schmalspurigen Albulalinie passt in die Landschaft mit ihren tiefen  Schluchten, hohen Bergen und gelb leuchtenden Lärchenwäldern. Die Albulabahn gehört zusammen mit der Linie über den Berninapass zu den Bahnen, die von der UNESCO als Weltkulturgut betrachtet werden (die anderen Linien sind die Semmeringbahn in Österreich und die Strecke nach Darjeeling in Indien).

Die Albula- und die Berninalinie der Rhätischen Bahn unterscheiden sich durch ihre maximale Neigung. Auf der Albulalinie, die noch für den Betrieb mit Dampflokomotiven gebaut wurde, beträgt sie 35 Promille, auf der Berninalinie das doppelte, nämlich 70 Promille. Die geringe Steigung der Albulalinie erklärt auch die Verlängerung der Strecke durch allerlei spektakuläre Kunstbauten, besonders oberhalb des Dorfes Bergün, an dem wir leider vorbeirollen wie an vielen anderen Sehenswürdigkeiten. Obschon wir langsam unterwegs sind, halten wir nicht überall an und sehen auf dieser Reise nur einen kleinen Teil der Sehenswürdigkeiten des vielfältigen Kantons.

In St. Moritz gelangen wir auf der Rolltreppe ins Ortszentrum und beziehen Zimmer im Hotel Hauser. Nach einem Mittagessen stellen wir das Leben des Malers Giovanni Segantini (1858-1899) vor, der als Kind tagelang in einem Zimmer eingesperrt war, weil niemand Zeit hatte, sich um ihn zu kümmern, und der als Erwachsener leidenschaftlich gerne in der freien Natur malte. Wir spazieren zum 1908 eröffneten Museum, das dem Werk des Malers gewidmet ist.

Durch das Auftragen von reinen Farben versuchte Segantini, in seinen Bildern die Intensität des Lichts wiederzugeben. Der Stil wird als «Divisionismus» bezeichnet, im monumentalen Triptychon La vita – La natura – La morte (oder «Werden, Sein, Vergehen») ist er gut erkennbar.

Am Abend eine weitere Überraschung: Gaudenz Meili, ein Teilnehmer, war Dokumentarfilmer, bevor er sich in der Toskana dem Anbau von Wein und Oliven widmete. Wir sehen uns im Raum neben der Reception seinen Film über Giovanni Segantini aus dem Jahr 1990 an.

Am Mittwoch fahren wir nach einem guten Frühstück mit dem Bus nach Sils Maria. Der Himmel ist leicht dunstig, aber die Sonne scheint. Wir sprechen über den Philosophen Friedrich Nietzsche. Unser Plan ist, zu spazieren und unterwegs zu halten, dabei über Nietzsche zu sprechen und so die Halbinsel Chasté am Silsersee zu erreichen. Nietzsche selbst dachte und philosophierte ja gerne im Gehen an der frischen Luft – eine gute Gewohnheit, besonders in Zeiten der Corona-Pandemie.

Über der Ebene neben dem See bläst uns aber ein kräftiger, kalter und abweisender Malojawind ins Gesicht, der uns einen Strich durch die Rechnung macht. Die Hälfte der Gruppe gibt auf, kehrt um, lässt sich dafür in Wolldecken eingewickelt von einer Kutsche ins Fextal fahren. Die anderen schaffen es bis zur Spitze der Halbinsel und geniessen den Blick auf den aufgewühlten Silsersee.

Später treffen wir uns wieder in Sils Maria und setzen die Vorstellung des Philosophen fort, der gerne Fragen stellte und darauf verzichtete, ein philosophisches System aufzubauen. Bedauerlicherweise hatte Nietzsche eine Schwester, die seine Schriften nicht nur im Sinne des Nationalsozialismus interpretierte, sondern auch fälschte, und die Adolf Hitler Nietzsches Spazierstock vermachte. Der Spazierstock verschwand, dafür steht im Garten des Nietzsche-Hauses ein überdimensionaler Spazierstock als Kunstwerk. Die Ausstellung im Haus besuchen wir mit Interesse und bemerken auch, dass die seltsame Bettdecke in Nietzsches Studierzimmer ein Kunstwerk des Künstlers Not Vital ist.

Eine Teilnehmerin weiss, wo in St. Moritz man gut isst, und so spazieren wir am Abend ins Restaurant Veltlinerkeller und später gut genährt und gut gelaunt zurück.

Am Donnerstag nehmen wir uns Zeit, verlassen das Hotel Hauser erst nach 10 Uhr, gehen zum Bahnhof, nehmen den Zug nach Zernez und rollen unsere Rollkoffer zum nahen Hotel. Die Zimmer sind auch hier bald bereit, es bleibt Zeit für individuelle Spaziergänge im Dorf und für ein Mittagessen. Am Nachmittag fahren wir dann mit dem Zug nach Scuol – schon unterwegs ist das Schloss Tarasp zu erkennen – und mit dem Postauto nach Tarasp Fontana.

Von dort führt ein steiler Weg zum Schloss, das nur im Rahmen einer offiziellen Führung zu besichtigen ist. Die Sonne scheint an diesem Tag, und es ist fast sommerlich heiss, als wir uns der zweiten Führung des Nachmittags anschliessen. Faszinierend ist nicht nur die dominierende Lage des Schlosses über dem Tal und das Resultat der luxuriösen Umgestaltung (1900-1916) durch den früheren Besitzer Karl August Lingner, sondern auch die Bereicherung des Schlosses und seiner Umgebung durch Kunstwerke des gegenwärtigen Besitzers Not Vital und mit ihm befreundeter Künstler.

Nach der Besichtigung fährt ein Teil der Gruppe mit dem Postauto zurück nach Scuol und findet dort ein Restaurant, die anderen machen den Weg zu Fuss, entdecken im Vorbeigehen staunend den alten Dorfkern von Scuol und kommen rechtszeitig zum Abendessen.

Der Freitag beginnt in Zernez trüb und nass. Wir stehen auf, frühstücken und fahren mit dem Postauto von Susch über den Flüelapass nach Davos. Wir geniessen den Blick auf die auch bei Nässe farbigen Herbstwälder, auf baumlose Hochebenen und auf den nassen Neuschnee, der etwas betrübt auf den Hängen neben der Passhöhe liegt. In Davos fahren wir mit dem Ortsbus zum Hotel Edelweiss.

Wir lassen uns in der Bibliothek des Hotels in die angenehmen Sitze fallen und erinnern an die Pioniere aus der Gründerzeit des Kurtourismus Alexander Spengler (1827-1901) und Willem Jan Holsboer (1934-1898) und an die Spuren, die Davos in der Literatur hinterlassen hat. Wir fassen die ersten Kapitel von Thomas Mann «Zauberberg» zusammen, zeigen das Bild des formschönen Spucknapfs, den die Kranken auf ihren Spaziergängen mit sich führten und «Blauen Heinrich» nannten, lesen auch eine Stelle aus Max Frischs Roman «Stiller», die den Aufenthalt der tuberkulosekranken Julika in Davos schildert. Kurz vor Mittag beziehen wir die Zimmer. Auf dem Balkon stehen Liegestühle mit Wolldecken, die an die Zeit der Liegekuren erinnern.

Zur Mittagszeit fahren wir dann mit der Drahtseilbahn auf die Schatzalp, wo das bekannte Jugendstil-Sanatorium steht. Der Betrieb ist schon geschlossen, Handwerker sind im Gebäude beschäftigt. Die mürrische Dame am Empfang verbietet uns schroff einen Blick ins Innere. Zur Kompensation ein Bild, aufgenommen zu einem früheren Zeitpunkt.

Der deutsche Maler Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Mitbegründer der expressionistischen Künstlergruppe «Die Brücke» kommt 1917 zur Kur nach Davos. Er ist nikotinsüchtig, alkoholsüchtig, morphiumsüchtig, süchtig nach Schlaftabletten (Veronal), möglicherweise hat er auch Syphilis. Weiter leidet er psychisch nach seinen Erfahrungen im Krieg und befürchtet, wieder an die Front geschickt zu werden. Einer der ihn behandelnden Ärzte ist Lucius Spengler (1858-1923), Sohn des Alexander. Für die Geschichte von Davos ebenfalls bedeutend ist Carl Spengler (1860-1937), Chirurg, Bakteriologe, Sportler, Stifter des Spengler Cups.

Kirchner befand sich in Davos also nicht auf dem Höhepunkt seines Lebens, sondern in einem Tief, von dem er sich wohl nie ganz erholte, denn schliesslich endete sein Leben mit einem Selbstmord.

