Ausflüge und Reisen mit Kultur

chtour.ch organisiert 2020 vier einwöchige Reisen ins Ausland und sechs Tagesausflüge klimafreundlich mit der Bahn. 

An den Orten, die wir besuchen, interessieren uns die Bezüge zu Geschichte, Literatur, Philosophie und Religion.

Für die einwöchigen Reisen finden Sie das Detailprogramm mit Preisangaben jeweils drei Monate zum Voraus auf der Website. Anmeldeschluss für die einwöchigen Reisen ist jeweils eineinhalb Monate vor der Reise, denn die geeigneten Hotels sind früh ausgebucht.

Die Detailprogramme für die Tagesausflüge finden Sie spätestens zwei Monate zum Voraus auf unserer Website. Änderungen bleiben vorbehalten. Wir sorgen aber dafür, dass wir an den angegebenen Daten etwas anbieten können.

18. Januar 2020 Wir besuchen die höchstgelegene Stadt Europas im Winter – La Chaux-de-Fonds, UNESCO-Weltkulturgut. Bei einer Führung des Tourismusbüros entdecken wir die Innenräume der Stadt im lokalen Jugendstil (“style sapin”). Details hier

1.-8. Februar 2020 Mailand, Pavia, Genua – europäische Kultur kennenlernen. Kirchenväter, Langobardenkönige, Kriegsunternehmer, der Heilige Gral, die italienische Moderne. Nach Mailand und Pavia nehmen wir uns Zeit für Genova, la Superba. Kaum eine Stadt wird so sehr unterschätzt. Details hier

21. März 2020 Die Kulturstadt: Basel (Tagesausflug). Die Details finden Sie hier spätestens Mitte Januar.

18. April 2020 Die andere Zähringerstadt: Vormittags Stadtrundgang in Fribourg, nachmittags Besuch des Klosters Hauterive (Tagesausflug). Die Details finden Sie hier spätestens Mitte Februar.

2.- 10. Mai 2020 Hohenzollern und Württemberg – Geschichte und Literatur. Wir fahren durch das obere Donautal, besuchen die Schlösser in Sigmaringen (Bild) und Hohenzollern und erreichen  Tübingen. Den zweiten Teil der Reise verbringen wir in Stuttgart. Die württembergische Hauptstadt ist ein Kulturzentrum. Etwas ausserhalb besuchen wir die königliche Sommerresidenz in Ludwigsburg sowie Marbach am Neckar, Herkunftsort von Friedrich Schiller und Standort des deutschen Literaturmuseums der Moderne. Nicht zufällig findet die Reise während der Spargel-Saison statt. Das genaue Programm finden Sie hier spätestens Ende Januar.

20. Juni 2020 Was hat Bern im Jura verloren? Ein Tag im neusten Kanton der Schweiz und in der Kantonshauptstadt Delémont (Delsberg), an dem es auch um die Geschichte des Jurakonflikts geht. Genaue Angaben zum Programm finden sie hier spätestens Mitte April.

15. August 2020 Am Vormittag Stadtrundgang in Burgdorf, am Nachmittag Besuch des Gotthelf-Museums in Lützelflüh (Tagesausflug).

5. – 13. September  2020 Kathedralen und Champagner. Auf dieser Reise besuchen wir gotische Kathedralen in der Champagne und der Picardie. Hier wurde das Frankenreich vor über 1500 Jahren christlich, hier ist die Gotik entstanden. Die meisten besuchten Städte liegen abseits des Massentourismus. Details hier

3.-11. Oktober 2020 Von Augsburg nach Verona. Kultur an der jahrtausendealten Verbindung von Deutschland nach Italien. Bahnfahrten durch das Gebirge auf der Mittenwaldbahn und über den Brenner. Aufenthalte in Augsburg, Füssen (Besuch des UNESCO-Weltkulturguts Wieskirche), Innsbruck (Tirol), Bozen (Südtirol), Trient (Planungsort der Gegenreformation) und schliesslich Verona (“Welschbern”). Das genaue Programm finden Sie hier spätestens Ende Juni.

17. Oktober 2020 oder 21. November 2020: Ziel und Thema des Ausflugs legen wir im Lauf des Jahres fest.

6.-13. Februar 2021 Städte der Lombardei – Monza, Bergamo, Brescia, Mantova, Cremona

Unsere Preise

Für die einwöchigen Reisen bewegen sich unsere Preise im gleichen Rahmen wie bisher – Genaueres in den Angaben zur Studienreise Savoyerdynastie (September 2019) und zur Reise nach Genua (Februar 2020).  

Die Teilnahme an unseren Tagesausflügen kostet weiterhin bescheidene 10 Franken pro Person (nur Barzahlung; in diesem Betrag sind Eintritte, Anreise, Reise-Etappen und Rückreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht inbegriffen). Der Beitrag an unsere Kosten wird zu Beginn der Führung einkassiert.

Anreise und Rückreise

Die Treffpunkte für die Tagesausflüge sind so gewählt, dass wir Anreise und Rückreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln empfehlen können. Für die Tagesausflüge kaufen sich die Teilnehmenden ihre Fahrkarten selbst. In der detaillierten Ausflugsbeschreibung sind Anfangspunkt und Endpunkt der Rundgänge und Führungen erwähnt.

Wir weisen in den Detailinformationen auf die Anreise und Rückreise von und nach Bern hin, wünschen uns aber Teilnehmerinnen und Teilnehmer von überall her! 

Unsere Leistung

Die Organisatoren der Rundgänge und Ausflüge, Michael Tschanz und Ayten Babayeva Tschanz, bereiten sich thematisch vor. Ihre thematischen Erläuterungen dauern in der Regel ein bis zwei Stunden, in verdaulichen Portionen, und an den Orten, die zu den jeweiligen Themen passen.

Verpflegung auf Tagesausflügen

Über die Mittagszeit (etwa 12 bis 13.30 Uhr) verpflegen sich die Teilnehmer selbst. In der Regel finden die Mittagspausen an Orten statt, wo ein gutes Angebot an Restaurants, Imbissstuben und Einkaufsmöglichkeiten besteht.

Anmeldung

Wir bitten auch bei unseren Tagesausflügen um eine Anmeldung per E-Mail an chtour@chtour.ch, wenn möglich einige Tage vor dem Ausflugstermin.

Versicherung während der Tagesausflüge

Die Teilnehmer an Führungen und Tagesausflügen sind für sich selbst verantwortlich. Sie passen auf sich auf und melden sich frühzeitig, wenn sie sich auf Rundgängen und Wanderungen körperlich überfordert fühlen. Bei Tagesausflügen wird von chtour.ch jede Haftung für Teilnehmer abgelehnt.

Gruppen, Vereine, Firmen

Für bestehende Gruppen, Vereine Firmen usw. wiederholen wir die Tagesausflüge gerne zu einem anderen Zeitpunkt.

Participants romands

Dès que nous aurons parmi nous des participants francophones, nous donnerons nos explications dans les deux langues.

Blog

Montbéliard, 7. Dezember 2019

Kann das gut gehen? Die Prognose von Meteofrance: Regen in Montbéliard, den ganzen Tag lang.

Wir wollen mit der Bahn nach Frankreich, aber die Angestellten der SNCF haben einen Streik angekündigt, um gegen eine geplante Rentenreform der Regierung Macron zu protestieren, die im Detail noch nicht bekannt ist, ausser dass es um die Abschaffung der régimes spéciaux de retraite gehen soll, der Sonderregelungen für bestimmte Berufsgruppen.

Am 5. Dezember zeigen die Abendnachrichten von TF2 leere Bahnhöfe. Die Bevölkerung steigt um auf Velos, Trottinette und dergleichen oder arbeitet von zu Hause aus. Der Streik wird befolgt, und er soll auch an den folgenden Tagen fortgesetzt werden.

Ein Teilnehmer bietet mir an, mitzuhelfen beim Autotransport von Teilnehmern von der Grenze bis Montbéliard. Ich studiere Busfahrpläne. Eine Verbindung von Delle nach Montbéliard wäre mit den Verkehrsbetrieben von Belfort und Montbéliard optymo und evolity zwar möglich, aber können wir sicher sein, dass die Busfahrer nicht auch streiken? Und wie steht es mit der Teilstrecke von Boncourt, dem letzten Bahnhof in der Schweiz, nach Delle, dem ersten Halt in Frankreich?

Wir wählen am Schluss eine Option, die auch in Frankreich populär ist: le covoiturage. Mit drei Autos warten wir in Boncourt, als die unerschrockenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Zug ankommen.

Es ging bei diesem Ausflug in die Grenzregion hinter der Ajoie darum, eine kleine Stadt kennenzulernen, die trotz ihrer Nähe zur Schweiz vielen unbekannt ist.

Mit dem Auto nach Belfort zu fahren wie ursprünglich mit dem Zug geplant macht allerdings wenig Sinn. Wir werden Belfort bei einer nächsten Gelegenheit besuchen.

Dafür schlagen wir nach einer Kaffeepause in Delle einen kleinen Umweg über ein kleines Dorf vor. Es heisst Saint-Dizier l’Evêque.

Um das Jahr 670 wurde ein Bischof mit Namen Desiderius auf seiner Rückreise von Rom von Banditen erschlagen. Der Sarkophag in der Kirche, in dem der Heilige vom 7. bis zum 10. Jahrhundert gelegen hatte, erhielt im Lauf der Zeit eine neue Funktion. Im 18. Jahrhundert stiegen Kranke durch die seitlichen Öffnungen in den Sarkophag. Der Aufenthalt im Sarkophag half zusammen mit anderen Therapien gegen Kopfschmerzen und gegen verschiedene Formen der Verrücktheit. Um den Einstieg herum ist der populäre Stein, «la pierre des fous» genannt, ganz abgewetzt.

Die leere Kirche bietet die Gelegenheit, etwas über die Geschichte der “Burgundischen Pforte” (französisch «Trouée de Belfort», englisch “Belfort Gap”) zu erzählen, über den unsinnigen Krieg 1870/71 sowie über den Widerstand der Festung Belfort unter dem Kommando des Protestanten Pierre Philippe Denfert-Rochereau (1823-1878), der dazu führte, dass Belfort bei Frankreich blieb als Hauptort eines neu geschaffenen Departements mit dem Namen «Territoire de Belfort».

Von Saint-Dizier fahren wir nach Montbéliard, finden gut gelegene Parkplätze, gehen zu Fuss über den Kanal und den Fluss Allan und machen einen thematischen Rundgang durch die Altstadt auf den Spuren des württembergischen Renaissance-Architekten Heinrich Schickart.

Sehenswert sind die Anlage der Vorstadt «Neuve-Ville», der Schwabenhof oder la Souaberie, die Kirche Saint-Martin und – wenn auch nicht von ihm gebaut – der Gebäudekomplex Les Halles, der in verschiedenen Phasen von 1535 bis 1626 errichtet wurde.

Über die Mittagszeit finden einige Teilnehmer Platz in einem Restaurant, andere verköstigen sich im gastronomischen Teil des Weihnachtsmarktes «Lumières de Noël».

Am Nachmittag setzen wir den Rundgang fort und berichten den Teilnehmern, wie eine Tochter der Stadt aus bester lutherisch-württembergischer Familie Zarin von Russland wurde.

Wer wollte, konnte im Anschluss daran noch das Museum im Schloss und das Wohnmuseum im Hôtel Beurnier-Rossel besichtigen, oder zeitgenössische Kunst von Anita Molinero im CRAC (Centre régional d’art contemporain) bestaunen.

Den ganzen Tag lang habe ich einen Regenschirm mit mir herumgetragen. Gebraucht habe ich nicht. Unser Dank geht an den heiligen Petrus, an die Fahrer mit ihren Privatautos und an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, für ihr Interesse und ihren Wagemut.

Von Baku nach Bern auf dem Landweg (20.-29. November 2019)

Der folgende Beitrag beschreibt nicht eine organisierte Reise von chtour.ch, sondern den Landweg von der Hauptstadt Aserbaidschans nach Bern. Die Reise machen vier Männer ohne langfristige Vorbereitungen oder Reservationen.

Der bequemste Weg ins westliche Nachbarland Georgien ist der Nachtzug von Baku nach Tbilisi. Den wollen wir nicht nehmen. Wir ziehen es vor, tagsüber zu reisen, um zu sehen, wie die Landschaft aussieht und wie sie sich verändert.

Ein Triebwagenzug, hergestellt von der Firma Stadler Rail, fährt am Vormittag von Baku nach Ganja (aserbaidschanisch Gəncə, ausgesprochen etwa «Gändschä»), etwa 360 Kilometer im Westen. Von dort aus haben wir die Absicht, bis ins 200 Kilometer entfernte Tbilisi mit dem Bus weiterzureisen, denn ausser dem Nachtzug gibt es keine Zugsverbindung nach Georgien.

Die Fahrt mit dem Zug beginnt mit dem Kauf des Fahrscheins. Wir gehen am Vorabend auf den Bahnhof, aber der erste Gang ist umsonst: die Schalterbeamten verlangen die Pässe oder zumindest Passkopien. Also zurück ins Hotel und einen zweiten Versuch wagen.

Sowohl in Aserbaidschan als auch in Georgien haben die Staatsbahnen elektrische Triebwagenzüge der Schweizer Firma angeschafft, jeweils vier Waggons, die sie auf der wichtigsten Strecke des Landes einsetzen.

Die neue postsowjetische Klassengesellschaft zeigt sich in den drei Klassen von Sitzplätzen, die in diesen neuen Zügen verkauft werden. Für die erste Fahrt begnügen wir uns mit der zweiten Klasse.

Am nächsten Tag sind wir früh am Bahnhof. Lächelnde Schaffnerinnen weisen uns die reservierten Plätze zu – auch sie wollen die Pässe sehen. Wir haben genügend Zeit, lassen das Gepäck im Zug und kaufen in den kleinen Läden im Bahnhof etwas zu essen und zu trinken für unterwegs. Der neue Zug hat saubere Fenster, die Toiletten sind geputzt, an einem Automaten kaufen kinderreiche Familien während der Fahrt Getränke und Süssigkeiten.

Der Zug fährt um 08.45 Uhr ab, beschleunigt durch die Stadt und die Vororte, gleitet durch eine weiss-gelblich-bräunliche Halbwüste, die Sonne scheint, man sieht Rohrleitungen, Stromkabel, Strassen und Pisten, Güterzüge mit Zisternenwagen, eine Zementfabrik, Zulieferbetriebe für die Ölindustrie, später eine Ebene mit Schafherden, dahinter kahle Hügelzüge, manchmal einen Bewässerungskanal, Felder, Siedlungen mit Gärten und Bäumen. Nach knapp vier Stunden kommen wir pünktlich in Ganja an.

Der Taxifahrer, der in Ganja gleich an der Tür des Zuges seine Dienste anbietet, bringt uns nicht zum Busbahnhof, wie wir ihn gebeten haben, aber immerhin an einen Ort, wo die Busse zwischen Baku und dem Westen des Landes halten. Das verstehen wir, als wir im Bus nach Tovuz sitzen und den Avtovağzal von Ganja durch das Fenster sehen. Immerhin hat der Taxifahrer sich vorher fürsorglich beim Buspersonal um einen günstigen Fahrpreis bemüht. Die Landschaft wird inzwischen fruchtbarer, die Landwirtschaft wird intensiver betrieben, vielerorts stehen Treibhäuser.

Die Toilette auf dem Busbahnhof von Tovuz gehört nicht zu den Höhepunkten unserer Reise. Dafür finden wir dort ein Taxi, das uns an die Grenze bringt zur Roten Brücke, Qırmızı Körpü, russisch Красный мост. Es gibt dort viele Fahrzeuge, viel Betrieb und viele Wechselstuben auf der aserbaidschanischen Seite. Nur wenige Autos fahren von einem Land ins andere, wohl wegen unterschiedlicher Haftpflichtversicherungen oder aufgrund anderer bürokratischer Hindernisse.

