Reiseberichte

Hier gibt es Berichte von Ausflügen und Reisen, dazu einige subjektive Gedanken zum Thema Reisen.

Das Notierte dient als Erinnerungsstütze. Vielleicht finden auch Einzelreisende nützliche Informationen und Anregungen.

Wenn wir eine Reise oder einen Ausflug vorbereiten, treibt uns die Kombination von Nichtwissen und Neugier an. Wir bemühen uns um ein Verständnis der Orte, die wir besuchen, und der Menschen, die dort leben und gelebt haben.

Sion, 6. März 2021

Blühende Sträucher, greller Sonnenschein, ein wolkenloser Himmel, weisse Bergspitzen. So empfängt uns die Walliser Kantonshauptstadt Sion / Sitten am 6. März. Am Bahnhofskiosk frage ich als Auswärtiger nach einer lokalen Zeitung. Le Nouvelliste? fragt Dame, die mich bedient. Ich bejahe. Es gibt sie noch, die Tageszeitung. Aber die Zeiten sind vorbei, in denen sie über den Schriftsteller Maurice Chappaz schrieb: Le Valais a sa gangrène et son cancer, c’est Maurice Chappaz.

Es ging Chappaz damals in den 1970-er Jahren um die Schattenseiten der touristischen Vermarktung des Wallis und um die mafiösen Methoden bei der Durchsetzung von Interessen.

Der Walliser Chappaz hat sich die Frage gestellt, ob die Walliser anders seien. Er beschreibt sie 1965 in seinem Portrait des Valaisans: On ne se représente pas combien le Valaisan est un être à contrastes. C’est son secret intérieur qui le rend si violent. Il chancelle, il désire l’absolu. Il boit. Il est un Méridional des glaciers. Sind sie so gewalttätig, die Walliser? Könnte ein Schriftsteller heute noch solche Pauschalurteile publizieren? In der Zeitung, die ich am Kiosk kaufe, eine Seite über häusliche Gewalt. Eine Mutter nimmt sich vor, ihren Sohn nicht mehr zu prügeln, und gesteht: J’ai toujours eu une énergie volcanique…

Gegenüber dem Bahnhof versammeln wir uns als Gruppe von insgesamt 11 Personen um einen Stadtplan von Sion. Erstmals haben wir auch zwei Hunde dabei, die sich für Kultur interessieren und im Verlauf des Tages mit intensivem Scharren an mehreren Stellen mit archäologischen Grabungen beginnen.

Das Wallis liegt zwischen Bern und Italien, und das spüren wir an diesem Tag, an dem der Weg nach Italien coronabedingt versperrt ist, vielleicht noch intensiver. Die Rhone fliesst ins Mittelmeer, das Wallis ist also durchaus dem meridionalen Gebiet zuzurechnen.

Wir machen uns auf zu einem Stadtrundgang und kommen rasch zum Landsitz des mächtigen Landesschreibers Georg Supersaxo (geboren um 1450, verstorben 1529), als Maison du Diable bekannt. Im Haus, das der Bourgeoisie de Sion gehört, ist heute die Fondation Fellini untergebracht. Ein Walliser hat während seiner Zusammenarbeit mit Federico Fellini eine bedeutende Sammlung von Erinnerungsstücken an den Filmemacher gesammelt. Ohne die Pandemie mit ihrem Verbot von Treffen in Innenräumen hätten wir uns um ein Treffen bemüht.

Aber so gehen wir weiter. Unterwegs weist uns eine freundliche Stadtbewohnerin auf die Pflästerung hin, die auf der Place du Midi die abgebrochene Stadtmauer anzeigt. Leider sind die Restaurants und Cafés auf dem Platz wegen der Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie noch geschlossen.