Ein Besuch des Kirchner-Museums lohnt sich. Es sind nicht viele Gemälde ausgestellt, weil das Augenmerk der Ausstellung, die wir sehen, auf den Skizzenbüchern liegt und auf dem Bemühen Kirchners, Bewegung zeichnerisch zu erfassen. Allerdings, wie freiwillig lebte Kirchner in Davos, wie sehr fühlte er sich gezwungen, anfangs wegen seinem Gesundheitszustand, später wegen der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die seine Werke als «entartete Kunst» ablehnten? Wie schwermütig sind die Malereien aus Davos verglichen mit den Bildern der Badenden an den Moritzburger Seen und auf Fehmarn? Oder ist dies mein Gefühl, weil es in Davos regnet?

Davos verabschiedet sich von uns am Samstag so regnerisch, wie es uns am Freitag empfangen hat, aber die Fahrt nach Filisur und weiter über Tiefencastel und Thusis nach Chur ist trotzdem nochmals ein ästhetischer Genuss. Wir fahren gleich zur Haltestelle Chur Altstadt weiter, gehen ein paar Schritte und lassen unser Gepäck im Hotel zur Rebleuten, also im Zunfthaus einer der fünf Zünfte, die früher die Stadt regierten. Nach kurzer Zeit zeigt sich die Sonne, und wir unterbrechen unseren Stadtrundgang im Café des Kunsthauses nur, um draussen an der frischen und doch angenehmen Luft eine empfehlenswerte Kürbissuppe zu löffeln oder Salate zu verzehren.

Wir sehen während unserem Rundgang den Arcas-Platz, das Obertor, das Fontana-Denkmal, das den heroischen Bündner Krieger im Kampf gegen die Habsburger zeigt, und das alte Gebäu, das an der Stelle steht, wo die Gaststätte «zum staubigen Hüetli» stand, in dem der wohl bekannteste Bündner Held, Jürg Jenatsch, während der Fasnacht 1639 von maskierten Tätern ermordet wurde. Weiter sehen wir den Postplatz, den Platz vor dem Regierungsgebäude mit dem Vazeroldenkmal, das städtische Rathaus, die Reichsgasse, die Martinskirche mit den Glasfenstern von Augusto Giacometti, das Bärenloch, den bischöflichen Hof und die Kathedrale.

Kunstmuseum und Kathedrale sind zwei Höhepunkte unserer Reise. Für den Besuch des Bündner Kunstmuseums Chur räumen wir der Gruppe genügend Zeit ein.

Ganz unbeschwert war unsere Reise nicht angesichts der steigenden Corona-Fallzahlen. Als Reiseleiter befürchteten wir Krankheitsfälle in der Gruppe, Absagen, die Schliessung von Sehenswürdigkeiten oder Hotels und behördliche Massnahmen, die uns hätten zwingen können, die Reise abzubrechen. An dem Tag, als wir in Chur das Kunsthaus besuchten, mussten die Museen in Bern geschlossen bleiben. Am Tag nach unserer Abreise von Chur verschüttete ausserdem ein Felssturz die Bahnlinie zwischen Tiefencastel und Thusis. Auch in der wohlgeordneten Schweiz können wir uns glücklich schätzen, dass wir unsere Reise wie geplant durchführen konnten.

Bevor wir diesen Bericht beenden, müssen wir die Bündner Kochkultur erwähnen. Den Abend vor unserer Abreise verbrachten wir in der Veltliner Weinstube im Hotel Stern bei einem ausgezeichneten Essen mit ausgezeichnetem Wein. Pizzoccheri, Capuns und Maluns sind für uns keine Fremdwörter mehr.

Ohne Einschränkung empfehlen können wir die Hotels Hauser in St. Moritz und Edelweiss in Davos sowie die Restaurants Veltlinerkeller in St. Moritz, Astras in Scuol sowie die Veltliner Weinstube in Chur. Sehr freundlich war auch der Empfang im Kloster Cazis – eine Empfehlung an zukünftige Gäste: die eigene Seife mitbringen.

Am Sonntagmorgen nach dem Frühstück ein kurzer Spaziergang in der Altstadt bei sonnigem Wetter, dann die Rückreise mit einem Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit und mit einer sehr angenehmen Erinnerung an die sechs sympathischen und aufgeschlossenen Menschen, die uns auf dieser Reise begleitet haben.

Fribourg/Freiburg und Hauterive, 17. Oktober 2020

Wer von Bern nach Freiburg reist, merkt bald: Freiburg ist anders.

Was macht den Unterschied aus zwischen den zwei Städten, die beide von der gleichen Dynastie gegründet worden sind? Nur die Sprache?

Die alten Gebäude bestehen aus ähnlich grauen oder leicht grünlichen Sandsteinquadern. Die Altstädte liegen beide malerisch und erhöht über einer Biegung eines Flusses, der von den Alpen kommt und dem Flachland zuströmt.

Wer in Fribourg/Freiburg aus dem Bahnhof tritt, steht nach wenigen Schritten vor einem öffentlichen Stadtplan. Hier treffen wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an unserem Rundgang. Auf dem Plan zeigen wir die vier Altstadtquartiere Bourg, Neuveville, Auge und Hôpitaux. Wir werfen einen Blick auf den Boulevard de Pérolles und gehen am markanten Theaterbau Equilibre vorbei zum Brunnen, den der Künstler Jean Tinguely zum Andenken an den Autorennfahrer Jo Siffert geschaffen hat.

Der Brunnen liegt an einem ruhigen Ort und bietet sich an, um Tinguely und seine zweite Frau Niki de Saint-Phalle vorzustellen, die in der Freiburger Museumslandschaft mit dem Espace Jean Tinguely – Niki de Saint Phalle vertreten sind. Der Ort eignet sich auch für einen Ausflug in die Gründungszeit von Freiburg.

In der Nacht vom 9. auf den 10. Februar 1127 werden zwei führende Vertreter des burgundischen Adels in der Abteikirche von Payerne ermordet. Payerne liegt im Broyetal an einer Verkehrsachse, die seit der Römerzeit benutzt ist, dort liegt auch die legendäre burgundische Königin Berta begraben. Ein überlebender Vertreter der burgundischen Adelsfamilie, Guillaume de Glâne, stiftet darauf 1132-37 das Kloster Hauterive, das 1138 eingeweiht wird. Über den Auftraggeber des Mordes ist nichts überliefert, er nützt aber einer aufstrebenden Dynastie.

1157 gründet Herzog Berchtold IV von Zähringen, ein Mann aus dem Schwabenland, die Stadt Freiburg im Üechtland. Er nennt sich dux et rector Burgundiae, aber die Funktion eines Verwalters Burgunds, die ihm vom deutschen König verliehen worden war, verliert sich oder schwächt sich ab. So streben er und sein Sohn Berchtold V, der 1191 die Stadt Bern gründet, ein eigenes Herrschaftsgebiet an und versuchen, ihren Ruf als Herzöge ohne Land loszuwerden.

Da es im 12. Jahrhundert keine Methoden künstlicher Befruchtung gibt, keine techniques de PMA (procréation médicalement assistée – weder für heterosexuelle Paare noch für die LGBT+ Community), stirbt Herzog Berchtold V von Zähringen trotz zweier Eheschliessungen ohne männlichen Nachwuchs. Ende der Zähringerdynastie.

Hier beginnen die Unterschiede zwischen den beiden Städten.

Die Berner, damals noch nicht für ihre Langsamkeit bekannt, erhalten oder fälschen weitreichende Privilegien in einer Urkunde («Goldene Handfeste»). Am Standort des herzoglichen Schlosses bauen sie die Nydeggkirche – wer würde es wagen, sie wieder abzureissen? Zwischen Bern und dem König gibt es jedenfalls keine weitere Hierarchiestufe, und mit der Zeit ist Bern eine freie Reichsstadt. Die Freiburger hingegen stehen ab 1218 unter der Oberherrschaft der Kyburger, ab 1277 unter den Habsburgern, ab 1452 unter Savoyen. Erst 1478 wird Freiburg freie Reichsstadt.

Vom Tinguelybrunnen begeben wir uns in die Romontgasse, wo seit 2003 die Frauenstatue La Pleureuse der Zürcher Künstlerin Franziska Koch unaufhörlich weint – der Name erinnert wohl an die Pleureuses, die am Karfreitag in einer Prozession mit den Leidenswerkzeugen Christi durch die Altstadt von Romont ziehen.