Dafür überqueren viele Reisende die Grenze zu Fuss. Zwei Grenzgebäude sind durch einen überdachten Fussweg miteinander verbunden. Unsere Pässe werden gestempelt, das Gepäck wird durchleuchtet, weiter gibt es keine Kontrollen, man überquert die Grenze speditiv. Für Georgien brauchen wir kein Visum, für Aserbaidschan haben wir es vor der Reise innert weniger Tage elektronisch auf der offiziellen Website der Regierung erhalten.

Die freundliche georgische Grenzbeamtin findet, unser geplanter Aufenthalt in Georgien sei zu kurz, was wir gerne zugeben. «Slow travel» können wir unsere Reise nicht nennen, dafür fehlt uns die Zeit. Unsere Unternehmung ist nicht beschaulich, sie gleicht eher Jules Vernes “Reise um die Erde in 80 Tagen”. Wir sind ja auch unterwegs, um Alternativen zum Flugzeug zu testen, ganz im Sinn der aktuellen Klimadebatte, und deswegen sind auch alle Kommentare zu den Orten, durch die wir reisen oder hetzen, nicht als definitive Beurteilungen zu verstehen.

Auf der georgischen Seite steht kein Bus. Wir nehmen deswegen ein Taxi, das uns sechzig Kilometer von der Grenze bis zu unserem Hotel in Tbilisi bringt, wo wir am frühen Abend ankommen. Das neue und günstige Hotel liegt in einem Wohnquartier gleich hinter der riesigen, zwischen 1996 und 2004 erbauten, georgisch-orthodoxen Dreifaltigkeits-Kathedrale (Sameba-Kathedrale).

Abends ein Spaziergang ins Stadtzentrum, wo wir in einem trendigen Restaurant essen, das für schmackhafte Bohnengerichte (Lobio) bekannt ist.

Für mich war es nicht der erste Besuch in Tbilisi. Ich reiste im August 1978 als junger Mann durch Tbilisi. Mir ist damals aufgefallen, dass von den Rückspiegeln der Autos nicht Darstellungen der Madonna baumelten wie in Süditalien, sondern Fotos des 1952 verstorbenen Josef Stalin.

Den nächsten Tag beginnen wir mit einer Fahrt zum Hauptbahnhof in der vollbesetzten Untergrundbahn. Wir haben da noch die Absicht, am 24.11. die Autofähre von Batumi nach Odessa (genauer Chernomorsk) zu nehmen, die auf der Website ukrferry.com angekündigt ist, und nehmen uns deswegen zwei volle Tage Zeit in Tbilisi. Die Fahrkarten nach Batumi kaufen wir für übermorgen. Für die vier Tickets will die Dame am Schalter diesmal nur einen Pass sehen.

Dann gegen wir zu Fuss Richtung Stadtzentrum und sehen uns unterwegs den Innenhof an, in dem der 1918 verstorbene Maler Niko Pirosmani in ärmlichsten Verhältnissen gelebt hat (von ihm stammt das erste Bild des Blog-Beitrags). Hundert Jahre nach dem Tod des Künstlers sieht der Innenhof zwar malerisch aus mit seinen Treppen und Veranden, aber auch sehr ärmlich und mit dem beginnenden Regen trostlos. Wie ist es wohl, wenn man in diesen Häusern wohnen muss?

Nicht weit davon steht das städtische Anwesen von Prinz Ilya Chavchavadze (1837-1907). Der Nationalheld, Schriftsteller, Journalist, Übersetzer und Herausgeber förderte die georgische Sprache. Sein Haus ist so erhalten geblieben, wie er es verlassen hat, bevor er am 12. September 1907 ermordet wurde, und kann als Museum besucht werden.

Ein paar Schritte weiter das Haus, in dem die österreichische Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner mehrere Jahre bis 1885 gelebt hat mit ihrem Ehemann Arthur Gundaccar von Suttner, der sieben Jahre jünger war als sie und von seinen Eltern wegen dieser unerwünschten Ehe enterbt worden war. Eine Reklametafel weist darauf hin, dass das Haus zu vermieten oder zu verkaufen ist.

Nach einem Mittagessen in einem stilvoll-modernen Restaurant, das mit dem Zerfall der Umgebung kontrastiert, gehen wir weiter zur Rustaveli-Avenue und sehen uns die Bilder in der Nationalgalerie an. Die Sammlung ist eher klein, aber die Qualität ist hoch, und in einem grossen Saal werden die Bilder von Niko Pirosmani ausgestellt, weitere sehenswerte Bilder stammen von David Kakabadze (1889-1952), Shalva Kikondze (1894-1921) und anderen. Beim Spaziergang in der Innenstadt wechselt Staunen über die Schönheit ab mit Erschrecken über die Zerstörung: Wie schon in Baku finden wir es bedauerlich, wie mit historischer Bausubstanz umgegangen wird.

Am nächsten Tag sehen wir vom Hotel aus, dass es auf den Hügeln um Tbilisi geschneit hat. Wir sehen uns die Sameba-Kathedrale genauer an, wandern zur uralten Metekhi-Kirche, gehen über den Fluss Kura (auf der Brücke mit dem langen Namen «Hundred Thousand Holy Georgian Martyrs Metekhi Bridge»), steigen in der Altstadt Treppen hoch, werfen einen Blick in die stimmungsvolle Betlemi-Kirche, steigen weiter hoch bis zur Narikkala-Festung, sehen uns Tbilisi von oben an, wärmen uns unten wieder mit georgischen Vorspeisen und Tee.

Das Kunstmuseum (Shalva Amiranashvili Museum of Fine Arts) ist geschlossen, wohl für Renovationsarbeiten, dafür liegen im Nationalmuseum (Simon Janashia Museum of Georgia) die wunderbaren Goldschmiedearbeiten des antiken Landes Kolchis.

Und im obersten Stock wird eine Ausstellung gezeigt: «Soviet Occuption of Georgia».

Es stimmt: die Rote Armee hat im Frühjahr 1921 das für kurze Zeit unabhängige Georgien besetzt und der Demokratischen Republik Georgien ein Ende bereitet, so wie sie es im Frühling 1920 in Aserbaidschan und im Herbst 1920 in Armenien getan hat. Die Drahtzieher für diese Aktion sassen zwar in Moskau, aber es waren nicht Russen, sondern Georgier. Sie bezweckten neben der Beglückung ihres Volkes wohl schon damals noch etwas anderes, nämlich die Machtübernahme in der Sowjetunion.

Die Ausstellung über die sowjetische Besetzung passt gut zum Bild des kleinen Georgiens als Opfer der übermächtigen Russen, das man der NATO, der EU und dem eigenen Volk präsentieren will. Aber die Sowjetunion war kein Kolonialreich. Hätte ein Senegalese 1924 Präsident von Frankreich werden können, oder ein Inder britischer Premier?

Aber Stalin, ein Georgier mit dem Familiennamen Dschugaschwili, schaffte es an die Spitze. Er wurde nach Lenins Tod erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und übernahm so die wichtigste Position im Staat. Dass die Georgier Stalin und Beria Millionen von Sowjetbürgern und Tausende ausländischer Kommunisten ermorden liessen, ist bekannt. Was auch immer in diesen Jahren geschehen ist: es gab georgische Opfer, aber bedeutender scheinen mir die georgischen Täter. 

Wenn ein Nationalmuseum Geschichte präsentiert, dann möchte ich das Bemühen spüren, Geschichte in ihrer Komplexität und in ihrer Kontinuität so objektiv wie möglich darzustellen. Mich würde in Georgien interessieren: Wie entwickelte Georgien sich als Teil des Imperiums der Zaren (bis 1917)? Wie als Teil der Transkaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (1922-1936)? Wie als Georgische SSR (1936-1991)? Wie seit der Unabhängigkeit?

In ehemaligen Sowjetrepubliken und in Osteuropa stelle ich fest, dass die Zeiten unter der Führung der Kommunistischen Partei in den Darstellungen oft gänzlich fehlen, wie grosse Pausen im Leben der Nationen, oder dass nur die Repression gezeigt wird. Es wurde aber gelebt, gebaut, produziert, es wurden Kinder geboren und erzogen, die Kinder spazierten auf der Strasse und assen Eis, viele von ihnen leben noch heute. Sind ihre Erfahrungen wertlos, weil es diese sozialistischen Zeiten gar nie gegeben hat ausser als Gulag, oder weil es einzig und allein den Kapitalismus geben kann vom Anfang der Zeiten bis in die Ewigkeit?

Weil ein Teil der Vergangenheit systematisch ausgeblendet bleibt, werden sich künftige Generationen nur noch auf dem Umweg über die Publikationen ausländischer Sowjetologen über die eigene Vergangenheit informieren können.

Gegen allzu kritische Gedanken hilft georgisches Essen, ausgezeichnete Salate mit geraffelten Nüssen wie Pkhali und Ispanakhi, dazu allerlei Khachapuri, weiter Fisch, Fleisch und was das Herz sonst begehrt, und natürlich Weine, vor 8000 Jahren von den Georgien erfunden und teilweise auch heutzutage in riesigen Tonfässern (Kvevri) gelagert.

Je weiter wir uns am folgenden Tag von Tbilisi entfernen, desto schöner wird das Wetter. Auf dieser Strecke sind wir in der komfortabelsten Wagenklasse unterwegs.

Die alte Bahnlinie schlängelt sich langsam über die Wasserscheide zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer und quält sich rumpelnd durch einen Tunnel. Auf Dutzenden von Kilometern ist eine schnellere Bahnstrecke mit grösseren Kurvenradien, sanfteren Steigungen und einem Basistunnel im Bau.

Der beleibte Autohändler aus Tbilisi, der im Abteil nebenan gesessen hat, erkundigt sich bei mir diskret und in russischer Sprache, als ich neben der Türe des Waggons stehend auf das sich nähernde Meer blicke: «Wieviel erhält ein Mensch als Alterspension in der Schweiz?»

Ich erkläre ihm, das hänge ab von der Höhe der Beitragszahlungen in den Jahrzehnten des Arbeitslebens. Ich verschweige nicht die Beiträge, die ein Mensch in der Schweiz pro Monat für seine Krankenversicherung bezahlt, erwähne die letzte Rechnung meiner Garage für das Ersetzen des defekten Abblendlichts (68 Franken und 75 Rappen, inklusive Lampe, Verbrauchsmaterial und 7,7% Mehrwertsteuer) und frage, wieviel diese Dienstleistung in Georgien kosten würde. Der Wunsch des Autohändlers auf einen geruhsamen Lebensabend in die Schweiz schwindet. Wir wünschen uns gegenseitig alles Gute und verabschieden uns in Batumi freundlich.

In der Hauptstadt der Autonomen Republik Adscharien beziehen wir ein traditionelles, stilvoll renoviertes Hotel mit Dachterrasse direkt an der Strandpromenade. Am Quai vor dem Hotel brummt ein Schiff der französischen Marine, nebenan liegt das historische Zentrum, nicht weit entfernt sind die ersten Wolkenkratzer zu sehen. Das Wetter ist angenehm warm, die Badesaison ist aber vorbei.

Die ukrainische Fährgesellschaft hat inzwischen ihren Fahrplan geändert, an den beiden nächsten Tagen fährt kein Schiff, und für die inzwischen auf den 26. November geplante Abfahrt gibt es auch keine Garantie. Wir beschliessen deswegen nach einem letzten georgischen Mahl, am nächsten Tag auf dem Landweg nach Istanbul aufzubrechen. Entlang der Küste des Schwarzen Meers gibt es keine Bahnlinie.

Es besteht eigentlich eine direkte Bahnverbindung von Baku über Tbilisi in die osttürkische Stadt Kars. Es besteht auch eine technische Einrichtung zum Spurwechsel von russischer Breitspur auf europäischer Normalspur im südgeorgischen Dorf Akhalkalaki. Die Bahnverbindung wurde am 30. Oktober 2017 eingeweiht von den Präsidenten Aserbaidschans und der Türkei. Auf einer aserbaidschanischen Briefmarke wird die Eröffnung gefeiert. Es wird auch berichtet, dass Güterzüge schon auf dieser Route abgewickelt werden. Personenzüge stehen bereit, und doch fährt noch kein Zug. Einen Grund dafür konnte ich mit meinen Recherchen im Internet nicht in Erfahrung bringen.

Da wir gute Erfahrungen gemacht haben mit der raschen Überquerung von Grenzen zu Fuss, nehmen wir von Batumi ein Taxi zur 18 Kilometer entfernten Grenze. Hinter der Grenze wartet ein Bus, der fährt nach Trabzon. Wir fahren der Küste entlang auf einer autobahnähnlichen Schnellstrasse, die Küste ist steil, Hochhäuser stehen eng beieinander, an einigen Hängen wird Tee angebaut. Wir fahren nicht bis Trabzon, sondern steigen in der nächsten grossen Stadt, Rize, aus, von wo wir einen Nachtbus nach Istanbul nehmen wollen. Im nachhinein glauben wir allerdings, dass die Auswahl an komfortablen Busverbindungen ab Trabzon grösser gewesen wäre.

Wir kaufen in Rize Tickets für eine Nachtverbindung nach Istanbul, 1120 Kilometer Fahrt kosten knappe 25 Franken pro Person. Wir lassen das Gepäck im Büro der Busgesellschaft und schlendern zum Stadtzentrum, degustieren lokale Süssigkeiten in einer Konfiserie, essen geröstete Haselnüsse, die an der Schwarzmeerküste wachsen, und sind pünktlich um 17 Uhr zurück für unsere Nachtfahrt, die sich dann um eineinhalb Stunden verzögert, weil im Motor des vollbesetzten Busses ein Riemen ersetzt werden muss.

Am nächsten Morgen kommen wir müde im Terminal Samandıra der Busgesellschaft Metro im Istanbuler Vorort Sancaktepe an, auf der asiatischen Seite des Bosporus.

Mit einem Taxi brauchen wir 40 Minuten, um auf verstopften Autobahnen durch Neubauviertel zu einem historischen Hotel im europäischen Stadtteil Beyoğlu zu gelangen, vorbei am Ortsschild «Istanbul», auf dem die Einwohnerzahl von über 15 Millionen erwähnt wird, und durch einen Tunnel unter der Meerenge. Das Grand Hotel de Londres, türkisch Büyük Londra Oteli, wurde 1892 eröffnet, fünf Jahre nach der Eröffnung der Bahnlinie von Europa nach Istanbul. Das passt zu unserer Reise. Vieles ist aus der Erbauungszeit erhalten, der Aufenthaltsraum im Erdgeschoss ist sehenswert. Der Papagei, der in einem Käfig pfeift, erinnert mich an einen früheren Aufenthalt.

Morgens um 10 sind unsere Zimmer schon bereit, wir schätzen die Gelegenheit zu duschen, und als wir erwähnen, dass wir die Nacht in einem Bus verbracht haben, lädt man uns zum Frühstück ein.

Ein schmaler Durchgang neben dem Hotel führt zur Istiklal Caddesi, hier spaziert die ganze Welt, ein promenierendes Völkergemisch, es wird auch fleissig eingekauft.