Wir kommen zum Flüsschen Sionne an der Place des Tanneries, zwängen uns in die Ruelle du Guet und bemerken den Wachtturm, der von der Stadtbefestigung übriggeblieben ist. Wir stellen uns an der Rue de Lombardie an die Sonne. Wir erzählen über das Tal, das die Römer «Vallis Poenina» nannten, nach dem keltischen Berggott Poeninus, der mit dem obersten Gott der römischen Götterhierarchie identifiziert wurde. Auf dem Grossen Sankt Bernhard fand man Votivtafeln römischer Militärangehöriger, dem Jupiter Optimus Maximus Poeninus zum Dank gestiftet. Bis im Mittelalter hiess der Pass Mons Iovis beziehungsweise Mont-Joux, also Jupiterberg. Wir wagen die Behauptung, dass der Olymp der alten Römer im Wallis lag. Auf dem heiligen Berg leben auch heute Mönche und betreiben ein Hospiz auf 2473 Metern über dem Meer, auch im Winter, wenn die Passstrasse geschlossen ist.

Ich erwähne weiter, dass der erste Bischof des Wallis, Theodul, um 380 den Kult der Thebäischen Legion begründet, dass der Bischof den Sitz des Bistums im 6. Jahrhundert nach Sion verlegt, dass die Sarazenen im Jahr 972 in Orsières den Abt von Cluny entführen.

Dann zeigen wir in der Supersaxo-Passage den Eingang zum Stadthaus des gleichnamigen Politikers, das genauso hermetisch verschlossen ist wie die umliegenden Restaurants. In der Passage leuchtet ein Porträt des Georg Supersaxo und ein Bild der prachtvollen Renaissancedecke, deren Anblick uns verwehrt ist. Die Madonna wird umrahmt von einer Inschrift, einem Zitat aus den Bucolica von Vergil: Magnus ab integro seculorum nascitur ordo… – im Text wird das Kommen eines göttlichen Knaben angekündigt, mit dem ein goldenes Zeitalter beginnt.

Georg Supersaxo war der Sohn des Bischofs und Landesherrn Walter Supersaxo (1402-1482) aus Ernen, der 1474 Bündnisse abschloss mit Mailand, Venedig und Florenz und 1475 mit Bern. Der Bischof hatte die Rechte eines Landesherrn, aber er herrschte nicht allein, sondern musste im Lauf der Zeit mehr und mehr Kompetenzen abtreten an die sieben Republiken (“Zenden”) Goms, Brig, Visp, Raron, Leuk, Siders und Sitten. Im November 1475 schlugen die Soldaten des Bischofs und der Zenden und dreitausend Berner zusammen ein savoyisches Heer auf der Planta und sorgten dafür, dass die Grenze zu Savoyen vom Flüsschen Morge bei Conthey ins Unterwallis verschoben wurde. Später waren die Walliser und die mit ihnen verbündeten Eidgenossen in die Mailänder Kriege verwickelt, die 1494 begannen und zu denen die Niederlage von Marignano 1515 gehört.

Vom Supersaxo-Haus ist es nicht weit zum Rathaus aus dem 17. Jahrhundert mit seiner astronomischen Uhr. Auf der aus Nussbaumholz geschnitzten Renaissancetür ist das Urteil des Salomo dargestellt, und auf der Seitentüre erscheint die Gerechtigkeit wieder, mit verbundenen Augen, mit der Waage und dem Schwert. In der Eingangshalle befinden sich römische Inschriften. Die Seduner (heute heissen die Stadtbewohner les Sédunois, die Bewohnerinnen les Sédunoises) widmen sie dem Kaiser und, datiert auf das Jahr 377, ihrem Gouverneur, der ein Gebäude renoviert hat. Diese letztere Inschrift ist versehen mit einem Chrisma (die griechischen Buchstaben XP für Christos, zwischen Alpha und Omega). Es soll sich dabei um die älteste christliche Inschrift auf dem Gebiet der heutigen Schweiz handeln. Zugänglich sind die Inschriften von Montag bis Freitag.