Wir gehen weiter zur Place Python, deren Name nicht an eine Schlange erinnern soll, sondern an Georges Python (1856-1927), an den Gründer der Universität, den führenden Vertreter des politischen Katholizismus seiner Zeit, der 41 Jahre lang Mitglied der Freiburger Regierung war, an den starken Mann, der Freiburg zur République chrétienne umgestaltete.

Dort sind wir am Rand der Altstadt. Früher stand am oberen Ende der Lausannegasse ein Tor in der Stadtmauer mit einer Figur, die die Stunden schlägt, ähnlich wie beim Berner Zytgloggeturm – le Jacquemart. Daneben bauten die Ursulinerinnen ihr Kloster. (Neben der Place Python liegt die obere Haltestelle der Seilbahn, die in die Unterstadt führt – das Bild zeigt den Ausblick von dort).

Wie viele Klöster gibt es in der Stadt? Oder anders gefragt: Wie heilig ist Freiburg verglichen mit Rom?

Ohne Anspruch auf Seriosität ist die folgende Berechnung: Wenn Freiburg mit seinen 38,000 Einwohnern ursprünglich sieben Klöster hat, dann müsste die Heilige Stadt Rom mit ihrer 82fachen Bevölkerung 575 Klöster haben, wenn sie Freiburg an Heiligkeit übertreffen möchte.

Über die Rue Canisius gelangen wir zum Collège Saint Michel, gegründet von Peter Canisius alias Peter D’Hondt (1521-1597), Verfasser von Katechismen für Theologiestudenten und für das Volk, seliggesprochen 1864, kanonisiert 1925. Bald jährt sich der 500jährige Geburtstag des Jesuiten. Eine Feier wird vorbereitet, und für die Überreste des Heiligen wird ein neuer Reliquienschrein in Auftrag gegeben. Canisius wollte eine Erneuerung der Kirche, aber nicht die von den Reformierten vorgeschlagene. Freiburg hat sich im 16. Jahrhundert der Reformation nicht angeschlossen. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen Bern und Freiburg.

Eine steile gedeckte Treppe führt hinunter zur Rue de Lausanne, von dort gelangt man zur Place Nova Friburgo. Die Schwesterstadt in Brasilien zählt heute 184,000 Einwohner. Von der Place Nova Friburgo blickt man auf den Ort, an dem bis vor wenigen Jahrzehnten die ursprüngliche Murtenlinde stand, die gemäss der Legende nach der Schlacht von 1476 gepflanzt worden war, und deren Spross heute neben dem Rathaus steht, das zurzeit renoviert wird. Mindestens 17 weitere Linden, aus Zweigen der sterbenden Murtenlinde gezogen, stehen an verschiedenen Orten in des Kantons und der Schweiz.

Neben der Treppe in die Unterstadt, genauer ins Quartier Neuveville, steht der Brunnen, dessen Brunnenfigur Stärke symbolisiert, geschaffen von einem Bildhauer, den die Berner kennen sollten: Hans Gieng. Seine Statuen in Bern, unter ihnen der bekannte Kinderfresserbrunnen, sind bemalt. Anders die Statuen in Freiburg, bei denen man sieht, dass sie aus Stein gehauen sind.

Nach einer Kaffeepause in der Nähe des Pont Saint-Jean gelangen wir zur Kirche Saint-Jean, die dem Johanniterorden gehörte, der in seiner katholischen Version später der Malteserorden wurde, l’ordre souverain militaire et hospitalier de Saint-Jean de Jérusalem, de Rhodes et de Malte. Die Komturei dieser Kreuzritter wird anfangs des 19. Jahrhunderts vom Staat Freiburg übernommen. Eine grosse Reproduktion des Porträts von Marguerite Bays (1815-1879) bildet den Anlass für eine Vorstellung der 2019 von Papst Franziskus heiliggesprochenen Näherin.

Von der Kirche gehen wir vorbei an der ehemaligen Kaserne und über die Mittlere Brücke zur Place Petit Saint-Jean oder Klein-Sankt-Johann-Platz, so genannt, weil sich die Niederlassung der Johanniter ursprünglich dort befand, im Auquartier, Quartier de l’Auge.

Dort lebten früher viele Zuwanderer aus dem deutschsprachigen, armen Sensebezirk, die in einer eigenartige Mischsprache redeten, le bolze. Der Stolz der Berner Lokalpatrioten auf ihr Mattenenglisch lässt sich vergleichen mit dem der Freiburger auf ihr bolze.

In einem Haus neben dem Restaurant Le Tirlibaum wurde 1936 der Autorennfahrer Jo Siffert geboren, genannt Seppi. Seine Eltern führten dort einen Milchladen, der nicht rentierte. Später handelte Seppis Vater mit Autos. Der frühe Unfalltod des Rennfahrers im Jahr 1971 war für den Journalisten und Schriftsteller Niklaus Meienberg Ausgangspunkt für eine bekannte Reportage über Leben, Aufstieg und Tod des schnellen Freiburgers.

Etwas erhöht, aber nicht direkt am steilen Stalden, der das Auquartier mit dem Burgquartier und seiner Reichengasse (französisch Grand-Rue) verbindet, liegt die Kirche Saint-Augustin des 1848 aufgehobenen Augustinerklosters. Der grossartige Hochaltar aus Eiche und Tanne (1593-1602) zeigt in der Mitte die Himmelfahrt Marias mit musizierenden Engeln, links und rechts Augustin und Mauritius, darüber Verkündigung und Heimsuchung, zwischen den zwei Szenen den heiligen Nikolaus von Myra, Stadtpatron. Oben die Krönung Marias zwischen den Aposteln Peter und Paul.

Von dort aus steigen wir hoch zur Chorherrengasse, zur Rue des Chanoines. Über einem Hauseingang prangt das Wappen des chapitre, des Kapitels. Es zeigt die wichtigste Reliquie der Stadt, nämlich den Arm des Heiligen Nikolaus, der 1506 vom Kloster Hauterive nach Freiburg überführt wurde. An dieser Stelle ist eine Erklärung über die Rolle der Chorherren fällig, die das Kapitel bilden.

Der Freiburger Ratsherr Peter Falck erreicht in Verhandlungen mit dem Vatikan im Jahr 1512, dass St. Nicolas als Kollegiatsstift anerkannt wird, welches nicht mehr dem Bischof von Lausanne, sondern direkt dem Papst unterstellt wird. Die Chorherren, Vertreter der wichtigsten Familien der Stadt, übernehmen wichtige Funktionen im Gottesdienst. Sie sind an kein Armutsgebot gebunden, leben von ihren Pfründen und kleiden sich in Almutien, Überwürfen aus sibirischen Eichhörnchenfellen. Eine Publikation des Historikers Jean Steinauer von 2012 beschreibt die 500-jährige Geschichte der mächtigen Chorherren.

Zum Ende des Rundgangs besuchen wir die gotische Stiftskirche, die seit 1924 Kathedrale und Sitz der Diözese Lausanne, Genf und Freiburg ist, la cathédrale Saint-Nicolas. Die Jugendstil-Glasfenster des Polen Josef Mehoffer sehen wir uns chronologisch nach ihren Entstehungsdaten (1895-1918) an (im Bild: König Herodes mit dem Tod, Teil der Darstellung des bethlehemitischen Kindermords, 1902-1904). Besonders sehenswert und stimmungsvoll die umfangreiche Figurengruppe der Grablegung aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Unter dem Eingangsportal der Kathedrale verabschieden wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für eine Mittagspause. Wegen der Epidemie empfehlen wir Restaurantbesuche nur in kleinen Gruppen. Wir versäumen nicht einen Hinweis auf die Sehenswürdigkeiten, die auf der rechten Seite der Murtenstrasse aneinandergereiht sind wie auf einer Perlenschnur: la Basilique Notre-Dame, l’Espace Jean Tinguely Niki de Saint-Phalle, le couvent des Cordeliers mit Kirche, le Musée d’art et d’histoire, die Klosterkirche der Visitation und schliesslich, schon fast beim Murtentor, le couvent des Capucins.

Am Nachmittag fahren wir mit dem Bus in zehn Minuten zur landwirtschaftlichen Schule Grangeneuve.

Von dort sind es fünfzehn Minuten zu Fuss bis zum Zisterzienserkloster Hauterive (Altenryf). Die deutschsprachige Führung durch das Kloster erlaubt uns eine Besichtigung des Kreuzgangs und des aus Eichenholz geschnitzten gotischen Chorgestühls (1472-1486). Der pensionierte Lehrer aus Bern, der uns durch das Kloster führt, hilft dem Kloster als Freiwilliger.