Beyoğlu, griechisch Pera, war in osmanischer Zeit der von Botschaften, Europäern und Christen bevorzugte Stadtteil, es stehen dort Kirchen der Katholiken, der Griechen und der Armenier. Wir spazieren zum Taksim-Platz und zurück und gehen durch das belebte Viertel beim Galata-Turm hinunter zur Galata-Brücke mit ihren vielen Fischern und weiter zum Bahnhof Sirkeçi auf der anderen Seite

Noch in den 1970-er Jahren fuhren direkte Kurswagen des Simplon-Orient-Expresses von Paris via Vallorbe, Brig, Venedig, Belgrad und Sofia nach Istanbul-Sirkeçi, dem alten Bahnhof gleich neben den Anlegestellen der Bosporus-Fähren. Im Herbst 1980 bin ich selbst vom Bahnhof Venezia Santa Lucia im Liegewagen bis Istanbul gereist, zusammen mit zwei Theologen und einer türkisch sprechenden Islamwissenschaftlerin – wenige Wochen nach dem Militärputsch, den wir nicht vorhergesehen hatten. Die Fahrt von Venedig nach Istanbul dauerte damals zwei Nächte und einen Tag und war verglichen mit heute sehr komfortabel.

Heute fahren keine internationalen Züge mehr von Istanbul-Sirkeçi aus. Das historische Bahnhofgebäude ist aber erhalten geblieben, und es gibt einen internationalen Fahrkartenschalter. Dort kaufen wir Fahrkarten für den Nachtzug am folgenden Abend von Halkalı in die bulgarische Hauptstadt Sofia. Es ist dies der einzige Personenzug zwischen Istanbul und dem restlichen Europa.

Halkalı ist die westliche Endstation der neuen, schnellen und sehr leistungsfähigen S-Bahn Marmaray, die 77 Kilometer lang ist und die asiatischen Vororte durch einen unterseeischen Tunnel mit dem Zentrum verbindet und mit den europäischen Vororten verbindet. Neben dieser S-Bahn gibt es ausserdem neue Untergrundbahnen und Trams. Die Metropole hat einen modernen und leistungsfähigen Nahverkehr. Wie bei den Metros in Baku und Tbilisi kauft man sich an einem Automaten eine Karte im Kreditkartenformat, die man mit Guthaben auflädt und an den Zugangsschranken an einen Leser hält. Die Karten sind unpersönlich. Man kann also Fahrten für eine ganze Gruppe auf eine Karte laden und dann eine Person nach der anderen durch die Schranke lassen.

Vom Bahnhof Sirkeçi schlendern wir zurück über die Galata-Brücke, trinken in einem der Restaurants türkischen Kaffee, fahren mit der historischen Seilbahn zurück zur Istiklal Caddesi, staunen etwas über die massive Polizeipräsenz mit auffallend vielen Polizistinnen. Später lesen wir in den Medien, dass an diesem Abend eine Demonstration gegen Frauenmorde mit Tränengas aufgelöst wird.

In einer engen Gasse neben der Çiçek Pasajı befindet sich ein traditioneller Fischmarkt, der allerdings immer kleiner wird, während die Restaurants mehr und mehr Platz einnehmen. Einer der Fischhändler hat sein eigenes Restaurant, wo man auf billigen Stühlen frischen Fisch isst – an den Wänden prangen die Fotos der Fischereiflotte des Besitzers.

Der folgende Tag ist ein Dienstag, und eine wichtige Sehenswürdigkeit der Stadt, der Topkapı Sarayı, der Palast der Sultane, ist geschlossen. Dafür ist die Kirche der Heiligen Weisheit, die Hagia Sophia oder Ayasofia, geöffnet. Die byzantinische Kirche, im 6, Jahrhundert gebaut, übertrumpfte mit ihrer Kuppel aus Ziegeln von über 30 Metern Durchmesser während Jahrhunderten alles bisher Dagewesene und verkörperte den Führungsanspruch Konstantinopels als Zentrum der zivilisierten Welt.

Die Blaue Moschee nebenan ist auch geöffnet, allerdings ist die Hauptkuppel nicht sichtbar wegen Restaurationsarbeiten. In beiden Gebäuden ist der Andrang der Besucher an einem Wochentag im November durchaus erträglich. Dann fahren wir mit dem Tram zur Universität und betreten den grossen, gedeckten Bazar (Kapalıçarşı), der zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert gebaut wurde. Als wir nach einem Snack wieder zur Anlagestelle der Schiffe kommen, entschiessen wir uns, den Nachmittag mit einer Bosporus-Rundfahrt zu beenden.

Am Abend wollen wir genug früh in Halkalı sein, um unseren Nachtzug nicht zu verpassen. Während der langen S-Bahn-Fahrt freunden sich meine Mitreisenden mit einem jungen Türken mit künstlichen Augenbrauen an, der nach Hongkong auswandern will und sich sehr wundert, dass es einen Nachtzug nach Sofia gibt, und mit reizenden Türkinnen, die den Zug aber vor uns verlassen.

In Halkalı eilen die letzten Passagiere aus dem Bahnhofgebäude und verlieren sich im Dunkel. Wir suchen ein Restaurant, einen Laden, eine Cafeteria, ein Bahnhofbuffet, aber da ist nichts.

Es steht nur ein Mann verloren mit einem Schubkarren an einer Abzweigung. Er hat Mineralwasser, Süssigkeiten und Bananen zu verkaufen. Ein Taxifahrer bietet uns an, zu einem Restaurant zu fahren. Wir lehnen ab und kaufen, was wir kaufen können. Immerhin gibt es im Bahnhof einen geheizten Warteraum. Eine Weltenbummlerin aus Australien wartet dort mit ihren zwei lebhaften und hungrigen Kindern im Vorschulalter auf denselben Zug, Die Frau ist mehrere Wochen durch den Iran gereist, dort hat es ihr gefallen.

Der Zug nach Sofia besteht aus einer Lok und drei Waggons der türkischen Staatsbahn TCDD. Wir haben Fahrkarten für ein Abteil im Liegewagen, aber weil es so wenige Passagiere gibt, fordert uns der Schaffner auf, uns auf zwei Abteile zu verteilen. Bettwäsche gibt es auch. Der Preis für die Nachtfahrt liegt wieder bei etwas über 20 Franken, allerdings legen wir dabei nur knappe 550 Kilometer zurück, kommen also in einer Nacht nur halb so weit wie mit dem Bus. Das erklärt wohl, warum auf dem Balkan fast niemand mehr die Bahn benutzt.

Wir fahren pünktlich um 22.40 los, bald prasselt ein stürmischer Herbstregen an die Scheiben und wir schlummern, bis wir um halb drei vom Schaffner energisch geweckt werden: Grenzkontrolle. “Die sollen nur kommen”, denke ich. Die zwei grossen Parfumflaschen, die mir ein bulgarischer Mitreisender zum Schmuggeln über die EU-Aussengrenze anvertraut hat, habe ich gut in meinem Gepäck verstaut. Aber wir werden gebeten, uns anzuziehen und den Zug in Kapıkule zu verlassen.

Wir gehen über bröckelnden Beton, zum Glück hat der Regen aufgehört, dann durch eine Unterführung, steigen wieder hoch zum Bahnsteig 1, der Zug wartet. Ein Polizeiwagen kommt hergefahren, auf dem Dach blinkt es blau und rot, der Beamte öffnet eine Türe, macht den Schalter für die Passkontrolle bereit, das dauert gewiss zehn Minuten. Zwei Dutzend schlaftrunkene Passagiere warten geduldig. Die vorher so lebhafte kleine Australierin weint.

Ich erinnere mich mit Wehmut an die Fahrt 1980. Damals war hier eine Grenze zwischen einem NATO-Staat und dem Warschauer Pakt. Die bulgarischen Grenzbeamten kamen in den Zug, klebten einen Sticker für ein Transitvisum in den Pass, kassierten die Visagebühr, das wars.

Der fahrplanmässige Halt in Kapıkule beträgt heute eine Stunde und 38 Minuten.

Offenbar beteiligt die EU sich am Bau einer Schnellfahrstrecke von Istanbul an die Grenze. Die Kosten des Gesamtprojekts betragen eine Milliarde EUR, die EU-Kofinanzierung beläuft sich auf 275 Millionen, eine Feierzeremonie fand im September 2019 in Edirne statt, und die neue Bahnlinie ist für Geschwindigkeiten bis 200 Km/h ausgelegt). Die Pläne sind gut gemeint. Vielleicht gibt es dann einen zweiten Zug pro Tag? Oder einen noch längeren Halt an der Grenze? Oder gar keinen Zug mehr, wie auf der neuen Bahnlinie von Baku nach Kars?

Am nächsten Grenzbahnhof, im bulgarischen Svilengrad, brauchen die Grenzbeamten nur 30 Minuten für ihre Kontrolle. Der Zug fährt weiter, rattert über alte Schienen, die Morgendämmerung zeigt sich, Nebel, Fabrikruinen, armselige Häuser, verglichen mit der Türkei erscheint das Land im Zerfall begriffen, aber wir haben Serbien noch nicht gesehen. Ankunft in Sofia 08.38, ohne Verspätung.

Von Sofia aus gibt es einmal pro Tag einen Zug nach Belgrad. Der fährt um 09.30. Im grossen Bahnhofsgebäude gibt es einen Schalter für internationale Fahrkarten. Es gibt Geldautomaten. Es gibt eine Cafeteria. Meine Kollegen wollen weiter. Natürlich wäre ich neugierig auf die Millionenstadt, trotz dem trüben Wetter.

Der Zug nach Belgrad fährt auf Gleis 1. Ein langer Bahnsteig, ganz weit vorne eine Elektrolok mit einem einzigen Waggon zweiter Klasse, anfänglich noch ohne Heizung, ein elendes Überbleibsel des Orient-Expresses, und doch ist dieser Service besser als zwischen den EU-Staaten Slowenien und Italien, wo seit Jahren kein einziger Personenzug mehr über die Grenze fährt, trotz aller EU-Planungen an einem Mediterranean Corridor. Im Zug internationale Reisende: eine Jus-Studentin aus London, eine junge Frau aus der Ostschweiz.

Wieder geht es über eine EU-Aussengrenze – 50 Minuten Aufenthalt am Grenzbahnhof Kalotina Zapad, dann zehn Minuten Fahrt bis zum serbischen Grenzbahnhof Dimitrovgrad. Dort endet die Fahrt.

Ein leerer Bahnhof, auf der gegenüberliegenden Strassenseite eine geschlossene Gaststätte, die Reklame für serbisches Bier (Jelen Pivo) ist noch da. Oben am Hang hinter dem Dorf sind die Brücken der Transitautobahn zu sehen. Eine menschenleere Dorfstrasse. Betonbauten, deren ursprünglicher Zweck sich nicht erschliesst. Die vier Frauen, die auf der gleichen Strecke unterwegs sind, wärmen sich an der Sonne.

Nach 55 Minuten Weiterfahrt mit einem Zug der serbischen Staatsbahn. Ein Waggon, dessen Fenster auf den ersten Blick aussehen wie Milchglas, gezogen diesmal von einer Diesellok. Von Dimitrovgrad nach Niş sind es 97 Kilometer, der Zug braucht dafür drei Stunden und 19 Minuten.

Slow travel vom feinsten, ausser wenn man übernächtigt ist und nichts so sehr wünscht, als so bald wie möglich in Belgrad anzukommen und  in ein komfortables Hotelbett zu sinken. Das Fenster hinten am Waggon ist einigermassen durchsichtig, deswegen stehe ich dort und sehe mir die Bahnlinie an, die sich durch die dramatische Schlucht des Flusses Nišava zwängt (Sićevo-Schlucht, etwa 17 Kilometer lang, 350 bis 400 Meter tief eingeschnitten).

Im Internet finde ich später allerlei Optimistisches: der Ausbau für höhere Geschwindigkeiten und für höhere Achslasten sei geplant, die Elektrifizierung, der angekündigte Baubeginn ist 2019. Nichts von dem sehe ich. Dafür sehe ich die Lücken zwischen den Gleisstücken, auf denen der Waggon hart aufschlägt, die signalisierten Höchstgeschwindigkeiten von 10, 20, 30 und 40 km/h, die Bahnhofvorstände, die mit ihren Kellen wieder in die Gebäude am Rande der Strecke verschwinden, und ein schwarze Ölspur auf dem Kies des Schienenbettes, wohl von der altersschwachen Diesellok.

Ich habe mich zwischen 1995 und 1999 mehrmals in Serbien, Montenegro und im Kosovo aufgehalten, als Teil meiner humanitären Berufstätigkeit, war aber nie auf Schienen unterwegs und hatte keine Ahnung vom Zustand des Schienennetzes.

Die NATO hat mit ihrem vom UNO-Sicherheitsrat nicht gebilligten Bombenkrieg wichtige Teile der Infrastruktur Serbien zerstört. Am 12. April 1999 trafen zwei «smart bombs» einen Passagierzug bei Grdelica im Süden von Serbien. Über die Zahl der Getöteten besteht Uneinigkeit. Bestraft wurde niemand dafür, auch nicht für den gesamten Bombenkrieg, der der Öffentlichkeit als «humanitäre Intervention» präsentiert wurde und etwa 500 Zivilisten das Leben kostete.

Gewiss, für Militärs ist es von unschätzbarem Wert, wenn sie Waffentechnologien in einem realen Umfeld testen können. Daneben hatte der Krieg noch einen weiteren Nutzen. Er schuf einen Präzedenzfall für die nächste «Koalition der Willigen», die ohne Mandat oder Einverständnis des Weltsicherheitsrats den Irakkrieg von 2003 begann, mit Zehntausenden von Toten. Auch der war gut begründet, diesmal als notwendiger Eingriff, um einen unmittelbar bevorstehenden Angriff mit Massenvernichtungswaffen auf die zivilisierte Menschheit abzuwenden.

In Niş gibt es einen grossen, modernen und leeren Bahnhof aus jugoslawischer Zeit und in unmittelbarer Nähe Wechselstuben und Läden. Eine Stunde Warten, bis der Anschlusszug nach Belgrad abfährt, ein moderner, elektrischer Triebwagenzug. Der Nachteil ist, dass er an jedem Bahnhof hält. Erst nach 21 Uhr kommen wir verspätet in Beograd Centar an.

Mit einem Taxi fahren wir zu unserem Hotel und machen uns gleich bereit für ein Abendessen im traditionellen Restaurant Tri Šešira (Drei Hüte) an der Skadarska-Strasse. Das Restaurant besteht seit 1864, dort gibt es Musik und – noch wichtiger nach einer solchen Reise – man kriegt dort auch nach 22 Uhr noch ein sehr feines serbisches Abendessen mit typischen Vorspeisen (Ajvar muss man hier versuchen) und gutem Wein.

Am nächsten Tag fahren wir mit dem Taxi zum Bahnhof Beograd Centar. Der Zug nach Zürich fährt um 10.30 – “Cirih” ist auf dem Bahnsteig angeschrieben, schön phonetisch. Eine Treppe führt zu einem versteckten Fahrkartenschalter. Wir kaufen Fahrkarten nach Zürich, von Zagreb nach Zürich im Liegewagen.

Die Strecke von Belgrad nach Zürich ist die teuerste., sie kostet umgerechnet über 120 CHF – günstiger ist sie, wenn man weiss, wann man reist, und auf der ÖBB-Website Sparpreise sucht. Keine andere Teilstrecke hat uns über 30 CHF gekostet, mit Ausnahme der Taxifahrt in Istanbul.

Wir haben Zeit, uns im menschenleeren Zentralbahnhof der Millionenstadt genauer umzusehen. Der Name ist irreführend. Der Bahnhof liegt nicht im Zentrum, sondern am Stadtrand im Viertel Prokop, hinter der Transitautobahn.

Ja, er liegt, das ist hier ganz wörtlich zu verstehen, flach und unsichtbar unter einer rohen Betonplatte, aus der rostige Armierungseisen ragen und darauf hinweisen, dass hier mal etwas Grosses geplant war. Ein kleiner Einlass, der an einen Nebenausgang erinnert, führt mit steilen Treppen unter die Betonplatte. Rolltreppen gibt es in diesem Bahnhof nicht, es braucht auch keine, denn es gibt ja keine Passagiere. Ganz kontraintuitiv der Ort des Einstiegs: wer den Bahnhof verlässt, blickt Richtung Stadtrand, nicht zum Zentrum.