Gegenüber dem Rathaus führt die Rue de l’Eglise zur Kirche Sankt Theodul. Die Kirche wurde unter Bischof Matthäus Schiner neu erbaut vom bekannten italienischen Baumeister Ruffino alias Ulrich Ruffiner. Gleich rechts neben dem Eingang ein Bild aus dem 16. Jahrhundert: Karl der Grosse schenkt dem Heiligen Theodul die gräflichen Rechte über das Wallis. Das Bild vereint in einer Darstellung Personen aus sehr unterschiedlichen Epochen. Die landesherrlichen Rechte wurden dem Bischof im Jahr 999 von König Rudolf III von Burgund verliehen.

Der Erbauer Matthäus Schiner hatte einen Onkel, Bischof Nikolaus Schiner, dessen moderner Grabstein vorne rechts in der Kirche steht.

Matthäus Schiner wurde um 1465 in Mühlebach bei Ernen geboren und 1489 zum Priester geweiht, nicht im Wallis, sondern in der heiligen Stadt Rom. Seine Karriere im Wallis: Kaplan von Ernen, Notar, ab 1492 Kanzler des Walliser Landschreibers Georg Supersaxo, von dem er anfänglich gefördert wurde. 1496 Pfarrer von Ernen und Domherr von Sitten, 1497 Dekan von Valeria, 1499 Nachfolger seines Onkels als Bischof von Sitten und Graf von Wallis.

Schiner und Supersaxo wurden Feinde, als Supersaxo im Konflikt in Oberitalien 1505 die Seite wechselte und wohl dank finanzieller Anreize begann, die Ansprüche der französischen Krone auf Oberitalien zu unterstützen, während Schiner weiterhin die päpstliche und kaiserliche Seite unterstützte. Schiner ermutigte die rauflustigen Innerschweizer zur Teilnahme an der Schlacht von Marignano, 9000 oder 10,000 Mann liessen ihr Leben. Die Niederlage schwächte Schiners Position im Wallis. Trotzdem: auch heute sieht man Schiners Familienwappen in der Kirche. Man sieht es auf dem Grabstein seines Onkels, es ziert die Schlusssteine im Chor, ist sichtbar aussen am Nordportal, es wird auch von einem Engel gehalten, der den Eingang zum Chor bewacht.

Ein Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens zeigt, wie Herbert Volken, Regierungsstatthalter im Goms, von SRF als «Walliser Schlitzohr» vorgestellt, 2015 in Rom die Leiche von Matthäus Schiner sucht, um sie ins Wallis zurückzubringen.

Bekannt ist, dass Schiner ausserhalb des Wallis Karriere gemacht hat. 1507 war er päpstlicher Gesandter am Reichstag von Konstanz, 1511 wurde er Kardinal, 1512 Verwalter der Diözese Novara. Als späterer Oberbefehlshaber der päpstlichen Armee steht er auch am Ursprung der päpstlichen Schweizergarde. Er gilt als Mitverfasser des Wormser Edikts gegen Luther 1521, wurde 1522 fast Papst, starb aber kurz darauf in Rom – an der Pest, vielleicht auch an Syphilis.

Die Kathedrale gleich daneben hat einen auffälligen romanischen Kirchturm. In der Verlängerung des südlichen Seitenschiffs, in der Kapelle von 1474, die der heiligen Barbara gewidmet ist, liegt Walter Supersaxo begraben, der Vater des mächtigen Georg Supersaxo.

Die Leiche des Kardinals hingegen wurde wohl in Rom nicht gefunden. Jedenfalls ist es still geworden um die Pläne, sie im Triumpf ins Wallis zurückzuschaffen.

Vom Eingang der Kirche Sankt Theodul sind es ein paar Schritte zum Denkmal, das zur Feier der hundertjährigen Zugehörigkeit des Wallis zur Schweiz 1915 errichtet wurde. Es zeigt die breite Figur einer soliden Walliserin in der Tracht des Dorfes Savièse, die eine Blumengirlande in beiden Händen hält. Geschaffen wurde sie vom Genfer Bildhauer James Vibert (1872-1942), der auch die Statue des Schwures der drei Eidgenossen im Treppenaufgang des Berner Bundeshauses geschaffen hat.