Öffentliche Führungen gibt es auch für Einzelpersonen, jeden Samstag, sie sind gratis (Kollekte). Publikationen und Produkte aus klösterlicher Produktion gibt es im Klosterladen.

Die Chorstühle sind nicht nur alt in Hauterive. Sie erfüllen auch ihre ursprüngliche Funktion. Hier versammeln sich die Mönche siebenmal täglich für ihre traditionellen Stundengebete, beginnend mit der Mette (Vigiles) um 04.15 Uhr und endend mit dem Schlussgebet Komplet (Complies) um 19.50 Uhr. In der Klosterkirche liegen Broschüren, dank ihnen können Besucherinnen und Besucher den Text der Gesänge mitverfolgen.

Was hat Bern im Jura verloren? Delémont, 15. August 2020

Es gibt viele Gründe, um den Besuch der jurassischen Hauptstadt Delémont, deutsch Delsberg, ausgerechnet bei der Chapelle du Vorbourg zu beginnen.

In den Burgen neben der Kapelle sollen ursprünglich die Herren von Telsberg gehaust haben. Die Burgen hoch über der Schlucht, die der Fluss Birs in die Kalkfelsen gegraben hat, sind 1386 beim Erdbeben von Basel beschädigt oder zerstört worden. Heute bleiben Ruinen übrig.

Von 1271 an gehörte die Herrschaft Delsberg dem Fürstbischof von Basel. Die Chapelle du Vorbourg wurde nach dem Erdbeben wiederaufgebaut. Gemäss der Überlieferung wurde sie 1049 von Papst Leo IX geweiht, einem Papst, der aus dem Elsass stammte und sich oft auf der Alpennordseite aufhielt. Seit dem 17. Jahrhundert befindet sich eine wundertätige Statue der Madonna in der Kapelle.

Vor der Kapelle brennen Kerzen. In der Kapelle hängen Votivbilder. Ein Bild dankt für die Verschonung während des Stadtbrandes 1671. Es zeigt genau, wie die Stadt im 17. Jahrhundert ausgesehen hat.

Die Kapelle war ein Ort des katholischen Widerstands gegen die protestantisch-bernische Staatsgewalt anfangs der 1870er Jahre. Im Chor werden bis heute der Bischofsstab und die Mitra von Bischof Eugène Lachat aufbewahrt. Dieser hatte am Ersten Vatikanischen Konzil teilgenommen, als im Juli 1870 das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes verkündet wurde. 1872 exkommunizierte er zwei Geistliche, die das Dogma nicht anerkennen wollten (so Beat Juncker in seiner “Geschichte des Kantons Bern seit 1798”).

Lachat wurde darauf 1873 von fünf freisinnig regierten Kantonen seiner Diözese abgesetzt und aus seiner bischöflichen Residenz in Solothurn ausgewiesen. Er liess sich in Luzern nieder. Den Geistlichen im Jura wurde jeder Kontakt mit ihm verboten, sie protestierten, darauf wurden 97 Geistliche im Jura ihrer Funktion enthoben. Von einem kirchenrechtlichen Standpunkt aus hatte Bern nicht die Kompetenz für solche Massnahmen.

Die katholische Kirche funktionierte jedenfalls im Untergrund, bis 1878 das Kantonsparlament alle Geistlichen amnestierte. Nicht verbieten konnten die bernischen Behörden in dieser Zeit die Pilgerfahrten der Katholiken zur Chapelle du Vorbourg.

Pilger besuchen die Kapelle auch heutzutage, besonders am 15. August, also an Mariae Himmelfahrt.

Der Konflikt zwischen Staat und Papsttum fand auch ausserhalb der Schweiz statt, vor allem in Preussen, er ist unter dem Begriff «Kulturkampf» Thema für den Geschichtsunterricht. In Preussen und im Jura ging es dabei nicht zuletzt um die staatliche Kontrolle des Erziehungswesens.

Ein Aussichtspunkt mit Sitzbänken unter Bäumen bot die Gelegenheit, ein den meisten Schweizern nur ansatzweise bekanntes Staatswesen vorzustellen, das vom Jahr 999 an etwa achthundert Jahre lang existierte.

Das Fürstbistum Basel war Teil des Heiligen Römischen Reichs, territorial umfasste es in den letzten Jahrhunderten seiner Existenz das heutige Gebiet des Kantons Jura, den heutigen Berner Jura, die Stadt Biel, die gleichzeitig zugewandter Ort der Eidgenossenschaft war, das Laufental sowie die Herrschaft Birseck, in dem die heute bevölkerungsreichen Vororte im Südwesten von Basel liegen (Reinach, Oberwil, Ettingen, Allschwil, Therwil und Arlesheim), ausserdem die Herrschaft Schliengen nördlich von Basel.

Nach der Reformation musste der Fürstbischof die Stadt Basel verlassen. Er residierte von nun an in Pruntrut (Porrentruy), hatte aber in Delsberg ein Schloss im Stadtzentrum als Sommerresidenz.

Gewählt wurde der Fürstbischof aus den Reihen des Domkapitels, das seinen Sitz 1678 von Freiburg im Breisgau nach Arlesheim verlegte. Wer Mitglied des Domkapitels werden wollte, musste einen Stammbaum mit 16 adeligen Urahnen vorweisen. Das konnten vor allem Adelige aus dem Elsass.

Die komplizierte Geschichte des Juras ist im kollektiven Gedächtnis der Schweiz abwesend. Wer kennt die Fürstbischöfe, ihre Berater, ihre politischen Ziele, ihre Wirtschaftspolitik, ihre Freunde und Feinde, ihre Intrigen, ihre Erfolge, ihre Niederlagen?

Ende April 1792 besetzen französische Freiwilligenbataillone das Fürstbistum Basel. Der Fürstbischof flieht am 27. April aus seinem Schloss in Pruntrut nach Biel, später nach Konstanz. Es ist der Anfang vom Ende des Fürstbistums. Der Grund für den Angriff ist die Kriegserklärung des Kaisers in Wien an die Französische Republik am 20. April 1792. Die Kriegserklärung ist auch der Anfang vom Ende des Heiligen Römischen Reichs. (Genau genommen ist es wie oft etwas komplizierter: Franz II erklärt den Krieg als König von Böhmen und Ungarn, Kaiser wird er erst im Juli.)

Im Dezember 1792 wird die République rauracienne gegründet. Sie existiert drei Monate als erste Schwesterrepublik der revolutionären République française, dann wird sie ein Teil Frankreichs. Der protestantische Südjura, durch Verträge mit den Eidgenossen vorläufig geschützt, wird nicht Teil dieser Republik.

Über tausendachthundert Jahre früher erwähnte Caesar in seinem Bericht De bello gallico (“Über den gallischen Krieg”) den keltischen Volksstamm der Rauraci. Caesar berichtete, wie im Frühling des Jahres 58 vor Christus 263,000 Helvetier, 23,000 Rauraker und weitere Volksstämme versuchten, bei Genf in Richtung Südwesten auszuwandern. Sie wurden von Caesar aufgehalten, besiegt und zur Rückkehr gezwungen. Der Name der Rauraker ist in der Colonia Raurica enthalten, die im Jahr 44 vor Christus in Basel oder Augst (Augusta Raurica) gegründet wurde.

Im Nordjura suchte man 1792 nach einer eigenen Identität und sah sich als Nachfahren dieses Volksstammes. Dass die Rauraker je im Gebiet des Nordjuras gelebt haben, wird inzwischen selbst von jurassischen Historikern bezweifelt. Im Gebiet des heutigen Kantons lebten eher die Sequaner, wie in der benachbarten Franche-Comté.

Einer der bedeutendsten Politiker im Jura des 19. Jahrhunderts war Xavier Stockmar. Im Musée jurassien d’art et d’histoire in Delsberg findet man seine kleine Gipsbüste. Im Juli 1826 traf er sich mit Freunden in den Ruinen des Schlosses Morimont im Sundgau, etwa einen Kilometer von der Grenze entfernt, und schwor, den Jura von der Herrschaft der bernischen Oligarchie zu befreien.