Keine Strassenbahn führt zu diesem Zentralbahnhof. In einer nachträglichen Recherche bringe ich in Erfahrung, dass alle 20 Minuten ein Bus vorbeifährt. Eine Haltestelle ist uns aber nicht aufgefallen. Einen Laden gibt es auch nicht, keine Bäckerei, kein Sandwich, keine Brezel für die Fahrt, immerhin gibt es Kaffee und Mineralwasser in der Bar neben dem Fahrkartenschalter. Ein Blick auf das Plakat mit den Abfahrten zeigt, dass von diesem Bahnhof aus jeden Tag fünf Schnellzüge abfahren.

Der alte Hauptbahnhof des Königsreichs Jugoslawien gleich neben der Altstadt, erbaut 1882-1885, wurde im Jahr 2016 endgültig geschlossen. Er brauchte zu viel Platz. Die Gleisfläche wird verwendet für ein wichtiges Neubauprojekt ausländischer Investoren («Belgrade Waterfront»). Ich weiss nicht, wer für diese Marginalisierung des Bahnverkehrs verantwortlich ist, male mir aber in meiner Phantasie blutige, mittelalterliche Folterszenen und ein schreckliches Ende für die Täterschaft aus.

Die Jus-Studentin aus London ist wieder im gleichen Zug, sie hat einem billigen, aber sauberen Hostel übernachtet, auch sie hat ein Taxi zum Bahnhof genommen- Leider versäume ich es, sie nach Strafnormen für schwere Verbrechen gegen den öffentlichen Verkehr zu befragen.

Der Zug besteht aus zwei Wagen und einer elektrischen Lokomotive. Auf den Wagen steht «Ljubljana».

Um 10.30 erscheint auf der Anzeigetafel die Ankündigung einer Verspätung des Zugs nach Cirih: 15 Minuten, dann 30 Minuten. Die Lok wird wieder weggestellt, die Waggons stehen jetzt allein auf dem verlassenen Bahnsteig, die Verspätung steigt auf 45 Minuten. Ich bange um unseren Anschluss in Zagreb.

Endlich kommt eine neue Lok, und der Zug fährt mit über 50 Minuten Verspätung ab. Nur ein Gleis führt über den Fluss Save, das zweite Gleis auf der Brücke wird neu verlegt. Auf der Baustelle arbeitet China Railways.

Die Waggons sind ziemlich leer auf dieser Verbindung zwischen drei Hauptstädten ehemaliger Republiken Jugoslawiens. Das war früher anders, das vereinte Land war stolz auf seine Staatsbahnen, Staatspräsident Tito hatte seinen eigenen Zug, und in ihm nahmen auch seine Gäste Platz.

Von all dem ist nicht mehr viel übrig, der Zug wankt und schwankt langsam durch die Ebene, fährt durch das antike Sirmium, heute Sremska Mitrovica, hier ist wohl Kaiser Marcus Aurelius gestorben, dessen Goldbüste in Avenches gefunden wurde. Das archäologische Museum von Sirmium habe ich bei einer anderen Gelegenheit besucht. Wir fahren weiter durch die schwarzen Felder des fruchtbaren Landschaft Slawonien.

Kurz vor dem Grenzbahnhof Šid, kyrillisch Шид, gibt es noch Kaffee im Zug. Ein alter Mann balanciert die Kartonbecher auf einem Tablett durch den Waggon. An der Grenze verlassen die meisten Passagiere den Zug. Ich gucke nach draussen. Zwei der sechs Buchstaben am Bahnhofsgebäude Šid / Шид sind runtergefallen. Zwei ältere Damen bleiben sitzen.

Mit speditiven Grenzkontrollen holen wir einen Teil der Verspätung auf. Hörbar ist der Übergang zum Schienennetz Kroatiens: anstelle des Rumpelns plötzlich nur noch ein leises Surren.

Am nächsten grösseren Bahnhof Vinkovci wartet ein europäisch aussehendes Reisepublikum. Der Anblick wirkt ungewohnt. Neue Waggons werden angehängt. Eine Mama mit Sohn setzt sich in der Nähe hin, er sucht in seinem Kinderbuch einen Ausweg aus einem Labyrinth.

Der Zug fährt zügig durch die Ebene. Später rezitiert der Junge mit einem Mädchen zusammen englische Sprachlernverse. Links sieht man die nahen Hügel von Bosnien, eine Minute Halt in Novska, ein weiteres Bild europäischer Normalität, hier biegt ein Gleis nach Jasenovac ab, dort betrieb der kroatische Ustascha-Staat von 1941 bis 1945 ein Konzentrationslager. Wie viele Serben, Roma, Juden und antifaschistischen Kroaten wurden damals umgebracht? in den 1990-er Jahren wurden diese Zahlen zum Politikum, als Kroatien wieder einen unabhängigen Staat gründete und sich von Jugoslawien trennte. Kroaten und Serben wetteiferten im Bestreben, sich als Opfer der anderen darzustellen.

In Zagreb steigen wir aus. Die Jus-Studentin, die in Richtung München weiterreist, verabschiedet sich. Wieder werden neue Waggons an den Zug gehängt, darunter unser Liegewagen nach Zürich. Der Hauptbahnhof Zagreb Glavni kolodvor, erbaut 1890-1892 von einem österreichisch-ungarischen Architekten, ist ein klassizistischer Prunkbau, ein Tempel des Verkehrs. Vor dem Bahnhofplatz warten die Strassenbahnen, und im Bahnhof selbst gibt es Wechselstuben und Backwaren, auf die wir uns stürzen.

In der Nacht kurven wir durch Slowenien und Österreich, länger als geplant wegen Unwetterschäden. Wir erblicken im Morgengrauen Nassschnee am Arlberg, warten lange in Buchs, kommen in Zürich mit zwei Stunden Verspätung an. Wir lassen den Anschlusszug abfahren und trinken zuerst mal einen richtigen Kaffee. In Bern verabschieden wir uns voneinander. Jeder von uns wünscht sich, ein anständiger Mensch zu werden, zu duschen, sich zu rasieren.

Einer der drei Mitreisenden nimmt mit mir die S-Bahn. Dort wird nach dem Anfangs- und Endpunkt der Reise gefragt. Mein Kollege antwortet, dass wir gerade von Belgrad kommen. Die kontrollierende Dame hält die Antwort für einen schlechten Witz und notiert sie nicht. Sie faucht eine Bemerkung, die wir nicht verstehen, stellt keine Fragen und geht weiter.

Ein Gedanke zum Schluss. Angenommen, allen europäischen Spitzenpolitikern wäre das Fliegen während eines Jahres strikt verboten. Dann würde das grenzüberschreitende Reisen auf dem Landweg blitzartig schneller und komfortabler. Garantiert.

Eine Woche in Baku, Aserbaidschan (13.-20. November 2019)

Die Stadt, in der ich von September 1992 bis Januar 1994 gelebt und gearbeitet habe, ist nicht mehr dieselbe.

Nach unserer Ankunft am Flughafen um 01.55 ein kurzer Blick aus dem komfortablen Hotelzimmer, dann eine kurze Nacht.

Am Vormittag sind wir in fünfzehn Minuten zu Fuss in der ummauerten orientalischen Altstadt und werden mit einem orientalischen Frühstück verwöhnt. Es gibt heisses Fladenbrot (təndir çörəyi), weissen Käse verschiedener Art (zum Beispiel motal pendiri und şor), Kükü (ein Art Omelette, ganz grün wegen der vielen Kräuter), Süzmə, Qoğal (ein stark gewürztes Frühstücksbrötchen), Konfitüren, Oliven, Tee, Kaffee.

Nur Weniges erinnert mich an früher. Die alten Ölpumpen am Stadtrand sind noch da, vielerorts noch in Betrieb, sie pumpen unermüdlich, meist allerdings sind sie hinter hohen Mauern verborgen, die errichtet worden sind, damit man sie nicht sieht.

Auch die aserbaidschanische Musik ist noch dieselbe. Im Mugham Club, der sich in einer alten Karawanserei eingerichtet hat, werden mit traditionellen Instrumenten melancholische Melodien gespielt, die manchmal in einen Tanzrhythmus übergehen. Die gut gekleideten Damen aus der Frauenrunde, die an einem langen Tisch einen Geburtstag feiert, stellen sich stolz und aufrecht hin und bewegen sich, sie scheuen sich später auch nicht, an unseren Tisch zu kommen und uns zum Mittanzen aufzufordern.

Geblieben ist auch die Gastfreundschaft: fast alle Menschen sind uns Fremden gegenüber wohlgesinnt, aufgeschlossen, aber nicht aufdringlich.

Nach unserem Frühstück am ersten Tag besuchen wir den Palast des Shirvan-Shah (wir verwenden hier und in der Folge die englische Schreibweise), der als Vasall der persischen Kaiser über ein grosses Gebiet herrschte, und die Wohnung des 1928 geborenen und hochdekorierten Malers Tahir Salahov, der heute in Moskau lebt, einem führenden Vertreter des ernsten, strengen, harten Stils (суровый стиль) , der in den 1960-er und 1970-er Jahren den sozialistischen Realismus der Stalin-Zeit ablöste.

Ebenfalls in der Altstadt besuchen wir den mittelalterlichen Jungfrauenturm oder Kyz kalasy, dessen Funktion bis heute nicht ganz klar ist, der jedoch als Wahrzeichen der Stadt gilt und von dem aus sich ein Blick in alle Himmelsrichtungen bietet.

Abends dann eine Fahrt mit der U-Bahn zur Haltestelle Hatai, die nach dem aserbaidschanisch-persischen Schah Ismail Hatai benannt ist, wo wir im Restaurant «Shah» fürstlich und aserbaidschanisch essen und trinken – nicht nur Wein, sondern auch frisch gepressten Granatapfelsaft.

Am zweiten Tag besuchen wir morgens den Palast des aserbaidschanischen Ölmillionärs und Philanthropen Zeinalabdin Taghiyev (etwa 1838 -1924) im Stadtzentrum. Im Erdgeschoss ist das Museum für Geschichte untergebracht, die Säle sind leer, denn die Präsentation wird erneuert, die Neueröffnung ist für Sommer 2020 vorgesehen. Obwohl das Museum geschlossen ist, werden wir von der Direktorin, Doktor Naila Mammadli gizi Velikhanli, empfangen und durch die Prunkräume im Obergeschoss geleitet.

Am Nachmittag lassen wir uns durch das Teppichmuseum an der Promenade am Kaspischen Meer führen, das in der Form eines halb aufgerollten Teppichs gebaut ist und einen ausgezeichneten Überblick über die traditionelle Teppichherstellung bietet.

Den dritten Tag in Baku beginnen wir mit einem Besuch des Kunstmuseums. Wer genau hinsieht, bemerkt neben wenigen Werken europäischer Maler (Bernardino Luino, Andrea del Sarto, Franz Hals) die bekannteren Malereien russischer Künstler: von Pyotr Vereshchagin die «Ansicht von Baku vom Meer aus», von 1872, oder von Vassily Pukirev: «Die unterbrochene Hochzeitszeremonie», 1877 (eine junge Frau, der ein verlegener Bräutigam die Ehe versprochen hat, fällt in der Kirche in Ohnmacht, weil eine andere junge Frau samt ihrer Mutter auftaucht mit einer Bestätigung in der Hand, die zeigt, dass der Bräutigam schon verheiratet ist) oder Ivan Ayvasovskis Bild «Schiff im Sturm», 1899, das ursprünglich im Haus von Taghiyev hing. Es lohnt sich weiter, sich Zeit zu lassen für die Meister der aserbaidschanischen Malerei der zaristischen und sowjetischen Zeit, darunter wieder Salahov, und für die anderen Kunstgegenständige des Museums.

Vom Museum steigen wir die Treppen hoch zum Aussichtspunkt über der Stadt. Hinter dem Aussichtspunkt befindet sich die Allee der Märtyrer, an der die Toten der Massaker des «Schwarzen Januar» 1990 liegen. Die Gräber erklären, warum in Aserbaidschan niemand der Perestroika von Michail Gorbatschow nachtrauert. Unter den Bäumen hinter der Allee sind die jungen Männer aus Baku begraben, die im Krieg 1992-1994 gefallen sind. 900,000 verzweifelte Aseris wurden damals aus Armenien, Nagorno-Karabach und aus sieben weiteren Bezirken Aserbaidschans vertrieben. Die meisten kamen in die Hauptstadt, hausten in zerfallenden Kollektivunterkünften und prägten das Stadtbild. Stromausfälle, eine unregelmässige Wasserversorgung, eine nicht mehr funktionierende Fernheizung und Menschenschlangen vor den Bäckereien waren Teil einer Normalität, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann.

Vorbei an den hochmodernen Flame Towers, die das Stadtbild am Tag und in der Nacht beherrschen, vorbei auch am Denkmal des aserbaidschanischen Kommunisten Nariman Narimanov führt unser Spaziergang zur renovierten Moschee Taza Pir, die durch die Renovation viel von ihrer Atmosphäre verloren hat, und zur Kirche des Erzengels Michael von 1850.

Die Kirche hat einen neuem Dachstock und eine neue Kuppel, der Innenraum ist aber noch nicht renoviert worden und wirkt mit seinen Ikonen, den Kerzen und dem unebenen Fussboden sehr ursprünglich. Früher am selben Tag haben wir auch die Synagoge besucht, wo wir ohne Formalitäten hineingebeten werden und uns die Gebetsräume ansehen. Ein Gebetsraum ist dort für die europäischen Juden eingerichtet, ein anderer für die georgischen Juden.

Bei unserem langen Spaziergang ist uns aufgefallen, wie in Baku bis vor kurzem Stadtplanung betrieben worden ist: ein ganzes Viertel ist dem Erdboden gleichgemacht worden, um Platz zu schaffen für Hochhäuser. Auch die grosszügige Parkanlage gegenüber unserem Hotel, unter der sich eine riesige Tiefgarage versteckt, ist durch die Zerstörung eines historisch gewachsenen Viertels entstanden.

Nach drei Tagen in der Stadt fahren wir am vierten Tage, einem Sonntag, mit meinem Freund Allahiar (hier sei mein Dank an ihn ausgedrückt!) in einem Kleinbus nach Gobustan. Das grosse Dorf im Südwesten der Stadt liegt neben einem UNESCO-Weltkulturgut. Es sind steinzeitliche Einritzungen auf Felsen, von denen der Blick weit über das Kaspische Meer reicht. Eine römische Inschrift bezeugt, dass römische Truppen bis an dieses Meer vorgedrungen sind.

Ein weitgereister Mann aus Gobustan, der sich als Schamane vorstellt, vermittelt uns seine Interpretation der Felszeichnungen. In der einen sieht er eine Darstellung von Chakren. Das Bild eines Schiffes bringt er in Beziehung zum Norweger Thor Heyerdahl, der auf Schiffen aus Schilf, die mit Teer verkleistert worden sind, über das Meer gefahren ist.

Unser Schamane erzählt auch, wie die Inseln an der Küste vor Gobustan früher Tag und Nacht brannten von den natürlichen Austritten von Öl und Gas. Er ist überzeugt, dass Gobustan schon vor dem Aufkommen des Zoroastrismus ein Ort religiöser Erfahrungen war. Durch die Ausbeutung der Öl- und Gasvorkommen sind diese Feuer inzwischen teilweise erloschen.