Savièse ist ein Dorf oberhalb von Sitten, in der sich um 1900 verschiedene Künstler niederliessen, die als Ecole de Savièse bekannt wurden. Ein ausgezeichneter Ausstellungskatalog von 2012 stellt die wichtigsten Werke dieser Künstlerkolonie, die sich nicht einem einheitlichen Stil verpflichtet fühlte, vor. Der Autor des Werkes thematisiert die Ausrichtung der meist auswärtigen Künstler, die im Wallis eine vergangene bäuerlich-heile Welt, ein verlorenes Paradies suchten und darstellten. Einige der Werke gehören zur Sammlung des Kunstmuseums und hängen im historischen Gebäude, das früher als Residenz des Bischofs diente.

Bekannt sind in Sion die beiden Hügel Tourbillon und Valère über der Stadt. Valeria, die erste Bischofskirche, wird renoviert, die Renovation soll 2022 beendet sein.

Offen sind zurzeit trotz Pandemie das Kunstmuseum, das historische Museum auf dem Valeria-Hügel und, besonders empfohlen, bis Ende Mai die Ausstellung  mit dem Titel Destination Collection im ehemaligen Gefängnis / Pénitencier.

Das Wallis ist die einzige Gegend der Schweiz, in der die traditionelle Landwirtschaft auf Bewässerung angewiesen ist.

Chappaz schildert in seinem Buch den schönsten Todesfall im Wallis. Ein Arbeiter repariert im Frühling mit seinen Kollegen eine Bisse, eine Bewässerungsleitung, die einer Felswand entlangführt. Dabei wird gegessen und getrunken. Der Mann ist nicht mit einem Seil gesichert, er gleitet aus, er stürzt in den Abgrund. Er ruft nicht um Hilfe, schreit nicht «Jesus Maria». Was seine Freunde noch hören, so Chappaz, ist: «Au revoir les amis».

An einen Ort, wo Freundschaft einen so hohen Stellwert hat, sollte man zurückkehren.

Zehn Wanderungen in Zeiten der Pandemie – November 2020 bis Februar 2021

Wenn das Reisen in Gruppen verboten ist, bleibt als Ausweg das Gehen allein oder zu zweit in der näheren Umgebung. Ein Bericht über zehn Wanderungen durch schweizerische Kultur- und Naturlandschaften, meist abseits der bekannten Wanderrouten. Sieben Wanderungen führen geradeaus nach Osten, drei nach Westen. Eine Wegbeschreibung finden Sie hier

Kulturreise Graubünden, 19.-25. Oktober 2020

«Wir sind doch keine Verbrecher», antwortet der Kellner, als eine Teilnehmerin die Kosten für die Karaffe Leitungswasser übernehmen will im Restaurant des Hotels Astras in Scuol. Die Karaffe kommt hier gratis auf den Tisch.

Die Aussage des Kellners ist keineswegs repräsentativ für die Gaststätten des Kantons, im Gegenteil. Die Hotels, die Restaurants, die Menschen sind unterschiedlich im kontrastreichen Bündnerland.

Unser Kontrastprogramm beginnt an einem Montag, wenn andere Menschen ihre Arbeitswoche beginnen.

Ein wolkenloser Himmel zeigt sich, als der Zug bei Maienfeld den Rhein überquert – wir sind in Graubünden. Etwas später, an der kleinen Bahnstation von Cazis, treffen wir die letzten Mitglieder unserer Reisegruppe. Zu Fuss erreichen wir in wenigen Minuten das Kloster der Dominikanerinnen. Nach dem Bezug der Zimmer treffen wir uns in der romanischen Wendelinkapelle oberhalb des Klosters, stellen die Mitglieder der Gruppe vor und geben einen kurzen Überblick über den grössten Kanton der Schweiz, der seit 1803 zu Helvetien gehört und als einziger Kanton drei Amtssprachen hat. Befinden wir uns im Musterland der kulturellen Diversität?

