Reiseberichte

Hier gibt es Berichte von Ausflügen und Reisen, dazu einige subjektive Gedanken zum Thema Reisen.

Das Notierte dient als Erinnerungsstütze. Vielleicht finden auch Einzelreisende nützliche Informationen und Anregungen.

Wenn wir eine Reise oder einen Ausflug vorbereiten, treibt uns die Kombination von Nichtwissen und Neugier an. Wir bemühen uns um ein Verständnis der Orte, die wir besuchen, und der Menschen, die dort leben und gelebt haben.

17. September 2022: Glis, Brig und Raron

Im Wallis befinden sich die höchsten Berge der Schweiz. Die Mitmenschen, die an diesem Samstagmorgen in Visp aus dem Zug steigen, wollen wohl meist in die Berge. Wir aber besuchen das echte Wallis, nämlich das Tal, lateinisch vallis.

Wir fahren mit dem Postauto durch Verkehrskreisel und vorbei am Brigerbad, dann durch Gebiete mit Industrie und Einkaufszentren. Um halb zehn steigen wir bei der Haltestelle Glis Dorf aus. Wir fragen die kleine Gruppe von Interessierten nach ihren Bedürfnissen. Sie brauchen Kaffee. Also steuern wir als erstes auf das Restaurant Gliserhorn zu. Zum Kaffee gibt’s auch gleich noch ein kleines Gläschen frisch gepressten Orangensaft und ein kleines Gipfeli. Eine angenehme Art, um einen kulturellen Tagesausflug zu beginnen.

Vermutlich leitet sich der Ortsname Glis mit den sich folgenden Konsonanten g, l und s vom lateinischen ecclesia ab. Die gleiche Konsonantenfolge haben wir im französischen Wort église, das denselben Ursprung hat.

Unser erstes Reiseziel ist die Wallfahrts- und Pfarrkirche Unsere Liebe Frau auf dem Glisacker, wo die Arkadenvorhalle aus dem 17. Jahrhundert an Italien erinnert. Ebenso auffällig ist der Turm mit rundbogigen Fenstern neben der Kirche, der wohl aus dem 13. Jahrhundert stammt und demjenigen der Kathedrale von Sion ähnelt (das Bild mit dem Schnee im Hintergrund stammt von einem früheren Besuch). Im Band der Kunstdenkmäler der Schweiz über den Bezirk Brig ist die Kirche im Detail beschrieben. Die darin erwähnten archäologischen Grabungen haben offenbar ergeben, dass hier um das Jahr 500 eine frühchristliche Taufkirche stand, also zu einer Zeit, als es weit und breit keine andere Kirche gab.

In der Mitte der Kirche zwischen den Bankreihen liegt eine Steinplatte über dem Eingang zur Gruft der Familie Stockalper, die auf der vordersten Reihe der Kirchenbänke ihre Wappen, die Jahrzahl 1633 und Initialen hinterlassen hat und an der Finanzierung des geräumigen Kirchenschiffs und der Vorhalle beteiligt war. Eine guter Grund für einige biographische Angaben zu Caspar Stockalper (1609-1691), der mit dem Kauf des Salzmonopols, dank der Organisation des Transportwesens über den Simplon und wegen seiner Beteiligung am Söldnerwesen der reichste Mann im Kanton wird, dazu auch der mächtigste Politiker bis zu seiner Entmachtung 1685.

Die Familie eines weiteren mächtigen Mannes ist in der nördlichen Seitenkapelle porträtiert, und zwar auf den Aussenseiten der Altarflügel des etwa fünfhundert Jahre alten Altars der heiligen Anna. Es handelt sich um Georg Supersaxo (1450-1529) mit seiner Frau und der 23-köpfigen Nachkommenschaft (drei Söhne, drei Töchter und ihre Kinder). Weil der Altar offensteht und die Innenseite sichtbar ist, sehen wir die Familien halt auf einer Abbildung an.

Wir stellen den mächtigen Georg Supersaxo näher vor, Sohn von Fürstbischof Walter Supersaxo, und den 15 Jahre jüngeren Matthäus Schiner (1465-1522), der später sein prominenter Widersacher wird. Anfänglich von Supersaxo unterstützt, wird Schiner 1499 Bischof von Sitten und Graf des Wallis. Es gelingt ihm, um das Jahr 1510 viele Eidgenossen für den Kampf des Papstes in Oberitalien gegen Frankreich zu gewinnen. Das Problem dabei: Supersaxo unterstützt ab etwa 1505 die Franzosen in ihren Kriegen, und diese siegen 1515 in Marignano. Der Gegensatz zwischen den beiden führt im Wallis zeitweise zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Schiner macht Karriere ausserhalb, er wird Kardinal, er wird Oberkommandierender der päpstlichen Truppen, Verwalter des Vatikans nach dem Tod des Papstes. Papst wird er nicht, die französischen Bischöfe sind gegen ihn. Während Schiner eine wichtige Rolle in der europäischen Politik spielt und offenbar auch an der Redaktion des Edikts von Worms gegen Luther beteiligt ist, behält Supersaxo im Wallis lange die Oberhand. Von ihm stammen in Sitten der Landsitz Maison du Diable ausserhalb der damaligen Stadtmauer und sein Stadthaus Maison Supersaxo mit seiner bekannten Holzdecke.

Bei der Mobilisierung der Bevölkerung in den Machtkämpfen wird eine Walliser Form der Revolte kultiviert: man erhebt die Mazze, eine geschnitzte Holzfigur, in die alle Unzufriedenen einen Nagel einschlagen. Wenn die Unzufriedenheit überwiegt, retten sich die Machthaber, indem sie verschwinden. 

Aus der Zeit um 1538 stammt das gotische Chorgewölbe, älter ist der Hochaltar mit Altartafeln, die um 1480 gemalt wurden.

Bevor wir die Kirche verlassen und zu Fuss nach Brig gehen, beachten wir das Nordportal mit dem Meisterzeichen des Baumeisters Ulrich Ruffiner mit der Jahrzahl 1519 (seine Lebensdaten: von etwa 1480 bis zum Zeitraum von 1549-56 – Todesursache: ein Sturz vom Kirchturm von Glis). Sein Herkunftsort ist Prismell, eine deutschsprachige Walserkolonie im Gebiet der heutigen Gemeinden Alagna Valsesia und Riva Valdobbia im Piemont, am südlichen Fuss des Monte Rosa-Massivs.

In Brig besuchen wir den Innenhof des Stockalperpalastes, beachten aber vorher die fünf nicht sehr grossen, in der Form eines Kreuzes angeordneten Eisenplatten, offenbar aus den eigenen Eisenminen geschmolzen, die Stockalper aussen am Gebäude hat anbringen lassen, sichtbar für die Durchreisenden, aber inzwischen etwas verrostet. In der Mitte sehen wir ein Porträt des langhaarigen Hausherrn mit Schnurrbart, darüber fast wie ein Heiligenschein die Schrift C STOKALPER DE TVRRE BARO DOVINI, Caspar Stockalper vom Thurm Baron von Duingt. Im Wallis herrschen keine Barone, Stockalper kann deshalb nicht Baron im Wallis werden, dafür kauft er sich ein Schloss am Lac d’Annecy und wird so 1648 Baron, später wird er Reichsritter und erwirbt weitere Adelstitel. Beidseits des Porträts sehen wir je einen Turm, oben drei Kronen, wohl für die Heiligen Drei Könige, die für Caspar eine Rolle spielen, und unten das Familienwappen mit den drei Stöcken auf der Alp, das wir schon auf der Kirchenbank in Glis gesehen haben. 

Mit dem Stockalperpalast baute der weitgereiste Caspar sich ein Verwaltungsgebäude nach seinen eigenen Vorlieben, das stilistisch nicht einheitlich ist. Passerellen verbinden es mit seinem Wohnhaus nebenan (Palast und Wohnhaus kann man auf informativen Schlossführungen innen besichtigen). Anschliessend besuchen wir kurz die alte Antoniuskapelle oberhalb des Stockalperpalasts an der alten Simplonstrasse, die barocke Kirche der heiligen Dreifaltigkeit aus dem 18. Jahrhundert, die mit dem Kloster der Ursulinerinnen mit einem Verbindungstrakt verbunden ist, der die Simplonstrasse überbrückt, und schliesslich die ebenfalls barocke Kirche des Jesuitenkollegiums, eine Stiftung Stockalpers, aus dem Ende des 17. Jahrhunderts, etwas östlich und erhöht über der Strasse.

Dann sind wir hungrig und lassen uns darauf ein, Cholera, ein Walliser Gericht, zu testen.

Nach dem Mittagessen fahren wir mit dem Regionalzug nach Raron. Dort steigen wir auf den Burghügel. Unser Ausflug findet an einem Tag statt, an dem herbstliche Kälte über die Schweiz hereinbricht und im Wallis ein stürmischer Westwind bläst, besonders auf dem Burghügel von Raron. Der Wind bringt keinen Regen im trockensten Gebiet der Schweiz, aber einen raschen Wechsel von Bewölkung mit klarstem Sonnenlicht.

Auf dem Burghügel steht eine gotische Kirche, gebaut von Ulrich Ruffiner. Drinnen spürt man noch die Wärme des Sommers. Für das Kirchenschiff hat Ruffiner die massiven Aussenwände einer alten Burgruine wiederverwendet. Der gotische Chor ist nach Osten orientiert. Im Museum auf der Burg gleich neben der Kirche ist im ersten Stock ein Modell zu sehen, das Ruffiners anfänglichen Versuch zeigt, das Kirchenschiff mit einer Holzdecke vor den Elementen zu schützen. Die Konstruktion hielt nicht lange. Dank zwei Pfeilern aus warmem gelben Tuffstein hält die Kirchendecke bis heute.

Auf dem Burghügel stellen wir kurz Iris von Rothen (1917-1990) vor, die durch ihre Heirat mit Peter von Roten mit dem Burghügel von Raron in Beziehung steht. Die Behauptung, sie sei Ende der 1950-er Jahre die meistgehasste Frau der Schweiz gewesen, ist wohl keine Übertreibung. In ihrem Buch Frauen im Laufgitter von 1958 kritisiert sie den Apparat der Männerherrschaft. Das Funktionieren des patriarchalen Herrschaftssystems beschreibt sie in ihrem Buch wortgewandt und präzise auf 600 Seiten. Die stolzen Schweizer, die die Demokratie erfunden und den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben, schätzen ihre Kritik nicht, und die Frauenorganisationen geben ihr die Schuld an der Ablehnung des Frauenstimmrechts in der nationalen Abstimmung von 1959. Oben abgebildet Iris und Peter von Roten im Museum, auf dem Bildschirm Tochter Hortensia.

Schliesslich sprechen wir über Rainer Maria Rilke, geboren 1875 im österreichischen Prag. Die durch den Tod einer Tochter traumatisierte Mutter erzieht den kleinen René Wilhelm Johann Josef Maria zunächst wie ein Mädchen, bis er elfjährig in die Militärrealschule eintritt und diese sechs Jahre später krank verlässt. Er besteht die Matura, beginnt in Prag ein Studium in Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie.

In Venedig trifft er 1897 die vierzehn Jahre ältere Lou Andreas Salomé, eine in Russland geborene, sprachkundige und in der europäischen Kulturszene gut vernetzte Schriftstellerin, Publizistin und Psychoanalytikerin, die Heiratsanträge von Nietzsche und anderen abgelehnt hat. Die beiden lieben sich. Drei Jahre später bricht sie die Beziehung ab. Nach der schmerzhaften Trennung ist Rilke zu Besuch in der Künstlerkolonie Worpswede, lernt dort die Bildhauerin Clara Westhoff kennen, hat mit ihr ein Kind und merkt bald, dass ein bürgerliches Familienleben für ihn nicht taugt. Im Weltkrieg leistet Rilke Militärdienst in der österreichischen Militärverwaltung, nachher sucht er Ruhe in der Schweiz, wo er 1926 an Leukämie stirbt. Begraben ist er an der südlichen Wand der Burgkirche von Raron. Auf dem Grabstein prangt Rilkes Familienwappen, das hat er sich so gewünscht, und ebenfalls auf seinen Wunsch steht
Rose oh reiner Widerspruch, Lust
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

Den Widerspruch finden wir nicht nur in der Rose, sondern wohl auch in Rilkes Persönlichkeit. Er schreibt viel über Liebe zu Frauen, erträgt ihre Gegenwart aber nicht lange, abgesehen von fürsorglichen Haushälterinnen, die für ihn waschen und kochen, ohne ihn zu stören. Er gibt sich bescheiden und erträumt sich gleichzeitig eine adelige Herkunft. Er leidet unter dem Weltkrieg, schreibt vorher aber Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke. Dort träumt er vom Heldentod des Christoph Rilke von Langenau mit fliegender Fahne auf dem Schlachtfeld nach einer romantischen Liebesnacht mit einer Gräfin in einem Schloss. Das Werk kostet als Büchlein Nummer 1 der Insel-Bücherei 50 Pfennig und wird sehr populär. Viele junge Soldaten schlafen mit keiner Gräfin und sterben dafür in den Schützengräben.

A propos Schloss: Der sensible Rilke schreibt am liebsten in einem Schloss. Die bekannten Duineser Elegien beginnt er 1912 im Schloss Duino bei Triest, wo er zu Gast ist bei der Gräfin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe, geborene Prinzessin Marie Elisabeth Karoline zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst. In der Schweiz wird er zuerst 1920/21 im Schloss Berg (ZH) aufgenommen, wo er an den Elegien weiterarbeitet, bis Freunde ihm den Aufenthalt im Schloss Muzot bei Sierre ermöglichen, wo er die Elegien und andere wichtige Texte in einer intensiven Schaffensphase im Februar 1922 vollendet.

Jean Rudolphe von Salis, der während des Zweiten Weltkrieges mit seiner überlegten und unaufgeregten Wochenschau auf Radio Beromünster die Lage in Europa beschreibt und analysiert und dafür von Hörern beider Kriegsparteien ernstgenommen wird, lernt Rilke als Student kennen. Er schreibt 1936 ein lesenswertes Buch mit dem Titel Rilkes Schweizer Jahre. Es geht ihm dort unter anderem darum, die alberne Verniedlichung dieses energischen Geistes zu einem bloss zarten, sanften Rilke entschieden zu korrigieren, und er findet es nötig zu sagen, mit welcher Rücksichtslosigkeit, mit welcher Radikalität in gewissen Situationen und über gewisse Dinge er denken, sich über sie ausdrücken konnte. Jean Rudolphe von Salis erwähnt am Schluss seines Vorworts zu einer späteren Ausgabe, dass auch er von einem Schloss aus schreibt: Schloss Brunegg (Aargau), 1975.