Nach dem Besuch der Felszeichnungen fahren wir auf einer Piste zu den Schlammvulkanen. Es sind Tümpel oder mehrere Meter hohe Kegel, die sich aus der praktisch vegetationslosen Landschaft erheben und frei zugänglich sind. Das Wetter ist uns wohlgesinnt. Bei Regenwetter ist eine Zufahrt über den lehmigen Boden undenkbar. Unterwegs kommen wir an einer Stelle vorbei, wo eine zähflüssige Masse aus Öl und Teer aus dem sandigen Boden an die Oberfläche dringt und eine Pfütze gebildet hat.

Die Tümpel blubbern ruhig vor sich hin. Man nähert sich, um genauer hinzusehen, und erschrickt, sobald sich eine grosse, in Schlamm verpackte Gas-Blase halbkugelförmig erhebt, zerplatzt und den Schlammtümpel überschwappen lässt.

Auch den folgenden Tag verbringen wir ausserhalb, besuchen mit einer französischsprachigen Führerin die Sehenswürdigkeiten der Halbinsel Absheron, zuerst mal Yanar Dag, einen Ort, wo natürliches Gas aus dem steinigen Boden fliesst und brennt. Der Ort war bis vor kurzem frei zugänglich, jetzt bezahlt man einen überhöhten Eintrittspreis. Auch hier hat sich die Höhe der Flammen verringert.

Anschliessend besuchen wir das ethnographische Freilichtmuseum Qala, eine Art aserbaidschanisches Ballenberg-Museum, und schliesslich den zoroastrischen Feuertempel Ateshgah, einen heiligen Ort in Form einer Karawanserei für zoroastrische Pilger aus Indien und Iran, der bis anfangs des 19. Jahrhundert besucht wurde. Auf dem Rückweg in die Stadt halten wir beim Zentrum Heydar Aliyev der Stararchitektin Zaha Hadid. Unterhalb des Zentrums befindet sich auch der Ort, der sich in Baku am besten für Selfies eignet, die man an Freunde und Bekannte verschicken kann.

Am letzten Tag unseres Aufenthalts besuchen wir das sehr sehenswerte Museum für zeitgenössische Kunst etwas ausserhalb des Zentrums, bummeln der Strandpromenade entlang zurück ins Zentrum und lassen uns als Schlusspunkt unseres Kulturaufenthalts am Nachmittag durch das Museum für aserbaidschanische Literatur führen.

Glück hatten wir mit dem Wetter, etwas Pech mit dem Konzert- und Theaterprogramm. Wären wir eine Woche früher oder später in Baku gewesen, so hätten wir den Teilnehmern weitere Kulturgenüsse empfehlen können.

Am meisten Glück hatten wir jedoch mit unseren interessierten, lauffreudigen und geduldigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Zu Friedrich Dürrenmatt – 2. November 2019

Einst dürstete ich nach deinem Glauben
Mein Land

Nun dürste ich nach deiner Gerechtigkeit
Wahrlich

Die Ärsche deiner Staatsanwälte und Richter
Lasten so schwer auf ihr

Dass ich das Wort Freiheit kaum ertragen kann
Das du ständig im Maule führst.

So beginnt Friedrich Dürrenmatts Schweizerpsalm III.

Dürrenmatt wurde nicht als Lyriker bekannt, aber diese dritte und letzte Neuinterpretation des Schweizerpsalms, der seit 1961 die offizielle Nationalhymne ist, bringt uns zurück in die Zeit vor fünfzig Jahren.

Von den Steuerhinterziehern aller Länder unterhalten
Schenkst du General Westmoreland Whisky ein

Mit ihm nächtlich auf die Rettung des Abendlandes
anstossend.

Dürrenmatt bezieht sich hier auf den Besuch des Chief of Staff der US Army, General Westmoreland, in der Schweiz Mitte September 1969.

Der hohe Besuch dieses ehemaligen Oberbefehlshabers der US-Truppen in Vietnam bei der Schweizer Armee führte im ruhigen Land zu unerwarteten Protesten und fand deswegen weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Fünfzig Jahre später haben es die Medien versäumt, an das Jubiläum dieses Besuchs zu erinnern. Über die 1968-er Generation wurde berichtet, auch das Festival in Woodstock vom August 1969 wurde wieder thematisiert, aber zu Westmoreland gab es nur Schweigen.

An einem der Proteste nahm Arthur Villard teil, Grossrat aus Biel. Er hatte sich schon früher gegen die atomare Aufrüstung der Schweiz und für ein Waffenausfuhrverbot engagiert, war Sekretär der Schweizer Sektion der War Resisters international und meinte in einer Rede sinngemäss, dass sich auch die Schweizer überlegen müssten, ihre Dienstbüchlein zu verbrennen, wenn die jungen Männer in der USA ihre Einberufungsbefehle verbrannten und wenn die neutrale Schweiz unfähig war, sich von Amerikas Krieg in Vietnam zu distanzieren.

Ein Offizier verklagte Villard wegen Aufforderung zur Dienstverweigerung. Villard wurde in erster Instanz freigesprochen, weil zwei Polizisten, die seine Rede mitverfolgt hatten, sich nicht an den genauen Wortlaut der Aufforderung erinnern konnten. Gegen den Freispruch wurde appelliert.

Vor dem bernischen Obergericht und später vor Bundesgericht bestätigte Villard sinngemäss den Inhalt seiner Rede, statt sich auf die unklare Erinnerung der Zeugen zu berufen. Die Folge der Meinungsäusserung war eine einmonatige Gefängnisstrafe, die Villard auch antrat.

In seinem Schweizerpsalm III stellt Dürrenmatt sich nicht als Armeegegner dar (Nichts gegen deine Armee…), trotzdem kommt er zum Schluss:

Die Stütze meines Landes sind die, welche denken
Nicht jene, die mitmarschieren.

Dann fährt er fort:

Armer Villard
Das Töten verurteilend

Wirst du von einem Lande verurteilt
Das aus dem Töten Profit zieht

Deine Lauterkeit sei unser Vorbild

Deine Tapferkeit werde die unsrige

Die Tapferkeit, in einem Lande zu leben
In welchem es langsam genierlich wird

Einem Bundesrat die Hand zu reichen.

Von Dürrenmatt wohl nicht ironisch gemeint, sondern ernst.

Zurück zum Kontext vor fünfzig Jahren.

Friedrich Dürrenmatt, der nie ein Studium beendet hat, ist eingeladen, im November 1969 als Ehrendoktor der Temple University in Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania gewürdigt zu werden.

Nun will auch der Kanton Bern den inzwischen weltbekannten und anderswo preisgekrönten Schriftsteller ehren. Der Kanton, in dem Fritz aufgewachsen ist und als Studienabbrecher und eher erfolgloser Autor bis 1952 gelebt hat, verleiht ihm den Grossen Literaturpreis. Der Anlass findet am 25. Oktober 1969 in Bern statt. Dürrenmatt akzeptiert den Preis und gibt ihn gleich weiter an drei Personen: Sergius Golowin, Paul Ignaz Vogel und Arthur Villard.

Villard war wohl 1969 der meistgehasste Mann des Kantons.

Die Nennung seines Namens «liess jeden im Saal erschauern», so schrieb das Thuner Tagblatt in einem Bericht zur Preisverleihung. «Nicht, dass Dürrenmatt mit diesem Arthur Villard etwas gemeinsam hätte, auch nicht, dass er ihm besonders nahestehen würde, aber niemand wäre besser geeignet gewesen, als es darum ging, die Festgemeinde und die Bürger des Kantons zu provozieren».

Dürrenmatt und der «Kryptokommunist» Villard (die Bezeichnung stammt aus demselben Bericht) sind tatsächlich verschieden.

Heute kennen wir den Begriff «Kryptowährung». Aber «Kryptokommunist»?

Der Mann, der versteckt, dass er eigentlich Kommunist ist. Der Wolf im Schafspelz. Aber dieser Villard hat in der Zeit des Weltkriegs über tausend Tage Aktivdienst geleistet.

Anders Dürrenmatt. Er hat schlechte Augen, ist deshalb nur hilfsdienstpflichtig. Auch auf frühen Fotografien wirkt er etwas übergewichtig, später wird er zuckerkrank. Er ist das Gegenteil eines richtigen, eines soldatischen Mannes.

Aber statt sich zu schämen, stellt er das Unheldische als Lösung dar. Romulus, der letzte Kaiser von Westrom, weigert sich im Stück von 1949, das Imperium zu verteidigen und bietet dem Germanen Odoaker an: «Herrsche nun du. Es werden einige Jahre sein, die die Weltschichte vergessen wird, weil sie unheldische Jahre sein werden – aber sie werden zu den glücklichsten Jahren dieser Erde zählen».

Es wurde kritisiert, Dürrenmatts Stück sei unhistorisch. Das stimmt zwar, aber es hatte keinen historischen Anspruch, und das weströmische Reich endete wirklich auf eine unüblich zivilisierte Weise. Odoaker schickte die Reichinsignien nach Ostrom. Der noch junge Romulus lebte fortan als Privatmann auf seinem Landsitz und erhielt eine jährlichen Pension.

Auf unserem Tagesausflug vom 2. November zum Thema «Friedrich Dürrenmatt, die Idylle und der drohende Atomkrieg» besuchten wir als erstes den Friedhof in Biel-Madretsch, auf dem der von Dürrenmatt geehrte Dissident Villard zusammen mit seiner zweiten Frau Paulette begraben ist, unter einem Grabstein mit dem Zitat von Victor Hugo CEUX QUI VIVENT SONT CEUX QUI LUTTENT, dem Motto des Kämpfers.

Der Tag war von uns zufällig gewählt, aber er passte für den Besuch. Seit dem 10. Jahrhundert erinnert man sich an Allerseelen an die Verstorbenen. Ein Sohn von Arthur Villard zündete eine Kerze an auf dem Grab.

«Der Schriftsteller muss die Literatur vergessen», sagte Dürrenmatt, es solle ihn «nicht die Literatur, sondern die Welt beschäftigen, in der er nun einmal lebt».

Um dem Schriftsteller näherzukommen, waren wir bemüht, uns an die Welt und die Gesellschaft zu erinnern zwischen dem Weltkrieg und den 1960-er Jahren. In der kollektiven Erinnerung bleiben die Gründung von NATO, Warschauer Pakt, BRD und der DDR 1949, der Koreakrieg 1950-53 und der Aufstand in Ungarn 1956. Eher verdrängt werden die Ablehnung des Frauenstimmrechts in der Volksabstimmung von 1959 und die Tests der Weltmächte mit immer stärkeren Atombomben, die zu einer radioaktiven Verseuchung der Atmosphäre führten.

Die Problematik des Atombombenzeitalters wurde von Robert Jungk in seinem Buch «Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher» von 1956 dargestellt. Dürrenmatt hat darüber eine Rezension geschrieben.

Die Erinnerung an den Bau der Berliner Mauer 1961 bleibt wach, sie wurde auch öfters durch die Medien aufgefrischt. Ältere Menschen erinnern sich weiter an die Expo 1964, an den Mirage-Skandal 1965, an die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 und an die Mondlandung 1969.

Im Jahr 1969 wurde auch das Büchlein «Zivilverteidigung» in alle Haushalte verteilt. Besonders umstritten waren die fünfzig Seiten mit dem Titel «Die zweite Form des Krieges». Einführend erklärten die Autoren: «Die zweite Form des Krieges ist darum so gefährlich, weil sie äusserlich nicht als Krieg erkannt wird. Der Krieg ist getarnt. Er spielt sich in den äusseren Formen des Friedenszustandes ab und kleidet sich in die Gestalt einer inneren Umwälzung…»

Von Biel führte unser Ausflug nach Schernelz und auf die Festi, wo der von finanziellen Nöten geplagte junge Schriftsteller bis 1952 mit seiner Familie lebte.

In der Idylle oberhalb von Ligerz schrieb Dürrenmatt erste Theaterstücke, mehrere Hörspiele, meist für deutsche Radiosender, aber auch den Kriminalroman «Der Richter und sein Henker», der mit einem Mord am Abend des 2. November ganz in der Nähe beginnt, und den nächsten Kriminalroman «Der Verdacht».

Auf der Festi lebt die Tochter der Künstlerin, die der Familie Dürrenmatt Unterschlupf gewährte. Sie stellt dort auf kleinstem Raum Textilkunst ihrer Mutter Elsi Giauque und Postkarten und Fotografien des 2018 verstorbenen Fotographen Leonardo Bezzola aus.

Wir danken ihr an dieser Stelle für ihre Gastfreundschaft und den ausgezeichneten Festiwein!

Auf der Roche de l’Ermitage über dem ehemaligen Wohnhaus von Dürrenmatt in Neuchätel spürten wir den starken Südwestwind und genossen die Aussicht über den See, in dem sich die Sonne spiegelte, während sich über den Jurabergen dunkle Wolken türmten.

An diesem Ort sprachen wir über das Stück «Die Physiker», das Ende Februar 1962 in Zürich uraufgeführt wurde. Obwohl Kontakte zwischen Ost und West im Kalten Krieg nur sehr eingeschränkt möglich waren, wurde Dürrenmatt, der seit dem Stück «Der Besuch der alten Dame» weltweit erfolgreich war, auch im Osten übersetzt und gespielt. Das Stück «Die Physiker» schaffte es schon 1962 auf den Spielplan der Leningrader Komödie. 1963 wurde es sogar im Theater der Roten Armee in Moskau gespielt. Erst 1964 kam es in New York auf die Bühne.

Dafür lehnten die Schweizer am 1. April 1962 den Verzicht auf Atomwaffen in einer Volksabstimmung ab. Kein Aprilscherz. Abstimmen durften nur die Männer.

Als die Weltmächte Ende der 1960-er Jahre übereinkamen, die Weiterverbreitung der Atomwaffen zu verbieten, und als der Schweizer Versuchsreaktor in Lucens 1969 explodierte, setzte sich langsam die Einsicht durch, dass es zu spät war für die Entwicklung einer schweizerischen Atombombe.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Ausflugs hatten schliesslich die Gelegenheit, das Centre Dürrenmatt zu besuchen und bei der Vernissage der Ausstellung «Le Grand Festin / Das grosse Festmahl» anwesend zu sein, die bis 22. März 2020 zu sehen ist. In ihr geht es um das Thema Essen und Trinken.

«Mein Sarg soll voller Kartoffelsalat und Cervelatwurst sein», wünschte sich Dürrenmatt. Es kam dann zwar anders, aber ärgern sollten wir uns darüber nicht. Besser halten wir uns an Dürrenmatt: «Wenn ich zwischen zwei Todesarten wählen könnte, würde ich mich lieber totlachen als totärgern».

Die Enthauptung auf der Aarebrücke – 5. Oktober 2019

Den Rundgang in und um Solothurn haben wir am vergangenen Samstag nicht nur durchgeführt, weil Solothurn sich rühmt, «die schönste Barockstadt der Schweiz» zu sein – eine Charakterisierung, die der ehemalige Denkmalpfleger des Kantons, Samuel Rutishauser, in seinem Kunstführer über Solothurn als «nicht zutreffend» bezeichnet.

Es ging uns auch um die Rolle, die Solothurn als Standort der französischen Botschaft zwischen 1530 und 1792 spielte, und um die Bedeutung des Ortes für das Söldnerwesen, das die barocken und klassizistischen Bauten finanzierte, die wir heute in der Stadt und der Umgebung bewundern können. Ich denke dabei zum Beispiel an die prächtige Jesuitenkirche von 1680-89, «Denkmal der Grosszügigkeit des allchristlichsten Königs Ludwigs des Grossen», wie an der Fassade unübersehbar in lateinischer Sprache verkündet wird.

Thematisch war der Rundgang auch eine Fortsetzung des Ausflugs nach Saint-Maurice vor einem Monat. Mauritius, der Anführer der Thebäischen Legion, mustert in Solothurn seit 1555 die Passanten als Brunnenfigur und verkörpert stolz die Vereinbarkeit von Krieg und Christentum.