War er der erste Separatist? Mit der liberalen bernischen Verfassung von 1830, an der Stockmar mitarbeitete, hatte er sein politisches Ziel erreicht – das Regiment der Stadtberner Patrizier war zu Ende. Stockmar selbst zog in die Regierung ein. Aber 1839 wurde er von seinem Regierungskollegen Charles Neuhaus aus Biel angeklagt, für die Trennung des Juras vom Kanton Bern zu arbeiten, und ohne Anhörung abgesetzt. Das Obergericht sprach ihn später vom Anklagepunkt des Hochverrats frei, und nach einer Zeit des Exils war Stockmar 1846 bis 1850 wieder Berner Regierungsrat, ausserdem war er 1848-51 und 1854-64 Nationalrat.

Stockmar war Verfasser der jurassischen Hymne La Rauracienne. Dieses Lied sieht die Befreiung des Juras in einem antifeudalen europäischen Kontext zwischen Lissabon und dem Baltikum. Der Text der Hymne wurde 1950 von Roland Béguelin und Roger Schaffter aktualisiert. Béguelin, später Generalsekretär des Rassemblement jurassien, war während Jahrzehnten der bestgehasste Mann im Kanton Bern. In Delsberg ist ein zentraler Platz in der Altstadt nach ihm benannt.

Heutzutage wird la Nouvelle Rauracienne gesungen, zum Beispiel an der jährlichen Fête du peuple jurassien. Besonders inbrünstig war der Gesang, als die jurassische Regierung die Aufnahme der Stadt Moutier in den Kanton Jura feierte – zu früh, die Abstimmung des 18. Juni 2017 muss wiederholt werden. Die Texte der beiden Gesänge findet man im Internet, eine genaue Lektüre der Texte lohnt sich.

1947 äusserte der langjährige sozialdemokratische Regierungsrat Georges Moeckli den Wunsch, das Baudepartement zu übernehmen, das frei wurde. Die gesamte Regierung unterstützte seinen Wunsch. Wahlgremium war aber der bernische Grosse Rat. Hans Tschumi, Grossrat der BGB, die später zur SVP mutierte, gab zu bedenken, man verstehe Moeckli schlecht wegen seiner Sprache. Ein Wiedererwägungsgesuch der Jurassier scheiterte mit 64 zu 62 Stimmen, diskutiert wurde es nicht. Die arrogante Haltung der bernischen Mehrheit führte zu Demonstrationen in Delsberg, zur Gründung der separatistischen Bewegung und zu politischen Auseinandersetzungen, die Bern und den Jura seit über siebzig Jahren beschäftigen, trennen und lähmen.

Als Zugeständnis an die Jurassier änderten die Berner anfangs der 1950er Jahre ihre Verfassung. Artikel 1 lautete neu: Der Kanton Bern «umfasst das Volk des alten Kantonsteils und dasjenige des Jura». Zwei Völker, das Berner Volk und le peuple jurassien? Als in Biel aufgewachsener Mensch lehnte ich es lange strikte ab, mich als «Berner» zu definieren, obwohl ich sonst ein loyaler Bürger meines Kantons bin. Vielleicht geht es anderen im Kanton ähnlich.

Die heute gültige bernische Verfassung spricht wieder nur vom «Volk des Kantons Bern», also nicht vom «Berner Volk», während die Verfassung des Kantons Jura so beginnt: «Le peuple jurassien… se donne la Constitution dont la teneur suit…».

Wie steht es mit dem Volk im bernischen Südjura? Gehören die Bernjurassier noch zum peuple jurassien, oder sind die jurassiens bernois inzwischen ein neues frankophones Volk mit einer eigenen Identität?

Zur Frage, was Bern im Jura verloren hat.

Ganz gewiss haben Berner Politiker schon im 19. Jahrhundert im Jura, ganz besonders im katholischen Nordjura, sehr viele Sympathien und Vertrauen verloren, ohne sich ernsthaft darum zu kümmern. Der Kanton Bern war, so scheint es, lange nicht in der Lage, die Diversität des Kantons als Chance zu begreifen und zu nutzen. So erstaunt es nicht, dass ein Teil der jurassischen Bevölkerung zur Überzeugung gelangte, dass der Jura sich nur als eigener Kanton frei entwickeln könne.

Verloren haben in diesem Konflikt aber auch die Separatisten. Ihr ursprüngliches Ziel, einen Kanton vom Laufental bis zum Bielersee zu gründen, haben sie nicht erreicht, und sie werden es auch nicht erreichen.

Lange haben die Separatisten argumentiert, der Südjura habe sich nur wegen der Einwanderung von Deutschschweizern, also wegen der «Germanisierung», gegen die Zugehörigkeit im neuen Kanton ausgesprochen. Die Argumentation ist verständlich. Es hat tatsächlich eine Einwanderung aus den deutschsprachigen Teilen des Kantons stattgefunden, schon zu Zeiten des Fürstbistums, als die von Bern verfolgten Täufer die Erlaubnis erhielten, sich auf den Jurahöhen niederzulassen. Aber spätestens die Kinder dieser Germanen haben sich integriert und sind längst Teil des peuple jurassien geworden.

Wie entscheidend ist die Sprache für Fragen der Identität und der Abgrenzung? Im Jura ist sie nicht entscheidend, denn die Sprachgrenze ist nicht die Kantonsgrenze. Die heutige Grenze zwischen den Kantonen Bern und Jura entspricht stattdessen ziemlich präzise (mit Ausnahme des ehemaligen Klosters Bellelay) der Grenze der Ausdehnung der Reformation im Jahr 1530. Das Gebiet «sous les Roches» machte die Reformation nicht mit, aber die traditionell protestantische Gemeinde Roches nördlich von Moutier hat sich vor kurzem für Bern entschieden.

Ist also die Religion entscheidend, wie in Bosnien? Sicher ist auch dies nicht. Vielleicht ist es die Geschichte, die gemeinsame Erfahrung. Vielleicht macht es einen Unterschied, ob ein Gebiet zur République rauracienne gehört hat. Der Südjura mit Moutier gehörte nicht dazu, weil das Gebiet mit Bern und Biel verbündet war, und weil Frankreich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Krieg mit den Eidgenossen riskieren wollte. Die französischen Truppen besetzten das Gebiet nicht wie den Nordjura im Jahr 1792, sondern erst Ende 1797, also kurz vor dem Ende der ganzen Alten Eidgenossenschaft.

Bleibt nun Moutier bei Bern oder wird die Stadt Teil des neuen Kantons? Wenn alte konfessionelle Grenzen und die langfristige Geschichte weiterhin wirken, wird Moutier nicht Teil des Kantons Jura. Allerdings wählt die Stadt seit Jahren autonomistische Stadtbehörden, die den Wechsel zum Kanton Jura propagieren. Ausserdem hat sich in Moutier die Konfession der Mehrheit verändert, wenn man dem Bundesamt für Statistik glaubt. Für einen Verbleib bei Bern könnte sprechen, dass die Stadt bei einem Kantonswechsel ihre Rolle als Zentrum einer Region riskiert, weil alle umliegenden Gemeinden sich nämlich schon für Bern entschieden haben. Der Ausgang bleibt offen.

Zurück zum Thema der Germanisierung. Das wertvollste Ausstellungsstück im Musée jurassien ist ein mit merowingischen Goldschmiedearbeiten verzierter Gehstock, la crosse de Saint Germain. Er soll dem im Jahr 675 bei Delsberg ermordeten Abt von Moutier-Grandval gehört haben. In der Stadtkirche Saint-Marcel sind die Gebeine des Abtes als Reliquien aufbewahrt. Sein Name: Germain, lateinisch Germanus. Geboren wurde er in Trier. Zeichen einer frühen Germanisierung? Saint Germain war ein in der spätrömischen Zivilisation aufgewachsener, kultivierter Germane. Und obwohl er Germane war, bleibt er bis heute einer der prominentesten Heiligen des Juras, und sein Gehstock wird im Museum sicher aufbewahrt.

Weniger Glück hatten andere Kulturgüter. Die Brunnenfigur der Gerechtigkeit in Bern, ein Werk aus dem 16. Jahrhundert, wurde 1986 von Mitgliedern des Groupe Bélier niedergerissen. Ähnlich erging es der neun Meter hohen Monumentalstatue La Sentinelle des Rangiers des neuenburgischen Bildhauers und Malers Charles l’Eplattenier, Lehrer von Le Corbusier, die 1924 auf Initiative von Pro Jura errichtet worden war. Der Statue wurde wohl der Übername Le Fritz zum Verhängnis, vielleicht auch sein strenger Blick Richtung Ajoie und Frankreich. Während des Festaktes zum 25-jährigen Bestehens des Kantons Juras im Jahr 2004 wurde sein Kopf von zornigen Mitgliedern des Groupe Bélier mit schweren Hämmern in Stücke gehauen. Die Zerstörungsaktion vor laufenden Fernsehkameras sollte zeigen, dass der Kampf um die Einheit des Juras weitergeht. Die Überreste des Denkmals gehören dem neuen Kanton. Sie warten in einem Lagerhaus in Delsberg auf ihre mögliche Auferstehung, zusammen mit den geschlossenen Restaurants des ehemaligen Ausflugsziels Les Rangiers.