Ich schreibe nicht in einem Schloss und werde von Salis doch nicht widersprechen. Radikal ist wohl vor allem Rilkes Kritik an der institutionalisierten Religion, die zu Rilkes Lebenszeit das Verhalten der Menschen noch sehr bestimmt, zumindest das vordergründige, sichtbare Verhalten. Ein kleines Zitat aus dem Prosastück Der Brief des jungen Arbeiters: Diese zunehmende Ausbeutung des Lebens, ist sie nicht eine Folge der durch die Jahrhunderte fortgesetzten Entwertung des Hiesigen? Welcher Wahnsinn, uns nach einem Jenseits abzulenken, wo wir hier von Aufgaben und Erwartungen und Zukünften umstellt sind. Welcher Betrug, Bilder hiesigen Entzückens zu entwenden, um sie hinter unserem Rücken an den Himmel zu verkaufen! Und in den Duineser Elegien, in der Zehnten Elegie: Oh, wie spurlos zerträte ein Engel ihnen den Trostmarkt… 

Rilke wollte neben der Burgkirche von Raron beerdigt werden. Der Wind, die Sonne, der Ausblick über das Tal haben ihn berührt.

Vom Burghügel gehen wir nach unten, vorbei an den historischen Häusern dieses Hauptorts einer der sieben Zenden. Wir betreten kurz die stimmungsvolle moderne Kirche in der künstlichen Felskaverne und gehen zum Bahnhof.

Dann fahren wir spontan mit einigen Teilnehmern in die Kantonshauptstadt, wo wir den Abend verbringen.

3. – 11. September 2022 : Bourges, Tours, Le Mans, Angers, Chartres

Am 3. September, einem Samstag, treffen wir unsere acht Mitreisenden im Bahnhof Genf im Train Express Régional (TER) nach Lyon, der pünktlich um 11.30 Uhr abfährt. Die französische Staatsbahn hat drei Zugskompositionen aneinandergehängt, so dass wir genügend Platz finden für uns und unsere Siebensachen.

Die Bahnlinie liegt zwischen der Rhone, die zur linken Seite meist aufgestaut ist, und dem Jura auf der rechten Seite, der südlich von Genf noch beträchtliche Höhen erreicht. Beim Bahnhof Culoz biegt die Strecke nach Westen ab, quer durch den Jura, bis sie in Ambérieu die Schwemmebene von Rhone und Saône erreicht und geradewegs in die Stadt Lyon führt.

Im modernen Bahnhof Lyon Part-Dieu steigen wir um und fahren weiter bis zum Bahnhof Lyon-Perrache, dem früheren Hauptbahnhof der Stadt. Er liegt auf der zentralen Halbinsel zwischen Rhone und Saône. Von ihm aus ist das Stadtzentrum in einem kurzen Spaziergang zu erreichen. Neben dem Bahnhof Perrache, eingeklemmt zwischen Bahn, Autobahn und Parkhäusern, befindet sich unser Hotel aus der Belle Époque, genauer aus dem Jahr 1906, das ehemalige Hotel Terminus (heute etwas langfädig Mercure Lyon Centre Château Perrache), in dem wir unsere Zimmer schon beziehen können. Das von der Bahngesellschaft PLM erbaute Luxushotel ist denkmalgeschützt. Das abgebildete Jugendstil-Glasfenster entdeckt man in der Bar.

Erste Regentropfen fallen, und so geben wir noch unter dem Vordach des Hotels einen kurzen Überblick über die Geschichte der Stadt.

Unter der Herrschaft von Kaiser Augustus war Lugdunum, das heutige Lyon, die Hauptstadt der Provinz Gallia Lugdunensis. Nach der Teilung des Reichs Karls des Grossen kam Lyon zum Mittelreich, später war die Stadt zeitweise unter burgundischer, zeitweise unter französischer Herrschaft. Um das Jahr 1400 kommt Lyon dann definitiv zum französischen Königreich. Vom 16. Jahrhundert an wird Lyon zum Zentrum der französischen Seidenindustrie. Bekannt sind in den Jahren 1831, 1834 und 1848 die blutig niedergeschlagenen Aufstände der Seidenweber (révolte des canuts). Heute ist Lyon die drittgrösste Stadt Frankreichs und ein wichtiges wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. Natürlich reicht ein Nachmittag nicht, um die Stadt kennenzulernen. Den Aufenthalt in Lyon haben wir eingeplant, um zu schnuppern und die Bahnfahrt nach Westen in angenehme Portionen zu unterteilen.

Als unsere Gruppe auf der nach Victor Hugo benannten und belebten Fussgängerstrasse ins Zentrum spaziert, donnert es und beginnt leicht zu regnen. Dann bricht ein Gewitter los, gegen den unsere Regenschirme wenig ausrichten. Wir suchen Schutz unter Vordächern und fliehen bei der ersten Gelegenheit in ein Kaffeehaus.

Als wir uns bei Sonnenschein wieder nach draussen wagen, bemerken wir hinter einer Abschrankung die Reiterstatue von Louis XIV auf der weiten Place Bellecour (im Hintergrund die Basilika Notre-Dame de Fourvière, erbaut ab 1872).

Wir überqueren die Saône und kommen zur gotischen Kathedrale Saint-Jean, die sich primatiale nennt, weil der Erzbischof von Lyon kein beliebiger Erzbischof ist, sondern primat des Gaules, der oberste Seelenhirt des Landes. Im Vergleich zu den Kathedralen, die wir im weiteren Laufe der Reise kennenlernen, ist der Bau eher bescheiden. Wir flanieren dann durch die malerische Rue Saint-Jean in der Altstadt. Auf dem Rückweg zum Hotel finden wir das auf der Place Bellecour etwas versteckte Denkmal für Antoine de Saint-Exupéry, dessen Geburtshaus in der Nähe steht.

Für den ersten Abend unserer Reise haben wir uns ein Essen an einem besonderen Ort ausgesucht, in der Brasserie Georges. Würde man an diesem Standort zwischen Bahnlinie und Autobahn eine Brasserie aus dem Jahr 1836 vermuten? Die Bevölkerung kennt den Ort, und der riesige Speisesaal ist gut besetzt. Das Restaurant haben wir im Frühling getestet, und mehr als einen Monat zum Voraus haben wir hier einen Tisch reserviert.

Am nächsten Morgen geniessen wir unser Frühstück im stilvollen Hotel und begeben uns zum Bahnhof, wo unser Zug der Kategorie Intercités mit Endstation Nantes schon wartet. Es fahren täglich drei direkte Züge nach Bourges auf zwei unterschiedlichen Routen. Unsere Zugskomposition ist hybrid mit Strom und Diesel unterwegs, sie fährt zu Beginn durch die nördlichen Ausläufer des Zentralmassivs. Weiter geht es vorbei an Dörfern und Kleinstädten mit leeren Bahnsteigen zu den ebenen Flusstälern des Allier und der Yèvre, durch weites Land, das im Vergleich zum schweizerischen Mittelland dünn besiedelt ist. Unterwegs hält der Zug in Roanne, Saint-Germain-des-Fossés nördlich von Vichy, Moulins und Nevers. 

Die Stadt Bourges mit ihren etwa 65,000 Einwohner liegt im geographischen Zentrum Frankreichs und wirkt an diesem Sonntag etwas verschlafen.

In wenigen Minuten sind wir in unserem Hotel, das zwischen dem Bahnhof und der Altstadt liegt. Es ist im Gebäude eines ehemaligen Klosters unterbracht, das bei der Revolution als bien national verkauft wurde. Die ehemalige Klosterkirche bildet einen stimmungsvollen Rahmen für das Frühstück.

Da wir zu Beginn des Nachmittags ankommen, bleibt uns nur die Wahl eines leichten Essens in einer guinguette im Park gegenüber dem Hotel. In Bourges gibt es am Sonntag, das sei für Leserinnen und Leser dieses Berichts festgehalten, nur wenige Verpflegungsmöglichkeiten.

Dafür gibt es in Bourges ein UNESCO-Weltkulturgut, die Kathedrale Saint-Etienne, die dem heiligen Stephan gewidmet ist, der als der erste Märtyrer gilt und dessen Martyrium schon in der Bibel erwähnt ist.

Über den Schwemmebenen der Flüsse Yèvre und Auron erhebt sich ein Hügel, auf dem die Altstadt von Bourges liegt, schon in vorrömischer Zeit umgeben von einer Stadtmauer. Im Osten dieser Stadt liegt die nach Osten orientierte Kathedrale. Auch sie ist nicht eine beliebige Kathedrale, sondern war nach 1170 die Hauptkirche der Kirchenprovinz Aquitanien, die von Bourges bis zu den Pyrenäen reichte.

Ich stelle mir vor, wie der erste Lichtstrahl der aufgehenden Sonne die Kathedrale trifft. Die Gotik ist die Architektur, die Licht in die Kirchen bringt. Ex oriente lux, aus dem Osten kommt das Licht, die Erleuchtung. Diese Orient-ierung nach Osten, zur aufgehenden Sonne hin, gehört schon vor der Gotik  zum europäischen Christentum.

Wer in Europa ist sich heute bewusst, dass das Christentum aus dem Orient kommt? Den Osten, den Orient und Eurasien, erleben heute die meisten Europäer nicht als Quelle der Erleuchtung, sondern als Bedrohung, als eine Welt, die der westlichen Kontrolle entgleitet.

Die Kathedrale wurde zwischen 1195 und 1258 erbaut und ragt in östlicher Richtung über die römische Stadtmauer hinaus. Um den Chor der neuen Kathedrale abzustützen, wurde zuerst eine Unterkirche gebaut, die wegen dem Niveauunterschied des Geländes aber nicht unterirdisch ist, sondern von Tageslicht erhellt wird.  

Diese Unterkirche besichtigen wir am Sonntagnachmittag in einer organisierten Führung, anders ist sie nicht zugänglich. Wir besichtigen dabei die dort ausgestellten Reste des Lettners, eine kleine romanische Krypta, eine Gruppe von Statuen aus dem 16. Jahrhundert, die die Grablegung Christi darstellen, und das Grabmal des Herzogs Jean de Berry (1340-1416). Dem Toten zu Füssen liegt ein kleiner Bär.

Jean de Berry war der Sohn von König Jean II «le Bon», der im Hundertjährigen Krieg (1337-1453) von den Engländern gefangen wurde und für dessen Befreiung Frankreich 3 Millionen écus d’or bezahlen musste. Er war auch der Bruder des früh verstorbenen Königs Charles V, für dessen unmündigen Sohn er die Regentschaft übernahm und sich dabei, so berichten Historiker, schamlos bereicherte. Für den mächtigen Herzog wurde der Palast der Herzöge von Berry erbaut, heute die préfecture, mit einer eigenen Sainte Chapelle nach Pariser Vorbild, die nicht mehr besteht. Für ihn schufen Künstler das bekannte Stundenbuch des Herzogs von Berry mit den berühmten Miniaturen, Les Très Riches Heures du Duc de Berry, heute im Musée Condé in Chantilly.

Oben in der Kathedrale sehen wir Jean de Berry als Statue ein zweites Mal, auf den Knien betend, mit seiner zweiten Frau zusammen, die er geheiratet hat, um ihr alles wegzunehmen, was sie hatte.

Berry ist der Name der Grafschaft, deren Zentrum Bourges ist, und der Vizegrafschaft (vicomté), welche der vicomte dem französischen König im Jahr 1100 verkaufte, so dass Bourges mit seinem Umland zum königlichen Eigenbesitz wurde, zum domaine royal. Hier konnte der König nach eigenem Gutdünken Verwandte als lokale Verwalter einsetzen, die loyaler waren als die oft eigensinnigen Vasallen. Als Paris 1418 von den Engländern besetzt wurde, wurde der Thronfolger, le dauphin, wohl nicht ganz zufällig nach Bourges evakuiert.

Die Kathedrale von Bourges wurde zwischen 1194 und 1258 erbaut. Sie ist 125 Meter lang (zum Vergleich Lausanne, die grösste Kirche der Schweiz, mit knapp 100 Metern).

Die Kathedrale hat vier Seitenschiffe, die beiden äusseren sind achteinhalb Meter hoch, die beiden inneren 21 Meter, das Hauptschiff der Kirche 37 Meter. Es ergibt sich so eine architektonische Aufwärtsbewegung zur Mitte hin.

Der Anzahl der Kirchenschiffe entsprechend hat die Kathedrale auf der breiten Westseite fünf Portale. Um den Chor herum führt ein Chorumgang.

Besonders an der Kathedrale von Bourges ist, dass die Skulpturen und Glasmalereien aus der Erbauungszeit so gut erhalten sind. Speziell ist auch, dass in der Kathedrale kein Gedränge herrscht. Die Zahl der jährlichen Besucher beträgt nur etwa 30,000 Menschen Personen (zum Vergleich Chartres mit einer Million und Notre-Dame de Paris vor dem Brand mit 13 Millionen).

Man kann die Glasfenster also in Ruhe betrachten. Die meisten Bilder zeigen biblische Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament oder erzählen das Leben der Heiligen. Oft sind in der untersten Reihe die Berufsleute dargestellt, die die Fenster finanziert haben.

Dieses Bild, das über 800 Jahre alt ist, gehört zur Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus. Während der arme Lazarus vor seinem Tod gelitten hat, leidet der Reiche nach seinem Tod. Auf dem Bild ist er auf dem Sterbebett zu sehen. Seine Frau weint um ihn und ein Diener bestiehlt ihn frech, während der Sterbende seine Seele aushaucht. Diese Seele ist die menschenähnliche Figur, welche von einem gehörten Teufel und seinem fliegenden Kollegen mit rotem Kopf in Empfang genommen wird.

Bemerkenswert die Darstellung von Christus mit dem Schwert im Mund. Sie ist Teil eines Glasfensters, das dem biblischen Buch der Offenbarung gewidmet ist. Nach der Vision des Johannes auf der Insel Patmos ist Christus nun kein Opfer mehr, keiner, der die Schuld der Welt auf sich nimmt, sondern der Richter des Jüngsten Gerichts, aus dessen Mund ein scharfes, zweischneidiges Schwert kommt. In der rechten Hand hält er eine Buchrolle, die mit sieben Siegeln verschlossen ist, in der linken sieben Sterne, aus denen sieben Leuchter werden. Auf dem Schwert eingraviert sind die Buchstaben Alpha und Omega.

Am Montag besuchen wir den spätgotischen Palast von Jacques Coeur (1395-1456), grand argentier, also Finanzminister des Königs Charles VII (1403-1461), der als Dauphin 1418 von Paris nach Bourges evakuiert worden ist. Jacques Coeur ist Sohn eines Pelzhändlers in Bourges, der reich wurde, weil während des Krieges ein grosser Teil des französischen Adels in Bourges lebte.