Die heiligen Soldaten, die in Solothurn besonders verehrt werden, sind aber die Märtyrer Urs und Viktor aus dieser von Mauritius angeführten Legion. Ein Relief über dem Eingang der Sankt-Ursen-Kathedrale zeigt, wie die Heiligen geköpft werden.

Auf dem Relief des 18. Jahrhunderts findet die Enthauptung auf der Aarebrücke statt, und ich verstehe, dass die Solothurner sich ihre Stadt nicht ohne Aarebrücke vorstellen können. Denkmalpfleger Rutishauser ist da keine Ausnahme. Er schreibt, die nachweisbare Geschichte der Stadt beginne damit, dass «Kaiser Tiberius eine Strasse von Italien über den Grossen Sankt Bernhard nach Aventicum (Avenches), Vindonissa (Windisch) und Augusta Raurica (Augst) bauen liess. In Salodurum (Solothurn), wo sie die Aare überquerte, entwickelte sich rasch ein Vicus, ein kleinstädtisches Zentrum. Der genaue Standort der dazu notwendigen Brücke ist heute umstritten.»

Mein Problem: Ich kann die Notwendigkeit einer Brücke nicht einsehen.

Die Römerstrasse führte von Aventicum bekanntlich schnurgerade zur Siedlung Petinesca beim heutigen Dorf Studen südöstlich von Biel. Etwa eine halbe Stunde von dieser Siedlung entfernt muss sie den Ausfluss des Bielersees, die Zihl, überquert haben. Nachweislich führte von dort eine Römerstrasse durch den Pierre Pertuis über den Jura, während man die Spuren einer anderen Römerstrasse auf der Linie Port-Meinisberg-Altreu fand, von wo man ohne Hindernisse nach Solothurn gelangt und weiter dem Jurasüdfuss entlang nach Brugg / Vindonissa, wo die Aare an einer sehr engen Stelle einfach überbrückt werden konnte.

Zur Erinnerung: Vor der Juragewässerkorrektion floss die Aare nicht in den Bielersee und nicht aus dem Bielersee, sondern wild und ungebändigt durch die Ebene zwischen Aarberg und Solothurn. Es brauchte also bestimmt keine Aarebrücke zum Erreichen des römischen Vicus auf der Nordseite der Aare im heutigen Solothurn. Und hätte es sie gebraucht, dann hätte es noch eine weitere Brücke gebraucht irgendwo zwischen Petinesca und Büren an der Aare, um die römischen Legionäre und Zivilisten erst mal auf die Südseite des chaotischen Flusses zu bringen.

Wäre ich ein fauler Römer gewesen, hätte ich in Solothurn jedenfalls keine Brücke gebaut, sondern hätte mich mit einer Fähre für den Lokalverkehr begnügt. Aber vielleicht waren die Römer fleissig und bauten gerne Brücken.

Faul waren dagegen definitiv die Soldaten der Französischen Revolution und die Funktionäre der Helvetischen Republik in Solothurn.

Ich zitiere nochmals den ehemaligen Denkmalpfleger Rutishauser: «Nachdem die Franzosen 1798 auch in Solothurn einmarschiert waren, mussten auf Geheiss der damaligen aufklärerischen Regierung sämtliche Wappen und Insignien, die an das Ancien Régime erinnerten, entfernt werden», schreibt er.

Das Resultat der Faulheit: In der Klosterkirche der Visitation steht bis heute vor dem Chor ein Gitter, das überragt wird von den drei Lilien der Bourbonen-Dynastie. Diese Symbole der verhassten Könige habe ich in keiner Kirche in Frankreich gesehen. Hier stehen diese Lilien und erinnern mich an die Abertausenden von Schweizer Söldnern, die für die Könige gestorben sind. Auch die Franzosen haben das Schweizer Söldnerwesen bis heute nicht vergessen. Die Redewendung «Point d’argent, point de Suisse» gilt nicht als veraltet.

Man hat die Lilien, die vereinsamt in einer der vier Klosterkirchen stehen, wohl kaum je wahrgenommen oder aber schon vergessen. Kein Reiseführer erwähnt sie. Die Solothurner Bevölkerung kümmert sich nicht um bourbonische Lilien. Man sieht die Menschen am Samstag nicht in den Kirchen, sondern auf dem Markt. Die alte Innenstadt lebt, und das ist auch gut.

Kein Schweizerkreuz – zur Reise nach Savoyen und ins Piemont 11.-18. September 2019

Das letzte Wochenende haben wir mit einer kleinen Gruppe in Turin verbracht auf den Spuren der Savoyer-Dynastie.

Die Savoyer haben bekanntlich das Waadtland regiert, bevor es 1536 von den Bernern erobert wurde.

Den Genfern sind die Savoyer nicht nur als Grenzgänger bekannt. Sie erinnern sich auch daran, dass sie in der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember 1602 beim Versuch gescheitert sind, die Stadtmauern zu erklettern und die protestantische Hochburg mit militärischer Gewalt wieder ins katholische Herzogtum Savoyen einzugliedern. Seither wird die Niederlage der Savoyer und der Sieg der Genfer bei der Escalade jedes Jahr im Dezember ausgiebig gefeiert, mit einem Volksfest und einem historischen Umzug.

Die Fahrt mit dem Zug fanden wir ganz reizvoll. Von Genf ging es zwischen Rhone und Jura nach Süden, dann bei sonnigem und klarem Wetter dem Ufer des Lac de Bourget entlang bis zur sympathischen Kleinstadt Chambéry. Bei der Weiterreise vom herzoglichen Chambéry ins königliche Turin schlängelte sich der TGV Paris-Mailand ganz nach unserem Motto slow travel in mässigem Tempo durch die Alpentäler hinauf nach Modane und Bardonecchia (1240 m ü. M.), bevor er vorbei an Abgründen und steilen Felswänden zur Poebene hinunter rollte bis in die Metropole Turin mit ihren grosszügigen, kilometerlangen Lauben oder portici.

Die Atmosphäre im Viertel Quadrilatero Romano in Turin an einem Spätsommerabend könnte man beschreiben oder als Filmsequenz schildern, aber selbst dort zu sein ist ein spezielles Erlebnis. Eine Erfahrung ist auch die Küche, besser als die Lektüre eines Kochbuches. Nur so viel: Nicht zufällig kommt auch slow food aus dem Piemont.

Die Hinterlassenschaft der Savoyer entdeckten wir auf unserer Reise nicht nur in den Palästen der Könige von Sardinien, sondern auch an unerwarteten Orten.

Zum Beispiel auf diesem Briefkasten der regie poste, der königlichen Postbetriebe, im ältesten Marienheiligtum der Alpen, im imposanten Santuario di Oropa. Das Zeichen sieht fast aus wie ein Schweizerkreuz, ist aber keins. Der Briefkasten, kein Museumsstück, wird täglich geleert.

Wir werden unsere Reise wohl in ähnlicher Weise wiederholen, voraussichtlich 2021, zum hundertfünfzigsten Jahrestag der Eröffnung der Alpenbahn, deren Bau eine Herausforderung war für die besten Ingenieure ihrer Zeit und für die Arbeiter, die vierzehn Jahre brauchten, um ihr Werk zu vollenden.

Frühe Orte des Christentums – 7. September 2019

Vorgestern war der Himmel bedeckt. Heute morgen blicke ich aus dem Fenster: es regnet, und das Aussenthermometer zeigt 7° C.

Und gestern? Der gestrige Ausflug galt zwei frühen Orten des Christentums in der Schweiz, Avenches und Saint-Maurice. Wir wurden verwöhnt mit christlichem Wetter.

Bei der thematischen Vorbereitung des Ausflugs habe ich mich für das Leben und Sterben des burgundischen Königs Sigismund interessiert, der im Jahr 515 das älteste Kloster der Schweiz in Saint-Maurice d’Agaune gegründet hat.

Die Schweiz hatte keine Könige? Das stimmt nur halb. Die Eidgenossen hatten zwar keine Könige. Aber auf dem Gebiet der heutigen Schweiz haben Könige geherrscht und wurden Könige gekrönt.

Wer ist schwanger und schenkt der Welt das nächste royal baby? Neuigkeiten aus der britischen Königsfamilie bewegen auch in der Schweiz ein interessiertes Publikum.

Aus der Geschichte der damaligen burgundischen Königsfamilie sind nicht Schwangerschaften überliefert, sondern Verrat und Mord zwischen engen Verwandten. Schon die ersten Könige der europäischen Zivilisation hatten Mühe mit der Umsetzung des Gebots der Nächstenliebe.

Auch vor der Legalisierung des Christentums im Römischen Reich wurde reichlich Blut vergossen. Kaiser Konstantin hatte am Vorabend der Schlacht an der Milvischen Brücke, die am 28. Oktober 312 stattfand, angeblich eine Vision: er sah den Text «Unter diesem Zeichen wirst du siegen» mit einem frühen Symbol des Christentums am Himmel über dem Schlachtfeld. Konstantin gewann die Schlacht gegen eine feindliche Übermacht. Zehntausende kämpften, Konstantins Rivale Maxentius ertrank im Tiber. Das Christentum wurde 313 im Reich erlaubt. Christen lebten auch in Aventicum, und ihre Grabbeigaben im Museum von Avenches gelten heute als die ersten christlichen Gegenstände in der Schweiz.

Im kleinen Museum ist eine einzigartige Goldbüste von Kaiser Mark Aurel ausgestellt, der von 121 bis 180 gelebt hat. Dieser Kaiser ist in der heutigen Populärkultur weniger bekannt als Nero oder Caligula, denn er zeichnete sich nicht durch Brutalität oder Perversion aus. Das System der Adoptivkaiser sollte im Gegenteil bestmögliche Regierungsführung erleichtern. Marcus Aurelius war als talentierter Junge adoptiert worden vom Kaiser, den er als Vater betrachtete. Er selbst herrschte pflichtbewusst als höchster Diener des Staates, strebte nach Gerechtigkeit und versuchte, mit Hilfe der Philosophie der Stoiker Selbstüberschätzung zu vermeiden. Am Ende des Lebens schrieb er Selbstbetrachtungen nieder, die einen Einblick in sein Leben und Denken ermöglichen.

Das Kloster Saint-Maurice ist berühmt dank seinem wertvollen frühmittelalterlichen Klosterschatz. Es lohnt sich, dafür genügend Zeit einzuplanen. Die Gruppe auf dem gestrigen Ausflug hat den Rundgang durch die Ausgrabungen und die Ausstellung geschätzt.

In Vérolliez steht eine Kapelle am Ort, an dem nach der Überlieferung die Thebäische Legion hingerichtet wurde. Die Nonne, die sich um die Kapelle kümmert, berichtet, dass Pilger aus Oberägypten, die den Ort besuchen, von Gefühlen überwältigt werden.

Kein Wunder. Durch die blutigen Anschläge gegen ägyptische Kirchen in den letzten Jahren hat die Geschichte des Martyriums der Thebäischen Legion für die Kopten eine neue Bedeutung erhalten, auch wenn sie 1700 Jahre zurückliegt.

Brugg, Habsburg, Königsfelden – 3. August 2019

Bei der Vorbereitung des Tagesausflugs zu den frühen Habsburgern stellte ich mir die Frage, ob es einen logischen und chronologischen Weg gibt, der die Ursprungsorte der Dynastie in und um Brugg auf einer angenehmen Wanderung verbindet.

Meine Antwort ist ja.

Um die Besonderheit des aargauischen Städtchens Brugg in vorindustrieller Zeit zu begreifen, muss man sich dorthin begeben, wo die mächtige Aare sich in einen schmalen Spalt zwängt. Es braucht keine besondere Ausbildung, um zu erkennen, dass dies die naheliegendste Stelle für den Bau einer Brücke ist. Das haben die Römer gemerkt, für die Brugg bald ein Verkehrskontenpunkt wurde, und nach ihnen die Habsburger. Brugg hat die Aarebrücke im Namen und im Wappen. Wenn man die Brücke nicht gesehen hat, kann man Brugg nicht verstehen.

Von der Brücke aus führt ein angenehmer Wanderweg flussaufwärts der Aare entlang nach Altenburg, wo sich Guntram, einer der Urahnen der Habsburger, zwischen den Resten eines römischen Kastells niedergelassen hat. Die Burg ist heute eine Jugendherberge. Guntram stammte aus der elsässischen Familie der Etichonen, wenn man der Chronik über die Gründung des Klosters Muri Glauben schenkt, einer frühen Gründung der Habsburger. In Altenburg wurde dann Guntrams Sohn Kanzelin geboren, und um das Jahr 985 dessen Sohn Radbot.

Radbot hat nichts Schriftliches hinterlassen, dafür spielt er eine Rolle in der Legende über die Gründung der Habsburg. Radbot jagte mit einem Habicht. Der entflog ihm, und Radbot folgte ihm durch den Wald bergaufwärts bis zur höchsten Stelle. Der Ort gefiel ihm und er beschloss, dort eine Burg zu erbauen. Weil weder er noch seine Frau Ita von Lothringen die dazu nötigen Finanzen hatte, half ihm sein Schwager, der Bischof von Strassburg.

Um zu Fuss von der Altenburg zur Habichtsburg / Habsburg zu gelangen, gibt es einen direkten Weg. Der führt ein Stück weit der Aare entlang, dann überquert man Hauptstrasse, Bahnlinie und ein Werkgelände mit Zementbauteilen und steigt direkt in den Wald, der zur Habsburg führt. So etwa muss Radbots Habicht vor tausend Jahren geflogen sein, und hinter ihm zu Fuss oder zu Pferd stellen wir uns Radbot vor. (Hinweis: Der tausendjährige Weg in den Wald ist inzwischen unterbrochen und abgesperrt – hoffentlich nicht für die nächsten tausend Jahre).

Der erste Habsburger, der 1273 deutscher König wurde, war Rudolf, der sich gerne als armer Graf darstellte, um seinen Rivalen, den mächtigen König von Böhmen, um so besser demütigen zu können. Ganz arm war er nicht, aber offenbar pragmatisch und vergleichsweise bescheiden, also nicht unschweizerisch. Wie alle frühen Habsburger reiste er viel und pflegte seine Beziehungen. Als König sorgte er auch dafür, dass seinen Söhnen die Herzogtümer Österreich, Kärnten und Steiermark als Lehen verliehen wurde.

Mehr als sechshundert Jahre lang haben die Habsburger in Österreich geherrscht. Und damit nicht genug. Was andere mit dem Kriegsgott Mars erkämpften, das fiel den Habsburgern dank der Liebesgöttin Venus in den Schoss. So zumindest formulierte es die habsburgische Propaganda. Weil man im glücklichen Österreich zielgerichtet heiratete, beherrschten die Habsburger zeitweise ein Reich, in dem die Sonne nie unterging. Eine Geschichte, die es auf der Welt nur einmal gibt und die in und um Brugg beginnt.

Vom Dachstock der Habsburg sieht man die ehemalige Klosterkirche Königsfelden. Sie ist ein weiterer wichtiger Ort zum Verständnis der frühen Habsburger. Dorthin gelangten wir nach einem guten Mittagessen auf der schattigen Terrasse des Schloss-Restaurants.

Unterwegs, beim Fundament des Galgens des Amtes Königsfelden, kann man anhalten und den grauslichen Mord am zweiten Habsburgerkönig schildern. Es geschah im Frühling 1308. König Albrechts Neffe Johann durchbohrte dem König mit dem Schwert den Hals, während ein Kumpan ihm von hinten den Dolch in den Rücken rammte und ein dritter Verschwörer ihm mit einer Axt den Schädel spaltete. Kein würdiger Tod für einen deutschen König, aber ein Grund, um eine Gedächtniskirche zu errichten, die der Reiseführer Baedeker als «das wertvollste Kulturdenkmal des Kantons» bezeichnet.