Die Geschichte des Juras ist nicht nur kompliziert, sondern für Berner und Bieler auch bedauerlich und schmerzhaft. Unsere Vorfahren, so scheint es, haben versagt. Und die lebenden Generationen, was haben sie getan, um die gestörte Beziehung zu verbessern? Hat uns die Frage, was schief gelaufen ist, genügend beschäftigt? Gab es eine Vergangenheitsbewältigung? Sind Fehler identifiziert und bewusst gemacht, damit sie sich nicht wiederholen?

Den Besuch des Musée jurassien empfehlen wir jedenfalls sehr als Einstieg in die jurassische Geschichte, die ja über weite Strecken eine gemeinsame bernische und jurassische Geschichte ist.

Trotz einiger Gefühle des Bedauerns können wir uns über diesen 15. August nicht beklagen. Abbé Bernard Miserez in der Chapelle de Vorbourg hat unsere Fragen gutmütig und wohlwollend beantwortet. Und im Restaurant auf der Rue du 23 Juin fanden wir nette Angestellte, die sofort die letzten freien Tische zusammenschoben, so dass wir draussen unter Sonnenschirmen ausgezeichnet gegessen haben. Das Wetter war sonnig und warm, nicht zu heiss und nicht zu kalt. Le bonheur parfait.

Beklagen können wir uns auch nicht über die Teilnehmenden an unserer Exkursion, die sich für Delsberg und für das Thema interessiert haben.

Kulturreise Tessin (Sopraceneri), 18.-23. Juli 2020

Früher, da hielt jeder Schnellzug in Biasca, mal abgesehen vom rot-beige gestreiften Trans-Europa-Express Gottardo, in dem es nur Plätze der ersten Klasse mit Zuschlag gab.

Biasca ist dort, wo die alte Gotthardbahn den Talboden erreicht, wo keine Steilstufen mit Kehrtunneln mehr nach unten führen. Der Halt bot den Reisenden die Gelegenheit, vom Zug aus die dunklen, hoch aufragenden, von Gletschern abgeschliffenen Felsen zu betrachten und den Bach, der sich von ganz oben über mehrere Wasserfälle in die Tiefe stürzt, dann unter einer kühnen Steinbrücke neben einer Kapelle durchfliesst und schliesslich in einem letzten tiefen Fall vor einer steilen Felswand zerstäubt.

Der Wasserfall beeindruckte mich als Kind. Ich ahnte nicht, dass sich am Bach unter der Steinbrücke hoch über dem Bahnhof der Badestrand von Biasca versteckt.

In Biasca begann unsere Kulturreise, die wir kurzfristig organisierten, weil sich im Frühling und Frühsommer angesichts der Coronakrise kaum jemand für eine Auslandreise erwärmen konnte.

Die alte Kleinstadt, die im Jahr 830 erstmals erwähnt wurde, ist das Zentrum der ambrosianischen Täler Leventina, Blenio und Riviera, die früher dem Domkapitel von Mailand gehörten und in denen die Messe bis heute nicht nach dem römischen Ritus aus der Zeit von Papst Gregor zelebriert wird, sondern nach dem älteren Ritus, den der Kirchenvater und Mailänder Bischof Ambrosius im vierten Jahrhundert eingeführt hatte.

Die erste Kirche der drei Täler ist die den Heiligen Petrus und Paulus geweihte Kirche hoch über dem Städtchen. Einer der beiden Wege zum Badestrand unter der Steinbrücke führt direkt an der reich mit Fresken geschmückten Kirche vorbei.

Wir hatten uns für eine Unterkunft im Zentrum von Biasca entschieden, gleich neben der Bushaltestelle Biasca Centro/Borgo. Dort trafen wir uns auf der Terrasse des Restaurants, bezogen unsere Zimmer, fuhren dann mit dem Bus nach Giornico (genauer bis zum Bushalt Giornico Paese) und holten uns beim freundlichen Wirt der Osteria an der Via San Gottardo 37 den Schlüssel für die Kirche Santa Maria del Castello.

Dann gingen wir der Hauptstrasse entlang nach oben durch das Dorf, das eine unübliche Dichte an Kirchen besitzt, und wunderten uns über die vielen verlassenen und zum Verkauf angebotenen Häuser.

Wir kamen zum Denkmal, das am 1. August 1937 eingeweiht wurde und daran erinnert, dass im Dezember 1478 ein Heer der Mailänder Herzöge, das vom Tal her gegen das Dorf vorrückte, in einen Hinterhalt der Bewohner der Leventina geriet.

Beim Denkmal führt eine moderne Brücke über den Fluss Tessin, von der aus man die zwei historischen Steinbrücken erblickt, die die beiden Arme des Flusses überqueren. Eine Quartierstrasse führt zur Kirche auf dem Schlosshügel – das Schloss der Mailänder wurde 1513 zerstört.

Ein Fresko von 1448 in der Schlosskirche zeigt den Heiligen Georg, der den Rachen eines Drachen durchsticht. Die gerettete Prinzessin hält mit unbeteiligter Miene den Drachen locker an einer Leine und hebt mit der anderen Hand ihren Rock ein wenig hoch.

Noch seltsamer ist der dreiköpfige Jesus in der nahen Kirche San Nicola oder San Nicolao, als Symbol für die Dreieinigkeit gemeint.

Gemalt wurden die beiden Fresken mit einem Abstand von über dreissig Jahren von Malern aus dem lombardischen Seregno, die sich mit ihrer Werkstatt in Lugano niedergelassen hatten.

Im Sommer ist am Samstag und Sonntag jeweils nachmittags das Museum der Leventina in der Casa Stanga geöffnet. Das Haus, eine Herberge aus dem 16. Jahrhundert, ist geschmückt mit den Wappen illustrer Gäste, die dort auf ihrem Weg über den Gotthard übernachteten. Die lohnende Ausstellung stellt die Frage, was die Identität der Bewohner der Leventina ausmacht.

Um 17 Uhr waren wir zurück in Biasca, stiegen durch die Kastanienwälder zur Steinbrücke bei der Kapelle Santa Petronilla hoch, ein Teilnehmer benutzte die Gelegenheit und badete. Der Tag endete mit einem gemeinsamen Abendessen im Ristorante mit Pizzeria namens Pomodoro, das wir hiermit mit gutem Gewissen allen hungrigen Reisenden empfehlen.

Der nächste Vormittag begann mit einer weiteren Busfahrt, und zwar bis zur Haltestelle Acquarossa-Comprovasco, von 1911 bis 1973 Endpunkt einer elektrischen Schmalspurbahn. Dort, im Restaurant Stazione, kann man den Schlüssel abholen zur bekanntesten Kirche des Bleniotals. Es handelt sich um die Kirche San Carlo von Negrentino oberhalb Prugiasco. Die Kunsthistoriker nennen sie auch Sant’Ambrogio Vecchio, weil sie ursprünglich dem Mailänder Bischof und Kirchenvater geweiht war, dessen Reliquie wir im Februar 2020 unter dem Altar der Kirche Sant’Ambrogio in Mailand entdeckt hatten (siehe Reisebericht Mailand, Pavia, Genua). In einer zweistündigen Rundwanderung, die als Sentiero Storico 2 mit braunen Wegweisern ausgeschildert ist, gelangt man zur Kirche und wieder zurück.

Das ehemalige Dörfchen Negrentino und die Kirche liegen am historischen Saumpfad über den Passo di Nara, der ins mittlere Leventinatal führt und dabei die früher nicht begehbare Biaschina-Schlucht meidet. Der Saumpfad liegt geographisch im Bleniotal, politisch gehörte er aber bis 1798 zur Talschaft Leventina und damit zu Uri. Diese Zugehörigkeit dokumentiert bis heute der grosse Uristier am Kirchturm.

Von der Kirche aus überblickt man das Bleniotal. Es ist aber vor allem der bemalte Innenraum, der Besucherinnen und Besucher anzieht. Die Christusfigur aus dem 11. oder beginnenden 12. Jahrhundert mit einem Lorbeerkranz in der Hand hat verschiedene Kunsthistoriker zu Publikationen motiviert. Sehenswert sind auch die Malereien der Seregnesi aus dem 15. Jahrhundert und das Gemälde des Heiligen Ambrosius, das wohl Antonio da Tradate um 1500 gemalt hat.