Dank einer gut überlegten Heirat kann Jacques die königliche Münzstätte übernehmen, einen Teil des Edelmetalls zweigt er ab, 1429 reist er nach Damaskus, baut sich eine Handelsflotte im Mittelmeer auf und wird zum Konkurrenten der Venezianer und Genuesen, die den Handel mit dem Orient dominiert haben. (1429 ist auch das Jahr, als Jeanne d’Arc eine Versorgungskonvoi nach Orléans bringt und den Dauphin dazu drängt, sich in Reims zum König Charles VII krönen zu lassen, obwohl die Stadt in feindlich kontrolliertem Gebiet liegt.) Jacques Coeur wird reich, er wird geadelt, er kauft sich Schlösser, er besitzt Häuser in allen wichtigen Städten, er leiht Geld aus, er beschafft König Charles VII Geld für seine Feldzüge gegen die Engländer. Die Schulden, die seine Schuldner anhäufen, werden ihm aber schliesslich zum Verhängnis. Er wird beschuldigt, für den Tod der Mätresse des Königs verantwortlich zu sein. Er wird verhaftet, schliesslich wegen Majestätsbeleidigung verurteilt. Freunde befreien ihn aus dem Gefängnis. Er kann nach Rom zum Papst fliehen, aber alle seine Besitztümer werden konfisziert. Seine Frau stirbt vor Gram. Jacques Coeur kann nie in seinem Palast leben. 

Der Sohn von Charles VII, Louis XI, wird in Bourges geboren und ist in der Stadt als Denkmal verewigt. Er gründet 1463 eine Universität. Ausländische Studenten strömen in die Stadt, die oft von weiblichen Verwandten des Königs verwaltet wird. Dann folgen Pestepidemien, Brände, ein Erdbeben, 1562 die Besetzung durch fanatische Protestanten, die Zerstörungen anrichten. Es folgt die Gegenreformation, verschiedene Orden lassen sich nieder. Bald kommen keine Studenten mehr. Es folgen weitere Epidemien, die Stadt verarmt. Während des Ersten Weltkriegs werden in Bourges Kanonen gegossen. Im Zweiten Weltkrieg wird die Stadt verschont – sie ist wohl zu unwichtig geworden. Im malerischen Stadtzentrum sind heute viele Ladenlokale leer. In den leeren Jugendstil-Kaufhäusern am nördlichen Rand der Altstadt könnte man Geschäftsräumlichkeiten mieten.  

Als Sehenswürdigkeit gelten Les Marais de Bourges. Im ehemaligen Sumpfgebiet sind zwischen Kanälen Gärten mit Gemüse und Blumen angelegt, die teilweise nur mit Booten erreichbar sind. Wir spazieren durch die sommerliche Hitze. (Das Bild haben wir im April aufgenommen.)

Nach dem Mittagessen sehen wir uns nochmals das Innere der Kathedrale an und betrachten einige Glasmalerien genauer. Die meisten Glasgemälde stammen aus dem 13. Jahrhundert, es gibt aber auch sehenswerte Bilder im Stil des Spätmittelalters und der Renaissance aus dem 15. und dem 16. Jahrhundert. Als es in der Kathedrale dunkler wird, merken wir, dass sich draussen wieder ein Gewitter zusammenbraut.

Hinweis für Interessierte: auf der Website des Vereins Amis de la Cathédrale de Bourges werden die Glasmalereien, die Statuen und auch die Geschichte der einmaligen Kathedrale im Detail vorgestellt. 

Am nächsten Tag fahren wir bei sonnigem Wetter mit dem Zug nach Tours, Zentrum der Touraine. Normalerweise fährt die Bahn direkt in weniger als zwei Stunden hin, via Vierzon und dann im flachen Flusstal des Cher geradeaus nach Westen. Da die SNCF aber die Linie repariert und da wir uns und unserer Reisegruppe nicht ein mehrmaliges Umsteigen und eine zweistündige Fahrt in einem Bahnersatzbus zumuten wollen, fahren wir nach Orléans, trinken dort einen Kaffee und fahren mit dem nächsten Zug weiter der Loire entlang bis zum 1896 bis 1898 erbauten und denkmalgeschützten Sackbahnhof von Tours, wo wir um die Mittagszeit ankommen. Wir lassen unser Gepäck in einem gut renovierten Hotelpalast von 1846 neben dem Bahnhof und finden nach wenigen Minuten Platz im Restaurant Le Chien Jaune, das mittags zu vernünftigen Preisen ein gutes französisches Menu serviert (nicht vergessen: das französische Menu, le repas gastronomique, gehört laut UNESCO zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit). Das Restaurant empfehlen wir nicht nur wegen dem sehr stilvollen Interieur.

Tours ist eine Stadt mit rund 135,000 Einwohnern. Ein Teil der Altstadt ist im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, anschliessend hat man die Nationalstrasse verbreitet und für den Strassenverkehr eine Schneise durch die Stadt geschlagen, die heute eine Fussgängerzone mit Strassenbahn ist.

In Tours steht die Kathedrale Saint-Gatien, benannt nach dem ersten Bischof der Stadt. Der heutige Bau wurde in den 1220-er Jahren begonnen und mit dem Bau der Türme kurz nach 1500 beendet. Stilistisch ist die Frühgotik und die Hochgotik vertreten, die markanten Türme werden der Renaissance zugeordnet. In der Kathedrale befinden sich auch gut erhaltene Glasmalereien des 13. Jahrhunderts. Im Stil der Renaissance sind die Grabmäler zweier früh verstorbener Kinder des Königs Charles VIII mit seiner Gemahlin Anne de Bretagne.

An den Heiligen Martin erinnert die Kirche Saint-Martin, die zwischen 1887 und 1925 anstelle eines 1793 eingestürzten Baus errichtet wurde. Der Heilige Martin von Tours lebte im 4. Jahrhundert in der Stadt, er wurde von der Bevölkerung zum Bischof gewählt, obwohl er kein Priester war, sondern ein Armeeangehöriger. Bekannt ist Martin vor allem durch die Darstellung, die zeigt, wie er auf seinem Pferd sitzt und mit seinem Schwert für einen frierenden Bettler vor den Toren der Stadt Amiens die Hälfte seines Militärmantels abtrennt. Der Heilige ist kein Märtyrer, sondern ein confesseur, ein Bekenner.

Grégoire de Tours, ein späterer Bischof der Stadt und als Verfasser der Historia Francorum aus dem 6. Jahrhundert eine unschätzbare Quelle für die Geschichte des frühen Frankenreichs, förderte die Verehrung von Martin. Als er selbst krank wurde, mischte er etwas Staub vom Grab des Heiligen in einem Glas Wein, trank das Gemisch und fühlte sich sofort wieder gesund. Heute befinden sich die Reste des Heiligen in der Krypta der Kirche. Staub vom Grab gibt’s keines mehr, auch rund um die Kirche ist alles zugepflastert.

Die Altstadtgassen Rue Colbert und Rue du Commerce mir ihren Geschäften und ethnischen Restaurants, die sehenswerte Place Plumereau mit ihren Fachwerkhäusern und der grossen Zahl von Menschen, die auf dem Platz essen, trinken und sich bestens unterhalten, überhaupt der Kontrast zwischen alt und neu – all dies verdichtet sich bei mir zu einem fröhlichen und dynamischen Gesamteindruck.

Züge von Tours nach Le Mans gibt es am Vormittag um 07.56 und um 11.09 Uhr. Die Mitglieder der Gruppe sind bereit, früh aufzustehen, damit wir genügend Zeit haben zum Besuch einer weiteren Stadt auf dem Hügel über einem Fluss. Der Dieseltriebwagen kommt zügig vorwärts, und nach einer Stunde sind wir in der Stadt, die für ihre 24-stündigen Autorennen bekannt ist. Gegenüber dem Bahnhof steht das Hotel einer bekannten Kette, kein ehemaliges Kloster, kein Luxusbau des 19. Jahrhunderts oder der Belle Epoque. Ganz stillos ist das zweckmässig eingerichtete Hotel trotzdem nicht. Im Eingangsberiech steht ein roter Fiat Cinquecento.

Mit der neuen Strassenbahn fahren wir zur Kathedrale Saint-Julien, benannt nach einem frühen Verkünder der frohen Botschaft. Sie steht am östlichen Rand der römischen Stadtmauer. Ähnlich wie in Bourges wurde der Chor der Kathedrale über die römische Stadtmauer hinaus gebaut, die in Le Mans sehr gut sichtbar ist.

Dass der Hügel über dem Fluss Sarthe schon seit langem nicht nur eine strategische, sondern auch eine religiöse Bedeutung hatte, verdeutlicht der Menhir, der an der westlichen Ecke der Kathedrale steht. Die hier lebenden Kelten, die von Caesar Aulerci Cenomani genannt wurden, schickten dem Gallierführer Vercingetorix eine Streitmacht von 5000 Männern für den Abwehrkampf gegen die Römer im Jahr 52 vor Christus. Nach der Integration ins Römische Reich entsteht hier eine Stadt, die unter Kaiser Diokletian ihre mit Mustern geschmückte Stadtmauer erhält. Seit dem frühen Mittelalter besteht die Grafschaft Maine, deren Zentrum Le Mans ist.

Die heutige Kathedrale wurde zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert erbaut. Grob gesagt ist das Kirchenschiff, erbaut zur Zeit der Plantagenêt-Dynastie, romanisch, aus dieser Zeit stammen auch die sehenswerten Kapitelle. Der Chor, erbaut unter französischer Herrschaft, ist hingegen gotisch.

Die Kathedrale hat enorme Ausmasse, ihre Länge beträgt 134 Meter. Anders als in Bourges gibt es hier einen inneren und einen äusseren Chorumgang, mit diesem sind die Seitenkapellen des Chors verbunden. Die Glasmalereien im Chor stammen meist aus dem 13. Jahrhundert, im Kirchenschiff sieht man hingegen das älteste bemalte Fenster, Teil einer Auferstehungsszene aus dem frühen 12. Jahrhundert. Die Seitenkapelle an der Spitze des Chors, also in der direkten Verlängerung des Kirchenschiffs, ist besonders geräumig und trägt dadurch zur beträchtlichen Gesamtlänge des Gebäudes bei. Auf den Deckengemälden dieser Kapelle sind auf rotem Grund 47 Engel dargestellt, die auf verschiedenen mittelalterlichen Musikinstrumenten musizieren. Diese Malereien stammen aus dem 14. Jahrhundert.

Die kompakte Altstadt innerhalb der Stadtmauern wird als Cité Plantagenêt bezeichnet. Geoffroy V (1113-1151), Graf von Anjou, Maine und Touraine, erhielt den Übernamen Plantagenêt, weil er seine Kopfbedeckung gerne mit einer Ginsterpflanze (genêt) schmückte, vielleicht diese auch als Tarnung während der Jagd benutzte.

Geoffroy (englisch Geoffrey, deutsch Gottfried) heiratet 1128 in der Kathedrale von Le Mans als Teenager die einige Jahre ältere englische Königstochter Matilde, Enkelin des Normannen Wilhelms des Eroberers (William the Conquerer, Guillaume le Conquérant), Witwe des früh verstorbenen deutsch-römischen Kaisers Heinrich V und deswegen bei den Engländern als Empress Matilda oder Empress Maude bekannt. Matilde kann anfänglich mit dem unreifen und in der adeligen Hierarchie auf einer tieferen Stufe stehenden Ehepartner nichts anfangen, geht wieder nach England zurück, wird dort die erste weibliche Regentin Englands und der Normandie. Wenige Jahre später bietet Geoffroy Matilde an, die Ehe wieder zu erneuern, sie willigt ein und gebärt 1133 einen Sohn, der als König Henry II nicht nur England beherrscht, sondern auch die Grafschaften Anjou, Maine und Touraine sowie das Herzogtum Normandie.

Mit der Heirat von Henry/Henri II mit der schönen und lebenslustigen Erbin Eleonore von Aquitanien (Aliénor d’Aquitaine) im Jahr 1151 wird das Reich der Plantagenêt noch ein Stück grösser. Aliénor ist die Tochter des Herzogs von Aquitanien, eines Gebiets, das von Poitiers bis zu den Pyrenäen reicht und auch die Auvergne einschliesst. Brüder, die das Erbe ihres Vaters antreten könnten, hat Aliénor nicht. Im Jahr 1137 heiratet die 15-jährige in der Kathedrale von Bourges den 17-jährigen französischen König Louis VII, der eigentlich für eine kirchliche Laufbahn erzogen worden ist. Auf einem Kreuzzug 1148 in Antiochia werden Unstimmigkeiten zwischen den ungleichen Ehepartnern sichtbar. Es gelingt Aliénor, ihre Ehe mit Louis von der Kirche annullieren zu lassen. Kurz darauf heiratet sie den energischen Henri II. Die Folge: Die Planatagenêt-Dynastie regiert in England bis 1399 in direkter Linie, und der englische König herrscht über grosse Teile des französischen Festlands bis zum Ende des Hundertjährigen Kriegs Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Leoparden auf dem Schild von Geoffrey Plantagenêt sehen wir fast neun Jahrhunderte später, im September 2022, auf der Flagge, die den Sarg von Königin Elisabeth II bedeckt.

Den Gründer der Dynastie, Geoffroy Plantagenêt, sehen wir als Abbild auf einer emaillierten Kupferplatte im archäologischen und historischen Museum Jean-Claude-Boulard-Carré Plantagenêt. Die Platte hing früher in der Kathedrale als Hinweis auf die Grablege des Grafen.

In einer Seitengasse nicht weit vom Museum finden wir eine Crêperie für unsere Mittagsmahlzeit. Am Nachmittag sehen wir uns die Kathedrale genauer an und steigen hinunter zum Flussufer der Sarthe, wo die römische Stadtmauer mit ihren dekorativen Mustern am besten erhalten ist (auf dem Frühlingsbild sieht man den Fluss, die Stadtmauer und im Hintergrund die Kathedrale). 

Den nächsten Tag, den Donnerstag, haben wir für einen Tagesausflug von Le Mans nach Angers vorgesehen. Angers liegt flussabwärts auf 12 Metern über dem Meer an der Bahnlinie nach Nantes, die für Geschwindigkeiten von über 200 km/h ausgebaut ist. Sie hat rund 155,000 Einwohner, also rund 10’000 mehr als Le Mans, rund 20’000 mehr als Tours, und rund 30’000 mehr als Bern oder Lausanne.