Innerhalb der Mauern des Klosters, zusammen mit Mönchen des Franziskanerordens und Nonnen des Klarissenordens, lebte Agnes, Tochter des Ermordeten und Witwe des Königs von Ungarn, eine reiche und respektierte Frau, in ihrem eigenen Haus, ohne ein Gelübde abzulegen. Mit ihrer Persönlichkeit, ihren Überzeugungen und ihren Fähigkeiten verstand sie es, durch Verhandlungen verschiedene Kriege zu beenden. Aus ihrer Zeit stammen die wertvollen Glasmalereien in der Kirche, die meist um das Jahr 1325 entstanden sind. Die mittleren drei der elf hohen Chorfenster stellen Passionsgeschichte, Menschwerdung Christi und Auferstehung dar.

Die seitlichen Fenster zeigen Johannes und Katharina, Paulus und Maria, Anna und Klara, Nikolaus und den heiligen Franziskus – das bekannte Bild der Vogelpredigt wurde Motiv für eine Briefmarke. Auf den untersten Fenstern erkennt man Stifterinnen und Stifter mit ihren Wappen. Die Berner, die Brugg und Königsfelden 1415 eroberten, haben die Glasfenster nicht zerstört, sondern repariert. So kam die eben aus den Rippen des Adam erschaffene Eva 1508 zu ihrer hübschen Renaissance-Gestalt.

Besançon – 6. Juli 2019

Eigentlich habe ich den Fahrer des Schienenbusses nur gefragt, ob er die Vorhänge etwas zur Seite schieben könne, damit wir Passagiere das Gleis vor uns erblicken können während der Fahrt.

Seine Antwort: «Kommen Sie nur rein, und stellen Sie Fragen, ich werde mich bemühen, sie zu beantworten».

Der Dieselmotor sprang an, der Zug bewegte sich, fuhr gemächlich über Weichen, verliess den Bahnhof von La Chaux-de-Fonds, liess Wohnblocks und Uhrenfabriken hinter sich, beschleunigte auf der Hochebene. Dann senkte sich die Strecke gegen Le Locle zu, der Lokführer bremste, wir hielten kurz an, fuhren weiter zum Grenzbahnhof Le Locle Col-des-Roches mit seinem verlassenem Gleisfeld für längst verschwundene Güterzüge und an einem leerstehenden Hotel vorbei in den ersten Tunnel.

Dann waren wir in Frankreich, am Hang oberhalb der Strasse mit der Zollstation. Die Strecke senkte sich weiter. Sie sei seit vierzig Jahren nicht saniert worden, meinte der junge Lokführer aus Besançon. Wir sahen die nicht verschweissten, etwas unregelmässig angeordneten Gleisstücke vor uns, man hörte und spürte den charakteristischen Rhythmus eines Zuges. Pflanzen wuchsen zwischen dem Schotter, es rumpelte trotz der bescheidenen Geschwindigkeit, eine langsamere Bahnfahrt kann man sich schwerlich vorstellen, slow travel eben.

Ich wies die mitreisenden Passagiere auf das bescheidene Flüsschen Doubs hin, welches wir vor Morteau überquerten. Dann ging die Fahrt nach einem Halt weiter, gemächlich dem Fluss entlang, dann in die Höhe, vor uns ein weiterer Tunnel, der Lokführer zeigte auf den Zugang zu einem Stollen, den man gebaut hatte, um den Tunnel im Kriegsfall zu sprengen, zu einer Zeit, als Bahnlinien noch militärische Bedeutung hatten.

Am Schluss der Strecke wand die Bahnlinie sich dem hohen Felsen entlang nach unten, auf dem die bekannte Zitadelle von Besançon steht, und von oben sah man wieder den Doubs, der nach einem sehr weiten Umweg ein grosser Fluss geworden war.

In Besançon im Parc Micaud gleich neben der Bahnhaltestelle Mouillère hielt unsere kleine Gruppe vor der Statue von Louis Pergaud, dessen Buch von 1912 «La guerre des boutons» nach dreissig Auflagen immer noch verkauft wird. Dann Kaffee trinken im Café Beaux Arts, anschliessend vor dem bescheidenen Geburtshaus den Gesellschaftstheoretiker Pierre Joseph Proudhon (1809-1865) vorstellen, der die These «Eigentum ist Diebstahl» geprägt hat und der als Typograph und späterer Korrektor die Texte des ebenfalls in Besançon geborenen Frühsozialisten Charles Fourier (1772-1837) gelesen und korrigiert hat.

Im Quartier Battant über die Architektur des Hôtel de Champagney staunen, einen Blick in die klassizistische Kirche der Maria Magdalena werfen, auf einer Terrasse der Place de la Révolution ein gutes Mittagessen verspeisen. Beim Weitergehen die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf das Motto VTINAM lenken, das zur Stadt gehört wie ihr Wappen, ein Adler zwischen zwei Säulen. Das Kunstmuseum besuchen mit dem römischen Neptun-Mosaik und den Gemälden von Lukas Cranach und Pierre Bonnard, dann vor dem Denkmal für Victor Hugo unter den schattenspendenden Kastanien erklären, wie der Autor darauf kam, Besançon als vieille ville espagnole zu bezeichnen.

Im Renaissance-Palast des kaiserlichen Kanzlers Nicolas Perrenod de Granvelle das Uhrenmuseum Musée du Temps besichtigen, dort Titians Porträt des Besitzers nicht übersehen, auch nicht das Porträt Karls des Kühnen ein Jahr vor seinem Tod, nicht den Wandteppich, der die Hochzeit von Kaiser Karl V mit Isabella von Portugal zeigt, die dazu führte, dass im Weltreich der Habsburger die Sonne nie unterging. Auch die allegorischen Gemälde der jungen Frau beachten, die die Franche-Comté vor der Eroberung durch Frankreich darstellen, und natürlich die Präsentation der lokalen Uhrenindustrie.

Schliesslich ein paar Schritte weitergehen auf der Grande Rue, die eine der zwei Hauptachsen der römischen Stadt Vesontio ist, bis zum römischen Triumphbogen Porte noire, der nach einer gründlichen Reinigung ganz weiss erstrahlt, und zur Kathedrale mit den Kapitellen aus dem 11. Jahrhundert, deren Darstellungen man aber kaum genau erkennen kann, weil sie so hoch oben sind und die Scheinwerfer, die die Kirche beleuchten, so blenden.

Wir haben nicht alle Sehenswürdigkeiten gesehen, und sie allein machen eine Stadt nicht aus.

Die Menschen, die am Samstag aus den Aussenquartieren, den Vorstädten und der Umgebung in die Innenstadt kommen und sie bevölkern, bringen eine lebensfrohe Atmosphäre in diese alte und gleichzeitig moderne Stadt, die bisher vom Massentourismus verschont geblieben ist.

Nachtrag zu Jacques Chessex – 1. Juni 2019

Der Tagesausflug vom 1. Juni nach Moudon und Ropraz liegt schon einige Tage zurück. Was haben diejenigen verpasst, die nicht daran teilgenommen haben?

Um 09.34 sollte von Bern aus der Zug nach Kerzers fahren, von dort ein Anschlusszug über Avenches durchs Broyetal nach Moudon, lateinisch Minnodunum. Die Stadt liegt an der alten Römerstrasse von Rom nach Helvetien. Geplante Ankunft in Moudon: 11.05 Uhr.

Aber dann, im Bahnhof Bern, die Information, dass der Zug wegen einer Fahrleitungsstörung ausfällt. Eine Umleitungsempfehlung über Lyss überzeugte uns nicht. Via Fribourg und Romont kamen wir rechtzeitig in Moudon an.  Dort trafen wir schliesslich alle 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Fast alle waren pünktlich. Ein Wunder.

Im Chor der Kirche Saint-Etienne setzten wir uns auf die über 500 Jahre alten, geschnitzten Chorstühle. Es gibt da keine Abschrankung, aber Vorsicht beim Herunterklappen der Sitze! Der Ort bietet sich an, um etwas zu erzählen über die Geschichte der Verkehrswege, der Stadt, des Waadtlandes und über Peter II von Savoyen, der im 13. Jahrhundert die savoyische Herrschaft in der Waadt und bis Bern weiterentwickelte.

Von den Chorstühlen aus sieht man die savoyischen Herrschaftszeichen an der Decke, die zur Zeit der Reformation und der bernischen Herrschaft übertüncht waren: das Motto der Dynastie, eine Abkürzung in vier Buchstaben, sowie den Knoten in der Form einer 8, wie am Gebäude in der Altstadt, das als Maison des Etats des Vaud bezeichnet wird.

Moudon, laut Chessex wegen häufigem Regen und Nebel als “Nachttopf des Kantons” bekannt, ist ein kleines Städtchen. Und doch reichte die Zeit auch bei unserem Ausflug nicht für alles.

Im Museum von Alt-Moudon, in einer Sonderausstellung zum Thema Justiz, wäre eine Niederschrift von 1577 des althergebrachten und von Bern anerkannten Rechts zu sehen, le coutumier de Moudon, zusammengestellt dank der grossmütigen Unterstützung der Gnädigen Herren von Bern.

Verpasst haben wir mit der Gruppe auch das sehenswerte Museum Eugène Burnand. Der naturalistische Maler wurde als Offizier der französischen Ehrenlegion  ausgezeichnet.

Den Besuch beider Museen empfehlen wir im Nachhinein wärmstens.

Am Nachmittag des 1. Juni die Busfahrt nach Carrouge im Haut-Jorat. Das Dorf ist die Heimat des Poeten Gustave Roud, der Jacques Chessex beeinflusst hat. Über ihn gibt es ein Filmporträt des Westschweizer Fernsehens RTS von 1965, ein frühes Werk des Filmemachers Michel Soutter, der zu den Pionieren des nouveau cinéma suisse gehört. Man muss sich Zeit lassen für den Film in schwarz-weiss, er dauert 31 Minuten. Man könnte es «slow TV» nennen, in Analogie zu slow food und slow travel :  https://www.rts.ch/archives/tv/culture/personnalites-suisses/4101192-gustave-roud.html

Nach einem Spaziergang, der in der sommerlichen Hitze etwas Anstrengung abverlangt, Ankunft im Dorf Ropraz, in dem der streitbare Jacques Chessex gelebt hat.

Die Rettung. Alain Gilliéron von der Fondation L’Estrée versorgt und verwöhnt unsere Gruppe sehr grosszügig mit Wasser, Weisswein, Kuchen und Erinnerungen an den befreundeten Schriftsteller. In der Kapelle neben dem Café de la Poste liest er uns das Gedicht La Mère.

Am 16. April 1942 wurde der jüdische Viehhändler Arthur Bloch in Payerne ermordet, von einer Gruppe lokaler Nationalsozialisten. Chessex, in Payerne geboren, war damals acht Jahre alt. Die Tochter des Mannes, der sich schon als Gauleiter sah, besuchte seine  Klasse. Un juif pour l’exemple beschreibt den Mord genau. Als das Buch anfangs 2009 erschien, wurde Chessex angefeindet. Im Oktober desselben Jahres starb er während einer Veranstaltung in der Bibliothek von Yverdon. Zum Gedenken an seinen Tod sind 2019 verschiedene Gedenkveranstaltungen geplant.

Jacques Chessex hat mehrmals über den Friedhof geschrieben, neben dem er früher lebte und in dem er heute liegt. Tod und Sexualität: Chessex hat heikle Themen behandelt. Kompromisslos.

Manchmal war er nicht nur ehrlich, sondern auch provokativ. In seinem Text On est de Berne, der im Portrait des Vaudois von 1969 zu finden ist, beschreibt er die bernischen Eroberer der Waadt,  la bande à Naegeli.

Mit der Armee der Eroberer von 1536, deren Gutturallaute die Waadtländer nicht verstehen können, fährt ein begeisterter Passagier mit. D’un fourgon aux essieux grinçants sort la tête exultante de Charles Gilliard, und später: On est de Berne! crie Charles Gilliard qui sautille en battant les mains. Und so geht es weiter.

Gilliard war auch mal Gymnasiallehrer in Lausanne, wie Chessex, aber Lehrer für Latein. Nach eingehendem Studium der mittelalterlichen Originaldokumente publizierte er 1929 ein 732 Seiten starkes Werk über die Verwaltung von Moudon durch die Savoyer, akribisch recherchiert, voller Quellenangaben, 1935 dann ein Buch über die Eroberung der Waadt durch die Berner. Ohne die Berner hätte die Reformation in Genf kaum überlebt, glaubt Gilliard, und er meint, dass die bernische Zeit entscheidend gewesen sei für die Herausbildung einer eigenen Identität der Waadtländer.

Die Ansicht ist plausibel. Um eine weitere konfessionelle Spaltung der Eidgenossenschaft zu verhindern, überliessen die Berner nämlich weite Gebiete der früher savoyischen Waadt den katholischen Freiburgern und Wallisern. Die Menschen, die dort lebten, waren bald nicht mehr Waadtländer, sondern wurden Freiburger und Walliser.

Klar ist mir, dass Chessex mit Gilliard nicht einverstanden war. Aber warum?

Charles Gilliard starb 1944. Er konnte sich nicht wehren gegen den Platz auf einem Wagen mit quietschenden Achsen inmitten der bernischen Streitmacht , den Chessex ihm 1969 zuwies. Und da auch Chessex vor zehn Jahren gestorben ist, können wir ihm dazu keine kritischen Fragen mehr stellen.

Bei den Savoyern – 24. Mai 2019

An zwei Tagen Mitte Mai fegte eine stürmische Bise über Savoyen und sorgte für kühles Wetter mit blauem Himmel. Wir benutzten die Zeit für eine Fahrt nach Chambéry und den Lac de Bourget.

Die Reise war erholsam, diente aber auch der Vorbereitung der ersten mehrtägigen Reise von chtour.ch, die vom 11. bis 18. September 2019 stattfindet. Dabei geht es um die Dynastie der Savoyer.

Wir wissen jetzt, wie viele Minuten zu Fuss man vom Bahnhof Chambéry zum Hotel braucht. Wir wissen auch, in welches Restaurant wir die Teilnehmer am ersten Abend zu einem innovativen menu découverte einladen wollen, und welche bretonischen Buchweizen-galettes wir für ein leichtes Mittagessen empfehlen können. Und wir werden uns bewusst, wieviel es in Chambéry zu sehen gibt  und wozu die Zeit nicht reicht.

In Aix-les-Bains haben wir uns die Haltestelle gemerkt, wo der Bus zum Hafen fährt. Am Hafen Parks, eine Strandpromenade, Restaurants, und das Schiff zur Abteikirche am gebirgigen Ufer, wo Mitglieder der Dynastie begraben sind. Das grösste Grabmal ist ausgerechnet dem Grafen gewidmet, der für die bernische Geschichte eine besondere Rolle spielt.

Die Altstadt von Chambéry war für uns eine Überraschung. Es gibt einige malerische Winkel, noch nicht restaurierte Innenhöfe.

Nach unserem Besuch habe ich die Schriften des savoyischen Patrioten gesucht, dessen Statue den Treppenaufgang zum herzoglichen Schloss überragt. Joseph de Maistre lebte während der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege im Exil, zuerst im bernischen Lausanne, dann als Vertreter des Königs von Sardinien in Sankt Petersburg. Seine Publikationen bereiteten die monarchistische Restauration Europas vor, die am Wiener Kongress beschlossen wurde.

Vor Chambéry ist aber am 1. Juni die Stadt Moudon auf dem Programm, die savoyische Hauptstadt des Waadtlandes. Und die wuchtige Literatur des Jacques Chessex.