Für unsere Reise haben wir das Ende der touristischen Sommersaison gewählt. Die Kirche von Zillis, das Segantini-Museum in St. Moritz und das Nietzsche-Haus in Sils Maria werden noch in der gleichen Woche geschlossen. Ein Postauto fährt erst im Juni 2021 wieder über den Flüelapass.

Nach dem Bezug unserer Zimmer im Kloster eine kurze Fahrt nach Thusis, Ausgangspunkt der Alpenstrasse durch die Viamala und über den Splügen nach Chiavenna. Diese war vor dem Bau der Eisenbahnen und Autobahnen eine der kürzesten und wichtigsten Verbindungswege vom Norden nach Süden.

In Thusis verteilen wir uns auf der Suche nach Verpflegung, wagen auch einen Blick in den historischen Dorfkern und finden uns dann im Postauto nach Zillis wieder.

In der Kirche Sankt Martin betrachten wir die fast vollständig erhaltene Bilderdecke aus der Zeit kurz nach dem Jahr 1114 mit ihren Szenen aus dem Leben Jesu und des Heiligen Martin von Tours.

Diese irdischen Szenen sind umrahmt von phantasievollen Bildern eines Meeres, das von Seepferden, Seehunden, Seelöwen, Seewölfen, Seefüchsen, Seebären, Seekamelen, Seeteufeln, Nixen und vielen anderen fantastischen Wesen bevölkert ist. Nach der Besichtigung wärmt uns die Sonne des Nachmittags auf der Sitzbank neben der Kirche. Keine Selbstverständlichkeit, denn in den Wochen vor unserer Reise war das Wetter ungewöhnlich kühl.

Später geniessen wir ein frühes und einfaches Abendessen im Kloster Cazis. Die Teilnehmerin Madelon Laib hat Backformen geerbt aus der Zeit der Renovation der Zilliser Bilderdecke (1938-40). Ein anishaltiges Gebäck mit dem Abdruck eines schrecklichen Seeungeheuers ist die köstliche Überraschung für uns alle, bevor wir uns schlafen legen.

Der Dienstag beginnt bei weiterhin sonnigem Wetter mit einer Bahnfahrt von Thusis nach St. Moritz. Die rote Bahn auf der schmalspurigen Albulalinie passt in die Landschaft mit ihren tiefen  Schluchten, hohen Bergen und gelb leuchtenden Lärchenwäldern. Die Albulabahn gehört zusammen mit der Linie über den Berninapass zu den Bahnen, die von der UNESCO als Weltkulturgut betrachtet werden (die anderen Linien sind die Semmeringbahn in Österreich und die Strecke nach Darjeeling in Indien).

Die Albula- und die Berninalinie der Rhätischen Bahn unterscheiden sich durch ihre maximale Neigung. Auf der Albulalinie, die noch für den Betrieb mit Dampflokomotiven gebaut wurde, beträgt sie 35 Promille, auf der Berninalinie das doppelte, nämlich 70 Promille. Die geringe Steigung der Albulalinie erklärt auch die Verlängerung der Strecke durch allerlei spektakuläre Kunstbauten, besonders oberhalb des Dorfes Bergün, an dem wir leider vorbeirollen wie an vielen anderen Sehenswürdigkeiten. Obschon wir langsam unterwegs sind, halten wir nicht überall an und sehen auf dieser Reise nur einen kleinen Teil der Sehenswürdigkeiten des vielfältigen Kantons.