Nicht weit vom Bahnhof entfernt steht eine der mächtigsten Festungen Frankreichs, das Schloss Angers hoch über dem Fluss Maine. Nicht Angers, sondern wie erwähnt Le Mans war Hauptstadt der Grafschaft Maine. Was den Fluss Maine betrifft, so nimmt er das Wasser der Flüsse Sarthe und Mayenne auf, ist unter diesem Namen nur elfeinhalb Kilometer lang und fliesst dann in die Loire, die ihrerseits in den Atlantik fliesst.

Die Festung Angers liegt auf einem Felsen, von welchem die Stadt gegen einen Angreifer verteidigt werden kann, der mit einer Flotte vom Meer her kommt. Die massiven Türme und Wehrmauern aus dunklem Schiefer und hellem Tuffstein wurden zwischen 1230 und 1242 gebaut unter König Louis IX (Saint-Louis). Dessen Grossvater Philippe Auguste, von einem Bruderzwist im Hause Plantagenêt profitierend, hatte Angers 1214 für die französische Krone zurückerobert. Die Festungsmauer ist zugänglich und bietet einen lohnenden Ausblick.

Angers als Hauptstadt der Grafschaft und des späteren Herzogtums Anjou ist auch Herkunftsort der französischen Anjou-Dynastie, einer jüngeren Seitenlinie der seit dem 10. Jahrhundert herrschenden Kapetinger. Die Anjou waren zeitweise Könige im Kreuzfahrerstaat und von 1246 bis 1442 Könige in Neapel. Andere Königreiche, die zeitweise von der Dynastie regiert wurden: Sizilien, Ungarn, Kroatien, Dalmatien, Albanien, Polen, dazu kamen weitere Herrschaften. Zur Dynastie gehört auch le bon Roi René, der im 15. Jahrhundert in Angers, Tarascon und Aix-en-Provence residierte und dessen Denkmal die Strassenkreuzung bewacht, die wir auf dem Weg zum Schloss überquert haben. Der Sohn von René, Herzog René II von Lothringen, schlägt Karl den Kühnen im Januar 1477 vernichtend in der Schlacht von Nancy, an der auch die Eidgenossen teilnehmen.

Die bekannteste Sehenswürdigkeit der Stadt Angers ist aber nicht die Festung selbst, sondern ein über 100 Meter langer und etwa fünf Meter hoher Wandteppich-Zyklus, der in der Festung aufbewahrt wird. La tenture de l’Apocalypse ist eine Darstellung der Offenbarung des Johannes, des letzten Buches des Neuen Testaments (griechisch Ἀποκάλυψις – die Katastrophen, die darin für die Endzeit prophezeit werden, erklären die heutige Bedeutung des Wortes Apokalypse).

Der grösste je in Europa hergestellte Teppich ist eine Illustration des Bibeltextes in Bildern, die der mittelalterlichen Realität und Vorstellungswelt entsprechen. Bestellt wurde er zwischen 1373 und 1377 vom Herzog Louis Ier d’Anjou, die Entwürfe für den Teppich stammen vom flämischen Hofmaler am Pariser Königshof Jon Bondol alias Hennequin de Bruges, gewoben wurde der Teppich aus Wolle zwischen 1377 und 1382. Der Teppichzyklus wurde hundert Jahre später der Kathedrale von Angers übergeben, wo die Teppiche lange hingen. Mit der Zeit gingen Teile verloren, erhalten sind heute 71 von ursprünglich 90 Szenen. Seit 1954 wird der etwas verblichene Teppich in einem eigens gebauten Gebäude auf der Festung ausgestellt. Für alle, die den Text der Offenbarung nicht auswendig gelernt haben, lohnt sich die Benutzung eines Audioguides. Auch die deutschsprachige Version ist sorgfältig gemacht. Legende zum Bild oben: Die Anbetung des Tieres.

Die Thematik des Weltuntergangs beschäftigte die Menschen im 14. Jahrhundert, sonst hätte man keinen solchen Teppich machen lassen. Sie beschäftigt uns auch heute im Zeitalter der Klimaerwärmung und der daraus voraussichtlich folgenden Verteilungs-, Migrations- und Hungerkrisen. Der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt schreibt in seinem Text Zu den Teppichen von Angers über die Gefahren des Atomkriegs. Die Teppiche von Angers mit ihren Visionen des Weltendes durch Gottes Zorn und der darauffolgenden Rettung der Guten sieht er als ein verlorenes Paradies im Vergleich zu den Schrecken des Weltuntergangs, der die Menschheit sich selbst zubereitet. Der Text von Dürrenmatt wirkte auf mich im ersten Moment etwas verstaubt. Dank der grenzenlosen Weisheit unserer Politikerinnen und Politiker in Amerika, Europa und Russland ist er aber wieder aktuell. 

Beeindruckt vom Wandteppich, setzten wir uns anschliessend im Restaurant Chez Pont-Pont an die Sonne. Das Restaurant liegt nicht weit vom Eingang zur Festung entfernt an der Promenade du Bout du Monde – sollte sie nicht eher Promenade de la Fin du Monde heissen? Wie dem auch sei, wir können das Restaurant empfehlen (übrigens auch das Restaurant in der Festung).

Bevor wir die Stadt verlassen, besuchen wir die Kathedrale Saint-Maurice, die dem legendären Anführer der Thebäischen Legion geweiht ist, der nach der Überlieferung in Saint-Maurice im heutigen Kanton Wallis zusammen mit seinen christlichen Mitstreitern als Märtyrer starb und begraben ist. Sie ist zu erreichen über eine breite Treppe, die vom Fluss aus geradeaus auf den Altstadthügel führt. Die Kirche hat keine Seitenschiffe, dafür ein Querschiff. Die hohen Wölbungen an der Decke seien typisch für le gothique angevin, den lokalen gotischen Baustil. Auch hier gibt es Glasmalereien aus dem 13. Jahrhundert. Da wir nun aber für die Apokalypse sensibilisiert sind, sehen wir uns vor allem die Glasmalereien in der Fensterrose des nordöstlichen Querschiffs an, die nach dem Brand von 1451 gemalt wurden und die in der Offenbarung aufgelisteten Anzeichen für das Weltende darstellen.

Zum Abschluss unseres Ausflugs überqueren wir den Fluss Maine, sehen uns die Altstadt mit Kathedrale und Festung von der anderen Seite des Flusses an, gehen zum Bahnhof Saint-Laud zurück und fahren mit einem Regionalzug nach Le Mans, wo wir ein zweites Mal übernachten.

Am Freitagmorgen fahren wir mit dem Zug in einer Stunde zum letzten Reiseziel, nach Chartres.

Chartres ist eine kleine Stadt mit einer gewaltigen Kathedrale, die wie die Kathedrale in Bourges als UNESCO-Weltkulturgut gilt. Sie wurde in etwa 30 Jahren anfangs des 13. Jahrhunderts errichtet und ist mit ihren gut erhaltenen Statuen und Glasfenstern eine der bekanntesten Kathedralen der Hochgotik.

Wir deponieren zuerst unser Gepäck im Hotel, suchen dann einen Ort, wo wir Kaffee kriegen (die Boulangerie Feuillette sei hiermit empfohlen) und nehmen in der Kathedrale an einer Führung teil.

Es gibt in Chartres eine Führung, die die Institution Kirche anbietet, dabei werden die Krypta und das Innere der Kirche besichtigt, dabei wird auch die religiöse Bedeutung des Baudenkmals erklärt. Es gibt ausserdem eine Führung des staatlichen Centre des monuments nationaux durch die oberen Teile der Kathedrale, dabei stehen architektonische und denkmalpflegerische Aspekte im Vordergrund. Beide Institutionen haben in der Kathedrale unterschiedliche Schalter. Da wir zwei Tage in Chartres verbringen, buchen wir die eine Führung am ersten, die andere am zweiten Tag.

Am Freitag wird jeweils während einigen Stunden das bekannte und seit dem Bau bestehende Labyrinth freigelegt, auf dem sonst Stühle stehen. Plakate weisen darauf hin, wie man auf dem Labyrinth gehen soll. Mitmenschen sind meditativ auf dem Labyrinth unterwegs, einige barfuss.

Wir schliessen uns einer kirchlichen Führung an. Wir besuchen dabei die 105 Meter lange Krypta aus dem 11. Jahrhundert mit der Kapelle Notre-Dame-sous-Terre und sehen einen gallischen Ziehbrunnen, der an der Aussenwand des früheren Kirchenbaus stand, im frühen Mittelalter für die Versorgung der Stadt mit Trinkwasser diente und 1902 wiederentdeckt wurde.

Während der Führung wird darauf hingewiesen, dass beim Brand der früheren Kathedrale 1194 eine grosse Glasmalerei unversehrt geblieben ist. Diese Glasmalerei, Notre-Dame de la Belle-Verrière genannt, befindet sich heute rechts am Beginn des Chorumgangs. Auffallend ist, dass die für sie verwendete blaue Farbe heller ist als das Blau der sie umgebenden und etwas späteren Glasmalereien des 13. Jahrhunderts. 

Bauherr der Krypta war Bischof Fulbert, der Bischof von Chartres war von 1006 bis zu seinem Tod 1028. Er förderte den Marienkult, legte fest, dass Maria am 8. September geboren wurde und ihre Empfängnis deswegen am 8. Dezember gefeiert werden soll.

Gleichzeitig war Fulbert auch Philosoph und Leiter der Schule, die an der Kathedrale von Chartres bestand und bis zur Gründung der Sorbonne in Paris um 1250 eine führende Ausbildungsstätte war. Wissenschaft, das war damals einerseits das Trivium, bestehend erstens aus der Grammatik, zweitens aus der Logik, dazu gehörte die Dialektik, bei der es um die argumentative Beweisführung ging, und drittens aus der Rhetorik, mit wurde erreicht, dass jemand beispielsweise überzeugend vor einem Gericht argumentieren konnte. Aufbauend auf dem einfacheren Trivium – davon abgeleitet der Begriff trivial – ging es im Quadrivium erstens um Arithmetik, zweitens um Geometrie – dazu gehörten auch Geografie und Naturgeschichte, drittens um die Musik und viertens um die Astronomie. Zusammen bildeten diese Wissenschaften die sieben freien Künste (les sept arts libéraux). Warum frei? Weil sie nicht dem Gelderwerb dienten, im Gegensatz zu den handwerklichen Tätigkeiten beispielsweise der Ärzte, die nicht als Wissenschaft galten.     

Die Kathedrale gilt als Haus der Gottesmutter Maria auf Erden, in ihr ist deswegen niemand begraben. Die wichtigste Reliquie ist die sancta camisia, die Karl der Karle / Charles le Chauve im Jahr 876 der Kirche schenkt, ursprünglich ein Geschenk der byzantinischen Kaiserin Irene an Karl den Grossen. Die Reliquie war lange verschlossen, man nahm an, es handle sich um ein Hemd, und ein Hemd ist auch verschiedentlich in der Kathedrale dargestellt, auf der Kanzel, auf einem Schlüsselloch und anderswo. Inzwischen wird die Reliquie, ein grosses Seidentuch, als Schleier Marias bezeichnet.     

In einem Verzeichnis der Glasfenster von Chartres finde ich 176 Fenster. Einige Fenster sind weiss, aber die meisten Fenster sind bemalt; typischerweise sind pro Fenster etwa 25 verschiedene Szenen dargestellt .- man kann die Anzahl Szenen ausrechnen.  Um die Szenen zu verstehen, braucht es Zeit und manchmal ein Fernglas. Auch bei der Betrachtung der Skulpturen an den Portalen sollte man sich nicht beeilen. Sonst verpasst man die Darstellung des Mordes an Thomas Becket am Südportal, die wir lange suchten.

Thomas Becket (um 1119-1170) war Erzbischof von Canterbury. Als solcher hatte und hat er das alleinige Recht, den König von England zu krönen – dies wird bei der für 2023 erwarteten Krönung des neuen Königs Charles III nicht anders sein.

Nun meinten einige Bischöfe, sie könnten Henry the Young King (1155-1183, Sohn von Henry II mit Eleonore von Aquitanien / Aliénor d’Aquitaine) selbst krönen, und sie taten dies im Juni 1170, worauf sie von Thomas Becket exkommuniziert wurden. Sehr zum Ärger von Henry the Young King, der sich darauf in einer Weise äusserte, die von seinen Zuhörern als Aufforderung verstanden wurde, den Erzbischof zu töten. So geschah es dann im Dezember 1170 in der Kathedrale von Canterbury (wir verzichten hier auf eine genauere Schilderung der grausamen Tat). Johannes von Salisbury, Beckets Sekretär, Freund und Augenzeuge des Anschlags, wurde von 1176 bis zu seinem Tod 1180 Bischof von Chartres.

So ist es nicht erstaunlich, dass wir in Chartres eine Skulptur finden, die den Mord darstellt, und dazu ein ganzes Kirchenfenster mit einer Darstellung des Lebens von Thomas Becket, der 1173, nur drei Jahre nach seiner Ermordung, heiliggesprochen wurde.

Zurück zum helleren Blau der Belle-Verrière und der drei grossen Glasfenster an der Westfassade. Dieses Blau wurde oft als bleu de Chartres bezeichnet und es wurde behauptet, man könne diese Farbe heute nicht mehr herstellen. Das Centre des Monuments Nationaux in seiner Publikation zur Kathedrale titelt dazu: Le «bleu de Chartres», une fiction. Die drei Autoren der Publikation schreiben, dass diese blaue Farbe nicht spezifisch für Chartres ist, sondern alle Glasfenster des 12. Jahrhunderts betrifft. Bis zum 12. Jahrhundert verwendete man Glas, das in der Römerzeit vom östlichen Mittelmeerraum nach Europa gekommen war (offenbar vor allem aus dem Soda, das man im Natron Valley / Wadi el Natrun in Ägypten fand). Dieses Glas schmolz man zusammen mit Asche ein und verwendete es wieder, beispielsweise in Chartres. Erst im 13. Jahrhundert gelang es in Europa offenbar, blaues Glas aus einer Mischung von Silizium (Quarzsand), Kalium / Kaliumcarbonat und Kobaltoxyd herzustellen. 

Am letzten Abend essen wir zusammen in einem eher noblen Restaurant.

Am nächsten Morgen reisen wir ab. Es ist ein ruhiger Sonntagmorgen, die Strassen sind verlassen, Nebelschwaden umhüllen die Kathedrale. Nebel sehen wir auch in den Niederungen auf unserer Fahrt nach Paris. Im Sommer haben wir unsere Reise begonnen, im Herbst beenden wir sie. Neben dem Bahnhof Montparnasse nehmen wir den Bus 91, der zum Bahnhof Gare de Lyon fährt. 