Maibummel – 4. Mai 2019

Für den 4. Mai lautete die Wetterprognose: anhaltender Regen, der in Schnee übergeht.

Der angekündigte Maibummel fand trotzdem statt. Am Zielort im luzernischen Ruswil besichtigte die kleine, für jedes Wetter ausgerüstete Gruppe die 55 Meter lange, imposante Dorfkirche mit ihrem illusionistischen Deckengemälde, das den Blick frei gibt auf einen blauen Himmel, in dem die Muttergottes entschwindet.

Erst als wir aus der Kirche traten, begann der Regen. Wir spannten die Regenschirme auf und gingen zur nahen Bushaltestelle. Starker Regen prasselte während der Fahrt an die Scheiben. Am späten Abend verwandelten sich die Regenfälle in einen Schneesturm. Und gestern sahen die Voralpen im Gantrischgebiet so aus – weiss mit schwarzen Felsen.

Wenn man zu Fuss zwischen zwei Dörfern im Mittelland unterwegs ist, sieht man, wie sehr das Land zugebaut ist. Man kann sich darüber ärgern. Man kann sich auch freuen an den Bildausschnitten, die den Eindruck von Ursprünglichkeit vermitteln. Erfreulich ist jedenfalls, wie die Bevölkerung ihre jahrhundertealten Heiligenstatuen erhalten hat.

Vor der Kapelle von St. Ottilien warten wir kurz, bis ein Kleinkind getauft ist. Dann können wir eintreten und die Votivbilder in den Seitenkapellen genauer anschauen, die sonst mit Eisengittern abgeschlossen sind. Die Bilder zeugen davon, dass die heilige Ottilie in der Vergangenheit bei Augenleiden geholfen hat.

Vielleicht kann Ottilie nicht nur bei der Sicht helfen, sondern auch bei der Sichtbarkeit? Wir wünschen uns jedenfalls noch eine verbesserte Sichtbarkeit von chtour.ch in den Medien.

Ein erstes Resultat gibt es zu erwähnen. Henriette Brun-Schmid von der Könizer Zeitung hat einen Artikel geschrieben über unseren Versuch, eine neue Art des Reisens zu entwickeln. Um ihr ein Beispiel für unbekannte Kultur in der Nähe zu zeigen, bin ich mit ihr nach Hindelbank gefahren

Auferstehung kann man sich schwer vorstellen, bis man die Skulptur gesehen hat, von der der Tourist Johann Wolfgang von Goethe berichtet hat.

Den Artikel, der Ende April erschienen ist, finden Sie hier.

Chambrelien – Ostern 2019

Mit dem Schnellzug in die Natur?

Das kann doch nicht sein. Schnellzüge halten in den Städten.

Aber eine Ausnahme gibt es.

Wer mit dem Zug von Bern über Neuenburg nach La Chaux-de-Fonds fährt, erlebt, dass der Zug kurz hält und dann in entgegengesetzter Fahrtrichtung weiterfährt. So ist es seit 1859. Jeder Zug muss hier wenden.

Während der Bundesrat 2018 vorgeschlagen hat, den Kopfbahnhof mit einem Tunnel zu umfahren, beschliesst der Ständerat im März 2019, eine neue Bahnlinie zwischen den beiden grossen Städten des Kantons zu bauen.

Chambrelien liegt 44 Minuten von Bern. Der Bahnhof ist nicht bedient. Das Bahnhofbuffet scheint verlassen. Einige Pendler haben ihre Autos abgestellt.

Man hört das Motorengeräusch des wegfahrenden Zuges, dann nur noch summende Insekten.

Ein Werktag vor Ostern, Frühlingshitze, frisches Grün, Blüten. Der Wanderweg führt in die Kalksteinfelsen am Südhang über der Areuseschlucht. Gegenüber auf der anderen Talseite die dunkle Wand des Creux-du-Van.

Zwei Lebewesen, Gemsen, die sich verwundert nach mir umblicken.

Ein Aussichtspunkt. Weit unten in der Schlucht erblickt man die Bahnlinie Neuenburg-Pontarlier mit ihren Tunneln. Die Tunnel sind breit, für eine Doppelspur gebaut. Die ist nicht mehr notwendig. Die direkten Züge von Bern nach Paris, die von Bern in den Westen fuhren, verkehren hier schon lange nicht mehr. Der verbleibende direkte TGV macht einen Umweg über Mülhausen, über 100 Kilometer im Norden.

Der Weg nähert sich langsam den Geleisen. Neue Gitternetze schützen die Bahn vor Steinschlag. Die Steinbrocken auf dem Wanderweg zeigen, dass es die Netze braucht.

Nach einer guten Stunde komme ich zur Bahnhaltestelle Champ-du-Moulin. Unten am kühlen Fluss ist das Hôtel de la Truite. Tische und Stühle stehen draussen an der Sonne. Der Mann an der Bar wünscht sich für Ostern viele Besucher.

Die Qual der Wahl: dortbleiben, weiter flussaufwärts wandern, weiter flussabwärts. Abwärts geht es leichter, das Tal ist breit, Jogger rennen, Familien wandern, es zeigen sich keine Gemsen mehr. Das Tal verengt sich, der Fussweg führt über Treppen und Brücken durch eine dramatische Schlucht, bis sich diese wieder weitet.

In Boudry, kurz vor der Tramhaltestelle, das Geburtshaus von Jean-Paul Marat, ermordet in Paris in der Badewanne. Aber das ist eine andere Geschichte.

Vergangenheitsbewältigung – 6. April 2019

Das Schloss Trachselwald zeigte sich beim gestrigen Tagesausflug von seiner düsteren Seite. Die Sonne, die sich anfänglich über dem tiefen Morgennebel erhoben hatte, versteckte sich. Ein bissig kalter Wind wehte durch den Innenhof. Nassschnee löste sich von den steilen Dächern und zerplatzte auf dem grauen Pflaster, während Martin Hunziker, langjähriger Pfarrer der Langnauer Täufergemeinde, erzählte, wie Trachselwald jahrhundertelang das Zentrum der Verfolgung der Täufer war, die sich weigerten, ihre Kinder taufen zu lassen, Kriegsdienst zu leisten und den Treueeid auf die Obrigkeit zu schwören.

Im Turm stiegen wir auf engen, steilen Treppen nach oben. Eiserne Handschellen und ein schwerer, verschliessbarer Balken mit Öffnungen für die dünnste Stelle der Unterschenkel diente zur Fixierung von gefährlichen Gefangenen im sogenannten Mörderkasten.

Der Bauernführer Niklaus Leuenberger war 1653 im Turm gefangen, bevor man ihn auf der alten Landstrasse über die Wägesse nach Bern brachte, wo er zum Tod verurteilt, geköpft und zur Abschreckung der Bevölkerung gevierteilt wurde.

Sobald wir das Schloss verliessen, zeigte sich die wärmende Sonne. Wir wanderten über eine Anhöhe mit Blick auf die Hochalpen und erreichten schliesslich den Haslebacher Hof, auf dem der letzte in Bern hingerichtete Täufer lebte. Die Familie Haslebacher hütet hier ihren Stammbaum, Tonaufnahmen des Haslebacher Lieds und andere Erinnerungen an Besuche bei den Amischen in Pennsylvanien sowie eine 1553 gedruckte Bibel, die wohl dem berühmten Vorfahren gehört hat.

Warum Trachselwald besuchen?

Zur Vergangenheit Berns gehört auch Trachselwald.

Der Ausflug nach Trachselwald folgte auf einen Stadtrundgang durch das UNESCO-Weltkulturgut Berner Altstadt. Wo Licht ist, ist auch Schatten.

Die Landvogtei Trachselwald und der spätere Amtsbezirk Trachselwald grenzen im Osten an das Luzernbiet, das wir auf einem Ausflug am 4. Mai erkunden.

Der gute Schächer – 2. März 2019

“Der gute Schächer”, so wird die Glasmalerei von 1449 genannt, die auf der Ankündigung für unseren gestrigen Rundgang durch Berns Altstadt abgebildet ist.

Sie ist Teil eines Zyklus, von dem nur noch ein Teil der Scheiben erhalten ist.

Jede Bernerin, jeder Berner ist im Münster gewesen. Aber wer hat das Bild beachtet?

Ich selbst bin da keine Ausnahme. Erst die böse Absicht, den Bernern auf einem Rundgang Dinge zu zeigen, die sie in ihrer eigenen Stadt weder beachten noch verstehen, hat mich zu einer Beschäftigung mit den Glasmalereien im Münster geführt.

Ich habe die kleine Gruppe von Teilnehmern auf unserem Rundgang gefragt, was sie auf dem Bild sehen.

«Ein Mann, auf ein Kreuz gebunden, aber nicht Jesus. Und ist da noch eine zweite Person?»

Schächer ist ein altes Wort, es bedeutet wohl am ehesten Raubmörder.

Zwei solche Verbrecher werden mit Jesus hingerichtet. Der eine bereut seine Taten und bekehrt sich. Der sterbende Jesus, ans Kreuz genagelt, verspricht ihm, dass er noch am selben Tag ins Paradies kommt.

Man sieht auf dem Bild, wie die als Gestalt in der Grösse eines Kindes dargestellte Seele des Verbrechers von einem Engel aufgenommen wird.

Der Grundstein für das Münster wurde sechs Jahre nach der Eroberung des Aargaus gelegt, in einer Zeit, in der ein neues Selbstbewusstsein nach einer neuen Kirche verlangte.

Nach dem Einsetzen der Glasfenster fehlte noch eine wichtige Reliquie. Aber nicht lange. Den Kopf des heiligen Vinzenz stahl ein schneller Berner in Köln.

Was geschah mit dem Kopf nach der Reformation?

Sonderheft Reisen – 20. Februar 2019

Heute morgen beim Kaffee stosse ich beim Durchblättern der Post auf das Sonderheft Reisen, eine Beilage in der Gratis-Zeitschrift des Unternehmens, das als Konsumverein angefangen hat.

Auf sieben Seiten werden sieben Gründe für eine Reise auf die Insel La Réunion im Indischen Ozean vorgestellt. Am Schluss erfahre ich als Leser, dass ein Schweizer Reisebüro eine Wanderreise dorthin anbietet, fünfzehn Tage ab 5450 Franken. «Reisen Sie! Schauen sie über ihren Tellerrand hinaus!» Das fordert der Redaktor in seinem Editorial.

Die Sonne scheint durchs Fenster. Die Ferne lockt, und jetzt, wo es in Europa Frühling wird, soll ich als Mensch, der über den Tellerrand blickt, Wanderferien auf der Südhalbkugel planen. Treibhausgase? Halb so schlimm. Endlich schneefreie Alpen, und Blumen auf der Blüemlisalp.

Ein anderer Artikel macht mir eine Reise nach Las Vegas schmackhaft. Stolz wird erwähnt, dass Las Vegas vor hundert Jahren nicht viel mehr war als ein kleiner, staubiger Bahnhof. Eine Bahnstation in der Wüste, wo Fernzüge sich kreuzen – dafür könnte ich Fernweh entwickeln. Ich sässe dort auf einer Bank und hätte Zeit, nochmals Dschingis Aitmatov zu lesen.

Zurück zur Realität.

Was suchen wir beim Reisen? Was zieht uns an, worin liegt der Reiz?

Es ist die Veränderung, die Andersartigkeit. Es sind die kulturellen Unterschiede.

Um diese Unterschiede zu spüren, muss man in Europa nicht weit reisen, sondern aufmerksam.

Aber kann man kulturelle Unterschiede wahrnehmen, wenn man seine eigene Kultur kaum kennt?

Auf dem Tisch neben der Kaffeetasse liegt ein grossformatiges Buch, 675 Seiten Glanzpapier, es gehört der Nationalbibliothek: die Glasmalereien im Berner Münster.

Wenn man einen Rundgang durch die Berner Altstadt organisiert, kann etwas Vorbereitung nicht schaden.

Tulpen und andere Blüten – anfangs Februar 2019

Kürzlich in Bern an der Ferienmesse, die jeweils im Januar stattfindet. Wir fragen uns, ob es sich lohnen würde, das Angebot von chtour.ch beim nächsten Mal an einem Stand vorzustellen.

Den Besuchern werden Flugreisen und Carreisen angeboten, auch Wanderreisen, wenige Kulturreisen.

Das unsichtbare Prinzip der Anbieter: Das Reiseziel muss weit weg sein. Gut sind Südafrika, Kanada und Australien.

Denn die Veranstalter müssen Geld verdienen. Sie verdienen mit ihren Prozenten auf den Kosten für Transport und Unterkunft. Je weiter die Reise geht, desto eher können sie ihre Fixkosten decken, überleben, einen Profit erwirtschaften. Reiseziele in der Nähe anzubieten lohnt sich kaum.

Und doch gibt es Reiseziele in Europa. Man kann mit dem Car nach Holland fahren, um die Tulpenblüte zu sehen.

Die Cars stehen in einer Halle, sie sind sauber und komfortabel, sehen besser aus als die osteuropäischen Cars, die für ein paar Stunden beim Bärengraben halten, um den fernöstlichen Touristen einen Spaziergang in der Berner Altstadt zu erlauben, bevor sie abends in ein Hotel jenseits der Landesgrenze gefahren werden.

Dass die Tulpen auch hierzulande blühen, erfährt man an der Ferienmesse nicht. Im April blühen sie beispielsweise am Tulpenfestival auf der Promenade am Genfersee, in Morges.

Die SBB hat an der Ferienmesse keinen Stand, um die Besucher an das Tulpenfestival nach Morges zu locken. Verständlich. Der Umsatz der Fahrkarten nach Morges rechtfertigt die Ausgaben für einen Stand nicht. Vielleicht wird der Besuch der Tulpen am Genfersee dafür an einer Ferienmesse in Holland angeboten, wer weiss?

Dafür zeigt die BLS Präsenz.

Beworben werden nicht Reisen in die Region, die die BLS auf den Reklametafeln in ihren Vorortszügen “Bijouland” getauft hat.

Angeboten werden von der BLS Gruppenreisen nach Spitzbergen oder nach Mahé, Seychellen. Bahnreisen gibt es auch. Anreise jeweils per Flugzeug.

Wenn wir uns nicht wehren, bestimmt die ökonomische Logik den Ort unseres Fernwehs.

 

Über uns

chtour.ch ist eine gemeinsame Unternehmung von Michael Tschanz und Ayten Babayeva Tschanz.

Die beiden haben sich 1993 in der Stadt Baku am Kaspischen Meer kennengelernt. Er arbeitete für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Es herrschte Krieg im Gebiet um Bergkarabach. Sie unterrichtete Philosophie und Religionsgeschichte an der Universität.

In der Freizeit machten sie ungewöhnliche Ausflüge, zum Beispiel in die Erdölfelder am Stadtrand.

Inzwischen sind wir etwas älter. Wir haben keine Ausbildung in touristischen Fachgebieten, machen aber weiterhin ungewöhnliche Ausflüge und können Karten und Fahrpläne lesen. Unser Projekt chtour.ch soll nicht so gross werden wie Thomas Cook und soll auch nicht so enden. Wir müssen nicht davon leben, zahlen uns keinen Lohn und haben kaum Bürokosten. Wir begleiten alle Reisen persönlich und übernachten lieber in einem Hotel als auf einem Flughafen.

Kultur ist mehr als die Fassade von denkmalgeschützten Gebäuden. Wir wollen wissen, wer was wann wie und wozu gebaut hat. Wir wollen das, was uns erhalten geblieben ist, in seiner Zeit begreifen, in seinem Kontext verstehen. Unsere Ausflüge und Reisen sind deswegen auch Zeitreisen. Und weil Zeitreisen Zeit brauchen, sind wir vorzugsweise langsam unterwegs. Man kann es slow travel nennen, analog zu slow food.

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