In St. Moritz gelangen wir auf der Rolltreppe ins Ortszentrum und beziehen Zimmer im Hotel Hauser. Nach einem Mittagessen stellen wir das Leben des Malers Giovanni Segantini (1858-1899) vor, der als Kind tagelang in einem Zimmer eingesperrt war, weil niemand Zeit hatte, sich um ihn zu kümmern, und der als Erwachsener leidenschaftlich gerne in der freien Natur malte. Wir spazieren zum 1908 eröffneten Museum, das dem Werk des Malers gewidmet ist.

Durch das Auftragen von reinen Farben versuchte Segantini, in seinen Bildern die Intensität des Lichts wiederzugeben. Der Stil wird als «Divisionismus» bezeichnet, im monumentalen Triptychon La vita – La natura – La morte (oder «Werden, Sein, Vergehen») ist er gut erkennbar.

Am Abend eine weitere Überraschung: Gaudenz Meili, ein Teilnehmer, war Dokumentarfilmer, bevor er sich in der Toskana dem Anbau von Wein und Oliven widmete. Wir sehen uns im Raum neben der Reception seinen Film über Giovanni Segantini aus dem Jahr 1990 an.

Am Mittwoch fahren wir nach einem guten Frühstück mit dem Bus nach Sils Maria. Der Himmel ist leicht dunstig, aber die Sonne scheint. Wir sprechen über den Philosophen Friedrich Nietzsche. Unser Plan ist, zu spazieren und unterwegs zu halten, dabei über Nietzsche zu sprechen und so die Halbinsel Chasté am Silsersee zu erreichen. Nietzsche selbst dachte und philosophierte ja gerne im Gehen an der frischen Luft – eine gute Gewohnheit, besonders in Zeiten der Corona-Pandemie.

Über der Ebene neben dem See bläst uns aber ein kräftiger, kalter und abweisender Malojawind ins Gesicht, der uns einen Strich durch die Rechnung macht. Die Hälfte der Gruppe gibt auf, kehrt um, lässt sich dafür in Wolldecken eingewickelt von einer Kutsche ins Fextal fahren. Die anderen schaffen es bis zur Spitze der Halbinsel und geniessen den Blick auf den aufgewühlten Silsersee.

Später treffen wir uns wieder in Sils Maria und setzen die Vorstellung des Philosophen fort, der gerne Fragen stellte und darauf verzichtete, ein philosophisches System aufzubauen. Bedauerlicherweise hatte Nietzsche eine Schwester, die seine Schriften nicht nur im Sinne des Nationalsozialismus interpretierte, sondern auch fälschte, und die Adolf Hitler Nietzsches Spazierstock vermachte. Der Spazierstock verschwand, dafür steht im Garten des Nietzsche-Hauses ein überdimensionaler Spazierstock als Kunstwerk. Die Ausstellung im Haus besuchen wir mit Interesse und bemerken auch, dass die seltsame Bettdecke in Nietzsches Studierzimmer ein Kunstwerk des Künstlers Not Vital ist.

Eine Teilnehmerin weiss, wo in St. Moritz man gut isst, und so spazieren wir am Abend ins Restaurant Veltlinerkeller und später gut genährt und gut gelaunt zurück.

Am Donnerstag nehmen wir uns Zeit, verlassen das Hotel Hauser erst nach 10 Uhr, gehen zum Bahnhof, nehmen den Zug nach Zernez und rollen unsere Rollkoffer zum nahen Hotel. Die Zimmer sind auch hier bald bereit, es bleibt Zeit für individuelle Spaziergänge im Dorf und für ein Mittagessen. Am Nachmittag fahren wir dann mit dem Zug nach Scuol – schon unterwegs ist das Schloss Tarasp zu erkennen – und mit dem Postauto nach Tarasp Fontana.