Wir haben Fahrkarten nach Belfort-Montbéliard TGV gelöst auf der Website der französischen Staatsbahn. Auf der Website der  SBB haben wir Fahrkarten von Meroux an die verschiedenen Wohnorte unserer Mitreisenden in der Schweiz gekauft. Warum von Meroux? Wie kommen wir denn vom Bahnhof Belfort-Montbéliard TGV zum Bahnhof Meroux?

Mit dem Lift. Unten im Bahnhof Belfort-Montbéliard TGV steigt man am Ende des Bahnsteigs ein und steigt oben im Bahnhof Meroux aus.

Und warum haben die beiden Bahnhöfe, die übereinander liegen, nicht den gleichen Namen? Das bleibt für uns ein Geheimnis. Vielleicht will man die Reisenden davon abhalten, auf diesem eher kurzen und günstigen Weg in die Schweiz zu fahren.

Von Meroux fährt unser Zug jedenfalls direkt nach Delémont und Biel. Wir verabschieden unsere Mitreisenden und hoffen, sie bei einer anderen Gelegenheit wieder zu sehen.

Nach der Besichtigung so bedeutender mittelalterlicher Kulturdenkmäler fragen wir uns: Wie sind die Menschen des Mittelalters? Ich glaube, dass sie uns ähneln. In der gesamten Menschheitsgeschichte sind 800 Jahre ein kurzer Zeitraum. Und doch gibt es Unterschiede. Wahrscheinlich fiel unseren mittelalterlichen Vorfahren nicht ein, an der Existenz Gottes zu zweifeln. Wozu auch, was hätten sie davon gehabt? Glaube und Wissenschaft wurden, wenn ich dies richtig verstehe, nicht als Gegensätze verstanden. Je mehr der Mensch erfuhr, desto mehr Respekt konnte er vor dem Wunder der Schöpfung haben. Es gab ab dem 12. Jahrhundert Strömungen und Menschen, die von der Kirche als Ketzer geächtet wurden: die Albigenser, die Waldenser zum Beispiel. Der Intellektuelle Abaelardus / Abélard forderte die kirchliche und akademische Hierarchie heraus und wurde ebenfalls ausgegrenzt. Aber weder die Katharer noch die Albigenser noch Abélard noch seine Anhänger waren Atheisten.

Ihr Glaube hindert die Menschen des Mittelalters keineswegs daran, leidenschaftlich zu sein in verschiedener Hinsicht. Die Leidenschaft in der Liebe wird ausgedrückt in den Briefen, die die um 1164 verstorbene Héloïse an Abélard schreibt und deren Lektüre hiermit empfohlen sei. Bevor Aliénor d’Aquitaine, Enkelin eines Herzogs und Minnesängers, sich dafür einsetzt, dass ihre Ehe mit König Louis VII im Jahr 1152 annulliert wird, klagt sie angeblich, sie habe einen Mönch geheiratet.

Auch die destruktiven Leidenschaften fehlen nicht. Schon damals sind die meisten Menschen nicht Heilige. Leidenschaftlich ist die Geldgier von Persönlichkeiten wie Jean de Berry, trotz seinen Stundenbüchern, die eigentlich für fromme Stundengebete dienen sollen. Leidenschaftlich ist auch der Machthunger all derer, die für ihre Herrschaft in unzähligen Kriegen kämpfen und kämpfen lassen, töten und töten lassen. Werden sie dafür zur Strafe bis in alle Ewigkeit in der Hölle von Teufeln gepiekst und in Bottichen gekocht? Wir wollen nichts ausschliessen!

In welchen Hotels haben wir übernachtet? In Lyon, Bourges und Chartres übernachteten wir jeweils in zentral gelegenen Mercure-Hotels, in Le Mans im Ibis nördlich des Bahnhofs, in Tours im Hotel Oceania.

Nun zu den Restaurants, denen wir verdanken, dass wir während dieser Reise nicht abgenommen haben: In Lyon empfehlen wir die Brasserie Georges, wo wir den ersten Abend unserer Reise verbracht haben – das Interieur und das Essen wirken traditionell und authentisch, das Publikum ist durchmischt und fröhlich. In Bourges finden wir Le Sénat und Le Beauvoir gut, in Tours Le Chien Jaune und die libanesischen Restaurants und das äthiopische an der Rue du Commerce; auch auf der Place Plumereau haben unsere Kollegen gut gegessen. In Le Mans können wir die Crêperie Le Roy d’Ys empfehlen und das Restaurant Le Vigo, in Angers Chez Pont-Pont, in Chartres für einen Kaffee mit Patisserien die Boulangerie Feuillette, für das Mittagsmenü Le Serpente gleich neben der Kathedrale und das edle L’Amphytrion, wo wir am letzten Abend gut und stilvoll essen und trinken.

Dieser Bericht ist keine abschliessende Beschreibung der besuchten Städte und Kathedralen. Wir haben das erwähnt, was uns beeindruckt hat. Es gibt viel zu sehen. Ein weiterer Besuch lohnt sich bestimmt.

20. August 2022: Zweisimmen und Blankenburg

Die indischen Touristen, die an diesem Morgen mit dem langsamen RegioExpress durch das verregnete Simmental fahren, filmen mit ihren Mobiltelefonen die wolkenverhangenen Berghänge. Das Simmental, bis 1986 durch den Bau einer Autobahn bedroht, ist eine idyllische Berglandschaft geblieben. Und der Regen ist nach wochenlanger Hitze und Trockenheit sehr willkommen.

Am Bahnhof Zweisimmen warten Ernst Hodel und Hansueli Gammeter auf uns. Die pensionierten Würdenträger kennen ihr Dorf und haben ein umfangreiches Buch über Zweisimmen geschrieben. Sie haben für den Besuch der Gruppe ein Tagesprogramm zusammengestellt.

Ernst Hodel beginnt mit einer umfassenden Präsentation der Gemeinde in einem Sitzungszimmer des Gemeindehauses. Die Verantwortung, die der Mann der Exekutive für alle Bereiche der öffentlichen Verwaltung trug, ist auch nach der Pensionierung zu spüren: die Brücken und Strassen in einer weitläufigen Gemeinde, die Schulen, das Spital, die Arbeitsplätze, der Tourismus. Sorgen mit der Hotellerie und die Erleichterung, dass die Bevölkerung – über 3000 Personen – leicht ansteigt und nicht abnimmt wie in den umliegenden Gemeinden.

Im Heimatmuseum, einem Wohnhaus aus dem 17. Jahrhundert, erklärt uns Hansueli Gammeter die typische Bauweise der Region. Ein gemauertes und weiss verputztes Kellergeschoss, darüber das untere Wohngeschoss als Ständerbau mit Stube und Küche, darüber ein oder zwei im Blockbau errichtete Stockwerke für Schlafzimmer, Lagerräume und andere Bedürfnisse. Im Heimatmuseum ist noch die offene Rauchküche erhalten.

Im Untergeschoss des Heimatmuseums befinden sich zwei Webstühle. Im Rahmen der aktuellen Ausstellung erläutert eine Weberin die Technik des Webens und die traditionellen Simmentaler Muster. Unter den Sammlungen des Museums zu erwähnen sind die Werkstatt eines Schusters, die Einrichtung eines Schulzimmers, mit Blumen und Ornamenten bemalte Truhen und schliesslich die Keramiksammlung. Einige originelle Exemplare des Geschirrs des Hafners Abraham Marti (1718-1792) sind zu sehen, der die Lehmvorkommen im Weiler Betelried bei Blankenburg für seine Produktion von Keramik verwendete.

Im Simmental sind Wanderwege markiert, die zu den schönsten Exemplaren der lokalen Baukunst führen, die Simmentaler Hauswege. Aber wie ist das Leben in einem jahrhundertealten Simmentaler Bauernhaus? Wie sehen diese Häuser von innen aus?

Unsere lokalen Führer haben für uns einen Besuch bei einem liebenswürdigen Ehepaar erbeten, deren Haus aus Baumstämmen erbaut wurde, die in den Jahren 1710 und 1711 gefällt wurden, wie ein dendrochronologischer Bericht zeigt. Die beiden haben ihr Haus mit Unterstützung der Denkmalpflege erhalten und modernisiert. Bei der Renovation wurden die Malereien an der Fassade erneuert. Im Innern wurden die mit Farbe überdeckten Dekorationen an Balken und Latten wieder sichtbar gemacht. Erhalten blieb die Luke im Boden eines Schlafzimmers, durch die warme Luft vom Ofen nach oben strömen kann.

Erhalten ist auch die Hausbibel, die beim Verkauf eines Hauses jeweils im Haus bleibt und in der sich die wechselnden Besitzer eintragen.

Von Zweisimmen gehen wir anschliessend in einer halben Stunde zu Fuss talaufwärts zum Weiler Blankenburg. Der Regen hat aufgehört. Zur Mittagszeit erreichen wir das Restaurant Hüsy, das in einem historischen Haus untergebracht ist. Küchenchef Hans-Jürgen Glatz ist nicht nur ein guter Koch, sondern auch ein begabter Scherenschnittkünstler und ein begeisterter Sammler historischer Scherenschnitte.

Die eindrückliche Sammlung zeigt, dass die Kunst des Papierschneidens nicht im Simmental erfunden wurde. Im Simmental, im Saanenland und im benachbarten Pays-d’Enhaut wird die Tradition aber bis heute weiter gepflegt. Viele Exponate zeigen symmetrische Alpaufzüge mit einem traditionellen Bauernhaus in der Mitte.

Der letzte Programmpunkt des Tages ist ein Besuch des Schlosses Blankenburg. Das Schloss war während vier Jahrhunderten eine bernische Kastlanei. Nach dem Ende des Ancien Régime und bis Ende 2009 wurde von hier aus der Amtsbezirk Obersimmental verwaltet.

Heute gehört das Schloss einer Stiftung, die einen Teil der Gebäude vermietet und historische Räume für Anlässe und Veranstaltungen offenhält. In diesen Räumen befinden sich passende historische Möbel, alte Stiche und Malereien, auch von lokalen zeitgenössischen Künstlern.

Besonders erwähnen möchte ich einen Kachelofen von Abraham Marti, der aus einem Simmentaler Haus stammt und kürzlich vom Historischen Museum in Bern nach Blankenburg zurückgekehrt ist.

Wir danken Ernst Hodel und Hansueli Gammeter für ihren Einblick in die Kultur des Obersimmentals und für die Gastfreundschaft!   

9. – 17. Juli 2022: Über die Alpen von Augsburg nach Trient

Zweimal mussten wir die Reise von Augsburg nach Trient wegen der Pandemie verschieben. Nun endlich konnte die Überquerung der Alpen ausserhalb des gewohnten schweizerischen Kontexts stattfinden, mit zehn interessierten und sympathischen Zeitgenossinnen und Miteidgenossen.

Warum Augsburg als Ausgangspunkt, warum Trient als Ziel? Die Distanz zwischen den beiden Städten beträgt etwa 400 Kilometer. Das entspricht ungefähr der Distanz von Freiburg im Breisgau nach Mailand.

Die Städte Augsburg und Trient liegen an der Römerstrasse Via Claudia Augusta. Die Augsburger Brunnen und das mächtige Rathaus sind beeinflusst von der italienischen Renaissance. In Trient stammen die berühmten Malereien der Torre Aquila im Schloss Buonconsiglio von einem Maler der Alpennordseite.

In der Reichsstadt Augsburg hielt sich der König und spätere Kaiser Maximilian I oft auf, hier nahm er an den Reichstagen von 1500, 1503, 1510, 1517 und 1518 teil. In Trient liess er sich 1508 vom Papst zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs krönen, und bis heute sieht man an mehreren Fassaden sein Abbild. Unterwegs zwischen Augsburg und Trient, in der Innsbrucker Hofkirche, steht Maximilians grossartiges Grabmal.

Norden und Süden scheinen durch die Alpen getrennt, sie sind aber doch seit Jahrtausenden miteinander verbunden.

Unsere Reise beginnt am Samstag, den 9. Juli im EuroCity 99 von Zürich nach München. Im Städtchen Buchloe steigen wir aus. Die Schwaben, die in diesem Teil Bayerns wohnen, nennen den Ort ˈbuəxlə, das sieht in phonetischer Schrift etwas exotisch aus, tönt aber vertrauter.

Mit einem Regionalzug erreichen wir zur Mittagszeit die Stadt Augsburg, die grösste Stadt auf unserer Reiseroute. Wir beziehen unsere Hotelzimmer in der Nähe des Bahnhofs und gehen durch die belebte Innenstadt zum Platz vor dem Rathaus. Der Giebel des riesigen Gebäudes ist geschmückt mit einem grossen Reichsadler, darüber ragt das Symbol der Stadt in die Höhe, die Zirbelnuss, der Zapfen einer Zirbelkiefer, oder etwas vereinfacht gesagt: ein aufrechtstehender Pinienzapfen. Am Rand des Platzes essen wir Snacks und trinken Kaffee.

Die eigentliche Besichtigung der Stadt beginnen wir in der Sankt Anna-Kirche. Sie ist ursprünglich die Kirche der Karmelitermönche. In der anfänglich schmucklosen Kirche des Bettelordens baute der reichste Mann der Welt für sich im Stil der frühen Renaissance eine Kapelle, unter der er bis heute begraben ist. Im ruhigen Hof hinter der mittelalterlichen Goldschmiedekapelle geben wir einen Überblick über die Geschichte Augsburgs von der Römerzeit, als die Stadt Augusta Vindelicum Hauptstadt der Provinz Raetia war, über das schicksalshafte Jahr 955, als Otto, Gemahl der im Waadtland geborenen Adelheid, die ungarischen Invasoren entscheidend schlug in der Schlacht auf dem Lechfeld, bis zu den Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs.

Der reichste Mann der Welt oder zumindest Europas, das war der Augsburger Jakob Fugger, genannt der Reiche (1459-1525). Seine Vorfahren waren als Textilunternehmer schon einigermassen reich geworden – in Augsburg stellte man mit Leinen und importierter Baumwolle Tücher aus Barchent her. Den jungen Jakob schickten die Eltern früh nach Venedig, damit er den Handel, den Umgang mit Geld und Gold und die doppelte Buchhaltung erlerne. Der Habsburger Kaiser Maximilian I (1459-1519) hielt sich oft als Gast bei Fugger in Augsburg auf, und wenn er Geld brauchte, dann erhielt er es von Jakob Fugger. Im Gegenzug sicherte sich Fugger Bergbaukonzessionen in den habsburgischen Erblanden und im Reich. Auf den bemalten Flügeltüren aus dem beginnenden 16. Jahrhundert, mit denen die Orgel abgeschlossen werden kann, sind sowohl Fugger als auch Maximilian als Zuschauer himmlischer Ereignisse abgebildet.