Es zeigt den im Jahr 397 verstorbenen Kirchenvater auf einem Pferd und mit einer Geissel in der Hand. So soll er in der Schlacht von Parabiago 1339 erschienen sein. Der Anführer des Mailänder Heeres war schon gefangen, die Schlacht schien verloren, da halfen Gebete und eine wundersame Erscheinung des Mailänder Stadtheiligen.

Seit 2007 hilft eine neue Fussgängerbrücke den Wanderern, die die Schlucht hinter der Kirche überqueren und ins Dörfchen Leontica gelangen wollen. Dort hat der alte Mann Felice gelebt, über dessen ruhige Existenz die Leserschaft des preisgekrönten Schriftstellers Fabio Andina Bescheid weiss. Von Leontica führt der Sentiero Storico zurück ins Tal. Die Zeit bis zur Abfahrt des Busses überbrückt man im Restaurant Stazione gerne bei einem kühlenden Getränk.

Das Reisegepäck ruhte während unserer Wanderung im Hotel. Ohne Umsteigen fuhren wir dann vom Zentrum von Biasca ins Zentrum von Bellinzona, mit dem Postauto. In der politischen Hauptstadt des Tessins bezogen wir unser Hotel unter einem Turm der Stadtbefestigung, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Das Hotel ist klein. Es hat keinen Lift, dafür ein gutes und gut besuchtes Restaurant.

Fresken gibt es nicht nur in Giornico und Negrentino, sondern auch in Bellinzona. Etwas ausserhalb der Stadtmauern, an der Strasse nach Lugano, entstand in der bewegten Zeit zwischen 1480 und 1505 ein Kloster der Franziskaner. Die Querwand in der Klosterkirche Santa Maria delle Grazie grenzte die Mönche von den Besuchern ab. Ein bis heute unbekannter Maler des ausgehenden 15. Jahrhunderts hat auf dieser Wand eine grosse Darstellung der Kreuzigung gemalt, umrahmt von fünfzehn kleinen Szenen aus dem Leben Jesu. Wer die Malerei der beginnenden Renaissance liebt, wird diese Fresken nicht vergessen.

Von der Kirche Santa Maria delle Grazie gelangt man durch die Bahnunterführung und über eine Treppe direkt zum Park der Villa dei Cedri, wo bis im November eine zeitgenössische Kunstausstellung zu sehen ist mit dem Titel “Hortus conclusus. L’illusione di un paradiso”.

In Bellinzona sollte man jedenfalls nicht einfach vorbeifahren auf dem Weg in den Süden. Beim Flanieren in der kompakten Altstadt zwischen den Mauern der Stadtbefestigung sollte man es auch nicht versäumen, einen Blick zu werfen in den Innenhof des Rathauses.

Man kann sich fragen, ob militärische Festungen als Kulturerbe taugen. Im Fall von Bellinzona wurde argumentiert, dass es sich um den einzigen Ort der Alpen handelt, wo eine Befestigung ein ganzes Tal absperrt, und die UNESCO fand die Argumentation überzeugend. Ein gutes Argument für den Besuch ist auch die Tatsache, dass das Museum im Castelgrande am Montag geöffnet ist. Diesen Umstand nutzten wir für einen Besuch am Vormittag. Vom Castelgrande aus gelangt man zu Fuss auf die Murata, die das Tal vom Castelgrande aus gegen Westen abriegelt. Wer mehr Zeit zur Verfügung hat, kann auch die beiden anderen Burgen Montebello und Sasso Corbaro besuchen. 

Die Stadtbefestigung, die die Mailänder Herzöge zum Schutz vor den gefährlichen Eidgenossen gebaut haben, wurde von diesen zwar belagert, aber nie erobert. Die Bellinzonesi selbst schlossen sich in unsicheren Zeiten der Eidgenossenschaft an.

Aber im Wappen ihrer Stadt haben sie, wie übrigens auch die Bewohner von Biasca, den biscione bewahrt, die Schlange als Symbol der Visconti, der Herzöge von Mailand.

Kurz vor der Ankunft in Locarno fährt der Zug durch einen Tunnel. Was direkt über dem Tunnel liegt, sieht man vom Zug aus nicht, dafür auf den genauen Karten der Landestopografie. Es ist die Villa La Baronata, die der Anarchist Michail Bakunin mit dem Geld seines Freundes und Mitstreiters Carlo Cafiero im Frühling 1873 gekauft hat als Zentrum für die kommende anarchistische Weltrevolution.

Bakunin, der ewig an finanzieller Not leidende Revolutionär mit adliger Herkunft, wohnte seit 1869 in Locarno, wo der Lebensunterhalt billiger war als in Genf. Mit dem Kauf der Baronata hoffte Bakunin auch auf eine Rückkehr seiner Frau Antonia, die zu ihren Eltern nach Sibirien zurückgekehrt war, um dort ihr drittes Kind zu gebären, das wie die zwei ersten von ihrem Liebhaber Carlo Gambuzzi in Neapel stammte. Cafiero billigte aber die Art, wie Bakunin das ihm anvertraute Geld ausgegeben hatte, nicht. Das Projekt Baronata scheiterte, Bakunins Revolutionspläne auch. 1876 starb Bakunin in Bern, als er seinen Arzt besuchte.

Bakunins Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft aber überlebte und inspirierte einerseits die Terroristen, die um die Jahrhundertwende den französischen Präsidenten Carnot, den italienischen König Umberto I, den amerikanischen Präsidenten McKinley, die Kaiserin Sissi und andere Mächtige umbrachten, andererseits die Gründer des Projektes Monte Verità oberhalb von Ascona.

In Locarno angekommen, bezogen wir erst mal unsere Hotelzimmer im Zentrum und machten dann einen Rundgang zur Via della Pace mit dem Gebäude, in dem der kurzlebige Frieden von Locarno nach dem Ersten Weltkrieg verhandelt wurde, zur Piazza Grande, weiter zum seit fünfzehn Jahren leerstehenden Grand Hotel, in dem die Geschichte des Locarno Film Festival begann, dann zur ältesten Kirche des Locarnese (San Vittore in Muralto) und schliesslich an die Uferpromenade.

Am folgenden Tag stand eine dramatische Busfahrt ins Val Lavizzara auf unserem Programm. Die Fahrt führt von Bignasco aus in eine horizontale Welt mit tief eingeschnittenen Schluchten und Dörfern, die an steilen Hängen kleben. Wer mit dem Auto fährt, achtet auf die Leitplanken und Kreuzungsmöglichkeiten auf der engen Strasse mit Haarnadelkurven. Das kleine Postauto hingegen, das fünfmal pro Tag fährt, erlaubt dem Passagier einen ungefährlichen Blick in die Tiefe und in die Höhe.

In Camblee stiegen wir aus, folgten dem Fussweg talaufwärts und gelangten bald von oben ins Dörfchen Mogno mit dem berühmten Kirchenbau von Mario Botta.

In einem Interview erklärte der Architekt, warum er bereit war, nach der Zerstörung der alten Kirche durch eine Lawine eine neue Kirche zu bauen an einem Ort, der keine Einwohner mehr hatte und in dem seit einiger Zeit kein Gottesdienst mehr abgehalten wurde. Botta war einverstanden unter der Bedingung, dass er die Kirche nicht für eine Lebensdauer von 50 Jahren, sondern für 500 Jahre bauen konnte. In einer Zeit, die Funktionalität verlangt, habe ihm die Idee gefallen, ein Bauwerk zu schaffen aus einem spirituellen Grund, als Erinnerung daran, dass dort früher eine Kirche stand.

Auf den ersten Blick erinnert wenig an die alte Kirche. Aber die neue Kirche übernimmt die Orientierung der alten. Ein neuer Damm oberhalb des Dorfes soll zukünftige Schnee- oder Schlammlawinen ablenken. Um die Kirche trotzdem für alle Fälle widerstandsfähig zu bauen, hat der Grundriss die Form einer Ellipse, und an der Seite, die dem Berg zugewandt ist, hat die Mauer eine maximale Dicke von zweieinhalb Metern. Das Erstaunliche ist, dass der Bau aus schwarzen und weissen Steinen aus der Umgebung so elegant und luftig wirkt, dass man als ahnungsloser Betrachter keineswegs eine solch dicke Mauer vermutet.