Von dort führt ein steiler Weg zum Schloss, das nur im Rahmen einer offiziellen Führung zu besichtigen ist. Die Sonne scheint an diesem Tag, und es ist fast sommerlich heiss, als wir uns der zweiten Führung des Nachmittags anschliessen. Faszinierend ist nicht nur die dominierende Lage des Schlosses über dem Tal und das Resultat der luxuriösen Umgestaltung (1900-1916) durch den früheren Besitzer Karl August Lingner, sondern auch die Bereicherung des Schlosses und seiner Umgebung durch Kunstwerke des gegenwärtigen Besitzers Not Vital und mit ihm befreundeter Künstler.

Nach der Besichtigung fährt ein Teil der Gruppe mit dem Postauto zurück nach Scuol und findet dort ein Restaurant, die anderen machen den Weg zu Fuss, entdecken im Vorbeigehen staunend den alten Dorfkern von Scuol und kommen rechtszeitig zum Abendessen.

Der Freitag beginnt in Zernez trüb und nass. Wir stehen auf, frühstücken und fahren mit dem Postauto von Susch über den Flüelapass nach Davos. Wir geniessen den Blick auf die auch bei Nässe farbigen Herbstwälder, auf baumlose Hochebenen und auf den nassen Neuschnee, der etwas betrübt auf den Hängen neben der Passhöhe liegt. In Davos fahren wir mit dem Ortsbus zum Hotel Edelweiss.

Wir lassen uns in der Bibliothek des Hotels in die angenehmen Sitze fallen und erinnern an die Pioniere aus der Gründerzeit des Kurtourismus Alexander Spengler (1827-1901) und Willem Jan Holsboer (1934-1898) und an die Spuren, die Davos in der Literatur hinterlassen hat. Wir fassen die ersten Kapitel von Thomas Mann «Zauberberg» zusammen, zeigen das Bild des formschönen Spucknapfs, den die Kranken auf ihren Spaziergängen mit sich führten und «Blauen Heinrich» nannten, lesen auch eine Stelle aus Max Frischs Roman «Stiller», die den Aufenthalt der tuberkulosekranken Julika in Davos schildert. Kurz vor Mittag beziehen wir die Zimmer. Auf dem Balkon stehen Liegestühle mit Wolldecken, die an die Zeit der Liegekuren erinnern.

Zur Mittagszeit fahren wir dann mit der Drahtseilbahn auf die Schatzalp, wo das bekannte Jugendstil-Sanatorium steht. Der Betrieb ist schon geschlossen, Handwerker sind im Gebäude beschäftigt. Die mürrische Dame am Empfang verbietet uns schroff einen Blick ins Innere. Zur Kompensation ein Bild, aufgenommen zu einem früheren Zeitpunkt.

Der deutsche Maler Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Mitbegründer der expressionistischen Künstlergruppe «Die Brücke» kommt 1917 zur Kur nach Davos. Er ist nikotinsüchtig, alkoholsüchtig, morphiumsüchtig, süchtig nach Schlaftabletten (Veronal), möglicherweise hat er auch Syphilis. Weiter leidet er psychisch nach seinen Erfahrungen im Krieg und befürchtet, wieder an die Front geschickt zu werden. Einer der ihn behandelnden Ärzte ist Lucius Spengler (1858-1923), Sohn des Alexander. Für die Geschichte von Davos ebenfalls bedeutend ist Carl Spengler (1860-1937), Chirurg, Bakteriologe, Sportler, Stifter des Spengler Cups.

Kirchner befand sich in Davos also nicht auf dem Höhepunkt seines Lebens, sondern in einem Tief, von dem er sich wohl nie ganz erholte, denn schliesslich endete sein Leben mit einem Selbstmord.

Ein Besuch des Kirchner-Museums lohnt sich. Es sind nicht viele Gemälde ausgestellt, weil das Augenmerk der Ausstellung, die wir sehen, auf den Skizzenbüchern liegt und auf dem Bemühen Kirchners, Bewegung zeichnerisch zu erfassen. Allerdings, wie freiwillig lebte Kirchner in Davos, wie sehr fühlte er sich gezwungen, anfangs wegen seinem Gesundheitszustand, später wegen der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die seine Werke als «entartete Kunst» ablehnten? Wie schwermütig sind die Malereien aus Davos verglichen mit den Bildern der Badenden an den Moritzburger Seen und auf Fehmarn? Oder ist dies mein Gefühl, weil es in Davos regnet?