Speziell an der Kirche ist der Umstand, dass Fugger Katholik blieb und die Lutherei ablehnte, die St. Anna-Kirche aber bald reformiert wurde, nachdem Luther sich als Augustinermönch 1518 im Karmeliterkloster aufhalten hatte. Der päpstliche Abgesandte Thomas Cajetan (Tommaso de Vio Caetano, lateinisch Gaetanus, also aus Gaeta, von Beruf Philosoph, Theologe, Kardinal) hatte den Mönch nach Augsburg zitiert, wo gerade ein Reichstag stattfand, damit er zumindest einige seiner 95 Thesen, mit denen er am Vorjahr etwas Aufruhr in kirchlichen Kreisen erregt hatte, widerrufe. Die beiden konnten sich nicht einigen. Luther rechnete mit seiner Verhaftung und verliess die Stadt nachts und heimlich. Luthers Porträt aus der Werkstadt von Lukas Cranach hängt in der Kirche und erinnert an den Reformator. Eine kleine Ausstellung thematisiert den Beginn der Reformation in der Lutherstiege, die man vom Kreuzgang aus erreicht.

Nach der Unruhe, die die Reformation über die Stadt und das Reich gebracht hatte, wurde 1555 der Augsburger Religions- und Reichsfrieden verkündet, wegen dem sich Augsburg gerne als Friedensstadt präsentiert. Sehr lange dauerte der Frieden nicht.

Nach dem Besuch der St. Anna-Kirche wollen wir das 1615 bis 1620 im Stil der italienischen Renaissance erbaute Rathaus kennenlernen. Der Bau war bis 1917 das höchste Gebäude Deutschlands – wenn wir Kirchtürme nicht berücksichtigen. Grund für den Bau war das Ziel, mit dem Kongresszentrum den Reichstag wieder vermehrt nach Augsburg zu locken, der zwischen 1500 und 1555 zehnmal in Augsburg tagte, aber nur noch zweimal in den Jahren bis 1600. Dieses Ziel hat der Bau verfehlt, weil Regensburg 1594 zum einzigen Versammlungsort des Reichstags bestimmt worden war. Nur 1713 und 1714 fand der Reichstag noch einmal in Augsburg statt, wegen einer Pestepidemie in Regensburg.

Im Inneren trumpft das Rathaus auf mit Büsten römischer Kaiser und mit dem Goldenen Saal von gewaltigen Dimensionen (32,65 x 17,35 m, Höhe 14,22 m).

Der Saal und das Rathaus überhaupt wurden leider im Februar 1944 durch Bombardierungen bis auf die Aussenmauern zerstört, übrig blieb auch der Rathauskeller. Nach dem Krieg wurde das Rathaus wieder aufgebaut, verwendet wird es bis heute als Rathaus. Die möglichst originalgetreu wiederhergestellten Malereien verherrlichen die weise Herrschaft der Habsburger, vor allem des Kaisers Ferdinand II (Kaiser 1619-1639). Wenig segensreich wirkten sich die religionspolitischen Bestrebungen Ferdinands auf den Baumeister des Rathauses aus: Stadtbaumeister Elias Holl verlor sein Amt 1629, weil er Protestant bleiben wollte.

Auf dem geräumigen Platz vor dem Rathaus steht eine weitere Sehenswürdigkeit Augsburgs, der Augustusbrunnen, erbaut 1589 bis 1594. Oben auf dem Brunnen steht Kaiser Augustus mit ausgestrecktem Arm. Aus den Brüsten von vier weiblichen Hermen spritzt Wasser. Zwei weibliche und zwei männliche Wassergottheiten auf dem Beckenrand symbolisieren vier Flüsse und Bäche (im Bild der Lech – dem Fluss begegnen wir später auf der Reise wieder). Der Brunnen ist das Werk des in den Niederlanden geborenen Hubert Gerhard, der mit Giovanni da Bologna oder Giambologna, eigentlich Jean de Boulogne, gearbeitet hatte, der mit dem Neptunbrunnen in Bologna 1553 bis 1556 einen ähnlichen Brunnen geschaffen hatte.

Zusammen mit zwei weiteren Monumentalbrunnen in der Oberstadt (Merkurbrunnen, Herkulesbrunnen) und allerlei technischen Werken ist das Wassermanagement-System von Augsburg UNESCO-Weltkulturerbe. Einen Brunnen mit fliessendem Trinkwasser haben wir in der sommerlichen Innenstadt aber leider nicht gefunden. Dafür gibt’s Bier im Damenhof, einem nach dem Krieg wiederaufgebauten Renaissance-Innenhof in einem der wiederaufgebauten Fuggerhäuser an der zentralen Maximilianstrasse.

Am Sonntagmorgen schlendern wir durch leere Strassen und durch die Gässchen des von Kanälen durchzogenen Lechviertels zur ältesten Sozialsiedlung der Welt, zur Fuggerei, die bis heute von der Fürstlich und Gräflich Fuggerschen Stiftungs-Administration verwaltet wird. Als Jakob Fugger 1525 starb, standen schon 52 der gegenwärtig 67 Häuser mit 140 Wohnungen. Die Siedlung ist nicht für arbeitsscheue Taugenichtse, sondern für unverschuldet bedürftige katholische Augsburgerinnen und Augsburger, die als Gegenleistung eine Jahreskaltmiete von 0,88 EUR bezahlen und sich zum Beten von drei täglichen Gebeten verpflichten: ein Vaterunser, ein Ave Maria, ein Credo. In der Fuggerei gibt es vier kleine Museen, ein Museum der Geschichte und des Wohnens, ein Museum der Bewohner, ein Museum des Alltags und ein Museum im Bunker, das den Folgen des Krieges gewidmet ist.    

Nach der Fuggerei sind wir reif für einen Besuch im nahegelegenen Geburtshaus von Bertolt Brecht (1898-1956). Die Biographin Marianne Kesting schreibt zu seiner Herkunft: Brechts Jugendzeit in Augsburg steht im Zeichen eines bedeutungsvollen Widerspruchs. Der konsequenteste Kritiker der Bourgeoisie unter den deutschen Dichtern stammt nicht nur aus einem wohlsituierten Elternhaus, er wuchs auch in einer Stadt auf, die von alters her geradezu als ein Zentrum bürgerlichen Selbstbewusstseins und biederen Gewerbefleisses gelten kann. Auch wenn Brecht vor allem durch seine Theaterarbeit in Berlin bekannt wird, widmet er doch eine frühe Sammlung von Gedichten, die Hauspostille, drei Augsburger Freunden.

Nach dem Brechthaus begeben wir uns zum Platz neben dem Dom, wo Funde aus der römischen Zeit ausgestellt sind, darunter das spätere Symbol der Stadt, die Zirbelnuss, bedeutend für den Kult der phrygischen Göttin Cybele, für den es Eunuchen braucht, und der auf einem Mythos beruht, der mit Kastrationen nicht gerade sparsam umgeht.

Im geräumigen Hohen Dom entdecken wir die Gemälde von Hans Holbein dem Älteren, dem Vater des Malers Hans Holbein, der vor allem in Basel und England bekannt wurde. Nach einem Mittagessen besucht ein Teil unserer Gruppe auf eigene Faust das Textil- und Industriemuseum Augsburg, das in einer ehemaligen Kammgarn-Spinnerei untergebracht ist, und ist begeistert.

Mit dem Rest der Gruppe besuchen wir das von Bomben glücklicherweise verschonte Schaezler-Palais mit seiner Gemäldesammlung und seinem barocken Ballsaal, dessen Deckengemälde mit Merkur im Zentrum den durch den Handel erwirtschafteten Reichtum und die Überlegenheit Europas über den Rest der Welt feiert. Anschliessend begeben wir uns zur Kirche Sankt Ulrich und Afra, wo gerade mit einem Festgottesdienst die Ulrichswoche zu Ende geht. Während einer Woche im Jahr wird der Schrein mit den Gebeinen des Stadtheiligen am Rand des Chors ausgestellt.

Das gemeinsame Abendessen, das wir eigentlich für den Samstagabend geplant hatten, haben wir aus praktischen Gründen auf den Sonntagabend verschoben. Wir speisen im Ratskeller, wo es traditionelle deutsche Speisen und gutes Bier gibt.

Am Montagmorgen sind wir früh unterwegs und fahren mit einem Dieseltriebwagen der Bayerischen Regiobahn BRB nach Füssen. Anfangs fährt der Zug in hohem Tempo durch grosszügig angelegte und flache Felder. Weit in der Ferne sind die ersten Erhebungen der Alpen unter einem wolkenlosen Himmel zu sehen. Der Zug fährt wieder durch Buchloe und weiter durch Kaufbeuren nach Süden in eine voralpine Hügellandschaft. Die Strecke wird kurvig, man sieht vermehrt sattgrüne Weiden mit Kühen statt Getreidefelder. Wir sind im Allgäu.

In der Kleinstadt Füssen, Etappenort der Via Claudia Augusta, endet die zweistündige Fahrt in einem Sackbahnhof. Wir gehen in wenigen Minuten zu unserem Hotel, deponieren das Gepäck und betreten die kompakte Innenstadt.

Nach einem leichten Mittagessen in einem Strassencafé besichtigten wir die Klosterkirche St. Mang aus dem 18. Jahrhundert. Die Fresken in der Kirche sind inspiriert von der Lebensbeschreibung des Heiligen Magnus, der im 8. Jahrhundert gelebt haben soll und der auf den Bildern allerlei drolligen Monstern entgegentritt.

Von Füssen aus haben die meisten Mitreisenden am Nachmittag sowohl die Wieskirche (UNESCO-Weltkulturgut) als auch den Touristenmagnet Neuschwanstein besucht.

Die beiden Sehenswürdigkeiten kann man an einem Nachmittag besichtigen unter der Bedingung, dass man mit dem Bus um 14 Uhr zur idyllischen Wieskirche fährt, von dort nach einer knappen Stunde zurückfährt bis zur Haltestelle Hohenschwangau Castles und im Schloss Neuschwanstein die letzte Führung des Tages gebucht hat. Die von 1749 und 1754 erbaute Wallfahrtskirche wurde erbaut, nachdem eine vergessene Holzstatue des gegeisselten Heilands 1746 zu weinen begonnen hatte. Sie gilt als eine typische Kirche des Rokoko-Stils. Das Deckengemälde zeigt Christus, als Zeichen der Versöhnung auf einem Regenbogen sitzend. Gleichzeitig künden Engel an, dass er nächstens auf dem noch leeren Thron Platz nehmen wird, der für das Jüngste Gericht bereitsteht – der Retter der Menschheit droht also gleichzeitig mit der ewigen Verdammnis, wenn wir Menschen nicht spuren – so zumindest meine Befürchtung. Alle Darstellungen in der Kirche haben jedenfalls ihre theologische Bedeutung. 

Neuschwanstein wird jedes Jahr von bis zu eineinhalb Millionen Touristinnen und Touristen besucht, im Sommer sind es über 6000 pro Tag.

Der bairische König Ludwig II, der ohne Familie, nur mit Bediensteten im noch unfertigen Schloss lebte, wurde hier am 11. Juni 1886 gegen Mitternacht abgeholt, nachdem eine ärztliche Kommission ihn drei Tage vorher aufgrund des Studiums von Akten als seelengestört und unheilbar erklärt und entmündigt hatte. Weniger als 24 Stunden später starben Ludwig II und der Psychiater von Gudden unter ungeklärten Umständen im Starnberger See.

Anders als beispielsweise in Versailles oder im Schloss Schönbrunn ist die Anziehung von Neuschwanstein, in der Tourismuswerbung Burg des Märchenkönigs, nicht ansatzweise mit dem Stellenwert des dort wohnenden Herrschers zu erklären. Der schwer übergewichtige Mann mit aufgedunsenem Gesicht war bei seinem Tod mit 41 Jahren weder ein Märchenkönig noch ein wichtiger Akteur in der deutschen Politik. Der Grund für die Anziehung liegt doch eher darin, dass Neuschwanstein als Vorbild für die Schlosskonstruktionen in den Freizeitparks des Walt Disney-Imperiums gilt.

Ludwig II liess sich bei seinem teuren Bauvorhaben inspirieren von Bühnenbildern zu Wagner-Opern, von der Wartburg bei Eisenach, die Ludwig II eigens besuchte, und von verschiedenen mittelalterlichen Darstellungen. 

Für den Aufstieg vom Bus zum Schloss sollte man eine gute halbe Stunde reservieren. Vor dem Schloss (nebenan ein Bild vom Monat Mai nach einem Regenguss) gibt es Schliessfächer für Taschen und Rücksäcke, gratis zu benützende Toiletten und eine Aussichtsplattform, von der aus man das Schloss fotografieren kann.

Die Führungen dauern nur etwa 25 Minuten. Man wird sehr rasch durchgeschleust, fotografieren ist im Innern nicht gestattet. Trotzdem lohnt sich ein Besuch. Bei verschiedenen Führungen wird man auch auf unterschiedliche Details aufmerksam gemacht. Wer die Wagner-Opern kennt, die Ludwig II faszinierten, hat gewiss mehr vom Besuch. Man sollte mit Tannhäuser vertraut sein, mit der Artussage, dem Nibelungenlied, der Parzival-Sage, der Erzählung von Tristan und Isolde, mit der Geschichte von Lohengrin, in der ein Schwan eine wichtige Rolle spielt. Die verschiedentlich auftauchenden Schwäne auf Neuschwanstein sind voller Bedeutung, sind nicht blosse Anspielung auf den Ortsnamen.

Es lohnt sich auch, in Hohenschwangau die Busfahrpläne anzusehen. Unsere Reisegruppe hat es jedenfalls klug vermieden, sich bei der Rückfahrt nach Füssen in einen überfüllten Bus zu quetschen.

In Füssen können wir für ein leichtes Abendessen die Schiffwirtschaft mit biologischen Spezialitäten und freundlicher Bedienung auf der anderen Seite des beachtlichen Alpenflusses Lech weiterempfehlen.

Am Dienstagmorgen fahren wir mit dem Bus über die Grenze nach Reutte in Tirol – die Tickets kauft man beim Fahrer. Von dort sollte ein Zug der Ausserfernbahn nach Garmisch-Partenkirchen fahren, wo man umsteigen und weiterfahren kann mit der Mittenwaldbahn oder Karwendelbahn bis Innsbruck. Beide Bahnstrecken sind anfangs des 20. Jahrhunderts gebaut worden, sie wurden von Anfang an elektrisch betrieben und führen bergauf und bergab mit bedeutenden Steigungen durch sehenswerte alpine Landschaften.