Nach einem Picknick auf einer frisch gemähten Wiese nahmen wir das nächste Postauto, stiegen in Bignasco um und fuhren bis Cevio Centro scolastico. In der Nähe der Haltestelle steht die Kirche, die im 19. Jahrhundert dank dem Beitrag der Auswanderer in Kalifornien renoviert werden konnte, wie eine Gedenktafel erwähnt. Auf dem Platz neben der Kirche grüssen die Sensenmänner eines ehemaligen Beinhauses. Von dort führt ein kurzer Fussweg zum Dorfkern Cevio Vecchio mit der ehemaligen Residenz der eidgenössischen Vögte und dem Museo Valmaggia.

Neben Dokumenten und Bildern zum Thema Auswanderung zeigt das Museum Zeugnisse vergangener Handwerkskunst, Gefässe aus Speckstein zum Beispiel. Die historischen grotti vor den Felslöchern mit ihren alten Steintischen sollte man auch aufsuchen. Den kühlen Luftstrom aus dem Innern der Felsen schätzt man bei heissem Sommerwetter besonders. Nicht weit davon steht auch ein bewirtschaftetes grotto, das sich für eine Pause eignet und dessen schützendes Dach man besonders schätzt, wenn der Donner eines aufziehenden Gewitters von den Talwänden widerhallt.

Der nächste Tag begann mit einem Besuch des Schlosses, das die Mailänder Herzöge in Locarno hinterlassen haben. Sehenswert sind die archäologischen Funde von Gläsern aus der Römerzeit und die Ausstellung moderner Kunst in der Casorella, der Residenz der mächtigen Familie Orelli.

Jean Arp oder Hans Arp und seine Frau Sophie Taeuber-Arp (die Künstlerin auf einer alten Fünfzig-Franken-Banknote) haben in Locarno gelebt, sind in Locarno begraben und haben der Stadt viele Werke vermacht. Gemälde und Reliefs sind in der Casorella ausgestellt, Skulpturen von Jean draussen an der Uferpromenade Richtung Lido.

Wladimir Rosenbaum war der erste, der Jean Arp ein Werk abstrakter Kunst abkaufte. So stellt es zumindest der Historiker Peter Kamber in seinem lesenswerten Buch «Geschichte zweiter Leben» dar. Rosenbaum, ein Jude aus dem Zarenreich, der als Kind in die Schweiz kam, und seine Frau Aline Valangin, Enkelin des schweizerischen Friedensnobelpreisträgers Ducommun, sind auf dem Friedhof von Ascona begraben (gleich neben dem Bushalt San Materno). Rosenbaum bestand 1925 in Zürich die Prüfung als Anwalt, beteiligte sich als Anwalt am Bau einer Genossenschaftssiedlung (Neubühl in Wollishofen), verdiente viel und gewann Prozesse, die die Öffentlichkeit beschäftigten. Die Wohnung von Wladimir und Aline in Zürich war Treffpunkt der Avantgarde, in ihr und im Palast Barca in Comologno im Onsernonetal fanden kreative und politisch engagierte Menschen Zuflucht, die in den 1930er Jahren vor den italienischen Faschisten und den deutschen Nationalsozialisten flohen.

1937 wurde dem Juden Rosenbaum das Anwaltspatent entzogen. Es wurde ihm Waffenhandel zugunsten der demokratisch gewählten Regierung der spanischen Republik vorgeworfen, die sich gegen die Putschistengeneräle um Francisco Franco wehrte. Die ihm vorgeworfenen Taten standen im Widerspruch zur damaligen Neutralitätspolitik. Weniger neutralitätspolitische Bedenken hatte die offizielle Schweiz bei der Lieferung von Waffen und Munition an die Achsenmächte während dem Weltkrieg.

Verziert ist der Grabstein von Rosenbaum und Valangin mit einem Yin und Yang-Symbol, das wir auch prominent auf den alten Fotografien des Sanatoriums auf dem Monte Verità finden. Neben dem Friedhof führt ein signalisierter Wanderweg auf die bewaldete Schattenseite des Wahrheitsbergs. Der Aufstieg ist so auch bei Hitze zu bewältigen und vermittelt einen Eindruck der Vegetation, die die ersten Siedler um das Jahr 1900 vorfanden.

Sonne, frische Luft, vegetarische Ernährung, Gleichberechtigung der Geschlechter, eine Kleidung, die nicht beengt, Ausdruckstanz, Suche nach einer neuen Gesellschaftsordnung und nach Wahrheit: die Menschen, die hier ein neues Leben suchten, hatten vieles im Sinn. Sie verstrickten sich auch in Widersprüche. Während einige Gründer ein Sanatorium bauten und betrieben, wollten andere möglichst naturnah und anspruchslos leben. Viele Tendenzen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart haben einen Bezug zum Monte Verità. Wer sich in die Geschichte des Berges vertiefen will, sollte genügend Zeit einplanen für die Ausstellung in der Casa Anatta, dem Wohnsitz der Gründer Henry Oedenkoven und Ida Hofmann.

Vor dem Ende des Nachmittags empfiehlt sich ein Abstieg über die Treppen (Scalinata Ruga) nach Ascona und ein Besuch des Museo Comunale d’Arte Moderna. Ein Stockwerk ist der russischen Malerin Marianne Werefkin gewidmet. Die Schülerin des naturalistischen Malers Ilya Repin und langjährige Lebensgefährtin und Fördererin des Expressionisten Alexej Jawlensky hat über zwanzig Jahre in Ascona gelebt. Ihr Grab in der Form eines russisch-orthodoxen Kreuzes findet man auch auf dem Friedhof.

Vom Museum gelangt man durch Passagen zur Casa Serodine mit ihren Renaissance-Skultpuren, in der Rosenbaum nach dem Abbruch seiner Anwaltskarriere ein zweites Leben als Antiquar führte, und zur Uferpromenade von Ascona.

Die ist mit ihren Restaurants und Cafés kein Geheimtipp.

Problematisch ist vor allem ihr Name: Piazza Giuseppe Motta. Geehrt wird der Aussenminister der Eidgenossenschaft von 1920 bis 1940, ein einseitiger Interpret schweizerischer Neutralität. Während seiner Amtszeit weigerte sich die Schweiz, diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion zu unterhalten, wehrte sich auch 1934 gegen die Aufnahme der UdSSR in den Völkerbund. Unter Mottas Führung machte die Schweiz nicht mit bei den Sanktionen des Völkerbunds gegen Italien, als Mussolinis Armee Abessinien, das heutige Äthiopien, einen Mitgliedsstaat des Völkerbunds, angriff, dabei auch Giftgas einsetzte und das System der kollektiven Sicherheit aushebelte, das nach dem Ersten Weltkrieg geschaffen worden war. Zu dieser Politik passte, wie die Schweiz und andere Staaten Europas zusahen, wie die von Deutschland und Italien unterstützten Putschisten die spanische Republik zerstörten.

Die antikommunistische Besessenheit der damaligen Schweiz verunmöglichte eine humanitäre Politik und trug gewiss dazu bei, dass die sowjetischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg durch keine Genfer Konvention geschützt waren, dass drei Millionen sowjetische Gefangene in Lagern starben oder umgebracht wurden, dass nach dem Krieg eine Million deutscher Kriegsgefangene nicht mehr aus der Sowjetunion heimkehrten.

Aber denken wir nicht daran, geniessen wir stattdessen den Blick auf den See und die Berge!

Von der Haltestelle Ascona Centro fährt der Bus zurück nach Locarno. Wer im Tessin noch nicht genügend Fresken gesehen hat, sollte neben der Bushaltestelle unbedingt noch die Kirche Santa Maria Misericordia im Innenhof des Collegio Papio betreten.

Am letzten Abend unserer Reise erreichten wir das Restaurant in der Altstadt von Locarno für eine gemeinsames Essen gerade noch rechtzeitig. Während draussen ein kräftiger Gewitterregen niederprasselte, assen und tranken wir mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die wir auf dieser Kulturreise kennengelernt hatten und die wir hoffentlich auch bei weiteren Reisen wiedersehen werden.

Den Zeitpunkt der Heimreise am nächsten Morgen überliessen wir den Mitgliedern unserer kleinen Gruppe, die sich fünf Tage lang tapfer an die Maskenpflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln gehalten hatten.

Nachträglich wird uns bewusst, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, während einer Pandemie als Gruppe unterwegs zu sein. Wir spüren nach der Reise Erleichterung, aber auch die Bereitschaft, weitere Reisen unter ähnlichen Bedingungen zu organisieren.