Davos verabschiedet sich von uns am Samstag so regnerisch, wie es uns am Freitag empfangen hat, aber die Fahrt nach Filisur und weiter über Tiefencastel und Thusis nach Chur ist trotzdem nochmals ein ästhetischer Genuss. Wir fahren gleich zur Haltestelle Chur Altstadt weiter, gehen ein paar Schritte und lassen unser Gepäck im Hotel zur Rebleuten, also im Zunfthaus einer der fünf Zünfte, die früher die Stadt regierten. Nach kurzer Zeit zeigt sich die Sonne, und wir unterbrechen unseren Stadtrundgang im Café des Kunsthauses nur, um draussen an der frischen und doch angenehmen Luft eine empfehlenswerte Kürbissuppe zu löffeln oder Salate zu verzehren.

Wir sehen während unserem Rundgang den Arcas-Platz, das Obertor, das Fontana-Denkmal, das den heroischen Bündner Krieger im Kampf gegen die Habsburger zeigt, und das alte Gebäu, das an der Stelle steht, wo die Gaststätte «zum staubigen Hüetli» stand, in dem der wohl bekannteste Bündner Held, Jürg Jenatsch, während der Fasnacht 1639 von maskierten Tätern ermordet wurde. Weiter sehen wir den Postplatz, den Platz vor dem Regierungsgebäude mit dem Vazeroldenkmal, das städtische Rathaus, die Reichsgasse, die Martinskirche mit den Glasfenstern von Augusto Giacometti, das Bärenloch, den bischöflichen Hof und die Kathedrale.

Kunstmuseum und Kathedrale sind zwei Höhepunkte unserer Reise. Für den Besuch des Bündner Kunstmuseums Chur räumen wir der Gruppe genügend Zeit ein.

Ganz unbeschwert war unsere Reise nicht angesichts der steigenden Corona-Fallzahlen. Als Reiseleiter befürchteten wir Krankheitsfälle in der Gruppe, Absagen, die Schliessung von Sehenswürdigkeiten oder Hotels und behördliche Massnahmen, die uns hätten zwingen können, die Reise abzubrechen. An dem Tag, als wir in Chur das Kunsthaus besuchten, mussten die Museen in Bern geschlossen bleiben. Am Tag nach unserer Abreise von Chur verschüttete ausserdem ein Felssturz die Bahnlinie zwischen Tiefencastel und Thusis. Auch in der wohlgeordneten Schweiz können wir uns glücklich schätzen, dass wir unsere Reise wie geplant durchführen konnten.

Bevor wir diesen Bericht beenden, müssen wir die Bündner Kochkultur erwähnen. Den Abend vor unserer Abreise verbrachten wir in der Veltliner Weinstube im Hotel Stern bei einem ausgezeichneten Essen mit ausgezeichnetem Wein. Pizzoccheri, Capuns und Maluns sind für uns keine Fremdwörter mehr.

Ohne Einschränkung empfehlen können wir die Hotels Hauser in St. Moritz und Edelweiss in Davos sowie die Restaurants Veltlinerkeller in St. Moritz, Astras in Scuol sowie die Veltliner Weinstube in Chur. Sehr freundlich war auch der Empfang im Kloster Cazis – eine Empfehlung an zukünftige Gäste: die eigene Seife mitbringen.

Am Sonntagmorgen nach dem Frühstück ein kurzer Spaziergang in der Altstadt bei sonnigem Wetter, dann die Rückreise mit einem Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit und mit einer sehr angenehmen Erinnerung an die sechs sympathischen und aufgeschlossenen Menschen, die uns auf dieser Reise begleitet haben.