Bis Garmisch fahren wir dann aber mit einem Bus, die Bahnstrecke wird repariert. Von Garmisch nach Mittenwald fährt bei unserem Besuch ebenfalls nur ein Ersatzbus. Die Verantwortlichen der Bahn haben die Strecke von Garmisch nach Süden gesperrt nach einem tödlichen Unfall nördlich von Garmisch. Die unfreiwillige Pause in Mittenwald verwenden wir für ein leichtes Mittagessen und für die Lektüre der Reisenotizen von Montesquieu (1689-1755), der im August 1729 von Süden her durch das Tirol gereist ist und in Mittenwald so fror, dass er heizen musste: Je regarde le Tyrol comme les Alpes qui séparent l’Allemagne et l’Italie. Généralement, ce que j’en ai vu est mauvais. Ce sont des montagnes, la plupart du temps couvertes de neiges et la plupart du temps très stériles.

Endlich fährt der Zug von Mittenwald ab, in Tunnels durchquert er die Martinswand nördlich von Innsbruck, in der Kaiser Maximilian sich bei der Jagd einst verstieg – ein beliebtes Bildsujet – und aus der er gerettet werden musste.

In Innsbruck beziehen wir unsere Hotelzimmer nicht weit von der zentralen Maria-Theresien-Strasse mit der oft abgebildeten Annasäule, die an einen Sieg der Tiroler gegen die Bayern 1703 während dem Spanischen Erbfolgekrieg erinnert. Dann besichtigen wir die auffallendste Sehenswürdigkeit der Stadt, das Goldene Dachl, das von weitem hell glänzt.

Unter dem vergoldeten Dach befindet sich ein Balkon, dessen Seiten mit Reliefs geschmückt sind. Eines der Reliefs zeigt Kaiser Maximilian mit seinen Gemahlinnen Maria von Burgund (1457-1482 – die sportliche Frau starb nach einem Reitunfall) und Bianca Maria Sforza (1472-1510). Eine Ausstellung zeigt weitere Originalreliefs, teilweise mit Narren und Moriskentänzern, die beeindruckende Verrenkungen zeigen, und stellt den Renaissance-Kaiser vor, der oft auch als der letzte Ritter bezeichnet wird, weil er gerne Turniere organisierte und jagte, der sich aber auch schriftstellerisch betätigte und überhaupt alles tat, um nach seinem Tod nicht in Vergessenheit zu geraten.

Sein wichtigstes Werk war rückblickend wohl die habsburgisch-spanische Doppelhochzeit, in der er seinen Sohn und seine Tochter mit dem spanischen Königshaus vermählte, was zusammen mit unerwarteten Todesfällen dazu führte, dass die Dynastie der Habsburger im 16. Jahrhundert die Kontrolle über das spanische Weltreich übernehmen konnte.

Da am Abend alle Mitreisenden zusammen essen gehen möchten, reservieren wir Platz im Restaurant Weisses Rössl in der Altstadt – die etwas versteckte Terrasse, die auch bei den Einheimischen beliebt ist, ist zwar besetzt, aber das Essen können wir empfehlen.

Den nächsten Morgen beginnen wir mit einem Besuch der Hofkirche, in der sich Maximilian mit einem Grabmal verewigt hat, das von 28 Bronzestatuen umgeben ist, welche (mit einer Ausnahme) zwischen 1511 und 1530 gegossen wurden und Vorfahren, Verwandte und Vorbilder des Kaisers darstellen. Die überlebensgrossen Statuen sind in einer Reihenfolge aufgestellt, die mir zufällig erscheint und jedenfalls nicht chronologisch ist. Ein Faltblatt gibt Auskunft darüber, in welchem Verhältnis die dargestellten Personen zu Maximilian und zu anderen Personen im Raum stehen.

Einige Personen spielen auch eine Rolle in der Geschichte der Schweiz, zum Beispiel

  • der Ostgotenkönig Theoderich der Grosse (Lebensdaten um 451 oder 456 bis 526), der seine Tochter nach einem Friedensschluss mit dem späteren König Sigismund von Burgund verheiratete, der im Jahr 515 das Kloster Saint-Maurice gründete, aus Reue darüber, dass er, angestiftet durch seine zweite Frau, seinen Sohn mit der Ostgotin hatte erdrosseln lassen (vermutlich verkörpert Theoderich hier den Herrschaftsanspruch Maximilians über Italien),
  • Graf Albrecht IV von Habsburg (1188-1239), ein Habsburger aus dem Aargau, der während einem Kreuzzug in Palästina (in Askalon, heute Israel) starb, und sein Sohn
  • König Rudolf I von Habsburg (1218-1291), der die vom Vater geerbten Güter im Aargau, im Frickgau, im nördlichen Zürichgau und im Elsass als Graf übernahm, als sein Vater sich auf den Kreuzzug begab, und der als Kompromisskandidat nach dem Interregnum als erster deutsch-römischer König aus der Dynastie der Habsburger gewählt wurde – er war bei der Wahl ein simpler Graf, nicht einmal Herzog; weiter sein Sohn
  • König Albrecht I (1255-1308), der von seinem Neffen in Königsfelden bei Brugg ermordet wurde, und seine Frau
  • Elisabeth von Görz-Tirol (1262-1313), die mit ihrer früh verwitweten Tochter Agnes von Ungarn zu Ehren des Ermordeten die Klosterkirche Königsfelden mit ihren bemerkenswerten und bis heute erhaltenen mittelalterlichen Glasfenstern bauen liess,
  • Herzog Albrecht II (1298-1358), geboren auf der Habsburg,
  • Herzog Leopold III (1351-1386), der mit 35 Jahren in der Schlacht von Sempach umkam,
  • Herzog Friedrich IV (1382-1439), der sich mit seiner unklugen Unterstützung eines Gegenpapstes mit Kaiser Sigismund überwarf, was die Berner dazu ermunterte, 1415 den vorher habsburgischen Aargau zu erobern (andere Eidgenossen schlossen sich an, so wurde die Stadt Baden eine gemeine Herrschaft);
  • Karl der Kühne von Burgund (1433-1477), Gegner der Eidgenossen 1476 bei Grandson und bei Murten und 1477 bei Nancy, und seine Tochter
  • Maria von Burgund (1457-1482), erste und geliebte Ehefrau von Maximilian, die mit ihrer Heirat zunächst verhindern konnte, dass die burgundischen Gebiete, die viel bedeutender waren als die gegenwärtige Region Burgund, zum Königreich Frankreich kamen (den siegreichen Eidgenossen zahlte der französische König Ludwig XI 150,000 Gulden, damit sie ihre Ansprüche auf die Franche-Comté aufgaben – aber definitiv erobert hat Frankreich die Franche-Comté erst zweihundert Jahre später, 1673 und 1674),
  • Margarethe von Österreich (1480-1530), die 1501 in zweiter Ehe in der Kirche von Romainmôtier Philibert le Bel von Savoyen heiratete,
  • Bianca Maria Sforza (1572-1510), die in der Familie ihres Onkels Ludovico Sforza il Moro aufwuchs, der 1500 in einer Episode, die als Verrat von Novara bekannt ist, von einem Schweizer Söldner an die Franzosen verraten wurde.

Und natürlich ist Maximilian dargestellt, nicht aufrecht oder auf einem Thron, sondern auf den Knien als betender Christ.

Auch bei Maximilian gibt es Bezüge zur Schweiz. Als Erzherzog von Österreich hat er erfolglos Krieg gegen die Bündner und die Eidgenossen geführt. 1499 siegten die Bündner an der Calven im Münstertal – ein Denkmal in Chur erinnert bis heute an den Anführer Benedikt Fontana, der in der Schlacht fiel. Im gleichen Jahr fand die Schlacht bei Dornach statt. Dort sind neben dem ehemaligen Kloster hinter einer Glasscheibe eingeschlagene Schädel als Erinnerung an den Schwabenkrieg öffentlich ausgestellt. Weitere Schädel böser Schwaben können im Zeughaus Solothurn besichtigt werden. 

Unter den Statuen sind alle Vorfahren Maximilians in der männlichen Linie seit dem 12. Jahrhundert, von Graf Albrecht IV bis zu Maximilians Vater Kaiser Friedrich III. Abgebildet ist auch sein früh verstorbener Sohn Philipp (1478-1506), nicht jedoch sein Enkel Karl V (1500-1558), der noch lebte, als die letzte Statue gegossen wurde, und der – dank Jakob Fuggers Handsalben – ein Reich übernehmen und weiter vergrössern konnte, das von Ungarn bis Lateinamerika und von Friesland bis Tripoli reichte. Auch Maximilians Mutter Eleonore von Portugal fehlt in der Runde.

Gemäss Maximilians Testament sollten die Statuen in der Kapelle seiner Burg in Wiener Neustadt aufgestellt werden, wo sich auch bis heute die Überreste des Kaisers befinden. Die Statuen wären aber zu schwer gewesen für die Kapelle, die sich nicht im Erdgeschoss befindet. Im 16. Jahrhundert bauten die Nachfahren Maximilians deshalb die Hofkirche mit dem angrenzendem Franziskanerkloster, in dem heute das Tiroler Volkskunstmuseum untergebracht ist. Ein Besuch dort lohnt sich ebenfalls. Mir fällt auf, wie sehr sich die Kunst des alpinen Volkes von der Ästhetik des europäischen Adels unterscheidet.

Wir haben auch die Hofburg Innsbruck besichtigt, die von der Burghauptmannschaft Österreich verwaltet wird. Es sind kaiserliche Appartements zu sehen, die meist leer standen, weil die Herrschenden sich nicht oft in Innsbruck aufhielten. Das Sterbezimmer von Maria Theresias Gatten wurde in eine Kapelle umgebaut. Sehenswert ist der Riesen-Saal, sehr gross, es gab dort früher Darstellungen von Riesen. Fotografieren ist in der Hofburg verboten, aufmerksame Aufseher registrieren verdächtige Bewegungen. Aber der Rüssel eines Elefanten als Trompete, das Detail möchte ich den Leserinnen und Lesern dieser Seite nicht vorenthalten.

Im Ferdinandeum ist das Tiroler Landesmuseum mit sehenswerten Gemälden und Sammlungen zur Geschichte des Bundeslands untergebracht. Bis Ende November 2022 kann man auch die Madonna von Lukas Cranach von nahe betrachten, die sonst, weit von den Betrachtenden entfernt, als Gnadenbild im Dom steht, der zurzeit wegen Renovationsabreiten geschlossen ist.

Zu Innsbruck gehört die österreichische Kaffeehaustradition. Im Café Central von 1884 lebt diese Tradition weiter. Zu ihr gehört nicht nur Kaffee und ein Interieur aus der Gründerzeit, sondern auch eine Auswahl verschiedener Tageszeitungen. Wer Süsses liebt, sollte auch die seit 1803 bestehende Konfiserie Munding nicht verpassen.

Am Donnerstagmorgen setzen wir unsere Reise fort. Bei wolkenlosem Wetter steigen wir in Innsbruck (582 m ü. M.) in den Zug EuroCity nach Bozen, der sich in gemächlichem Tempo auf der zwischen 1864 und 1867 erbauten Bahnlinie zum Brennerpass (1371 m ü. M.) hochwindet. Vom Zug aus sieht man die Kunstbauten der Brennerautobahn, der wichtigsten europäischen Nord-Süd-Verbindung für den Schwerverkehr. Ein Teil der Container und LKWs ist per Bahn unterwegs, der Verkehr ist jedenfalls auch auf der Bahnlinie sehr dicht. Seit 2011 läuft die Hauptbauphase des 55 Kilometer langen Brennerbasistunnels. Dessen Eröffnung verzögert sich laut Presseberichten bis 2032.

Während sich die Architektur der Bauten ändert, sobald man in der Schweiz von der Alpennordseite das Tessin erreicht, ist im Südtirol zunächst keine Veränderung der Bauweise von Dörfern und Kirchen festzustellen. Auch die Altstadt von Bozen mit dem gotischen Dom wirkt nicht sehr südlich. Auf dem Platz neben dem Dom steht ein Denkmal von 1889 für den Minnesänger Walther von der Vogelweide, von dem die Südtiroler annahmen oder annehmen, er stamme aus dem Südtirol. Walther von der Vogelweide äusserte sich selbst aber nicht zu seiner Herkunft, von ihm selbst ist nur die Aussage überliefert: ze Ôsterrîche lernt ich singen unde sagen.

Einen italienischen Einfluss zeigen dafür die Fresken in der Johanneskapelle der Dominikanerkirche. Maler aus dem Veneto haben hier im 14. Jahrhundert Bilder gemalt, für welche die von Giotto ausgemalte Cappella degli Scrovegni in Padua als stilistisches Vorbild gilt.

Bolzano ist die Hauptstadt der autonomen Provinz Bozen in der autonomen Region Trentino Alto Adige. Drei Viertel der 103,000 Einwohner sind italienischsprachig, sonst sind alle Orte der Provinz vorwiegend deutschsprachig.

Wir haben hier am Nachmittag ein ambitiöses Besichtigungsprogramm. Nach dem Dom und der Dominikanerkirche gehen wir durch die Altstadt zum Archäologischen Museum, wo der mumifizierte Ötzi auf uns wartet. Der bis 1991 im Eis konservierte Mann starb im Zeitraum zwischen 3350 und 3100 vor Christus mit etwa 45 Jahren durch einen Pfeil. Seine Kleidung, seine Schuhe, seine Mütze aus Bärenfell, ein Beil aus Kupfer, das aus der Toskana stammt, und andere Gegenstände seiner Ausrüstung sind erhalten. Die archäologische Sensation wird auf mehreren Stockwerken sehr gut präsentiert.

Vom Stadtzentrum fährt Bus 12 zum Schloss Runkelstein (Castel Roncolo). Es ist sehr heiss, als wir den kurzen, aber steilen Weg zum Schloss hinaufgehen. Hitze und Trockenheit haben dazu geführt, dass viele Blätter Mitte Juli schon verfärbt oder zu Boden gefallen sind. Oben im Schlosshof gibt es kühles Bier, im Schloss selbst befindet sich, so steht es im Prospekt des Schlosses, der grösste profane Freskenzyklus des Mittelalters. Die Fresken aus der Zeit um 1400 zeigen höfisch elegant gekleidete Frauen und Männer, Turniere mit Lanzen und Kämpfe mit Streitkolben, mittelalterliche Sagen wie Tristan und Isolde, legendäre Helden und mächtige Herrscher. Kaiser Maximilian weilte im November 1501 auf dem Schloss und liess die Fresken, die ihn beeindruckten, im Stil der Zeit restaurieren. Experten glauben, dass die Fresken auch die Gestaltung seines Grabmals beeinflussten.

Bei der Rückfahrt mit dem Bus halten wir am Siegesplatz und besuchen die Ausstellung unter dem faschistischen Triumphbogen  (1926-1928) mit Säulen aus symbolischen Liktorenbündeln (colonne di fascio littorio). Auf dem Platz war ursprünglich ein Denkmal für die Kaiserjäger geplant, aber Österreich verlor das Südtirol im Ersten Weltkrieg, und Bozen war für Mussolini die Gelegenheit, die Überlegenheit der italienischen Zivilisation über die wilden Bergbewohner beispielhaft zu demonstrieren – die lateinische Inschrift auf dem Triumphbogen drückt diese zivilisatorische Absicht jedenfalls deutlich aus. Die Ausstellung im Untergeschoss des Siegesdenkmals gibt einen guten Einblick in die Geschichte Bozens und zeigt, wie schwierig die Lage der Südtiroler Bevölkerung zwischen den zwei Weltkriegen war. Sie wurde vor die Wahl gestellt, entweder die eigene Sprache und Kultur gänzlich zu verleugnen oder sich als Reichsbürger in den von den Nationalsozialisten eroberten Ostgebieten niederzulassen.

Gegenüber der Altstadt, am rechten Ufer des Flusses Talfer (italienisch Talvera), entstand in den 1920-er Jahren ein moderner Stadtteil. Auf der Piazza del Tribunale ist bis heute ein monumentales Relief zu sehen, das die faschistische Ideologie illustriert. In der Mitte sieht man Benito Mussolini auf einem Pferd mit seinem Motto credere obbedire combattere (glauben, gehorchen, kämpfen). Statt das Relief zu zerstören, gehen die Bozener beispielhaft mit dem heiklen Denkmal um. Auf Schautafeln wird der Inhalt des Reliefs erklärt. Gleichzeitig wird dieser aber in Frage gestellt durch das Zitat Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen in den drei Sprachen ladinisch, deutsch und italienisch.

Dank dem Autonomiestatut ist das Südtirol heute eine der wohlhabendsten Regionen Europas und vielleicht auch generell ein Modell für die Lösung ethnischer Minderheitenfragen.

Für die letzten zwei Tage unserer Reise fahren wir weiter in den Süden nach Trient, italienisch Trento, Hauptstadt der autonomen Provinz Trento innerhalb der autonomen Region Trentino Alto Adige. Bevölkerungsmässig ist die Stadt etwas grösser als Bozen und etwas kleiner als Innsbruck.

Das Trentino ist italienischsprachig. Sobald man vom Bahnhof Trient in Richtung Zentrum geht, erblickt man das unübersehbare, 1896 eingeweihte Denkmal für Dante Alighieri. Das Gebiet war bis 1918 ein Teil Österreichs, und die österreichischen Behörden waren durchaus stolz auf die kulturelle Diversität ihres Landes und kooperierten, damit das Denkmal aufgestellt werden konnte. Im Weltkrieg bezeichneten die späteren Siegermächte dann aber Österreich-Ungarn als Völkergefängnis, und nach 1918 wurde das Kaiserreich in ethnische Nationalstaaten aufgeteilt.

Betrüblich war das Schicksal der italienischen Irredentisten aus dem Trentino, die im Krieg für Italien kämpften. Ihr bekanntester Vertreter war wohl Cesare Battisti, für den 1935 auf dem Hügel Doss Trento ein weithin sichtbares Mausoleum errichtet wurde. Als Staatsangehörige Österreich-Ungarns wurden er und seine Mitkämpfer nicht als Kriegsgefangene betrachtet, sondern als Landesverräter erschossen.    

In der Altstadt von Trient beachten wir an der Fassade des Palazzo Salvadori, Via Manci 67 ein Medaillon aus dem 17. Jahrhundert mit einer Darstellung des Martyriums des dreijährigen Simonino, der in der Osterzeit 1475 tot aufgefunden wurde und von dem es hiess, er sei Opfer eines jüdischen Ritualmords geworden. Vierzehn Juden wurden nach einem Prozess hingerichtet, alle Juden aus der Stadt ausgewiesen. Viele Wunder wurden angeblich durch den kleinen Simon von Trient bewirkt. Trotz anfänglicher Verbote der Kirche, das tote Kind zu verehren, entwickelte sich ein Kult, und in der Kirche San Pietro wurde ihm eine eigene Kapelle gewidmet. Erst 1965 wurde der Kult abgeschafft. Die Kapelle gibt es nicht mehr, aber auf einem Holzrelief an der Eingangstüre der Kirche ist Simon noch zu sehen.

Die Altstadt von Trient ist sehenswert wegen der vielen palazzi aus der Zeit der Renaissance, die vor dem Konzil von Trient (1545-1563) neu gebaut, renoviert oder zumindest mit Fresken versehen wurden und in denen die abgesandten Kirchenvertreter während des Konzils wohnten. Wir sehen uns auf dem Weg zum Domplatz einige dieser Gebäude von aussen an und besichtigen nach einer Kaffeepause das Museo diocesano. Ein Teil der Ausstellung ist dem Konzil von Trient gewidmet, auf dem die katholische Kirche ihre Strategie gegen die Reformation entwickelte.

Gegen Ende des Nachmittags haben wir Eintritte in das Schloss Buonconsiglio reserviert. Zwischen unserem Hotel an der Via Torre Verde – das Thermometer neben dem Hotel zeigte 39 Grad – und dem Schloss legen wir eine kurze Distanz zu Fuss an der prallen Sonne zurück. Es ist der heisseste Moment der Reise.

Die Ausstellung im Schloss bietet einen guten Überblick über die Stadtgeschichte von der Römerzeit bis heute, zu erwähnen die Tabula Clesiana aus dem Jahr 46 mit einem Edikt auf einer vollständig erhaltenen Bronzetafel, die 1869 gefunden wurde. Sehenswert ist nicht zuletzt das Schloss selbst mit den vielen baulichen Anpassungen des Fürstbischofs Bernardo Clesio (1484-1539), der an vielen Orten sein Zeichen für Unitas (Einheit) hinterlassen hat und an einer besonders schönen Stelle, in der Loggia des obersten Stockwerks, den Rat des Apollotempels von Delphi samt der lateinischen Übersetzung Γνῶθι σεαυτόν id est cognosce te ipsum («erkenne dich selbst»).

Bernardo Clesio oder Bernhard von Cles wurde nach seinem Studium in Bologna Berater von Kaiser Maximilian, als Humanist korrespondierte er mit Erasmus, er war Geheimrat in Wien und wurde vom Papst 1530 zum Kardinal ernannt. Es ist nicht zuletzt seinen Bemühungen zu verdanken, dass das Konzil in Trient stattfand. Vielleicht erhoffte er sich anfänglich eine Einigung mit den Reformierten. Den Beginn des Konzils erlebte der Mann nicht mehr.

Wichtigste Sehenswürdigkeit des Schlosses Buonconsiglio ist der ciclo dei mesi, eine Darstellung der Monate des Jahres. Im Jahre 1400 beauftragte Fürstbischof Georg von Liechtenstein einen ausländischen Maler, vermutlich aus Böhmen, mit der Ausführung der zwölf Malereien, von denen elf gut erhalten sind (der Monat März fehlt). Zu sehen sind einerseits die Adeligen, die gerne paarweise herumstolzieren oder sich auch mal – im Januar – eine Schneeballschlacht liefern, die Bauern, die die Felder bestellen, und die Natur, die sich im Laufe des Jahres verändert. Die Fresken bilden die Wirklichkeit ab, aber die Perspektive ist noch nicht realistisch wie in der Renaissance, und die wichtigen Figuren, die Adeligen, sind grösser dargestellt als die weniger wichtigen.

Am nächsten Morgen fahren wir in 13 Minuten mit dem Zug in die Kleinstadt Rovereto. Hier gibt es eine mittelalterliche Altstadt und ein grosses Museum über den Ersten Weltkrieg. Wir haben aber den Besuch des Museo d’arte moderna e contemporanea di Trento e Rovereto (MART) auf unserem Programm. Es ist eines der bedeutendsten Museen für moderne und zeitgenössische Kunst in Italien. Wir kommen nach einer Beschäftigung mit Fugger und Maximilian also wieder in der Gegenwart an.

Das Museum in Rovereto, erbaut vom Tessiner Architekten Mario Botta, stellt eine Sammlung von Futuristen und anderen Vertretern der italienischen Moderne aus. Dieser Teil besetzt bei unserem Besuch nur etwa einen Viertel der Ausstellungsfläche. Am meisten Platz wird für Sonderausstellungen freigehalten. Erwähnen möchte ich eine Ausstellung des New Yorkers Alex Katz (bis 18. September 2022). Besonders bedeutend finde ich die Ausstellung (bis 9. Oktober 2022) von Malereien, Skizzen und vor allem Skulpturen des Italieners Giovanni Vangi (geboren 1931). Der Künstler aus der Toskana hat nach seiner Ausbildung über zehn Jahre lang in Brasilien gelebt und gearbeitet, damals interessiert an abstrakter Kunst, bevor er nach Europa zurückkehrte und sich der Darstellung menschlicher Figuren zuwandte.

Am letzten Abend unserer Reise essen wir gemeinsam im Restaurant Al Chistè in Trient, die Tische stehen in einer belebten Seitengasse. Die Speisen sind italienisch, aber die österreichische Herrschaft hat in der regionalen Küche des Trentino eine Spezialität hinterlassen: canederli – Knödel. Was die Getränke anbelangt, so sind wir im Land des Weines, und da kommt uns zugute, dass ein Teilnehmer unserer Reise selbst in Italien Wein angebaut hat. 

Unsere Rückfahrt von Trient in die Schweiz am 17. Juli beginnt am frühen Morgen. Wir haben zwei Tage vorher erfahren, dass der Bahnhof Bozen am Vormittag gesperrt werde wegen der Entschärfung einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg, die bei Bauarbeiten gefunden wurde. Im Hotel kriegen wir freundlicherweise ein unüblich frühes Frühstück.

Dann sind wir weg, fahren vorbei an den Felswänden, die im morgendlichen Sonnenlicht leuchten, steigen in Bozen aus, wo gerade 4833 Bewohnerinnen und Bewohner evakuiert werden, und verlassen die Stadt mit dem letzten Zug vor der Sperrung, der uns nach Meran bringt. Zwischen Meran und Töll werden Tunnel saniert, deswegen steigen wir für eine zehnminütige Fahrt in einen Ersatzbus. Dann fahren wir über eine Stunde lang mit einem modernen Dieseltriebwagen durch den wolkenlosen Vinschgau mit seinen Apfelkulturen flussaufwärts, dem Fluss Etsch (Adige) entlang.   

In Mals (Malles Venosta) steigen wir um in ein gelbes Postauto. Der Fahrer bewältigt die heikle Durchfahrt durch das enge Stadttor von Glurns (Glorenza) meisterlich, dann geht es weiter über die Calvenbrücke und über die Grenze bei Müstair – das Weltkulturgut mit seinen karolingischen Fresken lassen wir vorbeiziehen. Vom Ofenpass aus sehen wir bei einem Blick zurück den weiss glänzenden Gletscher des Ortlers (3905 m ü. M.), der unter einem wolkenlosen und gnadenlosen Himmel noch etwas der Hitze trotzt. Dann geht die Fahrt weiter und abwärts durch den ausgetrockneten Nationalpark.

In Zernez finden wir ein Restaurant in der Nähe des Bahnhofs, bleiben aber nicht lange, fahren weiter mit der Rhätischen Bahn bis Malans – dort gibt es wieder Weinberge – und Landquart. Wir sind, wie am Morgen bei der Abfahrt, wieder in einer Schwemmebene, die eingeklemmt ist zwischen Bergen. Kurz vor Zürich verabschieden wir uns von unseren Mitreisenden, die uns seither etwas fehlen.

Gibt es Unterkünfte, die wir weiterempfehlen können?

In Augsburg haben wir im Ibis Hauptbahnhof übernachtet, das war praktisch und nicht schlecht, aber unsere erste Wahl wäre das Hotel City am Kö näher an der Altstadt gewesen, das allerdings schon im Mai nicht mehr die benötigte Anzahl Zimmer für unsere Reisedaten anbieten konnte. In Füssen übernachteten wir im komfortablen Hotel Hirsch, einem grossen Bau an der Strasse. Auch in Füssen lohnt sich eine frühe Buchung während der Hauptreisezeit. In Innsbruck verbrachten wir zwei Nächte im Hotel Central, zu dem das Café Central mit Wiener Kaffeehausatmosphäre gehört. Das Hotel ist sehr gut gelegen, komfortabel, bietet auch ein gutes Frühstück. In Bozen empfehlen wir das von einer Familie geführte Hotel Feichter. Es hat zwar offiziell nur zwei Sterne, aber das bedeutet wenig. Das Hotel liegt günstig, die Zimmer sind schön und zweckmässig eingerichtet, das Frühstück grossartig, und wenn der Koch nicht in den Ferien ist, gibt es dort auch gute, gesunde und preiswerte Mittagessen. In Trient schliesslich empfehlen wir das Hotel America, nicht weit vom Bahnhof und gleich am Rande der Altstadt. Geschätzt haben wir dort besonders, dass das Hotel uns am Tag unserer Rückreise morgens um 6 Uhr ein komplettes Frühstücksbuffet bereitgestellt hat.

Der Gründer des Hotels America war auch, wie Giovanni Vangi, ein Rückkehrer aus Amerika. Beide haben wohl verstanden, dass es auch auf dem europäischen Kontinent Möglichkeiten gibt. Ich meine auf dem europäischen Subkontinent, der zu Eurasien gehört und an guten Beziehungen zum Rest Eurasiens besonders interessiert sein müsste.

Fassadenmalereien in Trient zeigen Balkone, auf denen Kaiser Maximilian und andere Würdenträger sich unterhalten. Über die Balkonbrüstungen sind Orientteppiche gehängt. Nicht nur zwischen Norden und Süden findet seit Jahrhunderten ein Austausch statt, sondern auch, wenn nicht gerade Krieg herrscht, zwischen Osten und Westen.

28. Mai 2022: Einsiedeln und die Ufenau

9. – 17. März 2022: Neapel und die Küste von Amalfi

21. – 29. August 2021: Gotische Kathedralen in der Champagne und der Picardie

Genf, 8. Mai 2021 – auf den Spuren von Calvin, Rousseau, und Dunant

Sion, 6. März 2021

Zehn Wanderungen in Zeiten der Pandemie – November 2020 bis Februar 2021

Wenn das Reisen in Gruppen verboten ist, bleibt als Ausweg das Gehen allein oder zu zweit in der näheren Umgebung. Ein Bericht über zehn Wanderungen durch schweizerische Kultur- und Naturlandschaften, meist abseits der bekannten Wanderrouten. Sieben Wanderungen führen geradeaus nach Osten, drei nach Westen. Eine Wegbeschreibung finden Sie hier

Kulturreise Graubünden, 19.-25. Oktober 2020